Nr. 52/2009 vom 24.12.2009

Was lärmt da im Keller?

In einem stillen Buch ergründet Schriftsteller Amos Oz die Einsamkeit der BewohnerInnen in einem israelischen Dorf, das zur Wochenendagglomeration verkommt.

Von Johanna Lier

Ein Dorf am Fuss der Menascheberge. Grillen zirpen, und in der Nacht heulen die Schakale und bellen die Hunde. Über allem lastet eine stickige Schwüle. An Sabbat gibt es Lärm, wenn die StädterInnen aus Jerusalem und Tel Aviv kommen, um Bioweine, hausgemachtes Olivenöl und – merkwürdigerweise – Souvenirs aus Indien und Afrika zu kaufen. Tel Ilan, vor über hundert Jahren von den PionierInnen einer der ersten Einwanderungswellen gegründet, droht der Spekulation zum Opfer zu fallen: Fantasievoll geschmacklose Villen schiessen aus dem Boden. Tel Ilan verkommt zur Wochenendagglomeration.

Amos Oz, 1939 in Jerusalem geboren, gilt als einer der bedeutendsten Schriftsteller des heutigen Israel. Seine Eltern wanderten aus Osteuropa nach Palästina ein, litten jedoch ihr Leben lang unter der grossen, unerwidert gebliebenen Liebe zu Europa und sind in der neuen Heimat nie wirklich angekommen. Im 2002 erschienenen Buch «Eine Geschichte von Liebe und Finsternis» berichtet Oz von dieser Familientragödie: ein umwerfendes Buch voller Poesie, Trauer, Humor und nicht zuletzt dieser exzessiven Selbstreflexion, die auch Oz’ Verhältnis zu Israel bestimmt. Als Mitbegründer der Friedensbewegung Schalom achschaw definiert er seine Rolle als Jude nicht als die eines Opfers, sondern als diejenige jener, die als erste Generation Verantwortung und Schuld zu tragen haben.

Rätselhafte Vorgänge

In «Geschichten aus Tel Ilan» porträtiert Amos Oz einige der DorfbewohnerInnen. Einsamkeit prägt ihr Leben. Entweder sind sie verlassen worden, oder diejenigen, die sie lieben, tauchen aus unerklärlichen Gründen nicht wieder auf. Andere bringen sich um, und wer mit jemandem zusammenlebt, möchte diesen am liebsten loswerden, um endlich ein neues Leben anfangen zu können.

Und da ist auch Adel, der arabische Student, der ein Buch über die Unterschiede zwischen einem jüdischen und einem arabischen Dorf schreiben will: «Euer Dorf wurde aus einem Traum heraus geschaffen, nach einem Plan.» Sein Dorf hingegen sei überhaupt nicht erschaffen worden, sondern schon immer da gewesen. Doch vorerst legt er Gurken ein und kocht Marmelade für das ehemalige Knessetmitglied Pessach Kedem, dem das alles nicht gefällt, ist er doch der Überzeugung, dass ihn alle AraberInnen hassen. Und Kedem stellt sich gleich auch die Frage, warum sie das nicht tun sollen, er an ihrer Stelle würde das auch tun; ja er hasst sogar sich selbst und ist sich sicher, diesen Hass und die Verachtung verdient zu haben.

Jossi Sasson, der Immobilienmakler, ist zwischenzeitlich daran, das alte Anwesen des Schriftstellers Eldad Rubin zu erwerben, der zeitlebens Romane über die Schoah geschrieben hat, obwohl er nie anderswo als in Tel Ilan gelebt hat, unzählige Bücher über die Gräueltaten der Deutschen, die niemand lesen mag. Jossi Sasson erinnert sich, wie er als kleiner Junge geglaubt hat, die Schoah fände immer noch statt – und zwar in den Kellern des Hauses des Schriftstellers Eldad Rubin.

Still und unaufgeregt

Doch auch Adel, Pessach Kedem und seine Tochter Rachel erwachen Nacht für Nacht, weil aus den Kellern ihres Hauses Baulärm zu hören ist: rätselhafte Vorgänge, die auch an den übrigen BewohnerInnen nicht spurlos vorübergehen. Nur den siebzehnjährigen Kobi Esra interessiert das alles nicht. Zum ersten Mal verliebt, reibt er sich abends in der Bibliothek zwischen zwei Bücherausgaben an der Bibliothekarin und erlebt seinen ersten Orgasmus.

«Geschichten aus Tel Ilan» ist ein stilles, unaufgeregtes Buch. Amos Oz ergründet in einer leichten Sprache, die immer wieder unmerklich von der Erzählung in Monologe übergeht, die Einsamkeit seiner ProtagonistInnen. Manchmal dringen die politischen Dramen der Vergangenheit und der Gegenwart an die Oberfläche, um sich gleich wieder zu verstecken. Und so rumort es in den Kellern, und die Kampfbomber überfliegen das Dorf, während die BewohnerInnen sich versammeln, um zu singen: Lieder aus dem russischen Stetl und der Pionierszeit – Liebe, Kampf und Melancholie aus längst vergangenen Zeiten.

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