Nr. 46/2009 vom 12.11.2009

Und die alten Fragen?

Von Bettina Dyttrich

«Feminismen und ‹Neue Politische Generation›» – der Titel macht neugierig. Was denken wohl junge, politisierte Frauen über Feminismus? Lehnen sie ihn ab, wie es immer wieder heisst? Und wie setzen sich junge Männer mit der Sache auseinander?

Wer das Buch mit diesen Fragen im Kopf zu lesen beginnt, wird enttäuscht. Die Autorinnen haben zwar neun Personen zu ihrem feministischen Engagement befragt. Aber warum sie sie als «Neue Politische Generation» bezeichnen, bleibt unklar: Die meisten Befragten sind zwischen dreissig und vierzig Jahre alt, die älteste sogar 52. Somit sind sie weder «neu» – die meisten sind seit langem politisch aktiv – noch gehören sie der gleichen Generation an. Enge Verbindungen bestehen dagegen inhaltlich: Alle gehören zur ausserparlamentarischen Linken, acht von neun haben einen akademischen Hintergrund.

Die neun AktivistInnen – acht Frauen und ein Mann – erzählen von ihrer Politisierung, ihren Überzeugungen, ihrem Engagement. Acht engagieren sich in Politgruppen, die neunte ist Internetaktivistin. Interessant ist, wie sie ihre Vorliebe für diese Aktionsform begründet: «Man hat andere Räume, man muss sich nicht immer kennzeichnen. Man muss nicht sagen, ich bin Frau, ich bin Mann, egal, was ich bin.»

Die Autorinnen erzählen die Entwicklungen in den feministischen Szenen der letzten Jahrzehnte gerafft nach: von den Abtreibungskampagnen der siebziger Jahre über die Kritik schwarzer Frauen am weissen Mittelstandsfeminismus bis zum Einfluss von Judith Butlers Theorien und der Queer Theory.

Diese Theorien haben die Befragten offensichtlich geprägt. Anderes, was Feministinnen früher wichtig war, ist dagegen in den Hintergrund getreten: «Bereiche und Themen, die bereits in der Neuen Deutschen Frauenbewegung [ab den sechziger Jahren] von zentraler Bedeutung waren, wie beispielsweise Gewalt gegen Frauen, finden eine weniger explizite Auseinandersetzung als zum Beispiel die Problematisierung von (Fremd- und Eigen-)Zuschreibungen», schreiben die Autorinnen. Ist die Auseinandersetzung mit den «alten Forderungen» nicht mehr nötig, weil diese verwirklicht sind? Wohl kaum. Das fällt zum Beispiel bei der Frage nach den Kindern auf: KeineR der Befragten hat Kinder. «Ich beobachte, wie viele Geschlechterkonflikte sich darum gruppieren», meint etwa Marie. «Und dann kommt es auf die Praxis an und nicht auf die Absichten, bei denen meist von den Vätern die Rede ist.»

Kinderhaben ist also für viele feministische Frauen immer noch unvereinbar mit ihren persönlichen Bedürfnissen. Das ist schon ziemlich ernüchternd.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch