Nr. 43/2008 vom 23.10.2008

Gestrandet am Ärmelkanal

An der Küste von Belgien und Nordfrankreich warten Tausende auf eine Chance, irgendwie auf die britische Insel zu kommen. Nach den Hafenstädten Calais und Dunkerque verschärfen nun auch die Behörden in Oostende ihre Massnahmen gegen die MigrantInnen.

Von Tobias Müller, Oostende

«Flüchtlinge?» Schifffahrtskommissar Rudy Bollaerts lacht. «Die sind hier nicht mehr!» Das Problem sei längst gelöst. Erst kürzlich war die belgische Migrationsministerin persönlich zu Besuch an der Küste von Oostende und präsentierte zufrieden die Bilanz der Anstrengungen dieses Sommers: 187 Illegale waren verhaftet, ein Drittel davon «repatriiert» worden. Und die Badegäste würden nun nicht mehr länger dem «Zidane-Trick» zum Opfer fallen, bei dem vorgeführte Fussballkunststücke die ZuschauerInnen so sehr in den Bann ziehen, dass sie nicht merken, wie gerade ihre Taschen geleert werden. Beim Besuch der Ministerin hatte die belgische Schifffahrtspolizei ihr technisches Arsenal vorgestellt: einen Röntgenscanner, einen CO2-Dedektor, eine endoskopische Kamera zur Überprüfung von Räumen. Mit diesen Instrumenten soll der Transitmigration in Oostende ein Ende gesetzt werden.

Noch vor kurzem sei, so Bollaerts, die Stadt «das ideale Biotop für Illegale» gewesen, mit Tausenden TouristInnen, die man berauben konnte und einem von Wäldern umgebenen Hafen, der viele Verstecke biete. Von Anfang 2008 bis Juni waren im Stadtgebiet in Oostende 800 Personen beim Versuch, auf einem Lastwagen nach Britannien zu gelangen, verhaftet worden. Die britische Insel ist für MigrantInnen noch immer ein begehrtes Ziel: Dort gibt es reichlich Arbeit, keine Ausweispflicht und wenig Kontrollen (vgl. Kasten ganz unten).

Reine Kosmetik

Die Anlaufstelle des staatlichen Wohlfahrtszentrums CAW, eigentlich für einheimische Obdachlose bestimmt, platzte damals aus allen Nähten, an manchen Tagen tauchten bis zu achtzig Algerier, Marokkaner und Palästinenser auf, um zu duschen, Wäsche zu waschen und die Zeit totzuschlagen. «Sie schliefen im Park unten beim Hafen. Es gab viel zu wenig Nahrungsmittel, und die medizinische Versorgung war völlig unzureichend», erzählt Tine Wyns, die Leiterin des Zentrums. «Viele kamen mit Verletzungen, die sie sich bei den Versuchen, in einen Lastwagen zu gelangen, zugezogen hatten. Die Krankenhäuser leisten nur eine Notversorgung. Sie nähen, aber die Fäden müssen sich die Flüchtlinge selbst ziehen.»

Die überforderten SozialarbeiterInnen suchten Hilfe - und fanden sie beim Roten Kreuz und bei der Organisation Ärzte ohne Grenzen. Beide erklärten sich bereit, in Oostende ein Auffanglager zu eröffnen. Doch die Stadtverwaltung verweigerte die Bewilligung. Ein Flüchtlingscamp in der «Königin der Badestädte», und das zur Hauptsaison? «Die Stadt befürchtete ein Imageproblem», bringt es Dirk Soenen, Koordinator der Anlaufstelle, auf den Punkt. Dass statt humanitärer schliesslich repressive Massnahmen ergriffen wurden, bezeichnet er als eine wirtschaftliche Entscheidung. «Sie wollten die Menschen nur während der Saison aus dem Strassenbild haben. Dabei ging es nicht um eine Lösung, sondern nur um Abschreckung.»

Die Gruppe junger Männer aus dem Maghreb, die auch nach den Polizeiaktionen regelmässig im CAW verkehrt, stimmt ihm zu. Es sind weniger als noch zu Beginn des Jahres, doch ihr Ziel bleibt dasselbe: «Jede Nacht versuchen es ein paar von uns», sagt Yussuf, der schon zwei verregnete Monate im verwinkelten Park am Hafen lebt. Nur eine Strasse trennt das Gelände vom Bahnhof, dahinter liegt der Lastwagenterminal des Hafens. Infrarotzäune und jede Menge Stacheldraht erschweren den Zugang. Dass er es irgendwann nach England schafft, daran zweifelt Yussuf trotzdem keine Sekunde. Nur warten muss er, bis er wieder richtig laufen kann. Vor zwei Wochen war er von der Polizei verfolgt worden; beim Sturz von einem Containerturm habe er sich die Knöchel gebrochen. «Aber sobald ich kann, werde ich es wieder probieren.»

Französischer Dschungel

Hundert Kilometer weiter südlich, kurz nach der französischen Grenze, versucht niemand mehr, die Migranten vom Strassenbild fernzuhalten. Immer wieder tauchen zwei oder drei Gestalten mit Mützen oder Kapuzen aus den Büschen am Wegrand auf und säumen die Strasse. Sie schlendern ein paar Meter neben der Strasse, die zum Hafen von Calais führt, und inspizieren die vorbeifahrenden Laster, als wäre der Trip nach England nur eine Frage der Geduld. Ein paar laufen zwischen den stehenden Autos über die Fahrbahn, bevor sie wieder zwischen den Büschen verschwinden.

Dieses Gebiet wird hier «la jungle» - der Dschungel - genannt und dient als Zufluchtsort von mehreren Hundert Glückssuchern, die kurz vor dem Ziel feststecken. Vor einigen Wochen wurde hier eine Journalistin vergewaltigt, ihrer Beschreibung nach von einem der Flüchtlinge. Dies brachte das Thema zurück an die Öffentlichkeit, aus der es weitgehend verschwunden war, seit der damalige französische Innenminister Nicolas Sarkozy 2002 das umstrittene Camp in Sangatte bei Calais schliessen und abreissen liess.

Das Ende des Lagers von Sangatte war die Geburtsstunde von Association Salam. Seit sechs Jahren verteilen die Freiwilligen der Organisation jeden Abend Essen an die, die in der Stadt gestrandet sind. In einer kleinen Seitenstrasse zwischen dem Hafen und Sangatte drängen sich um die 400 Personen. Anders als in Oostende sind darunter zahlreiche Frauen. Familien mit kleinen Kindern essen aus Plastikschalen. Auf der Rampe, die sich entlang der Front einer Lagerhalle zieht, steht eine Menschenschlange. Sie warten auf die Essensausgabe. Plötzlich ertönt im Hof ein Geschrei, unter den Wartenden ist ein Streit entbrannt, Fäuste fliegen, andere strömen dazu, versuchen zu schlichten. Nervosität macht sich breit. «Stoppt die Ausgabe!», ruft Hélène, eine der AktivistInnen. Als sich die Szene wieder beruhigt hat, erzählt sie, dass Salam gegründet wurde, um der Essensverteilung einen offiziellen Rahmen zu geben und damit die Flüchtlinge vor Polizeiübergriffen zu schützen. Es gebe Tage, da hätten sie hier 700 oder 800 Menschen zu versorgen.

Jahrelange Odyssee

Von den Praktiken der französischen Polizei kann Thomas ein Lied singen. Manchmal dringt eine Einheit in die verlassene Fabrik ein, in der der 24-Jährige und mehr als hundert andere Flüchtlinge wohnen, und versprüht Tränengas. Thomas zeigt auf einen Mann auf Krücken, der einen Schal um den Kopf gewickelt hat: «Ihn haben sie erst vor kurzem verprügelt. Manchmal packen sie uns auch ins Auto und setzen uns ausserhalb der Stadt irgendwo aus.»

Auch Thomas landete bei einer solchen Aktion kurz vor der belgischen Grenze. Neunzehn Stunden brauchte er für die fünfzig Kilometer zurück nach Calais. Für Thomas eine weitere Tagesreise auf einer Odyssee, die vor anderthalb Jahren in Eritrea begann. Der frühere Soldat liess sich in den Sudan schmuggeln. Drei Wochen dauerte die Autofahrt durch die Sahara. Dann kam er in einem kleinen Boot von der libyschen Küste nach Italien. Thomas und seine Frau waren unter den zwanzig Passagieren des Bootes, die Lampedusa erreichten. Die restlichen 117 überlebten die Überfahrt nicht. Obwohl der Abend eher lau ist, zittert Thomas. An der Rampe bildet sich eine neue Schlange. Nach dem Essen verteilen die MitarbeiterInnen von Salam nun Kleidung. Thomas winkt mit seiner Baseballmütze dorthin und empfiehlt sich: «Entschuldigung, aber ich brauche ein paar neue Klamotten.»

Neue Kleider könnten auch Safi und seine Freunde brauchen, die einen Hafen weiter in der kleinen Stadt Loon-Plage gestrandet sind. Doch das Elendsquartier im windzerzausten Ödland um Dunkerque bekommt nur selten Besuch von Hilfsorganisationen. Eine afghanische und eine irakisch-kurdische Gruppe bilden die aktuelle Belegschaft des Camps, das seit fünf Jahren hier draussen zwischen der Zufahrtsstrasse zum Hafen und den rostigen Schienen einer Güterzugstrecke liegt. Über fünfzig Männer hausen in den vielleicht zehn Hütten aus Plastikplanen, Paletten und Abfall, die unter den spärlichen Bäumen errichtet wurden.

Safi hatte gut verdient mit seiner Arbeit in der Antiterroreinheit der irakischen Armee. 14 000 US-Dollar kostete ihn die Reise - erst mit dem Flugzeug in die Türkei und dann viereinhalb Tage versteckt in einem Laster von Istanbul nach Paris. Doch am Ärmelkanal ist Endstation, seit Jahren schon. Safis Freund Ali war damals in Sangatte, danach in einem anderen Land, über das er nicht reden mag. Jetzt ist er zurück, in Sichtweite aufgetürmter Container und Ladekräne. Auch eine leuchtend weisse Fähre, die wie eine Fata Morgana wirkt, hebt sich im Hintergrund gegen das flache Buschland ab. Vorgestern Nacht hat es Ali zum letzten Mal probiert. Er versteckte sich hinter dem Reifen eines Lastwagens, doch der Fahrer entdeckte ihn. Immerhin konnte er verschwinden, bevor die Polizei kam. «Wir sollten hier weg sein, bevor der Winter kommt», sagt Ali bestimmt, und die Umstehenden pflichten ihm bei. «Heute Nacht, morgen Nacht, niemand weiss es.»

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