Nr. 01/2010 vom 07.01.2010

Die Dschungel von Calais

Als die Polizei im Herbst ein grosses Flüchtlingslager bei Calais zerstörte, sollte das der Anfang vom Ende der illegalen Überfahrt nach England sein. Drei Monate später sind die MigrantInnen noch immer in der Hafenstadt – unter noch widrigeren Bedingungen.

Von Tobias Müller, Calais

Zurückgeblieben ist nur eine Brache von der Fläche mehrerer Fussballfelder mit gefällten Bäumen und Ästen aller Grössen. Die Spuren der Bulldozer haben sich tief in den nassen Sand gegraben, überall liegen Paletten und Plastikplanen: Überbleibsel der erbärmlichen Behausungen eines der grössten Flüchtlingscamps am Ärmelkanal, die von der Polizei im September dem Erdboden gleichgemacht wurden. Zerknüllte Hosen und Pullover, verschimmelte Schlafsäcke und kaputte Matratzen sind alles, was nach dem Polizeieinsatz von den rund tausend Menschen geblieben ist, die hier noch bis vor kurzem lebten – die Hälfte von ihnen war jünger als achtzehn Jahre.

Chronologie der Willkür

Ein Zeichen gegen Schlepperbanden wollte man setzen, gegen das Gesetz des «Jungle», des Dschungels, wie die Flüchtlingscamps genannt werden. Der Gültigkeitsbereich dieses Gesetzes beginnt laut Immigrationsminister Eric Besson hier, in der Industriezone Des Dunes hinter dem Fährhafen von Calais. Die Regierung wollte zudem ein Zeichen setzen, dass Frankreich nun endlich die illegale Kanalüberquerung beenden würde. Die Verhaftung von offiziell knapp 300 CampbewohnerInnen sollte indes nur der Anfang einer stärkeren Repression sein (vgl. weiter unten: «Wasserdicht gegen die Transitmigration»).

Unvermittelt löst sich eine Gestalt aus dem Schatten der verbliebenen Bäume am Rand des aufgelösten Lagers. Der Afghane hat ein zerfurchtes Gesicht und trägt eine Mütze, eine Jogginghose und einen Anorak. Er habe im Camp gelebt, sagt er, «finished» – alles vorbei. Langsam geht er weiter. Er überquert eine Strasse und verschwindet auf der anderen Seite wieder zwischen den Bäumen. Ein anderer Waldstreifen, ein neuer Jungle. Irgendwann kommen die Bulldozer auch dorthin. Das Schleifen der Lager und die ständigen Verhaftungen sind Teil eines Teufelskreises.

Aufrechterhalten wird er vom stetigen Zufluss verzweifelter Menschen aus Kriegsgebieten wie Afghanistan, Irak und dem Horn von Afrika. «Noch am Abend der Räumung kamen neue Migranten an», sagt Chiara Lauvergnac, eine Aktivistin der international aktiven Bewegung No Border. Sie lebt sonst in London. Wie andere No-Border-Mitglieder aus Britannien und Frankreich begab sie sich im Herbst nach Calais.

Die No-Border-AktivistInnen patrouillieren vor allem nachts auf den Strassen, denn die Polizei erscheint meist im Schutz der Dunkelheit oder während der Morgendämmerung. In einem Blog dokumentiert No Border die Entwicklungen, seit das Flüchtlingscamp planiert wurde: eine Chronologie von Gewalt und Behördenwillkür. Beinahe täglich finden sich Berichte von Festnahmen, Räumungen von Brücken und leer stehenden Häusern, die als Unterschlupf dienen. Die internationalen Medien verschwanden nach zwei Tagen wieder aus Calais – die Repression ging weiter. «Die Menschen hier finden keine Ruhe», sagt Lauvergnac. Pro Tag werden bis zu vierzig MigrantInnen festgenommen – und meist nach kurzem Gewahrsam wieder freigelassen.

Wenn sie dann in ihre Unterkünfte zurückkehren, sind diese meist zerstört. Nabi und Ahmadi haben Übung darin, die noch brauchbaren Teile wieder zusammenzusetzen. In den letzten Tagen bekamen sie regelmässig Besuch, abends um neun Uhr oder morgens um sieben, manchmal auch beides. «Jedes Mal kommen fünf oder sechs Polizeiwagen. Die Polizisten treten uns, versprühen Tränengas. Sie zerstören die Zelte und Decken und alles, was sie finden.»

Die Spuren der Repression von letzter Nacht sind noch frisch. Verkohltes Holz, einzelne Stuhlbeine und Besteck liegen zwischen zwei Bäumen im Gras, nur hundert Meter von der Stelle, an der sie ihr neues Lager aufgebaut haben. Der Jungle Hasaren ist das kleinste der Camps in Calais, die sich meist nach Nationalitäten oder Sprachen zusammensetzen. Sechs Angehörige der Farsi sprechenden Minderheit aus Zentralafghanistan haben sich in den Dünen bei einem verlassenen Fährenterminal niedergelassen. Auf der einen Seite begrenzt ein idyllischer Strand das Areal. Auf der anderen die Strasse ins Stadtzentrum.

Viel Rhetorik

Das Katz-und-Maus-Spiel in Hasaren ist bezeichnend für die Situation am Ärmelkanal. Solange der Strom der MigrantInnen nicht abreisst, zeigen auch noch so strenge Kontrollen keine Wirkung. Sie stranden weiter in Calais und werden immer neue Camps errichten. Die verbale Kraftmeierei des französischen Immigrationsministers Eric Besson ist das eine. Auf der anderen Seite drücken die Behörden beide Augen zu, wenn der Druck auf den Kessel zu gross wird und es zum Beispiel zu Konflikten unter den MigrantInnen kommt.

«Besson hat die Zerstörung des Jungle bereits eine Woche vorher angekündigt», sagt ein Mitarbeiter der Hilfsorganisation Association Salam. «Und genau in jener Woche haben es 800 Flüchtlinge nach England geschafft – so viele wie sonst nie.» Auch die Zahl der fast 300 Festnahmen bei der Räumung hält er für übertrieben. Denn die Unterbringung und gegebenenfalls Abschiebung der MigrantInnen koste viel Geld, das der Staat lieber spare. Das gelte auch für die Rückführungen in jene EU-Staaten, die die MigrantInnen als Erstes betraten, wie es das Dublin-II-Abkommen vorsieht.

Im Fall der TransitmigrantInnen aus Afghanistan, Irak und Ostafrika, die sich nur zur Durchreise in einem Land aufhalten und die die Szene in Calais bestimmen, sind das vor allem Italien oder Griechenland. Frankreich kommt der Absprache des Dublin-II-Abkommens jedoch kaum nach. Auch Griechenland nimmt längst nicht allen MigrantInnen die Fingerabdrücke ab, da der Staat kein Interesse daran hat, dass die TransitmigrantInnen zurückkommen. Auch wenn in Frankreich viel von der Regulierung des Transitbereichs geredet wird, in der Realität beschränkt sich der Staat auf die Verwaltung des Flüchtlingselends – mit ständig steigender Repression.

Schlimmer als Kongo

Es ist dieser festgefahrene Zustand, der die US-Amerikanerin Maureen McBrien vom Uno-Flüchtlingskommissariat (UNHCR) nach Calais brachte, nachdem sie zuvor im Kosovo, in Kongo und in Ruanda gearbeitet hatte. Die Liste von McBriens früheren Einsatzorten – alles Kriegsgebiete – gibt einen Eindruck der Dimension, die das Drama der TransitmigrantInnen inzwischen angenommen hat.

Seit Juni ist das UNHCR permanent in Calais vertreten. Im Herbst übernahm McBrien die Leitung des Büros. Viele der MigrantInnen haben ihrer Ansicht nach gute Chancen auf einen legalen Aufenthalt in Frankreich. Sie darüber zu informieren, ist McBriens Auftrag. Mit einem afghanischen Assistenten klappert sie die Jungles und die «Squats» genannten besetzten Gebäude der Umgebung ab. Mit Erfolg, wie sie sagt. Immerhin hätten im letzten halben Jahr 267 MigrantInnen aus Calais in Frankreich um Asyl gebeten.

Für die Mehrheit steht dieser Schritt aber nicht zur Diskussion. Da ihr Ziel Britannien ist, bleiben sie freiwillig ausserhalb des Asylsystems – und haben so auch kein Recht auf Unterstützung durch den Staat. Das ist laut McBrien mit ein Grund für die drastische Lage der MigrantInnen in Calais. Sie habe während dreizehn Jahren in der früheren Sowjetunion, auf dem Balkan und in Afrika Flüchtlinge in UN-Lagern registriert. «Aber was die Versorgung angeht, sind die Zustände hier schlimmer als alles, was ich bisher gesehen habe.» Denn in Calais, so McBrien, gibt es keinerlei staatliche Unterstützung. Die MigrantInnen hier seien ausschliesslich auf die Hilfe von Freiwilligen angewiesen.

Eine bunte Palette von Gruppen und Organisationen bestreitet in Calais die Notversorgung der MigrantInnen. Nonnen und christliche Hilfsorganisationen verteilen in einem Lagerhaus Kleider. Auch die Mitglieder von No Border, die sonst vor allem politisch aktiv sind, haben angesichts der momentanen Lage ein Depot für Decken eingerichtet, das Tag und Nacht geöffnet ist.

Bereits seit 2004 betreiben fünfzehn ÄrztInnen des städtischen Krankenhauses zudem eine medizinische Gratisversorgung in einer Baracke an der Ausfallstrasse. Der Notfallarzt Mohamed El Mouden hat sich an die Krankheitsbilder gewöhnt, die Mangelernährung, Kälte und schlechte Hygiene mit sich bringen: Infektionen, vor allem der Haut, Parasitenbefall, Bronchialkrankheiten und gar fünf Fälle von Tuberkulose.

Der einzige Beitrag der Stadt zur sonst ausschliesslich ehrenamtlichen Hilfe für die MigrantInnen ist ein weiter, von einem Zaun umrandeter Hof im Hafenviertel. Im Herbst stellte sie ihn den Organisationen zur Verfügung, die dreimal täglich Essen an MigrantInnen verteilen. Die Wartereihen im Hof sind überdacht, sechs Wasserhähne stehen bereit – die Toiletten jedoch sind für die HelferInnen reserviert. Immerhin ist es der Polizei in Calais untersagt, jemanden während der Essensausgabe zu verhaften. Die Streifen beschränken sich darauf, die MigrantInnen beim Vorbeifahren zu mustern.

Keiner weiss, wer der Nächste ist

Auf dem Gelände werden nicht nur Mahlzeiten ausgegeben, es dient auch als Kontaktstelle zwischen MigrantInnen und ihren HelferInnen. Hier wird erzählt, wer unter welchen Umständen festgenommen wurde. Oder auch, dass in der Nacht zuvor drei afghanischen Jungen die Flucht nach England geglückt sei. Der älteste war vierzehn, der jüngste elf.

Den Sudanesen, die bei einer verlassenen Schreinerei um ein Feuer sitzen, steht der Versuch noch bevor. Seit auch ihr Camp geräumt wurde, haben sie in der Halle an den Bahngleisen Richtung Eurotunnel Zuflucht gefunden, die schon seit Jahren MigrantInnen aus Eritrea als Unterkunft dient. Man rückt zusammen und sitzt doch weit auseinander. Drei Feuer brennen in den Ecken des 600 Quadratmeter grossen Gebäudes. Um eines scharen sich die SudanesInnen, um das zweite die ÄthiopierInnen, um das dritte die EritreerInnen. Der Rest der Halle liegt im Finsteren. Plastikbarrieren stehen um den aufgerissenen Boden in der Mitte der Halle. Das Tor lässt sich nicht mehr schliessen. Ein Baumarkt hat ein paar Paletten gespendet, trockenes Brennholz ist knapp im dauerfeuchten Winter am Ärmelkanal.

Steven, der seinen richtigen Namen nicht nennen will und der wie fast alle Sudanesen hier aus der Krisenregion Darfur stammt, hat seine Socken zum Trocknen aufgehängt und wärmt seine Füsse am Feuer. Auf einem Rost im Feuer steht eine undichte Plastikflasche, in der das Wasser für den Tee erhitzt wird. Der Topf wird an diesem Abend an einem anderen Feuer benutzt. Das Einzige, das man hier nicht teile, sagt Steven, seien die Fluchtpläne. Keiner weiss, wer es wann versucht. «Man erzählt niemandem davon. Wenn schon, ruft man später von England aus an.» Jemand kippt Zucker in das Wasser. Leise zischend löst er sich auf. Es kommt vor, sagt Steven, dass einer aus der Gruppe kurz in die Stadt will, und sie sehen ihn dann nie wieder. Die anderen nicken stumm. Zwei Tage darauf ist Steven verschwunden.

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