Nr. 48/2009 vom 26.11.2009

Frag doch mal den Story-Seismographen

Kein Schweizer Verlagshaus treibt die Idee so forsch voran wie Ringier. Aber was ist ein Newsroom überhaupt? Die Alarmzentrale einer panischen Gesellschaft?

Von Kaspar SurberMail an AutorIn

Die Zukunft, wie sie gestern gebaut wurde, ist ein beigefarbener Glas-Stahl-Bau. Das 1978 eröffnete Pressehaus von Ringier an der Zürcher Dufourstrasse demonstriert Transparenz, Selbstbewusstsein und Modernität. Die Aussenseiter aus Zofingen hatten es damals ja auch gerade geschafft: den «Blick» als Boulevardblatt durchgesetzt, die Provinzdruckerei zum Medienunternehmen fortentwickelt, mit eigener Journalistenschule und eben – einem Pressehaus an bester Lage. Bundesrat Kurt Furgler hielt die Einweihungsrede.

Diesen Herbst steht an der Dufourstrasse 23 erneut ein Kran: Der Innenhof zwischen den zwei Teilen des Pressehauses ist eine grosse Baustelle. Hier entsteht, informiert die Bautafel, das «Projekt Newsroom».

«Newsroom» sei zu einem Modewort avanciert, nicht nur im deutschsprachigen Raum, sondern auch in anderen Ländern Europas und verschiedenen Regionen der Welt, heisst es in einem Dossier zum Thema, das der Verband Schweizer Presse diesen Frühling herausgegeben hat. Darin findet sich auch eine Umfrage unter den Schweizer Verlagshäusern. Die meisten geben an, bereits über einen Newsroom zu verfügen oder sich mit der Idee eines solchen zu beschäftigen. Wobei alle Verlagshäuser eine eigene Vorstellung haben, was genau darunter zu verstehen ist. Das Modewort bleibt ein Gerücht.

Edi Estermann, früher Nachrichtenchef der «Schweizer Illustrierten», leitet das Projektmanagement für den Ringier-Newsroom. Stefan Hackh ist für die Kommunikation von Ringier in der Schweiz zuständig. Schnell und konzentriert geben sie bei einem Treffen Auskunft: Was bedeutet für sie ein Newsroom – architektonisch, betrieblich, publizistisch? Welche Zukunft wird heute gebaut?

Naben und Speichen

«Unter einem Newsroom», beginnt Estermann, «muss man sich weniger einen neuen Raum als ein neues Denken vorstellen. Eine Organisationsstruktur.» Im Fall von Ringier, genauer der «Blick»-Gruppe, heisst das: Die vier Redaktionen von «Blick», «Blick am Abend», «SonntagsBlick» und «Blick online» werden zusammengeführt. Es wird nur noch je ein Ressort geben für News, Politik, Wirtschaft, Sport, People, Lifestyle, Bild und Layout. «Dass es funktioniert, haben wir beim Sport gesehen. Dort bestreitet ein Ressort bereits heute alle Publikationen.»

Um dennoch vom Bau auszugehen: Zwischen den Teilen des Pressehauses entsteht ein zweistöckiger Verbindungstrakt, erklärt Hackh. Die Zwischenwände verschwinden, womit der Newsroom auch in die älteren Bauten hineinreicht.

Im oberen Stock wird in der Mitte ein «Decision Place» zu liegen kommen. Hier werden die Chefredaktoren arbeiten. Gleich anschliessend sitzen auf der einen Seite die RessortleiterInnen, dann folgt ein «Content Place» mit den JournalistInnen. Auf der anderen Seite sitzen die ProduktionsleiterInnen, es folgt ein «Making Place» mit den GrafikerInnen und FotografInnen. «Ein Nabe-Speiche-System», sagt Estermann. «Für Sitzungen, beispielsweise zwischen Chefredaktor und Ressortleiterin, muss nur noch der Bürostuhl gedreht werden. Je weiter weg einer vom Zentrum sitzt, desto eher ist er ein Praktikant.»

Alle JournalistInnen sollen neu neu für alle Publikationen schreiben können. Eigentliche Redaktionen gibt es nur noch an der Spitze, bei der Chefredaktion. Seit Ringier das Projekt im letzten Dezember startete, habe man Vorbilder in ganz Europa besichtigt, vor allem in Britannien und im hohen Norden. «Bei zahlreichen Newsrooms gilt das Prinzip: Online first! Alles wird zuerst im Internet publiziert. Bei uns wird hingegen von den Chefredaktoren entschieden, welches Thema auf welchem Kanal publiziert wird.» Bei aktuellen Meldungen wird das online sein. Bei exklusiven Meldungen wird das in einer der kostenpflichtigen Zeitungen sein, also im «Blick» und im «SonntagsBlick.»

«Aber», wirft Hackh ein, «die DNS jeder Publikation wird beibehalten. Die spezifische Ausrichtung: der ‹Blick› als Stimme des Volkes, der ‹Blick am Abend› fürs urbane Publikum, ‹Blick online› mit seinen Breaking News und der ‹SonntagsBlick› auf einem hart umkämpften Exklusivmarkt.» Bei der Verhaftung von Filmregisseur Roman Polanski beispielsweise seien «Blick» und «Blick am Abend» nicht gleicher Meinung gewesen. «Das soll auch in Zukunft möglich sein.»

Kein Story-Diebstahl mehr

«Der Newsroom wird von morgens um 6 Uhr bis nachts um 1 Uhr in Betrieb sein», sagt Estermann. «Nicht in Vollbesetzung, gearbeitet wird nach Dienstplänen.» Der letzte Redaktionsschluss ist jener des «Blicks» um 23.30 Uhr. Bereits um 12.15 Uhr muss der «Blick am Abend» fertig sein. Für das Onlineportal gibt es verschiedene «Peaks»: Frühmorgens, wenn die Leute am Pendeln sind, über den Mittag, wenn sie Pause machen, gegen Abend, wenn sie das Büro verlassen – dann ist die Internetnutzung am höchsten. Im Verlauf der Woche wird auch die Produktion des «SonntagsBlicks» aufgenommen.

Im «Decision Place» wird sich eine Videowand befinden: Ein «Story-Seismograph» zeigt an, welche Themen im Internet am meisten Interesse wecken. «Wobei das nicht repräsentativ ist: Der Förster oder der Bauer klicken selten mit», sagt Estermann. Die Videowand informiert die Neuankömmlinge auch über den Stand der Arbeiten. Bei wichtigen Ereignissen werden «Task-Forces» gebildet.

«Bis anhin gab es untereinander wenig Absprachen: Die einzelnen JournalistInnen mussten stets damit rechnen, dass ihnen jemand aus dem eigenen Haus die Story wegschnappt. Das wird sich jetzt ändern.» Wann die Katze aus dem Sack gelassen wird – das kann im Newsroom genauer bestimmt werden.

Seit September müssen die 250 betroffenen MitarbeiterInnen eine zweitägige Ausbildung durchlaufen. «Das Echo ist mehrheitlich positiv», berichtet Estermann, der die Kurse mitleitet. Er führt die üblichen Argumente für die Flexibilisierung von Arbeitsbedingungen ins Feld: Dass die Arbeit vielfältiger werde, eine höhere Wirkung erziele und erst noch mehr Zeit für die eigentliche Tätigkeit bleibe ...

Stehen Sie nicht einfach ökonomisch unter extremen Druck? «Der Werbemarkt ist um einen Drittel eingebrochen. In der Krise mussten wir bisher achtzig Stellen streichen», sagt Hackh.

Bis Mitte November mussten sich alle bisherigen Ressortleiter überraschend für die neuen Ressorts bewerben. Auch externe Kandidaten waren zugelassen. Was bedeutet das? Estermann: «Das Jobprofil verändert sich in den neuen Ressorts erheblich. Wir wollen die beste Mannschaft am Start haben. Es gibt auch Leute, die froh sind, wenn sie kein grosses Team leiten müssen.» Am 12. Januar oder am 16. Februar soll über einen geplanten Personalabbau informiert werden. Hackh: «Wie hoch dieser ausfallen wird, kann heute noch nicht gesagt werden, denn die Arbeitsabläufe werden von der Projektleitung und den Chefredaktoren gegenwärtig erst entwickelt.» («Moratorium gegen Entlassungen»)

Bringt der Newsroom statt JournalistInnen mit eigener Haltung nicht KonzernsoldatInnen hervor? «AutorInnen mit grossem Wissen auf einem Gebiet, in der Wirtschaft etwa Werner Vontobel oder bei der Kriminalität Viktor Dammann, sollen noch prominenter zu Wort kommen. Gleichzeitig sollen aber auch Jüngere an ihre Positionen nachrücken können», sagt Estermann.

Der Anlass für den Newsroom sei nicht allein die ökonomische Entwicklung, betonen die beiden Gesprächspartner. Vielmehr liege der Grund in der veränderten Mediennutzung der Leute. Die Social Networks wie Facebook und Twitter, die Smartphones wie das iPhone, von denen es in der Schweiz bereits mehr als eine halbe Million Stück gibt. «Gegenüber dieser Entwicklung sind die meisten Verlagshäuser in den letzten Jahren lethargisch verharrt», sagt Estermann.

An der Hand

Was man den Leuten von Ringier lassen muss: Vielleicht haben sie im Vergleich zu jenen Schweizer Verlagshäusern, die spezielle Onlineredaktionen aufgebaut haben, tatsächlich geknackt, wie das Internet heutzutage funktioniert: Ins Internet geht man nicht mehr, im Internet ist man ständig. Es ist nichts Zusätzliches, sondern Teil des Ganzen.

Womit gleich wieder die Geschäftsinteressen beginnen: Estermann malt schon einmal aus, wie die LeserInnen nicht mehr nur Artikel kommentieren und an Umfragen teilnehmen, sondern auch einzelne Werbespots weiterentwickeln oder über verschiedene Automodelle bestimmen.

Wie viel kostet der Newsroom eigentlich? Estermann: «Einen zweistelligen Millionenbetrag.» Hackh: «Einen sehr tiefen zweistelligen Millionenbetrag.» Estermann: «Fast den tiefsten zweistelligen Millionenbetrag.»

Und wenn sich in einem Gebäude immer auch die Zeit spiegelt, in dem es gebaut wird? Was ist dann der Newsroom? Die Alarmzentrale einer panischen Gesellschaft? «Sicher schärft der Newsroom unseren Radar. Aber ich würde nicht sagen, er sei eine Kommandobrücke», sagt Hackh. Estermann ergänzt: «Vielmehr nehmen wir die Leute bei der Hand und führen sie durch die Nachrichtenflut.» Eingeschaltet wird der Newsroom im März 2010.

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