Nr. 48/2009 vom 26.11.2009

Helfershelfer der Börsen

Wieso ist Wirtschaftsberichterstattung oft so unkritisch? Fernsehfrau Marianne Fassbind wehrt sich gegen den Vorwurf der Hofberichterstattung.

Von Carlos Hanimann

Es war ein Tiefpunkt ihrer Karriere. Emotional, hitzig, wütend stritt Marianne Fassbind, Wirtschaftsredaktorin und -expertin des Schweizer Fernsehens, Anfang Jahr im «Club» über die Gehälter und Boni der UBS-Banker. «UBS zahlt zwei Milliarden Boni – die Volksseele kocht», so der Titel der Sendung vom 27. Januar 2009. Doch Fassbinds Zorn richtete sich weniger gegen die Boni als gegen die Frau, die ihr gegenübersass: SP-Nationalrätin Susanne Leutenegger Oberholzer. Als die Politikerin die UBS scharf kritisierte, warf ihr eine sichtlich genervte Fassbind vor: «Das schadet der UBS, das schadet dem Wirtschaftsplatz.»

Fassbind sah in der Sendung ziemlich alt aus. Wie ein Relikt aus der Zeit vor der Krise, als die Wirtschaftspresse die ständig steigenden Gewinne der Banken noch bejubelte und kaum kritisch hinterfragte. Sie stand einsam da wie die letzte Verteidigerin dieser Grossbank, die nur Monate zuvor mit 68 Milliarden Franken Staatshilfe hatte gerettet werden müssen und bereits wieder zwei Milliarden Franken Boni zahlte. «Die Krise mit Fassbind» hiess es auf «newsnetz.ch». «Willfährigkeit» warf ihr der SP-Nationalrat André Daguet in der Sonntagspresse vor, «Anwältin der UBS» war ein weiterer Titel, der ihr verliehen wurde. Das war nicht gerade das, was die Wirtschaftsjournalistin über sich lesen wollte. Am meisten störte sie, sagt Fassbind heute, dass niemand, der sie kritisierte, mit ihr gesprochen hatte.

«Ich verletzte eine Grundregel und liess mich zu Emotionen verleiten.» Sogar jetzt, als sie darüber redet, wird sie wieder etwas ungehalten – obwohl sie sonst immer sehr sachlich sei. «Ich war überrascht über die heftige Diskussion. Ich plädierte für Sachlichkeit, wollte bloss sagen: Man muss diese Boni genau anschauen. In anderen Sendungen äusserte ich mich sehr kritisch gegenüber der UBS. Aber dann sagte Frau Leutenegger Oberholzer, dass die UBS ein zweites Hilfspaket benötige. Einfach so, out of the blue! Das war absurd. Nicht fundiert. Und machte mich aggressiv.»

«Eklatante Ahnungslosigkeit»

Marianne Fassbind, 49, ist wohl die bekannteste Wirtschaftsjournalistin der Schweiz. Was sie sagt, hat nur schon wegen der Einschaltquoten der «Tagesschau» (um die 700000 ZuschauerInnen) Gewicht. Angestellt ist sie bei der «Tagesschau» als Redaktorin, hat aber beim Schweizer Fernsehen eine Art Sonderstellung. Sie führt nicht nur Interviews mit den Firmenchefs, oft wird sie im Fernsehen auch als «Wirtschaftsexpertin» befragt. Diese Doppelrolle scheint merkwürdig, für Fassbind ist sie normal. «Ich bin beides: Journalistin und Expertin. Die Expertenrolle ist im Prinzip nichts anderes als ein Kommentar in der Zeitung. Im angelsächsischen Raum ist das gang und gäbe.» Und doch polarisiert Fassbind. Nach ihrem Auftritt im «Club» stand sie da, als hätte sie den Zug verpasst, in dem die MainstreamjournalistInnen für kurze Zeit in eine neue Richtung fuhren: Man applaudierte den Banken nicht mehr, sondern prügelte auf sie ein.

Das hat sich wieder geändert. «Mittlerweile sind die meisten sehr optimistisch – zu optimistisch, wie ich finde.» Ist Fassbind kritischer geworden? «Neulich war ich an einer Veranstaltung der Credit Suisse. Da sassen ganz viele Vertreter von KMU, die Kurzarbeit haben, Personal entlassen müssen – und die Credit Suisse sagte dann, es habe nie eine Krise gegeben. Da kann ich nur den Kopf schütteln.»

Vor der Finanz- und Wirtschaftskrise schüttelten angesichts der Grossbankengewinne nur wenige den Kopf, kritische Stimmen gab es unter den WirtschaftsjournalistInnen nur vereinzelt. Wer sagte, die Grossbanken seien zu gross, wurde dafür verspottet. Solange es aufwärts ging, waren WarnerInnen unerwünscht. Haben die Wirtschaftsmedien also versagt? Offenbart die Krise der Wirtschaft eine Krise des Journalismus? «Das ist etwas zu hart», sagt Fassbind, «aber natürlich haben die Wirtschaftsjournalisten die Tiefe der Finanzkrise nicht kommen sehen.»

Wesentlich härter ging vor einem Monat das Radiosymposium von Radio DRS mit den WirtschaftsjournalistInnen ins Gericht. Haig Simonian, Chefkorrespondent der «Financial Times», bescheinigte den Schweizer KollegInnen «eklatante Ahnungslosigkeit». Die NZZ sei selten aktuell – und offenbar noch stolz darauf. Gewisse Artikel in der Sonntagspresse seien geradezu «verantwortungslos» gewesen, etwa als der «Sonntag» verkündete, im Streit ums Bankgeheimnis koste der Frieden mit den USA acht Milliarden Franken. «Natürlich nannte die Zeitung keine Quellen, keine Namen», sagte Simonian. Auch Fassbind findet, dass die Berichterstattung in der Krise zu wünschen übrig liess: «Gerade im Fall UBS gab es haarsträubende Geschichten, eigentliche Falschmeldungen. Das ist gefährlich.»

Fehlende Distanz

Der WOZ-Autor Gian Trepp sagte am selben Symposium: «Wo man hinschaut, nur Neoliberalismus.» Es fehle die kritische Distanz. Die WirtschaftsjournalistInnen seien eigentliche BörsentreiberInnen. Tatsächlich gibt es im Radio oder im Fernsehen keine Nachrichten, in denen der Stand des Börsenindex SMI nicht vorkäme. Das Schweizer Fernsehen hat seit einigen Jahren gar eine Börsensendung kurz vor der «Tagesschau» – zur besten Sendezeit, obwohl nur zwanzig Prozent der Schweizer Bevölkerung überhaupt Aktien besitzen. SF DRS begrüsst auf der Website, wo der Sender ein «Börsen-Game» anbietet, besonders die Schulklassen: «Es ist nie zu früh, sich mit wirtschaftlichen Zusammenhängen auseinanderzusetzen.» Weltwirtschaftliche Probleme verknappt auf ein paar Kurse und Indizes, die Schweiz ein Land der Banken – als ob das Spiel an der Börse die Antwort auf alle Fragen böte.

Von wenigen Ausnahmen abgesehen, berichten WirtschaftsjournalistInnen oft unkritisch, gar bewundernd. Marianne Fassbind hat selbst vier Jahre für die Bank Vontobel als Analystin gearbeitet. Aber die Karriere als Bankerin vermisst sie nicht – zu hierarchisch, zu militärisch, zu frauenfeindlich. Sie kritisiert auch die Arroganz der Banken: «In den Diskussionen über die Boni sprach ich einmal mit einem Chefökonomen einer Grossbank. Er sagte, Boni gebe es nur für die tieferen Lohnklassen, also für jährliche Einkommen um die 250 000 Franken. Das machte mich rasend.»

Mitte der Neunziger wechselte Fassbind in den Journalismus. Zehn Jahre lang arbeitete sie bei «Cash», war dann FDP-Stadträtin im sankt-gallischen Rapperswil, ehe sie 2004 zum Schweizer Fernsehen kam. Im Fernsehen sei es schwieriger, hintergründig zu berichten, was vor allem am Medium liege. «Die Aussage des Chefökonomen hatte ich nicht auf Band, also konnte ich sie nicht bringen.» Den Vorwurf, sie sei unkritisch, lässt sie aber nicht gelten. «Ich bin kritisch, ich hake nach. Aber ich haue niemanden in die Pfanne. Mit einem Interview baue ich ja auch einen Kontakt auf. Vielleicht will ich ja wieder mal ein Interview mit dieser Person führen.»

Fassbind weiss, wovon sie spricht: Im Herbst 2008 sendete sie ein Interview mit Novartis-Chef Daniel Vasella. Darin bezeichnete er die Diskussion um Boni als «Populismus pur». Nach der Ausstrahlung widerrief er die Aussage und sagte, das Interview sei «verfälscht». Der Fall wurde untersucht. Fassbind erhielt recht. Seither gibt Vasella Marianne Fassbind keine Interviews mehr.

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