Nr. 51/2009 vom 17.12.2009

Die Welt in Bümpliz

Fünfzig Jahre nach seinem Tod ist die siebenbändige Werkausgabe jetzt abgeschlossen. Was hat der Schriftsteller Loosli in der Schweiz des 21. Jahrhunderts noch zu sagen? Eine Einladung.

Von Stefan Keller

Gegen Ende scheint er doch sehr verbittert gewesen zu sein, der eigensinnige Alte mit seiner Zipfelmütze: Am 5. Mai 1953 notiert Carl Albert Loosli, 75-jähriger Schriftsteller und Journalist in Bümpliz, einen Text mit dem antiquierten juristischen Titel «Olographisches Kodizill». In dieser handschriftlichen Anweisung zu seinem Testament bekräftigt Loosli noch einmal, was er schon früher notariell beglaubigen liess: Sein Archiv über Leben und Werk des Kunstmalers Ferdinand Hodler (1853–1918), an dem er vierzig Jahre gearbeitet hat, soll nach seinem Tod versiegelt werden und fünfzig Jahre lang für niemanden – ganz besonders nicht für andere Hodler-Forscher – zugänglich sein. Falls jemand die Dokumentensammlung trotzdem öffne, hätten seine «damaligen Rechtsnachfolger» diese sofort zu behändigen und «restlos» zu vernichten.

Das «Kodizill» ist als letztes Schriftstück im letzten von sieben Bänden der Werkausgabe Looslis abgedruckt. Es ist nicht der letzte Text des 1959 verstorbenen Autors, aber vielleicht sein traurigster und einer der humorlosesten obendrein. Wie kann jemand, der ein Leben lang schrieb und enthüllte, stets der Aufklärung verpflichtet war, hart austeilte, noch härter einsteckte und für alle möglichen Themen immer wieder ein Publikum suchte – wie kann er einen zentralen Bestand seiner Arbeit quasi mit ins Grab nehmen und ihn ein halbes Jahrhundert lang der öffentlichen Auseinandersetzung entziehen?

Zwar haben die «Rechtsnachfolger» die Frist nicht ganz abgewartet. Nach 45 Jahren wurde das Archiv im Januar 2004 endlich geöffnet, nicht zuletzt weil es sonst buchstäblich verschimmelt wäre. Die Herausgeber der unlängst im Zürcher Rotpunktverlag fertiggestellten Loosli-Ausgabe, Fredi Lerch und Erwin Marti, haben von der veränderten Situation genauso profitiert wie die AutorInnen eines noch nicht erschienenen, neuen Hodler-Gesamtkatalogs. Loosli selber, Herausgeber des ersten Hodler-Katalogs, hätte – so widersprüchlich und lernfähig er oft gewesen ist – selber wohl am vehementesten für die Missachtung seines Testaments gekämpft.

Vom Verdingbub zum Dichter

Wer ist also dieser C. A. Loosli, dessen literarisches und publizistisches Werk nach den Worten seines heutigen Verlegers Andreas Simmen jetzt nicht einfach «wieder entdeckt», sondern in grossen Teilen erstmals entdeckt werden kann, da noch gar nie so viele seiner Texte gleichzeitig greifbar waren? Warum lohnt es sich, diese Texte zu lesen, die von den Herausgebern aus unzähligen Einzelveröffentlichungen, Büchern, Zeitungen und Briefarchiven zusammengesucht, in Vorworte eingebettet und im Anhang mit präzisen Erklärungen versehen wurden? Was hat der «Philosoph von Bümpliz», wie Loosli 1918 im «Berliner Börsen-Courier» bezeichnet wurde, in der Schweiz des 21. Jahrhunderts denn noch zu sagen?

Carl Albert Loosli kam 1877 unehelich zur Welt. Er war ein Pflegekind, das für seinen Unterhalt arbeiten musste. Im Bernbiet und im Kanton Neuenburg wuchs Loosli zweisprachig auf, dann beschlossen die Behörden, den Burschen zu ihrer Entlastung in Anstalten einzusperren, zuletzt in die Zwangserziehungsanstalt Schloss Trachselwald im Emmental, wo um die Wende zum 20. Jahrhundert ein fürchterliches Terror- und Folterregime herrschte. Die unwürdige, durch nichts zu rechtfertigende Behandlung von schutzlosen Jugendlichen aus der Unterschicht ist für Loosli ein lebenslanges Thema: «Wenn ich beispielsweise kein gemeingefährlicher Verbrecher wurde», schreibt er 1920, «so verdanke ich das gewiss nicht der Erziehung, die mir die Gesellschaft angedeihen liess.» Aus der später oft beschriebenen Hölle von Trachselwald freigekommen, reist er 1898 nach Paris und erlebt dort die Debatte um die Dreyfus-Affäre: einen Justizkomplott der französischen Rechten, dem ein unschuldiger Offizier zum Opfer fiel, bloss weil er Jude war. Auch den Schriftsteller Émile Zola lernt Loosli kennen, der die Affäre massgeblich enthüllt hat und einen neuen Typus des modernen Künstlers verkörpert: den engagierten Intellektuellen.

Zurück in Bern arbeitet der Zwanzigjährige als Gerichtsberichterstatter, wird Redaktor des «Berner Boten», dann der sozialdemokratischen «Tagwacht». Im Berner «Kornhauskeller» lernt er Ferdinand Hodler kennen, der ihn zum Sekretär und Redaktor der Gesellschaft der Schweizerischen Maler, Bildhauer und Architekten (GSMBA) macht. Der später wohl berühmteste Schweizer Maler ist vorderhand noch umstritten, auf die Banknoten kommen seine Bilder erst ab 1911. Die einheimischen Kulturpäpste halten ihn für allzu progressiv und «phantastisch», die stämmigen Eidgenossen, die er gleichwohl fürs neu erbaute Landesmuseum malen soll, sind ihnen zu wenig patriotisch und gelten als «schlecht gezeichnet».

Loosli wird ein treuer Mitstreiter Hodlers. Ihm imponiert dessen Kunst und die unabhängige Haltung, er zitiert von Hodler auch Sätze wie diesen: «Das Beste, was wir sind und haben, besteht in unserer Fähigkeit, uns mit unseren Mitmenschen zu solidarisieren.» Viele Dutzend Artikel wird er in den folgenden Jahrzehnten über ihn schreiben und dabei zum eigentlichen Kunstschriftsteller. Nach dem frühen Tod des Malers 1918 hätte er sich gern als dessen Nachlassverwalter betätigt. Das kommt jetzt aber nicht mehr infrage, denn Loosli hat sich, wie wir gleich sehen werden, durch eine andere Sache bei den Kulturpäpsten in Misskredit gebracht.

1904 ist C. A. Loosli, inzwischen verheiratet, mit seiner Familie in ein Bauernhaus nach Bümpliz gezogen; er bleibt dort bis an sein Lebensende. 1906 erscheint eine Sammlung seiner Zeitungstexte, sie trägt den schönen Titel «Bümpliz und die Welt». 1910 und 1911 folgen Bücher mit Berner Mundarttexten; diese begründen Looslis literarischen Ruhm. 1912 gehört er zu den Initianten des Schweizerischen Schriftstellervereins, den er explizit als Gewerkschaft versteht und als Erster präsidiert.

Aufsteiger und Rebell

Was an Loosli zu jeder Zeit auffällt, ist neben der Vielfalt seiner Interessen die Vehemenz des Engagements. Als Autodidakt hat er sich ein riesiges Wissen angeeignet, keine Frage scheint ihm unpassend, sie in verständlichen Worten zu erläutern. Die in der Anstalt erfahrene Erniedrigung hat ihn offenbar nie gebrochen, sondern stark gemacht und sensibel für Ungerechtigkeiten. Was ihm geschehen ist, sieht er als Folge gesellschaftlicher Verhältnisse an, die man verändern muss: Loosli ist kein Sozialist im marxistischen Sinn, aber er glaubt an die Gleichheit der Menschen und an die Demokratie. Allerdings hat sich die Schweiz des frühen 20. Jahrhunderts von ihren egalitären Anfängen weit entfernt. Klassengegensätze prägen das Land.

Die Schweizer Kulturszene wird von rechts dominiert. Wer Karriere machen will, muss wissen, zu welcher Seite er gehört und wie man sich dort benimmt. Loosli, der vom Waisenkind zum Präsidenten des Schriftstellervereins aufgestiegen ist, passt sich seinem neuen Status wenig an. Er schreibt wortgewaltig, oft brillant, manchmal umständlich, aber nie um der reinen Schönheit willen, immer hat er ein gesellschaftliches Anliegen zu vertreten.

1909 schreibt Loosli in einer Münchner Zeitschrift, dass allein für die Publikationen, welche dem Goethe-Kult gewidmet seien, ein Holzbestand «von der Ausdehnung des Thüringer Waldes» habe vernichtet werden müssen; er bezeichnet die Goethe-Philologen als aasfressende Mistkäfer. 1913 experimentiert er mit Satiren und verfasst einen Text über Jeremias Gotthelf, mit dem er seine Karriere zerstört: Der vom ganzen Land verehrte konservative Pfarrer Albert Bitzius aus Lützelflüh, schreibt Loosli in der Fastnachtsausgabe einer marginalen Zeitschrift, habe keinen einzigen seiner Romane selber geschrieben, sondern lediglich die Aufzeichnungen eines befreundeten Bauern redigiert, sie um moralische Exkurse ergänzt und unter dem kollektiven Pseudonym Jeremias Gotthelf herausgegeben.

Für diese Behauptung nennt Loosli einige witzige Belege, die so plausibel klingen, dass der «Bund» und die «Neue Zürcher Zeitung» in langen Abhandlungen darauf antworten. Als er die Pointe auflöst, den Text als Fiktion zu erkennen gibt, lacht fast niemand: Die Realsatire, die er mit der Gotthelfgemeinde veranstaltet hat, wird als Sakrileg verstanden. Man wisse jetzt «für alle Zeiten», schreibt der düpierte Literaturchef der NZZ, Hans Trog, «dass Herr Loosli vor nichts und vor niemand halt macht, wenn seine Fastnachtslaune ihm über den Hals kommt». Das genüge, schreibt der mächtige Trog, um Looslis Persönlichkeit «endgültig zu charakterisieren». Auch die Kollegen vom Schriftstellerverein distanzieren sich; Loosli muss das Präsidium abgeben.

Kritik und Kampagnen

Damit ist der schnelle Aufstieg auch rasch zu Ende. Für den vom etablierten Kulturbetrieb künftig geschnittenen 36-jährigen Familienvater C. A. Loosli ist das ein ökonomisches Drama. Für die Schweizer Publizistik vielleicht ein Glück, denn nun hat er zumindest die Zeit, jene dokumentarischen Texte zu verfassen, die ausser ihm niemand hätte schreiben können. 1924 publiziert er «Anstaltsleben», das die Zustände in der Jugendfürsorge darstellt und aus Sicht der Betroffenen berichtet, was in Anstalten, Heimen und auf Bauernhöfen passiert. In einem zweiten Buch «Ich schweige nicht» doppelt er nach, und das Thema der Zwangsanstalten, der behördlichen Willkür und der gesellschaftlichen Diskriminierung nimmt Loosli auch später immer wieder auf: 1938 schreibt er ein Buch über die bis in die siebziger Jahre übliche Praxis, unliebsame BürgerInnen zu entmündigen und administrativ zu «versorgen», also ohne Gerichtsurteil und Rekursmöglichkeit einzusperren. Diese Arbeiten finden sich in Band 1 und Band 2 der Werkausgabe und haben, angesichts zunehmender Repression im Fürsorgewesen, heute wieder eine gewisse Aktualität. 1926 veröffentlicht er ein Buch über die Unterdrückung und Diffamierung der Juden; der aufsteigende Nationalsozialismus legt das Thema nahe. Kein anderer Nichtjude in der Schweiz der dreissiger Jahre hat sich so entschieden gegen den Antisemitismus gestellt wie Loosli. Doch wie sehr ein kritischer Umgang mit judenfeindlichen Denkmustern, die hinter Begriffen wie «Assimilation» oder «Wirtsvolk» stecken, zuerst einmal gelernt werden musste, merkt man daran, dass Loosli – bis er darauf hingewiesen wurde – genau diese Muster auch bei der Verteidigung der Juden benutzte.

Looslis gesellschaftspolitische Texte, oft für Zeitungen verfasst, sind aus heutiger Sicht die interessantesten Teile des Werks. Mit ihnen war er trotz Ausgrenzung eine der bedeutenden öffentlichen Figuren des Landes. Dabei lebte er stets prekär und musste für jedes Buchmanuskript aufs Neue einen Verleger suchen. Oft dauerte das viele Jahre. 1926 publizierte er im Eigenverlag «Die Schattmattbauern», einen Kriminalroman aus dem Emmental, der später bei der Büchergilde Gutenberg erfolgreich wurde. Nicht gelungen ist ihm bis zum Lebensende eine weitere umfassende Publikation über Hodler und den Aufbruch der Kunst im 20. Jahrhundert. Hodler war inzwischen zu einer Ikone der offiziellen Schweiz geworden, den niemand mehr einem entlaufenen autodidaktischen Anstaltszögling überlassen wollte.

So kommt es, dass der alte Schriftsteller, der nach Grossvätersitte gerne eine schwarze Zipfelmütze trug, auch als AHV-Empfänger auf seinem reichen Hodler-Archiv sitzen blieb und mit dem Kulturbetrieb, über den er einst gelacht hatte, immer mehr haderte.

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