Nr. 12/2012 vom 22.03.2012

«Das macht dich allmählich selbst krank»

Ältere Menschen bevorzugen zunehmend private Betreuungsdienste. Sie sind meist billiger und flexibler als die öffentliche Spitex. Doch für die BetreuerInnen sind die Arbeitsverhältnisse äusserst belastend.

Von Susy Greuter

Viele alte Menschen fürchten sich vor dem Altersheim. Sie wollen die Vertrautheit ihrer Wohnung und den informellen Kontakt zu ihren Angehörigen und NachbarInnen nicht missen. Dies kann auch medizinisch sinnvoll sein: Der Verlust der eigenen Lebensräume kann zu zunehmender Verwirrtheit und schwindender Lebensmotivation führen. Bei SeniorInnen, die zu Hause bleiben wollen, sind deshalb private Pflege- und Betreuungsdienste beliebt. In den vergangenen zwanzig Jahren hat sich ihre Zahl vervielfacht.

Ein Grund für diesen Zuwachs ist wohl auch, dass Betreuung zu Hause bei weitem die billigere Lösung für die öffentliche Hand ist: Sie benötigt keine öffentlichen Immobilien, weniger Personal und muss von den Betagten selbst bezahlt oder von Angehörigen geleistet werden. Trotz der Parole der Gesundheitsbehörden «Im Alter zu Hause!» wurden die offiziellen Spitex-Dienste (vgl. «Wer gehört zur Spitex?» im Anschluss an diesen Text) in den letzten Jahren kaum ausgeweitet. Dementsprechend wächst der Anteil der privaten Dienste.

Irene F. ist eine engagierte Betreuerin alter Menschen. Seit langem geschieden, arbeitet sie Teilzeit und hat mit ergänzenden Alimentenzahlungen zwei Buben grossgezogen. Frau F. hat als «Ungelernte» – mit einem gewissen Horror vor grossen Institutionen – gar nicht erst versucht, bei der offiziellen Spitex eine Anstellung zu finden, sondern sich einem kleinen privaten Pflegedienst mit relativ flacher Hierarchie angeschlossen. Anders als im Altersheim, meint Irene F., könnten die alten Leute zu Hause abends ihre Ruhe haben: «Sie können fernsehen und essen, was sie wollen.»

Ungleiche Ellen

Die offizielle Spitex konzentriert sich auf die Pflege und muss dabei nach den Zeitmassgaben der Krankenversicherungen arbeiten: Kompressionsstrümpfe anziehen etwa darf zehn Minuten, die Medikamentenabgabe fünf Minuten dauern, nicht länger. So ist die offizielle Spitex zu ihrem Ruf gekommen, nur noch beiläufig menschlichen Kontakt zu bieten. Nur die Haushaltshilfen der Spitex kommen für jeweils zwei Stunden, was auch ein längeres Gespräch und Zusammensein erlaubt. Diese Einsätze sind aber für die subventionierende Behörde relativ teuer – die Angestellten der offiziellen Spitex werden meist nach kantonalen Besoldungsverordnungen entlöhnt. Entsprechend ist dieses Angebot in der Mehrzahl der Kantone abgebaut worden.

Die privaten Pflege- und Betreuungsdienste, die sich vor allem auf Grundpflege und Betreuung konzentrieren, nehmen hingegen nur Einsätze von mindestens zwei Stunden Dauer wahr. Sonst wären die Administrationskosten pro Einsatz zu hoch. Viele private Agenturen versprechen ihren KundInnen, immer die gleiche Betreuungsperson vorbeizuschicken. Nicht wenige Koordinatorinnen rühmen ihr Unternehmen damit, dass sich oft mehrjährige Betreuungsverhältnisse ergäben.

Irene F. sagt: «Ich gehe ganz bewusst ohne Uhr zu den Leuten, weil das ein ungutes Gefühl gibt, wenn ich nach einer Viertelstunde ständig auf die Uhr schaue. Ob ich jetzt mal zehn Minuten später oder fünf früher gehe, macht den Braten nicht fett: Die Arbeit muss gemacht sein und die Kommunikation auch. Vielfach sind die alten Leute sehr schweigsam, sie verlernen das Reden. Der einzige Freund ist das Fernsehen.»

Auf wessen Kosten?

Private Betreuungsdienste gehen auf Kundenwünsche ein: Die Betreuten können Wochentage und Tageszeiten praktisch frei wählen, Einkäufe und Essen bestimmen und Ausgänge mit Begleitung frei planen. Dieser individuelle Zuschnitt der Leistungen verlangt aber eine hohe Verfügbarkeit von den Betreuerinnen. Schon ein Fünfzig-Prozent-Pensum von 21 Stunden pro Woche ist meist auf fünf bis sechs Tage verstreut, die Einsätze sind oft von Leerstunden unterbrochen.

Die offizielle Spitex organisiert hingegen – in sogenannten «Touren» – zusammenhängende Pensen für die Beschäftigten und garantiert für alle minimal drei Wunschfreitage und mindestens ein freies Wochenende pro Monat, dazu einen festen freien Abend pro Woche. Private Dienste machen sich da meist weniger Aufwand – ist das Pensum grösser als siebzig Prozent, stehen einer Betreuerin kaum noch Tage ganz zur eigenen Verfügung. Nicht selten bleibt nur ein einziger freier Tag pro Monat – das zeigen Einsatzpläne, die der Gewerkschaft VPOD zugetragen wurden.

Das ist ein Verstoss gegen das Arbeitsgesetz. Zusammen mit der Gewerkschaft klagten zwei Frauen beim Arbeitsgericht gegen diese Verhältnisse. Die fehlbaren Agenturen wurden ermahnt – worauf sie die klagenden Betreuerinnen entliessen. Aus Angst, keine Arbeit mehr zu finden, getrauten sich diese nicht, auch noch gegen die missbräuchliche Kündigung Klage zu erheben. Dazu ist die Abhängigkeit von den Agenturen zu gross.

Nur bei wenigen gemeinnützigen Organisationen sind die Betreuerinnen für ein bestimmtes Pensum angestellt. Bei den meisten Agenturen erhalten sie bloss Einsatzverträge für die Bedienung bestimmter KundInnen. Muss ein Kunde irgendwann ins Pflegeheim oder Spital eingewiesen werden, fällt der Einsatzvertrag dahin, und das Pensum der Betreuerin verkürzt sich von einem Moment auf den anderen. Sie ist erneut auf das Wohlwollen der Geschäftsleitung angewiesen, ihr rasch einen neuen Kunden in Betreuung zu geben. «Das ist das Problem», sagt Irene F.: «Man kann keinen festen Lohn erwarten, wir sind im Stundenlohn eingestellt … Sagen wir, ich habe vier Leute, 25 Stunden die Woche. Aber einer fällt um, kommt ins Spital: Da hab ich nur noch drei zu versorgen. Das geht an die Existenz!»

Stress einprogrammiert

Eigentlich ist der Job für die klassische Hausfrau gedacht, deren Kinder bereits unabhängig sind und deren Gatte den Grossteil des Budgets einbringt. So scheinen auch viele PolitikerInnen diese Arbeit noch immer zu sehen. Der Realität entspricht dieses Bild allerdings nicht: Die meisten Leute in den Pflegediensten seien alleinerziehende Mütter, erzählt Irene F. Sie könnten ihre Arbeit dem Stundenplan der Kinder anpassen. «Aber wenn sie alleinerziehend sind, bräuchten sie einen festen Grundlohn, der die existenziellen Kosten deckt: Miete zahlen, Krankenkassenbeiträge … Das ist Stress, wenn du kein Budget machen kannst. Das macht dich allmählich selbst krank.»

Jetzt, wo ihre beiden Söhne erwachsen sind, hat Irene F. wieder mehr Zeit. Ein Vollzeitpensum ist für sie dennoch undenkbar, weil die Verzettelung bei den Einsätzen einen gewissen Teil der Arbeitszeit verschlingt. Dabei hat F. das Glück, bei einer Agentur zu arbeiten, die die Wegzeiten zwischen verschiedenen Einsätzen zumindest geringfügig entschädigt. Das gibt es nur bei den wenigsten privaten Organisationen.

Der ständige Wechsel und das Eingehen auf die verschiedenen KundInnen verlangen den Betreuerinnen grosse Einfühlung und unablässige Anpassungsleistungen ab. Weil sie dabei nicht auch noch hetzen wollte, hat Irene F. auf ein Sechzig-Prozent-Pensum abgebaut. Burn-outs und Stresserkrankungen sind in dieser Branche keine Seltenheit.

Die hohen Anforderungen an Sozialkompetenz und Flexibilität würden für ambulante Pflege und Betreuung einen höheren Lohn rechtfertigen als für stationäre Arbeit. Dem ist aber selbst in der offiziellen Spitex nicht so. In gemeinnützigen privaten Agenturen liegen die Stundenlöhne zwischen 23 und 25 Franken, knapp über dem, was der Normalarbeitsvertrag (NAV) für erfahrene Hausangestellte ansetzt. Gewinnorientierte Betriebe richten sich nach der NAV-Massgabe, die minimal 18.20 Franken pro Stunde vorsieht. Feriengeld und andere Zulagen sind im Stundenlohn enthalten. Das reicht nicht weit. Irene F.: «Jetzt sagen Sie mir, wie ich mit 23 Franken Stundenlohn vierzehn Tage Ferien machen kann! Das geht nicht …»

Mit einem stressigen Achtzig-Prozent-Pensum von 34 Stunden pro Woche werden also im besseren Fall monatliche Löhne von 3280 bis 3570 Franken brutto erreicht, im schlechteren Fall von 2600 Franken brutto während elf Monaten pro Jahr, falls die gesetzlichen vier Wochen Ferien eingehalten werden. Kein Wunder, weist selbst der private Pflegedienst Home Instead darauf hin, dass mit dieser Arbeit kein Lebensunterhalt bestritten werden kann. Arbeitslose würden sie aber häufig als Zwischenverdienst deklarieren, sodass der Lohn durch die Arbeitslosenkassen ergänzt werde. Viele Beschäftigte kündigen, sobald sie als Arbeitslose endgültig ausgesteuert sind.

Andererseits hält diese Agentur eine im Vergleich zur Nachfrage sehr grosse Zahl von Arbeitswilligen in Kleinstpensen unter Vertrag. Sie ist bei den SozialarbeiterInnen der Spitäler, die rasche Lösungen für die Entlassung von PatientInnen suchen müssen, sehr beliebt, weil mit diesem grossen Pool jederzeit ein sofortiges Angebot gemacht werden kann.

«Warum gibt es nicht so etwas wie einen Grundlohn, ein Existenzminimum, damit die Leute wenigstens ihren Grundbedarf gedeckt haben?», fragt Irene F. «Es ist eine Kettenreaktion: Verdiene ich nicht genug, hab ich Angst um meine Existenz, und irgendwann will und kann ich das nicht mehr. Da gehen sehr viele Leute wieder ab aus der Pflege, und ich finde das schade, weil es eine ganz wichtige Arbeit ist.»

Nach fast zwanzig Jahren in der Altenpflege hat Irene F. einen Job in einer Fast-Food-Kette angenommen.

Die Sozialanthropologin Susy Greuter beschäftigt sich seit vielen Jahren mit Frauenberufen 
und -existenzen. Sie engagiert sich im linken Thinktank Denknetz.

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