Nr. 50/2006 vom 14.12.2006

Vom Pflegekind zum Schriftsteller und Sozialkritiker

Ein Schweizer Publizist der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts kehrt ins öffentliche Bewusstsein zurück.

Von Stefan Keller

Mit einer gewaltigen Anstrengung wird zurzeit der Schweizer Schriftsteller und Journalist Carl Albert Loosli wiederentdeckt, der 1877 geboren und 1959 gestorben ist und den grössten Teil seines Lebens in der Berner Vorortgemeinde Bümpliz verbrachte. Im Zürcher Rotpunktverlag liegen seit kurzem die ersten zwei einer auf insgesamt sieben Bände angelegten Werkausgabe vor, während im Chronos-Verlag schon vor einigen Jahren zwei von drei geplanten Bänden einer voraussichtlich mehr als tausendseitigen Biografie dieses Autors erschienen sind. Für Carl Albert Loosli engagieren sich neben Herausgebern und Verlegern auch prominente Leser wie der Solothurner Ständerat Ernst Leuenberger oder der Berner Musiker und Kolumnist Endo Anaconda. Seit 2001 gibt es eine C.-A.-Loosli-Gesellschaft, und am 20. Januar 2007 wird im Schweizerischen Literaturarchiv in Bern eine C.-A.-Loosli-Tagung stattfinden mit dem programmatischen Titel: «Gegen die geistige Enge im Land».

Satire mit Folgen

Wer war Carl Albert Loosli, der jetzt als «einer der bedeutendsten Schweizer Schriftsteller» tituliert wird, auch als Erfinder des modernen schweizerischen Kriminalromans? Wie konnte man ihn so lange vergessen? Ist sein Fall vielleicht sogar verwandt mit jenem des fast gleichaltrigen Robert Walser, der nach dem Verschwinden in der psychiatrischen Klinik ebenfalls viele Jahre vergessen ging, um lange nach seinem Tod unverhofft zum internationalen Kultautor aufzusteigen? Oder gleicht der Fall Loosli eher jenem seines Schriftstellerfreundes Jakob Bührer, der aus politischen Gründen - weil er ein Linker war - in der Mitte des Lebens plötzlich verfemt, geschnitten und als freier Publizist ruiniert worden ist und der bis heute, trotz vorliegender Werkausgabe, kaum mehr gelesen wird?

Carl Albert Loosli war in der Schweiz einmal sehr bekannt. Er hat zu Lebzeiten zahlreiche Skandale aufgedeckt und viele publizistische Kämpfe ausgetragen: Geboren als nichteheliches Kind in Schüpfen BE, wuchs Loosli die ersten zwölf Jahre bei einer Pflegemutter auf, dann in verschiedenen Waisenhäusern und Jugendanstalten der Kantone Neuenburg und Bern. Zwischen 1894 und 1897 verbrachte er zweieinhalb Jahre in der Zwangserziehungsanstalt Trachselwald im Emmental, die von einem Sadisten namens Friedrich Grossen geleitet wurde. Erst mit zwanzig, als er endlich volljährig war, entkam C. A. Loosli dem Regime der schweizerischen Vormundschaftsbehörden. Jetzt ging er auf Reisen, lebte eine Zeit lang in Paris und liess sich 1904 mit seiner Familie in Bümpliz nieder.

1907 wurde Loosli Redaktor der sozialdemokratischen Berner «Tagwacht», die er aber bald wieder verliess. Er schrieb für andere Blätter, von 1910 bis 1912 auch für die «Neue Zürcher Zeitung», mit deren Feuilletonchef Hans Trog er sich schliesslich überwarf. Er war Dokumentarist und Satiriker, führte eine scharfe Feder, eiferte und polemisierte gerne, was einem freien Journalisten nicht nur damals gefährlich werden konnte. Im Februar 1913 veröffentlichte er in einer kleinen Heimatzeitschrift einen satirischen Text, der behauptete, dass Jeremias Gotthelfs Bücher in Wirklichkeit nicht von Pfarrer Albert Bitzius aus Lützelflüh, sondern von einem mit Bitzius bekannten Bauern namens Johann Ulrich Geissbühler verfasst worden seien.

Sofort brach in der Gotthelf-Gemeinde ein Sturm der Entrüstung los. Es war, als hätte Carl Albert Loosli mit seinem Scherz eine ungeheure blasphemische Schandtat vollbracht. «Wir wissen nun für alle Zeiten», schrieb die NZZ, «dass Herr Loosli vor nichts und vor niemandem Halt macht, wenn seine Fastnachtslaune ihm über den Hals kommt. Das genügt, um ihn als Persönlichkeit zu charakterisieren.» Für das bürgerliche Feuilleton galt der Spötter Loosli jetzt als unseriös, und der «Gotthelf-Handel» kostete ihn unter anderem auch sein Amt als Präsident des eben erst gegründeten Schweizerischen Schriftsteller-Verbandes. Die enorme journalistische und literarische Produktivität des Autors wurde von dieser Affäre offenbar kaum gebremst.

Kriminelles Emmental

ExpertInnen für bernische Mundartliteratur verbinden den Namen C. A. Loosli noch heute mit seinen Dialektarbeiten wie «Mys Dörfli» (1909), «Üse Drätti» (1910), «Mys Ämmitaw» (1911). KunsthistorikerInnen kennen möglicherweise Looslis bahnbrechende Arbeiten zu Ferdinand Hodler, über den er 1921 bis 1924 eine vierbändige Monografie vorlegte. ZeitgeschichtlerInnern erinnern sich an die Schrift «Ist die Schweiz regenerationsbedürftig?» (1912), mit der Loosli auf seine Art das politische 19. Jahrhundert abschloss. Wer mit Antisemitismus und Judentum in der Schweiz beschäftigt ist, wird irgendwann über Looslis Schrift gegen den Judenhass stolpern - «Die schlimmen Juden!» (1927) - und über sein Engagement als Gutachter im Prozess um die gefälschten «Protokolle der Weisen von Zion» in Bern (1935), bei dem der Schweizerische Israelitische Gemeindebund versuchte, der Judenhetze mit juristischen Mitteln beizukommen.

Die von Fredi Lerch und Erwin Marti betreute, sorgfältig edierte Werkausgabe rückt zunächst jedoch andere Arbeiten in den Vordergrund. Als Erstes ist ein Band mit Kriminalliteratur erschienen, der zu drei Vierteln aus Looslis Roman «Die Schattmattbauern» besteht. Dieses Buch spielt im unteren Emmental, auf einem jener alleinstehenden Höfe mit weit heruntergezogenem mächtigem Dach, die man schon aus den Gotthelf-Romanen ein wenig zu kennen glaubt. Loosli erzählt die Geschichte des alten, schwerkranken Bauern und Sonderlings Rees Rösti auf der Schattmatt in Habligen, der so bösartig den eigenen Tod inszeniert, dass sein verhasster Schwiegersohn Fritz Grädel unter Mordverdacht gerät. Grädel wird prompt verhaftet, er sitzt Monate in Untersuchungshaft und schliesslich spricht ihn das Geschworenengericht in einem Indizienprozess frei. Doch unter dem ungeheuren Verdacht ist der gradlinige und staatstreue Jungbauer inzwischen zerbrochen. Mit dem Vertrauen in Recht und Gerechtigkeit hat er auch jeden Lebenswillen eingebüsst; er stürzt in eine Depression und stirbt in der psychiatrischen Klinik.

«Die Schattmattbauern» ist keine Satire auf Gotthelf, sondern eher eine Art Fortschreibung dessen idealistisch gedachten Werkes in modernen und deshalb noch weitaus gottloseren Zeiten. Der Roman passt inhaltlich wie formal auch nicht richtig in die Gattung des zeitgenössischen Krimis. Anfang der dreissiger Jahre, als «Die Schattmattbauern» erschien, begann sich der Krimi in eine ganz andere Richtung zu entwickeln. Bei Loosli wird keinesfalls mit Auslassungen gearbeitet, nichts wird lakonisch und knapp, nur atmosphärisch oder zynisch überspitzt dargestellt. Loosli erzählt seine Geschichte mit grossem moralischem Ernst: ausführlich und manchmal auch etwas umständlich. Anders als Georges Simenon in Paris oder Raymond Chandler in Kalifornien will Loosli in der Schweiz aber auch keinen reinen Unterhaltungsroman schreiben, sondern mit dem Instrument des Krimis und mit der verbreiteten Gotthelf-Begeisterung die Menschen über ihren eigenen Staat, dessen Funktionieren und über ihr beschränktes Recht aufklären. Er will die LeserInnen erziehen. Als Armenhäusler, der sich intellektuell aus dem Elend herausgearbeitet hat, glaubt er, dass Bildung etwas nützt.

Mit den «Schattmattbauern», die trotz erzählerischer Umwege wie ein Thriller gelesen werden können, landete Carl Albert Loosli einen Erfolg. Der Text erschien 1929/30 als Serie im «Beobachter» und 1932 als Buch, dieses wurde mehrmals neu aufgelegt, zuletzt 1981 bei Ex Libris. Allein die Ausgabe der Büchergilde Gutenberg von 1943 verkaufte 12 500 Exemplare, und immer wieder haben Schweizer Blätter die «Schattmattbauern» als Zeitungsroman nachgedruckt.

Schrecken der Anstalt

Der andere jetzt erschienene Band der Loosli-Werkausgabe enthält ebenfalls einen Krimi, aber einen, den leider niemand erfunden hat. 1921, mehr als zwanzig Jahre nach seiner Befreiung aus der Zwangserziehung, schrieb C. A. Loosli das Buch «Anstaltsleben», eine dokumentarische Darstellung der Verhältnisse in den schweizerischen Jugendanstalten und ein 150-seitiges Plädoyer für deren Abschaffung.

Es ging drei Jahre, bis dieses Buch 1924 publiziert werden konnte, elf Verlage hatten das Manuskript abgelehnt. Ein Jahr später indessen folgte bereits Looslis «Ich schweige nicht», ein weiteres Buch über die Jugendanstalten der Schweiz, in denen damals 13 000 Kinder der Willkür und der Bigotterie, der pädagogischen Unfähigkeit, einem absurden Militarismus, entsetzlichen Strafritualen und oft auch sexuellen Übergriffen von allmächtigen Anstaltsleitern ausgeliefert waren.

In «Anstaltsleben» beschreibt Loosli die klassische Heimkarriere. Er berichtet, wie ein verwaistes Kind von der Gemeindebehörde in die Anstalt abgeschoben wird, wie es dort die Bräuche und die Hausordnung kennenlernt, mit Arbeit und Disziplin «erzogen» werden soll, wie es dabei verkümmert und feige wird. Immer wieder prasseln willkürliche Strafen auf dieses Kind herunter, ohne Grund, ohne Gerechtigkeit und ohne Gnade.

Looslis Beschreibungen der Foltermethoden in Schweizer Anstalten des 20. Jahrhunderts verdienen es, hier kurz in Erinnerung gerufen zu werden. Da gab es neben den üblichen Dunkelarresten bei Wasser und (wenig) Brot auch die Fesselung mit Zwangsjacken, deren Ärmel auf dem Rücken des Zöglings so stark zusammengezogen wurden, dass die Schultergelenke beinahe auskugelten. Während Stunden steckte man Zöglinge in solche Jacken, bis sie vor Schmerzen zusammenbrachen. Es gab neben spontanen Schlägen die systematischen, lange im Voraus angekündigten Prügelexekutionen mit sogenannten Salzruten, geflochtenen Ochsenziemern, die in Salzwasser eingelegt wurden, um sie geschmeidig zu machen. Und jenen Zöglingen, die eine Flucht versucht hatten, wurde mancherorts eine Kette ans Bein geschmiedet, an deren Ende eine zehn bis fünfzehn Kilo schwere Kugel hing, mit der sie dann während Wochen zur Feldarbeit humpeln mussten.

Nicht Schwerverbrecher hat man auf diese Weise verfolgt, sondern heimwehkranke Kinder, Pubertierende, Bettnässer, Epileptikerinnen. Der böse Gott der Zöglinge, schreibt Loosli mehrmals, sei der Anstaltsleiter selber, den man Vater nannte, und er erzählt auch die Geschichte eines Jungen, dem beim Mähen der Fuss abgeschnitten wird: «Der Verunglückte achtete seiner Verletzung nicht, sondern schrie fortwährend, man möchte es doch um Gotteswillen dem «Vater» nicht sagen, sonst kriege er Strafe.»

Sklaverei mit Kindern

Eine andere Methode der billigen Aufbewahrung mittelloser Kinder im 20. Jahrhundert war das Verdingen. Man gab sie in Kost und Logis zu Bauernfamilien, wo sie für ihren Unterhalt arbeiten sollten. Dort wurden die Verdingkinder gelegentlich gut, häufig aber wie Sklaven oder Tiere behandelt: Dennoch hatte Carl Albert Loosli das Verdingkinderwesen zunächst für weniger schlimm gehalten als das - seiner Meinung nach nicht reformierbare - Anstaltswesen. Er kannte beides aus eigener Erfahrung und glaubte, das Verhalten der Pflegefamilien sei wenigstens leichter zu kontrollieren als jenes der Anstaltsleiter. Eine Jugend in der Familie schien ihm auch grundsätzlich besser als eine im Waisenhaus.

Nachdem aber 1944 die linke Wochenzeitung «Die Nation» den Fall eines Verdingbuben in Madiswil aufdeckte, der während Jahren sozusagen unter den Augen der Nachbarschaft sexuell misshandelt worden war, und nachdem wenig später die «Tagwacht» von einem fünfjährigen Verdingbuben berichtete, der auf dreizehn Kilo abgemagert, mit Erfrierungen, dunklen Striemen und zugeschwollenem Auge im Leichenschauhaus gelandet war, schrieb Carl Albert Loosli eine scharfe Anklage auch gegen das Verdingkinderwesen: Der Zürcher «Tages-Anzeiger» veröffentlichte sie in achtzehn Teilen, weitere Berichte erschienen im «Beobachter» und - auf Französisch - in Westschweizer Zeitungen: Für die Werkausgabe haben Fredi Lerch und Erwin Marti diese Texte aufgespürt und in einer Auswahl zusammengestellt.

Die nicht reformierbaren Anstalten wurden unterdessen reformiert. Auch die Verdingkinder gab es weiter: Bis in die sechziger, siebziger Jahre hinein hat man in der Schweiz arme Kinder als Arbeitskräfte zu Bauern «verstellt», sei es, weil keine Eltern für sie aufkommen konnten, sei es, weil der Lebenswandel oder die Kultur ihrer vorhandenen Eltern - etwa bei den Jenischen - den Behörden einfach missfiel.

Und Carl Albert Loosli, der ehemalige Zögling, musste noch viele andere Kämpfe ausfechten, über die uns die kommenden Bände seiner Werkausgabe nach und nach informieren werden. Wie richtig er mit seiner Kritik an Behördenwillkür und Machtmissbrauch lag, beweist schlagend eine Reaktion des Berner Regierungsrates Georges Moeckli: Als Loosli in der «Nation» 1944 wieder einmal das bernische Armenwesen thematisierte, besprach Armendirektor Moeckli - übrigens ein Sozialdemokrat - wenig später mit seinen Mitarbeitern die Frage, ob man den ungeliebten Publizisten nicht unter Vormundschaft stellen und bei dieser Gelegenheit auch seine Beweismittel beschlagnahmen könnte.

Loosli, dem die Idee des Politikers hinterbracht wurde, schaffte einige seiner Archivbestände eiligst in Sicherheit. Diese sind bis heute verschwunden.

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