Nr. 20/2005 vom 19.05.2005

Der Kompromisspokal

Legendäre Spiele, seltsame Ereignisse, erschütternde Stadionkatastrophen und unzählige Modusänderungen: Der Europacup wird fünfzig Jahre alt.

Von René Martens

Anekdoten, in denen eine Toilette vorkommt, sind nicht notgedrungen komisch, aber die, die Ulrich Hesse-Lichtenberger neulich gehört hat, ist es auf alle Fälle. Der Buchautor hatte Besuch von einem Journalisten aus Göteborg, und der erzählte ihm, was 1982 vor dem Uefa-Cupfinale des IFK gegen den Hamburger SV passiert war: Ausgerechnet vor diesem bedeutsamen Spiel sass ein Göteborger Kicker auf dem WC fest, aus irgendeinem Grund funktionierte das Türschloss nicht. Beim Warmlaufen war Trainer Sven-Göran Eriksson, der heutige englische Nationalcoach, irritiert, weil er den betreffenden Akteur nicht finden konnte, weshalb er schon begann, die Mannschaft umzustellen. Doch dann tauchte der Unglücksrabe noch auf - nachdem er es geschafft hatte, sich durch das Toilettenfenster zu befreien. Trotz dieser nervenaufreibenden Episode gewannen die Schweden.

Das Dumme an dieser Geschichte war nur, dass Hesse-Lichtenberger sie nicht mehr in seinem Buch «Flutlicht & Schatten. Die Geschichte des Europapokals» unterbringen konnte, denn das war längst fertig. Kuriose und gleichermassen aufschlussreiche Episoden rund um grosse und weniger grosse Spiele des europäischen Fussballs gibt es in diesem Buch dennoch reichlich. Der Anlass für die Veröffentlichung ist ein rundes Jubiläum: Der Europacup, dessen aktuelle Wettbewerbe dieser Tage entschieden werden, wird fünfzig - die ersten Spiele im Uefa-Cup (vgl. Kasten) fanden im Juni 1955 statt, der Meistercup startete zwei Monate später.

Unglaubliche Geschichten

Einige Inspirationen für «Flutlicht & Schatten» verdankt Ulrich Hesse-Lichtenberger seiner Mitarbeit bei der Zeitschrift «Champions». Bei der deutschen Ausgabe dieses «offiziellen Magazins der Uefa Champions League» war er ein Jahr lang verantwortlicher Redaktor. «Da hat sich viel Material angesammelt, das wir gar nicht verwerten konnten, für historische Rückblicke war einfach zu wenig Platz.» In diesem Jahr hat die Uefa allerdings das Budget für «Champions» gekürzt: Die deutsche und die französische Ausgabe wurden eingestellt, es erscheinen nur noch eine englische und - da wirkt der Glaube an Segen bringende neue Märkte schon etwas komisch - eine chinesische.

Manche Begebenheiten der Europacup-Historie sind nie ausserhalb der jeweiligen Staatsgrenzen bekannt geworden - vor allem, wenn sie sich rund um osteuropäische Klubs ereigneten, denn Zeitungen aus deren Ländern können die wenigsten westlichen JournalistInnen lesen. Aus demselben Grund entstanden möglicherweise auch seltsame Überlieferungen. Ein Beispiel: Die Geschichte des Torwarts Helmut Duckadam, der für Steaua Bukarest spielte. Der ging 1986 in die Fussballgeschichte ein, weil er im Penaltyschiessen des Landesmeisterfinales gegen den FC Barcelona gleich vier Elfmeter hielt. Ein paar Monate später musste er seine Karriere aufgrund einer schweren Arterienerkrankung eines Arms beenden. Die «Bild»-Zeitung strickte daraus die Version, Duckadam habe nicht mehr spielen können, weil ihm der rumänische Geheimdienst Securitate beide Arme gebrochen habe, um die Herausgabe eines Mercedes zu erzwingen, den er nach dem Endspiel von der Uefa bekommen haben soll.

Bis heute nicht vollständig geklärt ist dagegen, was am 20. Oktober 1982 im Luzhniki-Stadion zu Moskau beim Spiel zwischen Spartak und dem FC Haarlem passierte. Fest steht nur, dass es während eines Gedränges auf einer überbesetzten Tribüne zu einer Panik kam - und daraus eine Katastrophe resultierte, weil Ausgänge verschlossen waren und die Polizei, vorsichtig formuliert, überfordert wirkte. Offiziell starben 66 Menschen, die «St. Petersburg Times» dagegen schrieb vor einigen Jahren, man könne von fast 360 Toten ausgehen. Die wenigen Informationen lassen darüber spekulieren, ob spätere Stadionkatastrophen (Bradford, Heysel, Hillsborough) hätten verhindert werden können, wären Details über die Tragödie von Moskau bekannt gewesen.

Wer ein Buch zur Geschichte des Europacups schreibt, kommt natürlich nicht umhin, die Politik jener Funktionäre zu kritisieren, die die Geschicke dieser Wettbewerbe bestimmen. Hesse-Lichtenberger tut dies ausführlich, vor allem, wenn es um die Folgen des Champions-League-Systems geht. «Ein Klub wie der FC Porto kann es sich leisten, nur zwei oder drei Jahre international gut dazustehen, um dann ein neues Team aufzubauen, während für die Manchesters, Mailands und Madrids eine Saison abseits des Scheinwerferlichts eine Katastrophe darstellt», schreibt er. Das zwinge diese Klubs «zu immer höheren finanziellen Risiken», um in der folgenden Saison dann wieder die Interessen der TV-Sender, Werbepartner oder Aktionäre befriedigen zu können.

Einfluss der grossen Klubs

Andererseits gesteht Hesse-Lichtenberger, dass er die Architekten der durch Gruppenspiele aufgeblähten Champions League - Uefa-Boss Lennart Johansson und den 2004 pensionierten Generaldirektor Gerhard Aigner - teilweise «eher verteidigt». Die so genannte Königsklasse sähe «heute vielleicht anders aus, wenn die beiden gekonnt hätten, wie sie wollten», sagt der Autor. Im Buch heisst es, eine «wirkliche Wahl» hätten sie nicht gehabt: «Sie mussten den grossen Klubs höhere, verlässlichere Einnahmen zusichern. Wenn sie dabei die Zügel nicht aus der Hand geben wollten, ging das nur über einen Kompromiss, der Aspekte einer Europaliga mit dem Charakter des alten Europacups verband.» Manchmal fragt sich Hesse-Lichtenberger aber dennoch, ob Johansson und Aigner «tatsächlich zu vielen Dingen gezwungen wurden oder ob sie vielmehr glaubten, sie seien gezwungen worden».

Hesse-Lichtenberger übt auch Kritik an manchen Kritikern. «Ich bürste gern gegen den Strich», erläutert er. Das bezieht sich auf businesskritische Fans, die die im Sinne einer so genannten Kommerzialisierung durchgesetzten Reformen als relativ neue Phänomene sehen. «Flutlicht & Schatten» zeigt anhand des Europacups, dass die Fussballwelt immer im Fluss war und es die Zeiten, in denen nicht das Geld regierte, nie gegeben hat: Verschiedene Interessengruppen haben stets Einfluss auf den Fussball genommen, oft genug auf aktionistische und populistische Weise. So erinnert Hesse-Lichtenberger daran, dass die europäischen Verbände den Cup der Landesmeister zunächst ablehnten. Lange vor der Gründung der so genannten G 14, eines Zusammenschlusses mächtiger europäischer Klubs, hätten «die grossen Vereine den Verlauf der Ereignisse bestimmt». Die Meistercup-Idee, 1954 von einem Redaktor der Zeitung «L’Equipe» entwickelt, trieben beispielsweise die grossen Klubs voran, insbesondere Real Madrid. Und Manchester United riskierte 1956 einen Konflikt mit dem englischen Ligaverband, als sich der Klub für den Europacup der Landesmeister anmeldete - was der FC Chelsea ein Jahr zuvor nicht getan hatte. Welche Verwirrung die Entscheidung von Man U auslöste, zeigt ein Statement des damaligen United-Managers, des berühmten Matt Busby: «Einige nannten mich einen Visionär, andere einen Reaktionär, wieder andere hielten mich für einfach seltsam.»

«Cup der Cuplosen»

Ziemlich seltsam mutete die Fussballwelt seinerzeit auch die Schweizer Zeitung «Sport» an: «Die Fussballer des Landes würden gut daran tun, sich nicht von Konjunkturrittern in einen unerträglichen Betrieb einschalten zu lassen. Denn es ist doch ganz natürlich, dass ein Projekt das andere rufen wird. [...] Zuletzt wird 'Sport' das Patronat übernehmen, um den 'Cupsieger-Cup' auszutragen. Danach schliesslich werden wir uns verpflichten, eingedenk der 'Kleinen' einen 'Cup der Cuplosen' einzuführen», schrieb das Fachblatt 1955. Der sarkastische «Sport»-Autor konnte nicht ahnen, dass er sich bald als Prophet erweisen sollte, denn fünf Jahre später wurde tatsächlich der Europacup der Pokalsieger eingeführt - und sieben Jahre später eine Art Europacup der Cuplosen, nämlich die Intertoto-Runde, die seit 1995 als UI-Cup firmiert.

Der Ärger heutiger KritikerInnen gilt oftmals den Änderungen der Regeln und des Spielmodus, die wie hilflose Versuche der Funktionäre wirken, auf das zu reagieren, was man gerade für die aktuellen Erfordernisse des Marktes hält. Ihre Vorgänger hielten es aber nicht anders, Hesse-Lichtenberger spricht sogar von einer «sehr alten Tradition, dass keine Regel im Europacup so jung ist, als dass man sie nicht rasch wieder ändern könne». Dass bei Gleichstand nach zwei Spielen die Auswärtstore doppelt zählen - ausgedacht hatte sich das im Übrigen der langjährige Schweizer Uefa-Funktionär Hans Bangerter -, gilt heute zum Beispiel als ehernes Gesetz. Tatsächlich probierte man ab 1965 allerlei Varianten aus: Zunächst galt die Regel nur im Pokalsiegercup, nach drei Jahren dann endlich in allen Wettbewerben - ohne dass allerdings von Einheitlichkeit die Rede sein konnte, denn mal galt die Regelung für alle Spiele, mal nur bis zum Viertelfinale, mal nicht für Tore in der Verlängerung. Das verwirrte teilweise auch die Schiedsrichter. Erst 1971 fand der Verband eine Regelversion, die der heutigen nahe kommt.

Was die Zukunft der europäischen Wettbewerbe betrifft, hält Hesse-Lichtenberger den Uefa-Cup für die wichtigste Baustelle. Sein «Siechtum» sei vergleichbar mit der Entwicklung des Europapokals der Pokalsieger, den die Uefa 1999 abschaffte, nachdem sie ihn durch die Reform der Champions League systematisch entwertet hatte. Wenn der FC Parma in der entscheidenden Phase des Uefa-Cups mit «einer halben Ersatzmannschaft» antrete, weil ihm der Kampf um den Klassenerhalt in der Serie A wichtiger ist, müsse sich der europäische Verband «etwas einfallen lassen». Dieser Bedeutungsverlust weckt kurioserweise Erinnerungen an den Status, den der Wettbewerb in der Anfangsphase hatte. 1968/69 beispielsweise erreichte der Bundesligist Hamburger SV, der rund eineinhalb Jahrzehnte später nicht vom Toilettendilemma des IFK Göteborg profitieren sollte, das Viertelfinale - nur um dort dann Göztepe Izmir kampflos das Feld zu überlassen. Die Begründung der Norddeutschen damals: Terminschwierigkeiten in der nationalen Meisterschaft.

Eine Schweizer Erfindung
Der Uefa-Cup geht zurück auf eine Idee des Schweizers Ernst B. Thommen. Der umtriebige Fussballfunktionär hatte bereits 1937 das «Sport-Toto» eingeführt und 1950 die höchst umstrittene Wiederaufnahme des Deutschen Fussball-Bundes (DFB) in die Fifa forciert. Darüber hinaus war er unter anderem Chef dreier WM-Organisationskomitees - daran, dass die Weltmeisterschaft 1954 in der Schweiz stattfand, hat er grossen Anteil - sowie 1961 Interimspräsident der Fifa. Mitte der fünfziger Jahre bastelte Thommen mit einem italienischen Kollegen an einem Wettbewerb für Städteauswahlteams. Der damalige Generalsekretär des englischen Verbands, der spätere Fifa-Boss Stanley Rous, steuerte schliesslich die heute abstrus anmutende Idee bei, nur Messestädte teilnehmen zu lassen. So entstand der Name Messepokal. In den ersten acht Jahren erlebte dieser Cup zahlreiche Metamorphosen: Der erste Wettbewerb, an dem, anders als geplant, nicht nur Städtemannschaften, sondern auch reine Klubteams teilnahmen, baute auf Gruppenspiele auf und erstreckte sich über drei Jahre - «man könnte sagen: eine Mischung aus Champions League und Europameisterschaft», schreibt Hesse-Lichtenberger. Die ersten beiden Titel gewann der FC Barcelona, jeweils im Endspiel gegen eine englische Mannschaft - zunächst gegen eine Londoner Stadtauswahl, dann gegen Birmingham City.
Ab 1960 ging man in den heute gebräuchlichen Ein-Jahres-Rhythmus über, und ab 1963 spielten nur noch Vereinsmannschaften mit. Verbindliche Teilnahmebedingungen gab es indes noch nicht: Einige Verbände entsandten ihre Vertreter ausschliesslich gemäss den Platzierungen in der Landesmeisterschaft, andere schickten Klubs aus ihren Messestädten, egal, wie die abgeschnitten hatten. Die Uefa übernahm die Regie des Wettbewerbs erst 1971, und demgemäss heisst er seitdem auch Uefa-Cup. Ernst B. Thommen, der Quasi-Erfinder dieses Pokals, erlebte diese entscheidende Wende nicht mehr mit: Er kam 1967 bei einem Autounfall ums Leben.

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