Nr. 06/2007 vom 08.02.2007

Eine Bibel, ein Koran

In Tatarstan, zwischen Moskau und dem Ural, leben MuslimInnen und ChristInnen anscheinend problemlos nebeneinander. Wie geht das?

Von Judith Huber, Kasan

Minarette im Kreml? In Moskau wäre das undenkbar. Im Kreml von Kasan, 800 Kilometer östlich von Moskau, ist das Undenkbare Selbstverständlichkeit.

In der Hauptstadt der russischen Teilrepublik Tatarstan erheben sich innerhalb der alten, geweisselten Wehrmauern der Zitadelle nicht nur die obligaten Zwiebeltürme mit den goldenen Kreuzen, sondern auch schlanke Minarette. Sie gehören zur Moschee Kul-Scharif. Rund achtzehn Millionen Franken soll das elegante weisse Bauwerk mit der 39 Meter hohen, türkisblauen Kuppel und den sechs Minaretten gekostet haben. Im Innern ist die Moschee eine Symphonie in Blau, Gold, Weiss und Grün. Viel weisser Marmor, ein riesiger Kronleuchter, farbige Glasfenster: Gespart wurde nicht, doch das Resultat ist keineswegs protzig, sondern strahlt Ruhe und Klarheit aus. Einen grossen Teil der Baukosten haben tatarische Unternehmen getragen, allen voran die Ölgesellschaft Tatneft, der sechstgrösste Ölförderer Russlands. Dazu kamen Gelder der Republik Tatarstan und Privatspenden.

Die Moschee Kul-Scharif wird von den tatarischen Behörden gern als Symbol des Friedens zwischen Christentum und Islam bezeichnet. Ihre Eröffnung am 24. Juni 2005 wurde denn auch entsprechend inszeniert: Gleichentags feierte im Kreml, nur wenige hundert Meter von der Moschee entfernt, die russisch-orthodoxe Gemeinde die Eröffnung der restaurierten Mariä-Verkündigungs-Kathedrale. Denn rund vierzig Prozent der EinwohnerInnen Tatarstans sind RussInnen; die TatarInnen machen etwas mehr als die Hälfte der Bevölkerung aus.

Nicht ins Badezimmer mitnehmen

Toleranz ist in der multikonfessionellen Republik die offizielle Doktrin. Das reicht bis in alltägliche Details wie die Ausstattung der Zimmer eines der neuen Kasaner Hotels: Dort liegen sowohl die Bibel als auch der Koran auf, beide sorgfältig in durchsichtige Plastikfolie gehüllt. Offenbar ist man sich hier den Umgang mit den heiligen Büchern wenig gewöhnt: Ein beigelegter Zettel gibt die Anweisung, die Bücher mit Achtung zu behandeln, nicht mit schmutzigen Händen anzufassen und nicht ins Badezimmer mitzunehmen.

Toleranz - oder zumindest Koexistenz - scheint auch für die Gruppe von Frauen und Mädchen selbstverständlich, die aus der Mariä-Verkündigungs-Kathedrale treten. Sie stammen aus einem tatarischen Dorf, in dem Kirche und Moschee nebeneinander stehen. «Sie haben ihre Moscheen, und die betreten wir nicht, wir haben unsere Kirche. Wir lassen einander in Ruhe», sagt eine der Frauen. Die tatarische und die russische Kultur, der tatarische Islam und das russische Christentum haben sich gegenseitig beeinflusst und bereichert - das ist in Kasan augenfällig. Manche alte Moschee etwa könnte vom Baustil her genauso eine Kirche sein - wäre da nicht das Minarett. Und die Zwiebeltürme der russischen Kirchen: Haben sie nicht etwas zutiefst Orientalisches?

Die «islamische Wiedergeburt»

Dabei ist die Geschichte Kasans gewalttätig. Als Iwan der Schreckliche 1552 das Chanat Kasan eroberte, begann eine Welle der Zerstörung der dortigen islamischen Kultur. Ihr fiel weit mehr zum Opfer als die grosse Moschee, die damals ungefähr an der Stelle stand, wo heute die Minarette der Kul-Scharif-Moschee in den Himmel ragen. Nur wenige Jahre nach der Eroberung der Stadt errichteten die neuen christlichen Herren im Kasaner Kreml die Mariä-Verkündigungs-Kathedrale. Heute erlebt Tatarstan eine islamische Renaissance. Mehr als 1000 Moscheen gibt es in der autonomen Republik, dazu kommen rund 200 Medressen (islamische Schulen) und eine islamische Universität. Diese «islamische Wiedergeburt» ist eng verknüpft mit dem neu erwachten tatarischen Selbstbewusstsein. Tatarstan hat nach dem Zerfall der Sowjetunion das Kunststück geschafft, ohne Blutvergiessen eine grosse Autonomie zu erlangen, indem es mit Moskau weitgehende Sonderrechte aushandelte. Die TatarInnen, die sich gegenüber dem «grossen russischen Bruder» zu Sowjetzeiten klein und minderwertig fühlten, begannen ihre Identität - und damit eng verbunden den Islam - neu zu entdecken.

Die grossen tatarischen Denker allerdings, die einst im zaristischen Russland eine islamische Reformbewegung begründet hatten (vgl. unten), waren in den Sowjetjahren in Vergessenheit geraten. Beim Zusammenbruch der Sowjetunion waren von der einstigen intellektuellen tatarischen Geistlichkeit lediglich geistliche Funktionäre und wenig gebildete Mullahs übrig geblieben, die knapp den Koran lesen und die wichtigsten Alltagsrituale verrichten konnten. Junge Tataren begannen deshalb ins islamische Ausland zu reisen, um dort an religiösen Lehranstalten zu studieren. Gleichzeitig wurde die muslimische Bevölkerung Tatarstans Ziel ausländischer islamischer «Wohltätigkeit». «Viele der neuen Moscheen und Koranschulen wurden von internationalen islamischen Fonds errichtet», sagt der tatarische Islamwissenschafter Rafik Muchametschin. «Die meisten stammten aus Saudi-Arabien. Sie haben ihre eigenen Lehrer geschickt und ihre Version des Islam gelehrt. Kontrollen gab es keine, und sie haben sich nicht einmal der tatarischen Geistlichkeit untergeordnet.» Heute ist das anders, viele dieser Ausländer wurden ausgewiesen und die meisten der fraglichen Stiftungen verboten. «Aber damals kamen alle möglichen Leute ins Land.»

Hübsche Fundis

Die junge Tatarin Gulnara weiss, was das für Leute waren, haben doch einige von ihnen in ihrem Leben eine wichtige Rolle gespielt. Gulnara ist schlank, lebhaft und auffallend hübsch. Ihre Kleidung vereint auf kokette Weise moderne westliche Mode mit Attributen einer gläubigen Muslimin. Als ich sie in einer der neu errichteten Moscheen kennenlerne, trägt sie Jeans und eine modische rote Jacke. Ihre dunklen Haare sind von einem weissen gehäkelten Käppchen mit goldenen Sternen bedeckt, über das sie ein dünnes, mit Ornamenten verziertes Tuch gezogen hat. Gulnara wurde von Tadschiken missioniert, die in ihre Kleinstadt kamen, als sie vierzehn war. «Sie waren so hübsch und sympathisch, und es war so interessant, mit ihnen zu sprechen», erzählt die junge Frau lachend. Die Tadschiken waren Salafiten, Neofundamentalisten, die den Islam von allen modernen Einflüssen reinigen wollen.

Gulnara war begeistert, eifrig, wollte selber missionieren. Sie kam nach Kasan, in die Frauenmedresse, um mehr über den Islam zu lernen. Dort kühlte sich ihr missionarischer Eifer ab. Sie realisierte, dass es im Islam ganz verschiedene Strömungen und Traditionen gibt. Ganz ähnlich ging es Gulnaras Freundin Rosa. Sie geriet in ähnliche Kreise wie Gulnara, genoss das Zusammensitzen, das Akzeptiertsein, die Gruppendynamik. Sie begann davon zu träumen, einen gläubigen Muslim zu heiraten und eine gute muslimische Frau zu sein. Auch sie kam in die Frauenmedresse von Kasan. Dort begriff sie, dass die Verwirklichung ihres Traumes bedeuten würde, zu Hause zu sitzen und Kinder zu gebären. Heute schütteln die Freundinnen den Kopf über ihre früheren Träume. «Wir wünschten uns, in Saudi-Arabien zu wohnen und einen echten Muslim zu heiraten!», ruft Gulnara und kichert. Heute möchte sie am liebsten in den USA leben, Rosa zieht es nach Westeuropa. Beide wollen frei sein, haben beruflichen und intellektuellen Ehrgeiz entwickelt. Den Glauben haben sie deswegen nicht abgelegt.

Gulnara betont, die Tatarinnen seien selbstbewusst und liessen sich weniger sagen als andere muslimische Frauen. Es habe früher sogar tatarische Richterinnen gegeben, sagt sie stolz (vgl. unten). Gulnara hat sich während des Studiums darüber aufgeregt, dass die Rolle der Frau im Islam eigens thematisiert wurde. «Wie wenn man erklären würde: Die Frau ist kein Kamel!», empört sie sich. Gulnara und Rosa tragen in der Öffentlichkeit kein Kopftuch. Gulnara wurde nach einem der Terroranschläge, die Russland in den letzten Jahren erschütterten, in einem Supermarkt von einer Wache aufgehalten und verhört. Danach brachte sie es ein halbes Jahr lang nicht mehr fertig, in einen Supermarkt zu gehen. Das Kopftuch trägt sie seither nicht mehr. Rosa erzählt, sie habe sich selber schon beim Gedanken ertappt, dass Kopftuch tragende Musliminnen Terroristinnen sein könnten. Die Berichte, die man dauernd im Fernsehen zum Thema sehe, setzten sich eben im Kopf fest, sagt sie. Beide sind sich bewusst, dass es in der russischen Gesellschaft eine wachsende Islamophobie und starken Rassismus gibt. Doch sie sind überzeugt, dass es in Tatarstan, wo RussInnen und TatarInnen schon so lange zusammenleben, zu keinen grösseren rassistischen Vorfällen kommen wird.

Koranlesen reicht nicht

Mein letzter Gesprächspartner ist der Imam der Moschee Kul-Scharif, Ramil-Chasrat Junusow, ein energischer junger Mann mit Backenbärtchen. Er lobt wortreich das freundschaftliche Verhältnis, das er zur russisch-orthodoxen Geistlichkeit pflege. Und er beklagt das tiefe Niveau der Ausbildung der islamischen Geistlichkeit. Es sei weit von dem entfernt, was in Tatarstan vor hundert Jahren die Regel gewesen sei. Den Koran zu lesen, reiche nicht. Es gebe auch noch ein ziviles Leben; deshalb müssten sich islamische Theologen auch im Bankenwesen, mit Hypotheken und Krediten auskennen. Junusow, der aus einer alteingesessenen Kasaner Händlerfamilie stammt, ist offensichtlich ein praktisch veranlagter Mensch.

Die Frage, ob es in Tatarstan islamischen Radikalismus gebe - immerhin geisterten ein paar entsprechende Fälle durch die Medien -, pariert Junusow geschickt. Er glaube sehr wohl, dass in Tatarstan eine gewisse Zahl radikal Gesinnter lebe. Doch diese träten nicht in Erscheinung, denn die Strafen dafür seien schwer. In den offiziellen Moscheen und Medressen aber existiere kein Radikalismus, das wisse er. «Wir kontrollieren alle Bildungsstätten und religiösen Organisationen ständig.» Wenn Geheimdienst oder Behörden ihm mitteilten, in einer gewissen Moschee gebe es Radikale, dann werde er aktiv. «Dann lösen wir das.»

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