Nr. 13/2019 vom 28.03.2019

«Das ist die am besten ausgebildete Generation»

Das MAZ in Luzern bildet seit 35 Jahren JournalistInnen aus. Kann der Lehrgang mit dem rasanten Medienwandel mithalten? Und investieren die Verlage überhaupt noch in Nachwuchs?

Von Andreas FagettiMail an Autor:in (Text) und Florian Bachmann (Foto)

Michelle Feer, SRF-Videojournalistin: «Ich betrachte die digitale Transformation als Gewinn.»

Wer in den achtziger und frühen neunziger Jahren den JournalistInnenberuf ergriff, arbeitete in einer boomenden Branche. Die Redaktionen wuchsen, die Verleger gründeten Sonntagszeitungen, Magazine, Radio- und TV-Stationen. Gescheiterte Projekte und Millionenverluste steckten die Verlage ziemlich locker weg. Wer damals in den Beruf einstieg, empfindet den rasenden Wandel und das Ende des alten Geschäftsmodells meist als Bedrohung.

Leidenschaft und Risiko

Die JungjournalistInnen Manuela Paganini (29), Michelle Feer (28), Martin Germann (26), Karin Wenger (25) und Samantha Zaugg (24) sind nicht naiv. Den apokalyptischen Sound mancher etablierter BerufskollegInnen können sie aber nicht mehr hören. «Mag ja sein, dass früher alles besser war, die Spesenbudgets riesig, die Zeit für Geschichten schier unendlich, aber ich will jetzt Journalismus machen, und zwar leidenschaftlich. Wer diesen Beruf ergreift, sollte risikoaffin sein», sagt Manuela Paganini, Absolventin des Medienausbildungszentrums MAZ in Luzern, Journalistin bei Radio Freiburg und Präsidentin des Vereins Junge Journalistinnen und Journalisten. Im Verein bekommt sie hautnah mit, welchen Herausforderungen BerufseinsteigerInnen ausgesetzt sind, der Verein gibt Tipps, berät – und fungiert als Netzwerk.

In Variationen sagen alle fünf befragten JungjournalistInnen dasselbe. Michelle Feer, Videojournalistin bei SRF, drückt es so aus: «Ich habe den Wandel der Branche nicht unmittelbar miterlebt. Für mich ist das Geschichte. Ich betrachte die digitale Transformation als Gewinn. Klar, ich habe das Glück, dass meine Fertigkeiten als Videojournalistin gefragt sind. Im Print ist es bestimmt schwieriger.» Samantha Zaugg, freie Video- und Printjournalistin, ist mit Leidenschaft bei der Sache. Sie wendet bloss ein, dass sie bei aller Leidenschaft auf lange Sicht eine Perspektive brauche: «Schliesslich muss ich meine Rechnungen, das Essen und die Miete bezahlen.»

Karin Wenger ist erst 25. Aber ihr Bildungs- und Erfahrungsrucksack ist bereits beeindruckend prall gefüllt: Als regelmässige freie Mitarbeiterin sammelte sie zunächst journalistische Erfahrungen beim «Thuner Tagblatt», sie studierte an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) Journalismus und Kommunikation, arbeitete daneben beim Schweizer Fernsehen, absolvierte ein Volontariat bei der NZZ, war dort befristet Auslandsredaktorin und lernt Arabisch. Mittlerweile studiert sie «Weltgesellschaft und Weltpolitik» an den Universitäten Luzern und Zürich und arbeitet als freie Journalistin. Trotz dieser Zielstrebigkeit sagt sie: «Was in zwanzig Jahren ist, ob ich dann immer noch als Journalistin arbeite oder arbeiten kann, weiss ich nicht. Aber mit dieser Ungewissheit muss man nicht nur in unserer Branche leben.»

Die NZZ setzt nicht aufs MAZ

Die JungjournalistInnen fühlen sich, ob am MAZ oder an der ZHAW, allgemein gut auf den Beruf vorbereitet. Nur in Sachen digitaler Transformation machen sie noch Nachholbedarf aus. In den Medienhäusern selbst ist auf den ersten Blick das Ausbildungsangebot gut. Allein die von der WOZ angefragten Medienhäuser – Ringier, Tamedia, NZZ, CH Media, Somedia und «Bieler Tagblatt» – bieten zusammen über hundert Ausbildungsplätze an. Damit könnte man eine personell anständig dotierte Regionalzeitung bespielen.

Fragen muss man allerdings nach der Qualität. Denn das Gros sind Praktikumsplätze oder Volontariate ohne MAZ-Diplomlehrgang. Dieser ist auf den Redaktionen ein Minderheitenprogramm. Denn die Kosten erscheinen hoch, je nach Vertiefungsrichtung zwischen 18 000 und 28 000 Franken. Die Investition lohnt sich allerdings. Wer das Diplom im Sack hat, ist auf dem Arbeitsmarkt gefragt.

Das «Bieler Tagblatt» und die AZ Medien etwa übernehmen die Kosten des MAZ-Studiums vollständig. Selbstverständlich ist das nicht. Im Hause NZZ sind derzeit ein halbes Dutzend VolontärInnen am Werk. Die Ausbildung dauert ein Jahr. KeineR der VolontärInnen studiert am MAZ. Tamedia übernimmt mindestens drei Viertel der Ausbildungskosten. Neben dem MAZ-Lehrgang gibt es für Tamedia-Leute Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten an der Columbia University in New York und der internen Code Academy. Der Konzern investiert in den nächsten Jahren dreissig Millionen in die digitale Transformation, davon etwa zwanzig Millionen in den Redaktionen. Wie viele VolontärInnen Tamedia aktuell ausbildet, dazu liefert die Pressestelle trotz Nachfrage keine Angaben.

Die Zahl der JungjournalistInnen, die keine feste Volontärsstelle finden und den Lehrgang selber bezahlen müssen, steigt. Martin Germann ist ein solcher Fall. Er musste für seine Ausbildung ein Bildungsdarlehen aufnehmen. Nach einem WOZ-Stage und einer anschliessenden Stellvertretung (vgl. «Wie die WOZ ausbildet» im Anschluss an diesen Text) arbeitet er inzwischen fest beim Walliser Regionalsender Kanal 9. So kommt er im zweiten Ausbildungsjahr leidlich über die Runden.

Geizige Kantone

Einst beteiligten sich die Kantone direkt an den Kosten des Diplomlehrgangs. Ausgerechnet die beiden grossen, Zürich und Bern, verabschiedeten sich bereits 2010 beziehungsweise 2011. Und die Unterstützung der öffentlichen Hand bröckelt weiter. Letztes Jahr stellte der Kanton Schaffhausen die Zahlungen ein, in diesem Jahr die beiden Appenzell sowie die Kantone Graubünden, Tessin und St. Gallen. Die St. Galler Regierung etwa zeigt sich bei jeder Sparmassnahme ihrer Regionalzeitung tief besorgt und stellt die Qualitätsfrage, spart aber bei dieser vergleichsweise läppischen Investition in eine gute Journalistenausbildung. Im nächsten Jahr stellt auch der Kanton Aargau seine Zahlungen ein. Gerade noch dreizehn Kantone lassen sich die Journalistinnenausbildung knapp 10 000 Franken pro StudentIn kosten.

Noch investieren die Medienhäuser. Silvan Lüchinger, bei den Tagblatt-Medien verantwortlich für die Ausbildung, schreibt dazu auf Anfrage: «Im Vergleich mit früheren Jahren können weniger Volontäre nach Abschluss der Ausbildung in die Redaktion übertreten.» Noch bietet das grösste Medienhaus der Ostschweiz ein Dutzend Praktikumsplätze und etwa gleich viele Redaktionsvolontariate an, allerdings ohne MAZ-Diplomlehrgang. Ob es im Zuge der Fusion der Regionalzeitungen von AZ Medien, Tagblatt-Medien und der «Luzerner Zeitung» zu CH Media so bleibt, ist offen.

AZ Medien, der dominierende Zeitungsverbund bei CH Media, ist in dieser Hinsicht ein Vorzeigeverlag. Er bietet in seinen Regionalredaktionen ebenfalls ein Dutzend Praktikumsplätze an. Und vor allem: vier zweijährige Volontariatsstellen inklusive MAZ-Diplomlehrgang. Diese JungjournalistInnen betreut Christian Mensch. Er sagt: «Daran halten wir fest.» Dem Nachwuchs stellt er ein gutes Zeugnis aus: «Handwerklich ist es die am besten ausgebildete Generation. Sie ist topmotiviert.» Allerdings beobachtet er, dass der Bildungsrucksack in der Tendenz nicht mehr gleich prall gefüllt ist: «Juristen, Soziologen, Ökonomen und Naturwissenschaftler drängen kaum mehr in den Beruf. Das wäre wichtig, denn wer dieses Fachwissen mitbringt, etwa Bilanzen durchleuchten kann, begegnet den Gesprächspartnern aus Wirtschaft und Behörden nicht nur mit einer kritischen Haltung, sondern in der Sache auf Augenhöhe.»

In der Schweiz gibt es mittlerweile eine breite Palette an Kommunikationsausbildungen. Der wichtigste Player ist das Medienausbildungszentrum in Luzern. Vergangene Woche feierte es sein 35-jähriges Bestehen. Annähernd 1500 JournalistInnen haben bisher den Diplomlehrgang durchlaufen, etwa vierzig JungjournalistInnen pro Lehrgang. Alle Dozierenden sind PraktikerInnen, was es dem MAZ erlaubt, rasch auf Veränderungen zu reagieren. Es bietet ausserdem zahlreiche Einzelkurse an und führt ein zweites, fürs ökonomische Überleben wichtiges Standbein, eine Abteilung für Kommunikation. Journalismus und Public Relations sind jedoch scharf getrennt.

Das MAZ habe bislang die Medienkrise in der Diplomausbildung kaum gespürt. «Der Lehrgang war immer gut gebucht», sagt Direktor Diego Yanez. Er rechnet in diesem Jahr aber mit einem Rückgang der TeilnehmerInnenzahl um zwanzig Prozent. «Das erstaunt nicht. Unser Schicksal ist eng mit dem der Medienbranche verknüpft. Unsere Zukunft wird herausfordernd.»

Kosename «Joujou»

Noch einen Tick praxisnäher ist die älteste JournalistInnenschule der Schweiz. Hans Ringier gründete sie 1974. Viele Alumni zählen zum Who’s who der Schweizer Medienszene, etwa Peer Teuwsen, Rita Flubacher oder Ueli Schmezer. Schulleiter Hannes Britschgi führt durchs Medienhaus Ringier an der Dufourstrasse in Zürich. Auf zwei Stockwerken gibt es alles, was modernen Journalismus ausmacht: Newsrooms, Sonntagszeitungs-, Tageszeitungs- und Onlineredaktion, Radiostudios, demnächst auch eine TV-Station.

Auch Ringier musste sparen. Das spürte die Schule schon vor Jahren. Dennoch ist sie nach wie vor eine De-luxe-Variante. Wer das mehrstufige Aufnahmeverfahren schafft, hat gute Aussichten auf eine Festanstellung. Pro zweijährigem Lehrgang nehmen zwischen zwölf und zwanzig VolontärInnen teil, angestrebt wird ein 50 : 50-Mix aus Lehrabgängerinnen und Uniabsolventen. Immer nach einem Monat Arbeit in einem Ressort folgt eine Woche Schule.

Hannes Britschgi schärft den VolontärInnen ein: «Ihr müsst euch unentbehrlich machen auf unseren Redaktionen mit überraschenden Ideen und Einsatz.» Die Ringier-Schule, Kosename «Joujou», ist bis zum Schluss eine Art permanentes Bewerbungsverfahren. Übrigens startet die «Joujou»-Ausbildung mit dem Schwerpunkt Digitales.

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