Nr. 46/2009 vom 12.11.2009

Angelruten für den Diktator

Hartnäckig hält sich das Gerücht, die «Königlichen» seien in der dunklen Zeit nach Spaniens Bürgerkrieg die Mannschaft General Francos gewesen. Spielt der FC Zürich gegen Postfaschisten?

Von Ronald Reng, Madrid

Die Vergangenheit darf nicht sterben bei Real Madrid. Auch an jenem Sommerabend dieses Jahres nicht, als Real Madrid vor einem Gefolge von 80 000 ZuschauerInnen den teuersten Fussballer der Welt – Cristiano Ronaldo – als einen der Ihren vorstellt: Aus den Lautsprechern erklingt die Arie aus Puccinis Oper «Turandot»: «Verschwinde, Nacht! Geht unter, Sterne! Zum Sonnenaufgang werde ich siegen!» Hinter der gigantischen Bühne mitten im Estadio Santiago Bernabéu, auf die Ronaldo gleich treten soll, laufen auf der noch grösseren Leinwand Bilder aus den fünfziger Jahren. Ferenc Puskas am Ball, Francisco Gento dribbelt, Alfredo di Stéfano: Tor. Die 80 000 jubeln ein halbes Jahrhundert später, als falle ein entscheidendes Tor im Hier und Jetzt.

Die Vergangenheit ist das grösste Marketinginstrument Reals. Am 25. November, wenn der FC Zürich zum Rückspiel in der Champions-League-Vorrunde in Madrid vorspielt, wird Real nicht nur wegen seiner heutigen Talente Millionen vor die Fernseher locken. Mindestens ebenso wichtig ist der Mythos Real Madrid, die Tore, Triumphe und legendären Namen der Vergangenheit.

Die Mannschaft des Generals?

Einen Namen aber hört man nie aus Reals Marketingabteilung: den des Generals Francisco Franco.

Die Beziehung zwischen Spaniens Diktator und dem erfolgreichsten Unternehmen seines Regimes ist weit weniger ausgeleuchtet als Reals glorreiche Siege von damals. 34 Jahre nach Francos Tod und Spaniens Demokratisierung hat der Verein Mühe, den Ruf loszuwerden, die Mannschaft des Regimes gewesen zu sein: el equipo del régimen.

Als 1936 General Francisco Franco zum Putsch gegen die Demokratische Republik aufruft, wird Real Madrid erst einmal zum Team der ArbeiterInnenbewegung. Die Hauptstadt ist zu Beginn des Bürgerkriegs noch unter Kontrolle der RepublikanerInnen, eine «Proletarische Sportorganisation» ersetzt den nationalen Fussballverband. Bei Real werden Besitzer eingesetzt, die der Volksfront nahestehen, nicht gerade zur Begeisterung der mehrheitlich bourgeoisen Vereinsmitglieder. Immerhin kommen die neuen Besitzer aus dem Klub selbst, dies hat der damalige Macher Reals, Pablo Coronado, durchgesetzt. Die RepublikanerInnen hatten den Klub eigentlich nach kommunistischem Modell verstaatlichen wollen. Schon damals zeigt sich, was bis heute gilt: Real sucht die Nähe zur Politik nicht; aber es hat immer versucht, sich mit den herrschenden politischen Kräften zu arrangieren.

Diktator Franco empfand keine ausgeprägte Leidenschaft für den Fussball. Er ging lieber angeln. Aber als Mann, der etwas von Populismus und Propaganda verstand, konnte er spätestens ab Mitte der fünfziger Jahre nicht mehr übersehen, welchen Dienst Real seinem Regime erweisen konnte. Ein Staat, der weitgehend isoliert war, fand durch Reals internationale Erfolge sein Fenster zur Welt, eine indirekte Anerkennung im Ausland. Nach jeder Reise zu einem Europapokalspiel war Reals langjähriger Vizepräsident Raimundo Saporta verpflichtet, Franco Bericht zu erstatten. Welches Bild hatte man in London, Mailand oder Zürich von Spanien? Hatten Reals Spieler auch ausserhalb des Spielfeldes das Land würdig vertreten? Hatte Saporta ihm die exquisite englische Angelrute mitgebracht?

Atlético war schlimmer

Dieser Nähe entsprang die weitverbreitete Meinung, Real sei vom Regime massiv begünstigt worden. In Wirklichkeit wurde Real unter Francos Herrschaft erst 1953 Meister, vierzehn Jahre nach dem Ende des Bürgerkriegs. Wenn es ein Team mit ideologischer Nähe zu den Militärs gab, dann Reals Erzrivale aus der Nachbarschaft, Atlético Madrid, der damals Atlético Aviación hiess. Atlético Luftwaffe. Das Luftwaffenministerium war offizieller Sponsor, doch 1947 zog es seinen Namen zurück. Francos Propagandisten hatten schnell begriffen, dass die offene Begünstigung einzelner Klubs nur den Volkszorn wecken würde – im Unterschied etwa zu den kommunistischen Regimes Osteuropas, die Sportvereine verstaatlichten und Teams wie Dynamo Berlin, die Elf der Stasi, gezielt und offen bevorteilten. Das heisst aber nicht, dass in Spaniens Fussball alles sauber abgelaufen wäre.

Die wegweisende Arbeit des Vereinspräsidenten Santiago Bernabéu hatte Real Madrid in den fünfziger Jahren auf reguläre Weise als Spaniens Spitzenteam etabliert. Franco hatte ein Interesse daran, dass Real an der Spitze blieb – und nicht etwa der FC Barcelona oder Athletic Bilbao, deren Erfolge von den unterdrückten Katalanen oder Baskinnen als Siege über das Regime gefeiert wurden. Da irrten sich die Schiedsrichter auch gerne mal zum Vorteil von Real.

Im Halbfinale des spanischen Pokalwettbewerbs – damals Copa del Generalísimo – spielte Real 1970 gegen den FC Barcelona. In jener Partie übertrieb es der Schiedsrichter: Er pfiff Elfmeter für Madrid, als Reals Manolo Velázquez in einem Zweikampf zwei Meter ausserhalb des Strafraums strauchelte. Im Stadion von Barcelona regnete es Flaschen und Sitzkissen. Zehn Minuten vor Spielende, als «Barça» das Ausscheiden wegen des falschen Elfmeters drohte, stürmte das katalanische Publikum den Platz. Die Wut über den Fehlentscheid ging in politische Sprechchöre gegen Franco über. Eine Massenschlägerei mit der franquistischen Polizei rundete den Abend ab.

Gängelei der Unbequemen

Derartige Hilfe wurde nach Recherchen von HistorikerInnen von Francos Schergen gewünscht, solange sie nicht zu auffällig wurde. Dies sei weniger ein expliziter Dienst für Real, sondern eine bewusste politische Gängelei der Aufsässigen aus Barcelona oder Bilbao gewesen. Als Gegenpol zu den politisch aufgeladenen Provinzteams wurde Real demnach als erfolgreicher Hauptstadtklub automatisch vom Regime umarmt. Reals Präsident Santiago Bernabéu stellte sicher, dass die Umarmung nie zu innig wurde, schon allein deshalb, weil er den Platz im gleissenden Licht von Reals Erfolg mit niemandem, nicht einmal mit Franco, teilen wollte.

Bernabéu, Begründer des Mythos Real Madrid, schuf die ersten «Galaktischen» des Fussballs, lange bevor das Real-Team um Louis Figo, Zinédine Zidane und David Beckham diesen Übernamen bekam. 1945 liess Bernabéu Reals Stadion auf 120 000 Plätze erweitern, im Wissen darum, dass er die beste Show der Welt brauchen würde, um es zu füllen. Also engagierte er in einer Zeit, in der Fussballpartien regionale Ereignisse waren, Weltstars wie den Argentinier Alfredo di Stéfano, den Franzosen Raymond Kopa oder den Ungarn Ferenc Puskas. Von 1956 bis 1960 gewann die Mannschaft den Europapokal der Landesmeister fünfmal in Serie – ein Rekord, der im modernen Fussball kaum zu brechen sein wird. Bernabéu war Real Madrid, er machte alles: Er amtete als Stadionverwalter, als Sportchef, mal verkaufte er sogar die Eintrittskarten. Ein guter Mitarbeiter, pflegte er zu sagen, habe hauptsächlich loyal und dann vielleicht auch noch kompetent zu sein.

Im Bürgerkrieg hatte Bernabéu auf Seite der FaschistInnen gekämpft, allerdings galten seine Sympathien weniger dem Generalísimo als der Monarchie. Überhaupt habe er «kein anderes politisches Credo als Real Madrid», behauptete er gerne. Zumindest schien ihn die Unterdrückung der baskischen und katalanischen Minderheiten in Francos Spanien nicht zu stören. Bernabéu war ein überzeugter kastilischer Nationalist und KatalanInnenhasser. Doch, doch, beteuerte er einmal in seinem berühmtesten Zitat, er möge Katalonien – «trotz der Katalanen». Bernabéu bemühte sich um ein hilfreiches Verhältnis zum Franco-Regime, aber er wäre wohl mit jeder Regierung eine dem Verein dienliche Beziehung eingegangen.

Fussball vor Ideologie

Im Alltag der Diktatur mit all ihren Einschränkungen konnte Real darauf zählen, privilegiert zu werden: So wurde zum Beispiel ein grosser Teil des Baumaterials für die Stadionerweiterung heimlich gratis geliefert. Auch beim spektakulärsten Spielertransfer konnte Real zumindest auf Unterstützung der Regierung zählen: Der Argentinier Alfredo di Stéfano wechselte 1953 nach Madrid statt – wie zunächst geplant – zum FC Barcelona. Doch entgegen der geläufigen Meinung wurde Real nie ideologisch gleichgeschaltet. Hier spielten selbst zu Francos Zeiten Fussballer wie der heutige Nationaltrainer Vicente del Bosque oder Paul Breitner, die sich offen zu linken Ideen bekannten. Das war in Ordnung. Sie mussten nur gut Fussball spielen.

Javier Marías, einer der grossen zeitgenössischen Schriftsteller Spaniens und leidenschaftlicher Real-Fan, hat einmal in einem Essay namens «Real Madrid Republican» versucht, gegen den Ruf der Equipo del régimen anzuschreiben. «Wie unter Leuten mit Gedächtnis allgemein bekannt, zogen Linke und Republikaner, die Verlierer des Bürgerkriegs, Real Madrid eindeutig Atlético vor. Atlético war der Verein der franquistischen Piloten, just derer, welche die Hauptstadt im Bürgerkrieg ohne Erbarmen bombardiert hatten ... Die Erfolge der fünfziger Jahre führten dazu, dass das Franco-Regime sich Real aus Opportunismus zuwandte – nicht umgekehrt.»

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