Nr. 47/2009 vom 19.11.2009

Gletscher im Herz

Von Paul L. Walser

Bei Büchern spielen die Titel eine wichtige Rolle. Sie sind ja der erste Einstieg. «Nach der Schweiz. 27 Porträts zur Metamorphose eines Nationalgefühls» heisst der neue Band von Daniel de Roulet. Der französische Originaltitel lautet: «Un glacier dans le coeur. Vingt-six manières d’aimer un pays et d’en prendre congé». (Ein Gletscher im Herzen. Sechsundzwanzig Arten, ein Land zu lieben und sich davon zu verabschieden.) Ich finde den Originaltitel viel attraktiver. Er bezieht sich auf ein Zitat von André Gide: «Jeder Schweizer trägt seine Gletscher in sich.»

Der Westschweizer Daniel de Roulet präsentiert knapp dreissig Porträts von Gestalten aus dem 19. und 20. Jahrhundert, die die Schweiz geprägt haben oder noch prägen. Eine eigenwillige Auswahl, die den Bogen vom «Heimweh», einer schweizerischen Erfindung, bis zum «posthelvetischen Menschen» schlägt. Die Figuren – von Ferdinand Hodler über General Guisan und Jean Tinguely bis Peter Weber – sind mehrheitlich PionierInnen in einem unerwartet spannenden Land. Doch auch Menschen aus dem Ausland spielen eine Rolle und werden gewürdigt – wie der französische Maler Gustave Courbet oder die in der Schweiz lebende ungarische Schriftstellerin Agota Kristof.

Dort, wo de Roulet eigene Begegnungen schildert, ist er am interessantesten – seien sie konkret oder fiktiv. Er hat das Grab des Auto-Helden Louis Chevrolet aus La Chaux-de-Fonds in Indianapolis aufgesucht. Er fuhr nach Vichy, wo nicht nur der Hitlerfreund Henri Philippe Pétain residierte, sondern auch – von 1940 bis 1942 – Le Corbusier. Die Architekturikone als Kollaborateur? Ja. Dieser Text – unter dem Titel «Ehrgeiz» – ist aufschlussreich. Sehr hübsch der Beitrag über die 1968 geborene Schriftstellerin Noëlle Rivaz, deren Roman «Rapport aux bêtes» de Roulet mit dem Kultfilm «Les petites fugues» von Yves Yersin vergleicht. Am Schluss heisst es: «Dann werden wir ein Land entdecken, das ein Land wie alle anderen geworden ist.»

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