Nr. 50/2009 vom 10.12.2009

Raus aus der Opferrolle

Übergriffe auf Kopftuchträgerinnen in Glarus und Zürich vermitteln einen Eindruck von militanter Islamfeindlichkeit in der Schweiz. Wie sich MuslimInnen nach der Volksabstimmung fühlen.

Von Andreas Fagetti

In Zürich attackierte ein Passagier in den Tagen nach der Abstimmung im Bus eine Muslima zunächst verbal, danach versetzte er ihr eine Kopfnuss. Sie verzichtete auf eine Anzeige. Denn sie fürchtete, ihr könne Ähnliches widerfahren wie Marwa al-Shirbini, die in Dresden einen Mann nach einer Attacke angezeigt hatte und später von ihm deswegen umgebracht wurde. Im Kanton Glarus pöbelten vier Personen gegen eine Muslima und ihren fünfjährigen Sohn in einem Geschäft, danach verfolgten sie die Frau und den Buben auf die Strasse und bewarfen sie mit Schneebällen. Die Frau sagt, Augenzeugen hätten bloss zugeschaut und gelacht.

Aynur Akalin engagiert sich als Islamexpertin im Rat der Religionen. Sie habe von diesen beiden Vorfällen aus verlässlicher Quelle erfahren, sagt sie. Auch Aynur Akalin ist Kopftuchträgerin. Sie macht auf der Strasse oder in öffentlichen Verkehrsmitteln ähnliche Erfahrungen. Im Vorfeld der Abstimmung über das Minarettverbot sei eine zunehmende Polarisierung förmlich greifbar gewesen. Unlängst wurde sie im Bus von pöbelnden jungen Männern als «Albanerkopf» beschimpft. Einmal wurde sie von einem Mann aus dem Tram geschubst.

«Das Kopftuch ist dein Entscheid»

Familie Akalin lebt an Zürichs Stadtrand in einer gutbürgerlichen Siedlung. Seit kurzem ist die Muslima im Elternbeirat der Schule ihrer beiden Töchter. Im Wohnzimmer steht ein Klavier. Die Töchter, neun und zwölf Jahre alt, spielen Geige und Klavier, sie besuchen den Schwimmunterricht, sie reiten, sie voltigieren, sie tragen kein Kopftuch. Aynur Akalin spricht perfekt Hochdeutsch. Sie kam im Alter von vier Jahren aus der Türkei nach Gelsenkirchen und wuchs in einer liberalen Familie auf, in Deutschland studierte sie Jura. Nun lebt sie seit sechzehn Jahren in der Schweiz. Vor neun Jahren entschloss sie sich aus religiösen Gründen für das Kopftuch. Ihre Mutter sei dagegen gewesen, ihr Mann habe bloss gesagt: «Das ist allein dein Entscheid.» Aynur Akalin trägt ihr Kopftuch mit Selbstbewusstsein. Weder eindringliche Blicke noch verbale oder tätliche Angriffe halten sie davon ab, sich weiterhin im öffentlichen Raum zu bewegen. «Ich ziehe mich deswegen nicht zurück.» Die Befürworter der Initiative hätten angeblich die muslimische Frau befreien wollen, sagt sie. «Und jetzt werden wir angegriffen.» Das Abstimmungsresultat respektiere sie selbstverständlich. Aber es stimme sie traurig, weil damit an einer Minderheit ein Exempel statuiert und Menschenrechte tangiert würden. «Wir müssen uns noch mehr gegenseitig öffnen und uns besser kennenlernen. Viele haben doch muslimische Nachbarn.» Noch viel trauriger stimme sie, dass die Kampagne gegen die Minarette benutzt worden sei, um Ängste zu schüren und zu verstärken. «Angeblich wollen wir die Schweiz islamisieren.»

Der Basler SP-Grossrat, Wirtschaftsingenieur und Unternehmer Mustafa Atici zählt zu jenen Migranten, die es geschafft haben. Von seinem Büro in Kleinbasel aus organisiert er den Import von Lebensmitteln und dirigiert ein Cateringunternehmen. Aber der vierzigjährige Alevit, der 1992 in die Schweiz kam, um zu studieren, und dann blieb, übernimmt nicht nur für sich selber Verantwortung. «Passiv zu bleiben, kam für mich nie infrage», sagt der Kurde, der aus einer Händlerfamilie stammt. Bereits als Schüler hatte er diesen Drang, sich zu engagieren und Verantwortung zu tragen. In der Schweiz brachte er sich rasch ein. Seine politischen Schwerpunkte sind Migrations- und Integrationsfragen, Frühförderung und KMU-Anliegen, ausserdem ist er Mitglied der grossrätlichen Finanzkommission. Ihm erging es bei der Einschätzung der Minarettverbotsinitiative ähnlich wie vielen anderen. «Zunächst war ich zuversichtlich und glaubte an eine Ablehnung, aber je näher der Termin kam, desto unsicherer wurde ich.» Er spürte im Gespräch mit BürgerInnen Vorbehalte gegenüber den MuslimInnen, offen sprachen sie es allerdings nicht aus. «Ich habe diese Sorgen immer ernst genommen. Auch den Volksentscheid muss man sehr ernst nehmen.» Allerdings hält er das Minarettverbot langfristig nicht für vertretbar. «Gilt Religionsfreiheit, müssen auch die religiösen Symbole öffentlich sichtbar werden dürfen.»

Den muslimischen Organisationen und Vereinen hatte er im Vorfeld geraten, an die Öffentlichkeit zu gehen, zu informieren und aufzuklären. Denn für Atici werden die muslimischen Realitäten in der Schweiz stark verzerrt dargestellt. «Es gibt keine Islamisierung, die Muslime respektieren von wenigen Ausnahmen abgesehen selbstverständlich die Rechtsordnung, auch Zwangsehen sind nicht allein ein Problem muslimischer Menschen.» Die überwiegende Mehrheit der Muslime in der Schweiz käme ursprünglich aus laizistischen Staaten und könnte die hiesige Ordnung problemlos akzeptieren.

Offen über Probleme reden

Die MuslimInnen sind ein Teil der schweizerischen Gesellschaft. Wolle man das nicht akzeptieren, meint Atici ironisch, dann müsse man halt Gesetze erlassen, die die Zuwanderung und den Aufenthalt von MuslimInnen in der Schweiz verbieten. «Ansonsten gibt es nur eine wirksame Strategie: proaktiv integrieren.» Das habe man in der Vergangenheit verpasst. Atici verlangt mehr Investitionen in die Integration. Vor allem in die Ausbildung von Migrantenkindern.

Mustafa Atici ist kein Romantiker. In linken und liberalen Kreisen fehle zu oft die Bereitschaft, sich auch mit den problematischen Seiten der Migration eingehend auseinanderzusetzen. «Über Probleme muss man offen reden. Folkloristisches Miteinander einmal im Jahr bringt nichts, das Zusammenleben muss im Alltag funktionieren.» Er lehnt die Opferrolle ab, in die sich manche MigrantInnen reflexartig flüchteten. «Bei der ersten Einwanderergeneration kann ich das akzeptieren, bei der zweiten und dritten Generation geht das nicht mehr.» Er fordert die MigrantInnen auf, an der schweizerischen Gesellschaft zu partizipieren, sich in Quartiervereinen, Elternräten oder Schulräten einzubringen. Eltern müssten ihren Kindern helfen und mit den Schulen kooperieren. Und die Unternehmen sollten nicht auf den Namen der BewerberInnen schauen, sondern auf deren Leistungsausweis. Mustafa Atici wird von MigrantInnen oft um Rat gefragt und um Hilfe angegangen. Er erinnert sich an den Fall eines Wirtschaftsmittelschülers, der seinen Turnlehrer angriff. Offenbar hatte ihn der über Jahre gepiesackt. Der Mittelschüler wurde verwiesen. «Wir haben es geschafft, dass ihn eine andere Schule aufnahm. Der junge Mann studiert heute und ist erfolgreich.»

Walter Walid Tariq Tarnutzer ist ein zum Muslim konvertierter Bündner und Vorsteher der Mahmud-Moschee in Zürich. Auf dem schlichten Zweckbau thront ein Minarett. Am Montagabend kurz nach dem Gebet erzählt der Bauzeichner und Vater von vier Kindern in seinem Büro, wie er die Zeit vor und nach der Abstimmung erlebt hat. Zwei Tage vor dem Urnengang träumte er von einem Minarett, das auf die Mahmud- Moschee stürzte. Die Deutung dieses Traums war einfach: Das Minarett ist eine Glaubenssäule, und dort, wo sie hinfällt, herrscht Zwist. «Da wusste ich, es würde nicht gut kommen. Und den politischen Zwist haben wir jetzt im Übermass», sagt Walter Tarnutzer und wünscht sich von den PolitikerInnen mehr Besonnenheit. «Wir, die Betroffenen, akzeptieren den Volksentscheid und sind ruhig.»

Zur Ahmadiyya-Gemeinschaft bekennen sich in der Schweiz etwa 800 Menschen, weltweit sind es 80 Millionen. Tarnutzer und seine GlaubensgenossInnen sind nicht nur in der Schweiz eine Minderheit, sondern auch in der islamischen Welt. In manchen Ländern werden sie verfolgt.

Es kursieren viele Vorurteile

Eine direkte Islamfeindlichkeit hat Walter Tarnutzer nicht bemerkt, auch nicht im Vorfeld der Abstimmung. Allerdings sagt auch er: «Es kursieren viele Vorurteile über den Islam. Das Unwissen ist gross. Wir versuchen dem seit Jahrzehnten mit Vorträgen entgegenzuwirken.» Der Islam sei eine Religion des Friedens, der Gleichheit und der Gleichberechtigung. Zwangsehen, Frauenunterdrückung, Beschneidung oder Steinigung seien vorislamische Erscheinungen, die im Übrigen nicht nur in muslimischen Ländern vorkämen.

Die Ahmadiyya-Gemeinschaft versuchte im Vorfeld der Abstimmung die Bevölkerung mit Vorträgen, Tagen der offenen Tür und Veranstaltungen über ihren Glauben aufzuklären. Insgesamt verteilten sie 135 000 Flugblätter. Das Interesse war gering. In der Region Baden verteilten sie 5000 Flugblätter, den angekündigten Vortrag besuchten vier Personen. Eine Pressekonferenz musste abgesagt werden, weil sich kein einziges Medium anmeldete. Auf Resonanz stiessen hingegen die Tage der offenen Tür. An drei Tagen besuchten etwa 700 Leute die Mahmud-Moschee.

Walter Tarnutzer ist zwar enttäuscht über das Abstimmungsresultat, aber den Volksentscheid gelte es zu akzeptieren. Langfristig aber hofft der Vorsteher der Ahmadiyya darauf, dass der Verfassungsartikel wieder gekippt wird. Auch sonst verströmt er nach dem ersten Schock wieder Optimismus: Immerhin hätten 1,1 Millionen die Initiative abgelehnt, in der Umgebung der Mahmud-Moschee stimmten sogar 72 Prozent der StimmbürgerInnen dagegen.

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