Nr. 03/2013 vom 17.01.2013

Eine wahre Indianergeschichte

Seit 37 Jahren sitzt der indianische Aktivist Leonard Peltier im Gefängnis. Er soll an der Erschiessung zweier FBI-Agenten beteiligt gewesen sein. Trotz gefälschter Beweise ist Peltier eine Amnestie bisher verweigert worden.

Von Claus Biegert

Leonard Peltier im Bundesgefängnis Leavenworth, Kansas, im September 2000. Foto: Dick Bancroft

Minneapolis-St. Paul, im US-Bundesstaat Minnesota: ein Radiovormittag im Dezember 2012. Laura Wittstock erinnert in der Sendung «First Person Radio» an die Praxis des Landerwerbs mit der Flinte, wie sie im frühen 19. Jahrhundert westlich des Mississippi gang und gäbe war. «First Person Radio» ist eine typische Sendung jener kleinen öffentlichen Radiostationen, die es überall in den USA gibt, die aber täglich um die Spenden ihrer HörerInnen kämpfen müssen, da sie unabhängig bleiben wollen. Laura Wittstock gehört zu den Anishinabe (Eigenname der Ojibway-IndianerInnen), die hauptsächlich in Minnesota zu Hause sind.

Die Moderatorin Wittstock macht derzeit eine Art Inventur, denn der US-Bundesstaat Minnesota feiert seinen 150. Geburtstag. Das Thema an diesem Dezembertag ist der früher übliche Wechsel von Landbesitz in der Prärie: Man überfiel eine kleine Gruppe von Dakota, tötete sie und zog ihnen, Frauen und Kinder eingeschlossen, die Kopfhaut ab. Für Skalps von IndianerInnen zahlte die Regierung Prämien, davon konnten die Siedler dann Farm- und Weideland kaufen. So bewegte sich die Grenze nach Westen. Nach der sogenannten Dakota-Revolte von 1862 wurden 38 Männer in Mankato hingerichtet; es war die grösste Massenexekution in der Geschichte der USA. Der «Grosse Weisse Vater» in Washington hiess damals Abraham Lincoln.

Sprung ins Heute: Auch die Journalistin Amy Goodman setzt an diesem Tag in ihrer preisgekrönten Sendung «Democracy Now!», die in New York produziert und von Montag bis Freitag zeitversetzt bis zur Westküste in Radio und Fernsehen (www.democracynow.org) gleichzeitig ausgestrahlt wird, einen indianischen Schwerpunkt: Es geht um Leonard Peltier, den wohl prominentesten Indianer Nordamerikas, seit 1976 inhaftiert und von Amnesty International als politischer Gefangener anerkannt – ihm gibt Amy Goodman immer wieder Raum. Das tut sie seit Jahren, und sie wird es tun, bis er frei ist. Derzeit zielt alle Hoffnung auf Präsident Barack Obama: Wird er Peltier begnadigen, bevor er seine zweite Amtszeit antritt? Barack Obama ist nicht der erste Präsident, der aus allen Teilen der Welt Bittgesuche erhält. Die bisherigen Oberhäupter wurden, sofern sie, wie Bill Clinton, überhaupt eine Begnadigung in Erwägung zogen, immer vom FBI umgestimmt.

Das Federal Bureau of Investigation will die Rache weiter auskosten, will den Indianer weiter hinter Gittern sehen. Bis zum Ende seines Lebens.

Fortschrittliche und Traditionalisten

Was geht hier vor? Man muss weit zurückblicken, um eine Antwort zu finden. Die Eroberung Nordamerikas ist eine Geschichte des Mordens und Skalpierens. Als die Indianerkriege mit dem Massaker am Wounded Knee Creek im Dezember 1890 offiziell als beendet galten, die Soldaten der 7. Kavallerie in Washington mit Tapferkeitsmedaillen dekoriert und die Reste der Stämme in Gefängnislager umgesiedelt worden waren, galt das Indianerproblem als gelöst. Das 1824 gegründete Indianerbüro war bereits vom Kriegsministerium dem Innenministerium angegliedert worden, und die Internierungslager hatte man in «Reservate» umbenannt. An die Stelle des Ausmerzens trat jetzt die Assimilation. Die Kinder wurden von den Eltern getrennt und in Boardingschools – Internate ausserhalb der Reservate – untergebracht. Wer beim Sprechen der eigenen Sprache erwischt wurde, musste mit Einzelhaft in Ketten rechnen. Den Heranwachsenden, die den «American way of life» bejahten, wurde der Weg geebnet, sie erhielten Posten in den vom Bureau of Indian Affairs (BIA) eingeführten Stammesregierungen nach weissem Muster. Die traditionellen Häuptlinge wurden als Sprecher nicht mehr gehört.

Von nun an existierten in der indianischen Welt zwei Lager: die «progressives» und die «traditionals». Die Fortschrittlichen, die sich von ihrer Kultur distanzierten, wurden von den Traditionalisten spöttisch «apples» genannt: Äpfel – aussen rot, innen weiss. Wollte die US-Regierung den Zugriff auf Reservatsland, hatte sie in den vom BIA eingesetzten Stammesregierungen willfährige Partner, vor allem wenn es um militärische Nutzung und Bodenschätze ging. Alles wurde mit Geld geregelt.

Im Februar 1973 barst das System der Unterdrückung, und zwar dort, wo im Dezember 1890 der Mord an fast 300 Männern, Frauen und Kindern der Minneconjou-Lakota begangen worden war: am Cankpe Opi, dem Flüsschen Wounded Knee im Reservat Pine Ridge, dem ehemaligen Gefangenenlager 344, im Bundesstaat South Dakota.

Zwar war die Besetzung von Wounded Knee nicht der erste grosse Akt des Widerstands – zwei Jahre zuvor hatten Indianer verschiedener Stämme die leere Gefängnisinsel Alcatraz vor der Küste San Franciscos besetzt, um eine Universität zu errichten –, jedoch hat keine Protestaktion davor und danach die indianische Welt derart aufgerüttelt und geeint wie jener Aufstand im Februar 1973. Es waren die alten Frauen der traditionell gesinnten Bevölkerung gewesen, die den Rassismus ausserhalb des Reservats, die fortschreitende Zerstörung der Landwirtschaft im Reservat, die extreme Armut, die Arbeitslosigkeit, die hohe Selbstmordrate, die kulturelle Entfremdung der Kinder, die Bevormundung in allen Lebensbereichen durch eine Diktatur der korrupten Stammesregierung nicht mehr hinnehmen wollten. Und nicht zuletzt wollten sie auf den Diebstahl ihrer heiligen Berge, der Black Hills, aufmerksam machen. Laut dem Vertrag von Laramie aus dem Jahr 1876 gehörte das Bergmassiv noch immer den vereinigten Stämmen der Lakota, Dakota und Nakota. Es war die Idee der stammesältesten Frauen, das American Indian Movement (AIM) zu Hilfe zu rufen.

Besetzung als Medieninszenierung

Das AIM war im Gefängnis Stillwater entstanden, nördlich von Minneapolis-St. Paul. Verschiedene Gefangene, unter ihnen die Anishinabe Dennis Banks und Clyde Bellecourt (zwei, die heute zur Prominenz Minnesotas gehören), hatten erkannt, dass sie, sollte sich je etwas ändern, selbst eine Alternative zum bestehenden System schaffen mussten. Wieder auf freiem Fuss, bauten sie eine Stadtteilpatrouille auf, die nachts nach dem Schliessen der Bars den Polizeistreifen folgte, um Übergriffe der Polizisten auf IndianerInnen zu verhindern. Immer wieder war es zu Vergewaltigungen von Frauen gekommen, Männer wurden regelmässig festgenommen. Das war 1968. Die Kunde von der effizienten Sozialarbeit des AIM machte die Runde im Westen der USA. Wounded Knee sollte dem AIM dann zu nationaler Popularität verhelfen.

Als die Aktivisten am 27. Februar 1973 singend und die Trommeln schlagend nach Wounded Knee zogen, erfüllten sie alle stereotypen Bilder, die Hollywood in den Köpfen der AmerikanerInnen verankert hatte: Sie trugen Federn in den langen Haaren, hatten Fransen an ihren Lederjacken, sie sangen Lieder, die nur sie verstanden, sie hatten Gewehre, auch wenn manche nur Attrappen waren, und sie waren entschlossen, nicht mehr zu weichen. Die Rechnung ging auf: Oskar Bear Runner, ein alter Oglala-Lakota, stellte sich mit seinem Gewehr, das kaum mehr zum Schiessen taugte, vor den ersten Fotografen, und sein Bild ging um die Welt. Man entschloss sich, die «trading post» von Wounded Knee, einen Souvenir- und Gemischtwarenladen, und das Gelände um den Friedhof zu besetzen. Geiseln wären für die Medien nicht schlecht, meinte einer der Anführer. Der Inhaber des Ladens und seine Familie erklärten sich einverstanden, zu elft die Rolle der Geiseln zu übernehmen, um durch ihre Anwesenheit vorschnelle Übergriffe der Polizeikräfte zu verhindern.

In Washington wurde der Protest als Angriff auf die nationale Sicherheit eingestuft, denn das AIM galt als «kommunistisch unterwandert». Alexander Haig, der stellvertretende Stabschef der US-Armee, berief eine Sondersitzung im Pentagon ein. Wir wissen nicht, ob General Haig an diesem Morgen des 28. Februar 1973 an das letzte Jahrhundert dachte, als er zwei seiner besten Leute, beides hohe Offiziere mit Vietnamerfahrung, herausgriff und beauftragte, sich der Sache anzunehmen. Haig legte Wert darauf, dass sie bei diesem Auftrag keine Uniform trugen. Die Zeiten hatten sich geändert, die Medien sollten nicht sofort merken, dass die Armee im eigenen Land eingriff. Denn das war seit dem Bürgerkrieg nicht mehr passiert; im Übrigen fehlte die legale Basis: Es gab weder eine Kriegserklärung noch einen Sonderbefehl des Präsidenten, der Richard Nixon hiess. Aber es gab einen Beschluss aus den sechziger Jahren mit dem Titel «Garden Plot» (Verschwörung im Garten), und auf den stützte sich Haig. Garden Plot sollte Anwendung finden, wenn das Sozialgefüge der USA von Bewegungen innerhalb des Landes bedroht war. Für diesen Fall war ein Zusammenwirken aller Verteidigungskräfte vorgesehen: Armee, Marine und Luftwaffe gemeinsam mit der Nationalgarde, den US-Marshals und der Highway Patrol.

Zu den Partnern vor Ort gehörte auch noch das FBI, das Cointelpro anwenden wollte, eine Unterwanderungsmethode, die bereits bei der Black Panther Party, der revolutionären Befreiungsbewegung der Schwarzen, zum Einsatz gekommen war. Und dann gab es noch die indianische Reservatspolizei sowie eine vom Stammesratsvorsitzenden Dick Wilson eingesetzte Privattruppe, die Goons. Die Befehlshaber im Pentagon einigten sich auf 17 Panzer, dazu Helikopter und Phantombomber nach Bedarf, 130 000  Schuss Munition vom Typ M-16, 41 000  vom Typ M-1, 24 000  Leuchtraketen, 12 M-79-Abschussrampen, 600 Patronen Tränengas, 100 M-40-Sprengkörper.

Das Militär rückte an, und mit ihm die Medien. Vielleicht wäre es ausser den zwei Toten auf indianischer Seite zu grösserem Blutvergiessen gekommen, wenn die Belagerung nicht von den Augen der internationalen Öffentlichkeit stattgefunden hätte. Der Ausnahmezustand dauerte 71 Tage. Immer deutlicher offenbarte sich, dass der Aufstand von symbolischem Charakter war und allein zum Ziel hatte, in einen fruchtbaren Dialog mit der US-Regierung zu treten. Am 8. Mai kapitulierten die Traditionalisten, die während ihrer Besetzung die «Unabhängige Oglala-Nation» ausgerufen hatten.

Zwei Jahre Terror

Die anschliessenden Strafprozesse gegen die Aufständischen in Minneapolis-St. Paul wurden eingestellt. Als Richter Fred Nichols feststellen musste, dass sämtliche Telefonate der Angeklagten mit ihren Anwälten vom FBI abgehört wurden, sich ausserdem das Weisse Haus weigerte, Gesprächsprotokolle zu Wounded Knee dem Gericht auszuhändigen, stellte er die Verfahren ein. Von Nichols ist der Ausspruch überliefert, er habe bisher an die amerikanische Verfassung, die Flagge und Apple Pie geglaubt. Davon sei jetzt nur noch der Apfelkuchen geblieben. Anders William Janklow, der Gouverneur von South Dakota: Er gab öffentlich bekannt, die einzige Lösung des Indianerproblems sei eine Kugel durch den Kopf der militanten Indianerführer Dennis Banks und Russell Means.

Was wie ein Höhepunkt erschien, war jedoch nur der Anfang. Washington wollte sichergehen, dass der Widerstand nicht wie ein Lauffeuer auf die anderen Stammesgebiete übergreifen würde. Unter dem Boden der Reservate lagen wertvolle Bodenschätze: Uran, Öl, Kohle, Gold. Man brauchte kooperative Stammesregierungen. Würden die Reservate künftig von Traditionals kontrolliert, wäre der ungehinderte Zugriff auf die Ressourcen gefährdet.

Also wurden über dreissig FBI-Agenten in Kampfanzügen auf dem Reservat Pine Ridge stationiert und die Privatpolizei des Stammesrats mit Bier und Munition versorgt, damit das Bild sichergestellt war, das nach aussen hin präsentiert wurde: ein drohender Reservatskrieg, der nur durch das Eingreifen des FBI verhindert werden könnte. Tatsächlich war es das FBI, das einen Krieg zwischen Traditionals und Progressives schürte. Über sechzig ReservatsbewohnerInnen wurden erschossen, die Morde sind bis heute nicht aufgeklärt. Zwei Jahre dauerte der Terror. Eine Fahrt zum Supermarkt war für Traditionals lebensgefährlich.

Falsche Zeugenaussage

Die permanente Erinnerung an diese Ära der Angst ist Leonard Peltier, der seit 1976 im Gefängnis lebt. Er war am 26. Juni 1975 in eine Schiesserei verwickelt, die von zwei FBI-Agenten ausgelöst worden war, die – so die Verlautbarung des FBI – einen Jugendlichen verhaften wollten, der bei einem Überfall ein Paar Cowboystiefel gestohlen hatte. Den genauen Hergang wird man nie erfahren. Am Schluss des Schusswechsels lagen die zwei FBI-Agenten und ein junger Indianer tot am Boden. Von den drei steckbrieflich gesuchten AIM-Mitgliedern wurden zwei – Bob Roubideau und Dino Butler – kurz darauf in South Dakota gefasst; der dritte – Leonard Peltier – war nach Kanada geflohen. Wäre er in den USA geblieben, wäre er heute frei. Denn Roubideau und Butler wurden beim Prozess in Iowa freigesprochen; die Geschworenen erkannten die Selbstverteidigung an.

Jetzt war Leonard Peltier im Fadenkreuz der Polizeikräfte, quer über den Kontinent wurden die Steckbriefe ausgehängt. Anfang 1976 wurde er in Kanada aufgespürt, gefasst und aufgrund von Zeugenaussagen, die das FBI selbst verfasst hatte, an die USA ausgeliefert. Dass die Kronzeugin Myrtle Poor Bear vor Gericht in Fargo, North Dakota, zusammenbrach und zugab, zur Unterschrift gezwungen worden zu sein und Leonard Peltier gar nicht zu kennen, änderte nichts am Prozessverlauf: Peltier wurde zu zweimal «lebenslänglich» verurteilt, mit dem Zusatz: «hintereinander abzuleisten».

Peltier kam in den Hochsicherheitstrakt von Marion im US-Bundesstaat Illinois. Im dritten Jahr verlegte man ihn in das Lompoc Prison, eine Haftanstalt in Kalifornien, aus der noch Ausbrüche möglich waren. Man hatte ihm einen indianischen Häftling zur Seite gegeben, der ihn zur Flucht überreden sollte. Peltier durchschaute den Plan – und wagte dennoch den Ausbruch. Er schaffte es, der andere wurde von den Wachen erschossen. Vielleicht war auch das Teil des Plans. Vier Tage verbrachte er in einem Melonenfeld, bis ihn der Farmer entdeckte und die Polizei rief. Der Sheriff, der den Anruf entgegennahm, wusste, dass er verpflichtet war, das FBI zu informieren. Er tat es erst, als er bereits auf dem Weg zum Feld war. Als ein Unbekannter mit gezogener Pistole erschien, hatte der Sheriff Peltier bereits die Handschellen angelegt. «In meiner Gegenwart wird nicht getötet», sagt er zu dem FBI-Mann. «Er hat mir das Leben gerettet», sagt Peltier. Später, vor Gericht in Los Angeles, als ihm der Prozess wegen des Ausbruchs gemacht wurde, entpuppte sich der FBI-Mann im Kreuzverhör der Verteidigung als Mitglied eines Sonderkommandos, das eingesetzt wird, um FBI-Agenten zu rächen, die in der Ausübung ihres Amts ums Leben kamen.

Nichts von dem, was Peltiers Schuld beweisen sollte, hielt einer Überprüfung stand. Selbst ballistische Berechnungen waren verändert. Ein neuer Prozess wurde ihm verweigert. Da der Vorwurf des zweifachen Mordes nicht zu halten war, verwandelte das Gericht die Anklage in Beihilfe zum Doppelmord («aiding and abetting»). Das Strafmass gegen ihn blieb unverändert. Da halfen auch Interventionen von prominenter Seite nicht: Der Erzbischof von Canterbury, Erzbischof Desmond Tutu, Nelson Mandela, der Dalai Lama, 55 Kongressabgeordnete, ParlamentarierInnen aus Kanada und Mitglieder des Europaparlaments, alle führenden indianischen Organisationen, selbst einstige Richter und Ankläger pochen immer wieder auf seine Freilassung.

Der Sonnentanz

37 Jahre sind es in diesem Winter. Leonard Peltiers Geist ist ungebrochen. Aber er ist 69 Jahre alt, ergraut, gebeugt, er hat Diabetes, hohen Blutdruck und Verdacht auf Prostatakrebs. Dazu kommt die Erblindung auf einem Auge infolge eines Schlaganfalls. Ärztliche Versorgung muss er sich erkämpfen. Jahrelang konnte er sich wegen einer Kiefersperre nur mithilfe eines Strohhalms ernähren. Erst als ein Arzt der Mayo Clinic seine Dienste gratis anbot, wurde er 1999 operiert. Jetzt ist eine Nachbehandlung vonnöten, doch die wird ihm verweigert. Täglich gehen Petitionen im Weissen Haus ein, die seine medizinische Betreuung fordern. Derzeit ist seine Adresse das Hochsicherheitsgefängnis Coleman in Florida. «Sie suchen immer die grösstmögliche Entfernung zu meinen Verwandten im Turtle Mountain Reservat in North Dakota», sagt er am Telefon.

Wenn Leonard Peltier genügend Farben hat, dann malt er. Peltier hat sich das Malen selbst beigebracht, und eine Zeit lang hat der Verkauf seiner Bilder die Anwälte finanziert. Er fing an zu dichten, und mehrere Jahre gab er die Zeitung «Crazy Horse News» heraus; ausserdem veröffentlichte er seine Biografie «My Life is My Sundance».

Der Sonnentanz ist die zentrale Zeremonie im spirituellen Leben der Präriestämme: Die Männer tanzen um den heiligen Baum und sind über Lederschnüre mit dem Stamm verbunden; diese Schnüre führen durch Hautschlaufen oberhalb der Brust. Der Schmerz ist Meditation, Konzentration auf die Kräfte der Erde, die sie als Mutter verehren. Und kollektives Erleiden für jene, die kraftlos werden im Antlitz der Krisen. Und nicht zuletzt ein Ausgleich für den Schmerz, den Frauen ertragen müssen, wenn sie neues Leben gebären. «Meine Gefangenschaft ist mein Sonnentanz», sagt Peltier mit einer Stärke, die erstaunt. «Sie erstaunt euch Weisse», sagt er, «wir Indianer haben über Jahrhunderte gelernt, Schmerzen und Verluste zu ertragen und trotzdem nicht aufzugeben.»

Schikanen verhindern oft sein kreatives Schaffen. Zuletzt wurde eine Zwanzigdollarnote mit der Post in seine Zelle geschmuggelt; als er den Schein sah, liess er ihn zurück geben. Doch der Strafbestand war erfüllt: der unerlaubte Besitz von Geld. Es folgten Wochen in Isolationshaft. Die Schwitzzeremonie ist längst wieder verboten. Mit den Medizinmännern, die als spirituelle Betreuer ungehinderten Zugang zu ihm hatten, gelang es ihm in den achtziger Jahren, eine Schwitzhütte für indianische Gefangene zu etablieren. Peltiers Blick geht in die Ferne, wenn er davon spricht. «Wenn es schwarz wird um mich herum und wenn das Wasser auf den glühenden Steinen verdampft, dann bin ich frei. Mein Geist kann fliegen.» Sein Geist darf nicht fliegen. Er darf ausser Familienangehörigen und einem Medizinmann weder Journalistinnen noch Freunde sehen. Und als sie herausfanden, dass ihn mit dem Navajo-Schamanen Lenny Foster, seinem jetzigen spirituellen Betreuer, freundschaftliche Bande verbinden, wurden dessen Besuche gestrichen. Begründung: Foster ist keine religiöse Autorität mehr, sondern ein Freund.

New York, Beacon Theatre am Broadway: «Bring Leonard Peltier Home» steht im Lichtkasten über dem Eingang. Zwei amerikanische Legenden – Harry Belafonte (85) und Pete Seeger (93) – haben kurz vor Weihnachten zu einem bunten Abend mit Reden und Liedern eingeladen, um den Namen des Gefangenen Nr. 89 637–132 wieder ins Bewusstsein zu holen. Peltiers erste Anwälte leben nicht mehr, die neue Generation in den Redaktionen der TV-Stationen und Zeitungen hat seinen Namen noch nie gehört. An die 2000 Menschen sind gekommen, Amy Goodman von «Democracy Now!» ist auch dabei. Der Dokumentarfilmer Michael Moore tobt, als er ans Rednerpult tritt: «Solange Peltier nicht frei ist, sind wir alle nicht frei.»

Offiziell soll Leonard Peltier 2040 freigelassen werden; er wäre dann 96 Jahre alt.

Dieser Artikel wurde ermöglicht durch den Recherchierfonds des Fördervereins ProWOZ. Dieser Fonds unterstützt Recherchen und Reportagen, die die finanziellen Möglichkeiten der WOZ übersteigen. Er speist sich aus Spenden der WOZ-Leser:innen.

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