Nr. 49/2009 vom 03.12.2009

Hintertür zum Stammtisch

Charles Lewinsky nimmt in seinem neuen Roman die Doppelmoral der Schweizer AusländerInnenpolitik ins Visier – und hat ihn als Fortsetzungsroman veröffentlicht. Warum eigentlich in der «Weltwoche»?

Interview: Eva Pfister

WOZ: Ihr Roman «Doppelpass» kritisiert die Ausländerpolitik der SVP scharf. Es ist schon erstaunlich, dass er gerade in der «Weltwoche» zu lesen war.

Charles Lewinsky: Als die Anfrage von der «Weltwoche» kam, einen Fortsetzungsroman zu schreiben, war mein erster Reflex: Spiel nicht mit den Schmuddelkindern. Aber mich hat dieses alte, fast ausgestorbene Genre des Zeit- und Zeitungsromans gereizt. Und ich finde, dass man gerade mit Leuten, deren Meinung man nicht teilt, den Dialog suchen sollte. Hier hatte ich die Möglichkeit, gewissermassen durch die Hintertüre an deren Stammtisch zu gelangen.

Wie hat denn der «Stammtisch» der «Weltwoche» reagiert?

Keine Ahnung. Ich habe seltsamerweise keinen einzigen Leserbrief erhalten.

Wurde alles so gedruckt, wie Sie es geschrieben haben?

Jedes Wort! Das war auch meine Bedingung. Die Redaktion war da äusserst korrekt, selbst wenn wegen der Länge ein halber Satz gekürzt werden musste, haben sie mich angerufen. Überhaupt muss ich dem Chefredaktor Roger Köppel ein Kränzchen winden: Er hat einer Meinung, die der seinen diametral entgegensteht, sehr viel Raum gegeben.

Dafür kann Köppel sich jetzt mit «gelebter Meinungsvielfalt» brüsten.

Ihr Einwand erinnert mich an meine Studienzeit, als alles als «systemstabilisierend» verdammt wurde, was nicht Totalverweigerung war. Das ist nicht meine Haltung. Aber auch viele meiner Freunde waren kritisch – bis sie lasen, was ich geschrieben hatte.

«Doppelpass» schildert die Asylpraxis in der Schweiz genau. Sehr eindrücklich fand ich die Vorgänge in der Empfangsstelle für Asylsuchende in Kreuzlingen. Waren Sie bei einer Gesuchsstellung dabei?

Nein, da habe ich mich auf Beschreibungen verlassen. Es gibt sehr interessante Details, etwa, dass für die Sicherheit nicht Polizisten zuständig sind, sondern eine private Sicherheitsfirma. Da musste ich an die Amerikaner denken, die zunehmend Privatleute engagieren, um ihre Kriege zu führen. Offensichtlich macht das, im kleinen Rahmen, die Schweiz auch schon.

Sie vermitteln den Lesern die Sicht der – in diesem Fall afrikanischen – Asylsuchenden auf die Schweiz und die teilweise absurden Vorgänge bei den Asylbewerbungen. Haben Sie mit Betroffenen gesprochen?

Ja, bei einer Demonstration von Sans-Papiers hatte ich dazu Gelegenheit. Mir ist aufgefallen, dass die einen fast schon redeten wie ihre Schweizer Interessenvertreter, während andere wirkten, als befänden sie sich in einem Traum, in dem sie überhaupt nicht verstehen, wie die Schweiz funktioniert. So wie Keita in meinem Roman.

Die fieseste Figur im Roman ist ein freier Journalist, der versucht, aus dem Fall von Keita Sensationskapital zu schlagen. Wollen Sie damit sagen, dass eine Medienberichterstattung, die auf einzelne Fälle aufmerksam macht, der Sache der Asylsuchenden schadet?

Eine Figur macht noch nicht «die Medien» aus! Aber es ist schon so, dass die liberalen und linksliberalen Medien verbal für einzelne Asylsuchende eintreten, das ist wie ein Reflex. Ich wollte zeigen, dass darin auch ein gewisser Egoismus steckt: Ich muss nicht wirklich etwas tun, aber ich stehe gut da, wenn ich mich dafür einsetze. Natürlich ist die Figur überzeichnet, wie es sich für eine Politsatire gehört, genauso wie die des rechtsnationalen Politikers.

Hat dieser Herr Eidenbenz ein reales Vorbild?

Nein, keine Figur ist einer realen Person nachgebildet, das fände ich langweilig. Aber natürlich habe ich Typen gezeichnet. Wenn Eidenbenz sein Gremium mit dem Satz begrüsst: «Wollen wir zuerst diskutieren oder soll ich euch gleich sagen, was wir beschliessen» – dann ist das für eine gewisse Art von Politikern typisch, wahrscheinlich nicht nur von rechten.

Zum Ende von «Doppelpass» kamen mir einige Entwicklungen fast märchenhaft vor. Wollten Sie einen hoffnungsvollen Schlussakzent setzen?

Nein, eigentlich nicht. Natürlich: Dass der Fussballstar auf die Schweiz verzichtet und mit seinem Freund zurückfliegt nach Afrika, das ist ein Märchen. Aber was passiert davor? Eine Delegation aus einem afrikanischen Land wird eingeflogen und von der Schweiz für jede Person, die sie bei sich aufnimmt, bezahlt – egal, woher diese Person wirklich kommt. Das ist doch eher albtraumhaft – und sehr nahe bei der Wirklichkeit.

Ein Zeitroman zur Zwei-Klassen-AusländerInnenpolitik

Pünktlich zur letzten Folge von Charles Lewinskys Fortsetzungsroman in der «Weltwoche» wurde die Schweizer U17-Fussballnationalmannschaft Weltmeister – und die Medien überschlugen sich in ihrer Liebe zu den Secondos. Das passte genau: «Doppelpass» handelt vom guineischen Fussballer Tom Keita, dem Lieblingskind des rechtsnationalen Nationalrats Eidenbenz, Präsident eines wichtigen Fussballklubs. Tom Keita stehen alle Türen offen, die Society hätschelt ihn ebenso wie das Fernsehen, und der Pass ist nur noch eine Formalität. Da kommt Besuch aus seiner Heimat Guinea. Ein entfernter Cousin – auch er heisst Keita – ist illegal in die Schweiz gelangt. Aber Toms Verlobte Claudia, eine Beinahe-Miss-Swiss, sorgt dafür, dass er in der Klandestinität verschwindet.

In 50 Folgen mit ebenso vielen Verwicklungen und Pointen hat Charles Lewinsky die helvetische Doppelmoral im Umgang mit AusländerInnen angeprangert. «Doppelpass» ist im besten traditionellen Sinn ein Zeitroman mit kräftig gezeichneten Figuren in Schwarz-Weiss, die psychologisch nicht allzu tief gründen, aber ein treffendes Gesellschaftspanorama ergeben. Neben Seitenhieben auf die Medienszene und die Cervelat-Prominenz besticht der Roman mit dem nicht eben schmeichelhaften Porträt eines Politikers: Eidenbenz ist jovial und schlau, ohne besonders intelligent zu sein, und er weiss, wie man fremdenfeindliche Instinkte am Köcheln hält. Die Demontage dieses Mannes lässt der Autor durch seine Umgebung vollziehen: Sohn Philipp opponiert zunehmend erfolgreich gegen seinen Papa, und Ehefrau Sonja fängt nach einer Krise an, kritisch zu denken, und entlarvt die HeuchlerInnen erbarmungslos.

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