Nr. 04/2010 vom 28.01.2010

«So schön ischs uf em Bärg»

Für Knechte und Mägde, die sich nach jahrzehntelanger schwerer Arbeit nicht nutzlos fühlen wollen, gibt es im Kanton Bern eine Art Altersheim mit Bauernhof.

Von Marco Lauer

Er steht in seinem Zimmer, draussen dunkler Morgen, Walter Michel, klein und gebeugt, im 71. Jahr, Schirmmütze über schütterem Grau, den Blick wie meist nach unten gesenkt, lächelt ein löchriges Gebiss frei und macht knappe Worte, weil man mehr nie verlangte von ihm: «Es ist gut hier.» Hinter ihm an der Wand erzählen Bilder sein Leben, das im Oktober 1938 begann und hier zum dritten und wohl letzten Mal halt macht.

Im bäuerlichen Dorf Ringgenberg geboren, im Berner Oberland, als erstes von fünf Kindern, schickte ihn sein Vater, der zur See fuhr, zum Hof eines Bauern nach Ins, Ende 1959, sich zu verdingen, hundert Kilometer weit von zu Hause. Der Bauer findet Verwendung für ihn. Weil es noch wenige Maschinen gibt zu jener Zeit.

Walter Michel bleibt in Ins, 44 Jahre lang, als Knecht. Führt ein den Körper verschleissendes Leben in strengem Rhythmus, das ihn abends früh ins Bett zwingt und morgens noch früher hinaus, um halb fünf, sechs Tage die Woche. Mit einem Horizont, der begrenzt war von der Dorfkirche am Sonntagmorgen und der Dorfkneipe am Samstagabend. Wohin er meist ging, nachdem er allwöchentlich am späten Samstagnachmittag den schmalen Lohn von der Bäuerin empfing. Im Jahr 2003 verlässt er das kleine Zimmer, in das er 1959 gezogen war. Längst hatte ihn der Bauer nur noch aus sentimentalen Gründen behalten. Auf dem Feld waren die Traktoren, im Stall die Melkmaschinen. Als der Sohn den Betrieb übernimmt, packt Walter Michel, fügsamer Charakter, still und ohne Murren alles, was er besitzt, in zwei Koffer und verlässt mit 65 Jahren den Ort, den er nie verlassen hatte.

«Komm uns mal besuchen»

Der junge Bauer kauft ihm ein Billett nach Bern, von dort weiter ins kleine Oeschberg, eineinhalb Stunden Fahrt ins neue Leben, der alte gibt ihm eine letzte Urkunde mit auf den Weg, «für 44 Jahre treue Dienste», und eine Umarmung. Mit feuchten Augen. «Komm uns mal besuchen, Walter.»

Dann kam Walter Michel hierher, wo er es gut findet seitdem. Ins Dienstbotenheim Oeschberg. Das einzige Altersheim in der Schweiz, das allein ehemaligen Knechten und Mägden eine Heimstatt gibt. Der letzten Generation von ihnen; die Höfe werden immer weniger, und die wenigen haben viele Maschinen und brauchen keine Menschen mehr.

Jenen aber, die hier sind, 34 Männer und fünf Frauen, 60 Jahre alt der jüngste, 89 der älteste, möchte man das Gefühl geben, noch gebraucht zu sein. Eine letzte Stelle angetreten zu haben. Möchte ihnen ihren Stolz nicht nehmen, der nie gross war, aber immer vorhanden, weil sie etwas schafften mit ihren Händen.

Es ist zehn Uhr am Vormittag. Vorne, an der viel befahrenen Strasse, die von Zürich über Land nach Bern führt und das Haupthaus des Dienstbotenheims vom Nebengebäude trennt, sitzen zwei der Bewohner auf einer Bank, Zigarette zwischen die Lippen geklemmt und den Gehstock zwischen die Beine. Sie müssen nicht mehr arbeiten hier. Das ist der Unterschied zu ihren früheren Leben. Ein Segen, den ihnen das Alter beschert. Der zum Fluch würde, müssten sie immer dort sitzen. Aber sie dürfen ja noch etwas tun. Wenn sie wollen. «Die freiwillige Arbeit macht unser Heim so besonders,» sagt bedächtig Alexander Nägeli in seinem kleinen Büro. Er ist ein grosser, sehniger Mann, früher Landwirt. Mit 38 zog er im April 1986 als Leiter des Heims mit seiner Frau ins Dachgeschoss des herrschaftlichen Haupthauses. Seine Arbeit hier sei weiterhin noch fast zur Hälfte die eines Landwirts. Denn im Grunde ist das Dienstbotenheim nichts anderes als ein Altersheim mit angeschlossenem Bauernhof. Elf Hektar Wald gehören dazu, sechseinhalb Hektar Äcker mit Kartoffeln, Gerste, Weizen. Obstbäume und Beerenplantagen. Gleich hinter dem Haus liegen die Ställe für die Hühner, die Schweine, die Kühe. «Und für jeden Bereich haben wir hier einen Spezialisten», lächelt Nägeli.

«Mit dem Heiraten pressierts nicht»

Walter Michel ist der Spezialist für die Hühner. Jeden Morgen mistet er ihren Stall aus, bringt vorsichtig die frisch gelegten Eier in die Küche. Geht wieder zurück, den Kuhstall zu säubern. Eigentlich ist er fast ein Generalist. Des Ausmistens. Nur der Schweinestall ist tabu für ihn. Dort regiert Christian Zingg, der 72 ist und schon seit dreizehn Jahren in Oeschberg, mit Besen und Schlauch, mit freundlichen Worten und nur selten mit harter Hand. «Ich mag halt die Schweine», ruft er durch den Lärm, den eine Sau verursacht, weil er ihren massigen Leib gerade mit dem Wasserstrahl abspritzt, «und die Schweine mögen mich.» Fast vierzig Jahre lang begleiteten sie sein Leben auf einem Hof im Jura. Ledig und ohne Kinder. Christian Zingg sagt: «Es pressiert ja nicht mit dem Heiraten.» Das tat es bei fast niemandem hier.

Man verdiente wenig, die Arbeit war hart, der Bauer meist streng. Für mehr als einen oder zwei Knechte gewährte er keinen Platz. Eine Familie zu gründen, hätte bedeutet, den Hof verlassen zu müssen. Einen eigenen aber konnten sie sich nicht leisten. Also blieben sie allein.

Vroni Staub steht nebenan im schmalen Waschhaus. Ihr «Amt» ist das Bügeln. Und ihre Leidenschaft, von Zeit zu Zeit, das Malen. Weil sie lieber beobachtet als redet, verewigt sie am liebsten die Gesichter der Mitbewohner. Verena Nägeli, die Frau des Chefs, freut sich so sehr darüber, dass sie die Bilder überall aufhängt – im Waschhaus, in der Küche, im Flur, im Fernsehzimmer. Jedes ihrer Bilder zeichnet Vroni Staub mit ihrem Namen. Darüber schreibt sie in wackeliger Schrift eine kurze Beschreibung des Werks, die sich im Namen des Porträtierten erschöpft: «Der Herr Ribli», «Die Frau Nägeli». Namen sind das Einzige, was sie schreiben kann. Nach einem kurzen Schulaufenthalt Anfang der fünfziger Jahre sind ihr die Worte mit der Zeit abhanden gekommen. Für das, was sie tat, brauchte sie keine. Als einfache Dienstmagd empfing sie nur Mündliches, und das oft sehr deutlich.

«Verbittert ist keiner»

«Die Menschen, die hierher kommen, sind vom Leben nicht verwöhnt worden», sagt Alexander Nägeli, der vor seiner Zeit als Chef von Oeschberg auch mal ein Jugendheim leitete. Auf dem Weg von seinem Büro zum Nebenraum läutet er die Glocke, die das Mittagessen ankündigt, elf Uhr. «Aber verbittert ist trotzdem keiner», sagt er. Nur rau. Vor allem die Männer. Deswegen auch ist die alte Hausordnung noch in Kraft, die seit Gründung des Heims neben der Eingangstür hängt, verfasst in altdeutscher Schrift. Unterteilt in 22 Paragrafen. Paragraf 10 besagt: «Es ist verboten, im Hause auf den Boden zu spucken.» Paragraf 22: «Die sämtlichen Hausbewohner sollen sich befleissen, das Heim zu einer Stätte des Friedens zu machen.»

Eine Stätte des Friedens hatten auch die Geschwister Ferdinand und Elise Affolter im Sinn, als sie im Jahr 1906 aus ihrem Gasthof Sonne, mit dem sie zu einigem Wohlstand gelangt waren, das Dienstbotenheim Oeschberg machten. Weil die «Bern–Zürich-Strasse» vorbei am Haus Hauptachse war zwischen den grossen Städten. Als dann die Bahnlinie gebaut wurde und immer weniger Gäste kamen, entschieden sie sich, schon hochbetagt und noch immer ledig, «dem braven Gesinde» ein Heim zu geben.

Kurz nach dem Geläut ergiesst sich von draussen her ein langsamer Strom alter Menschen durch den schmalen Flur in Richtung Speisesaal. Sie kommen aus den Ställen, vom Feld, aus dem Waschhaus. Und fünf von ihnen waren heute Vormittag im Wald, Holz schlagen für den Winter. Mit ihrem «Chef», wie sie Heimleiter Nägeli nennen. Sie gehen vorbei am Fernsehzimmer, am Büro des Chefs, am kleinen Lift, der aus Scham so selten benutzt wird wie möglich. Vorbei auch an den drei Bänken, die im Flur stehen, meist gut besetzt. Wer zu oft darauf gesehen wird, muss sich aber manchmal den Spott der anderen gefallen lassen. «En fule Siech» zu sein beispielsweise. Die Körper der BewohnerInnen sind meist gebückt, ihre Meinung aber sagen sie geradeheraus. Schön reden haben sie nie gelernt.

«So ein schöner Tod»

Die Bänke sind auch eine Informationsbörse, an der kurz nach dem Frühstück morgens um sieben schon durchsickert, was es zu Mittag gibt. Was sich derjenige, der Geburtstag hat, zum Essen wünscht, wie es Sitte ist in Oeschberg. Oder wo man sich immer wieder die Geschichte vom Hügli Hans erzählt. Der vor einem Jahr starb. Keiner lebte länger hier: 25 Jahre. Keiner wurde älter: 99 Jahre. Und niemand konnte besser mit den Pferden umgehen als er. Kurz nachdem die Stute Herta gestorben war, «seine» Stute, wie man sagte, biblische fünfzig Jahre alt, wollte wohl auch er nicht mehr. An einem Sonntag nach dem Mittagessen, mit Hemd und Krawatte unter dem Pulli, griff er zu seinem Stock und ging hinüber in die «Bude», den kleinen, immer gut geheizten Raum hinter dem Kuhstall. «Eine rauchen» wollte er, weil er immer viel geraucht hatte. Die Zigarette zündete er noch an. Aber sie rauchte sich selbst zu Ende. Den Hügli Hans fand man später eingeschlafen auf einem Stuhl vor dem Kachelofen. Erzählen sie davon auf dem Flur, dann klingt es immer ein bisschen wehmütig. «So alt geworden und so ein schöner Tod.»

Neben den Tellern liegen die Tabletten. Auf den Tellern die Post. Tabletten gibt es jeden Tag. Post selten. Sobald jemand sitzt, beginnt er, seine Suppe zu löffeln. An der Wand über dem Tisch hinten links, an dem die Frauen immer sitzen, hängt ein Kalender. Das letzte Blatt zeigt den Januar 2009. Als ob sich die Zeit hier drin ein bisschen langsamer bewegt als draussen und man nicht mehr taggenau auf ihrer Höhe sein muss. Vielleicht aber fand man auch nur den Spruch so gut, dass man ihn hängen liess: «Heiterkeit würzt das Leben.»

Das Heimleiterpaar sitzt zusammen mit dem Personal in einem kleinen, abgeteilten Raum, getrennt vom Speisesaal durch einen offenen Türrahmen. Von dort sieht Alexander Nägeli jeden Mittag seit 23 Jahren auf seine Pensionäre wie auf seine Kinder. Obwohl er selbst schon ein Jahr älter ist als die jüngsten hier. Wie immer sieht er sie schweigen beim Essen. Was hat man nicht schon versucht, sie ein bisschen zur Konversation anzuregen. Erst vor kurzem hat seine Frau eine kleine schriftliche Aufmunterung auf jeden Tisch gelegt. «Gespräche mit den Tischgenossen sind wichtig und sollen gepflegt werden.» Nägeli lächelt. «Sie wollen einfach nicht reden beim Essen.» Was er im Grunde versteht. «Früher war der Einzige bei Tisch, der gesprochen hat, der Bauer.» Das lasse sich später wohl nicht mehr ändern. Am Ende des Mittagessens steht er auf und spricht. Für sie gewissermassen. Ein Gebet. «Für Speis und Trank und täglich Brot, wir danken Dir oh Gott.»

Danach trennen sich die Wege. Viele gehen auf ihr Zimmer. Im Flur herrscht um diese Zeit Leere. Nur Werner Zulliger sitzt auch dann meist dort, der Älteste. Und Albert Schmid, der Jüngste und etwas Wunderliche. Schmid erzählt beseelt von seiner Begegnung mit Jesus. Schöner sei der als alle Menschensöhne. Werner Zulliger nickt unmerklich mit dem Kopf, der auf seinen Händen ruht, die wiederum auf seinem Stock ruhen. Aus dem Fernsehzimmer dringt immer wieder stossartiges Lachen. Es kommt von Rosmarie Kuhn, einer stabilen Frau mit rundem Gesicht und kurzen Haaren. Keiner im Heim lacht mehr und lauter als sie. Auch nicht ihr Bruder, der kurz nach ihr hierher kam. Und nun läuft im Fernsehen gerade eine Dokumentation über Kamele. Deren Gesichtsausdruck Rosmarie Kuhn fast zum Weinen bringt vor Lachen.

«Achtung. Altersheim.»

Die anderen sitzen draussen vorm Haus an der Strasse, lassen sich von der Mittagssonne wärmen und rauchen und schauen und wundern sich. Wohin die ganzen Menschen in den Autos ständig unterwegs sind, von denen hier so viele vorbeikommen. Eigentlich amüsieren sie sich eher darüber. Die Strasse hat Unterhaltungswert. Obwohl sie auch eine Gefahr ist. Am Ortseingang steht ein Schild: «Achtung. Altersheim.» Doch die Strasse ist eine lange Gerade, auf der selbst die Laster zu schnell fahren. Erst vor einiger Zeit erwischte es einen der Bewohner, als er in der Dämmerung die Strasse überquerte. Er war sofort tot, genauso wie die Motorradfahrerin. Seitdem tragen sie bei Dunkelheit nun alle orangefarbene Leuchtwesten.

Um halb zwei erwacht plötzlich wieder das Leben. Einer lässt den Traktor an. Die Kühe müssen rausgeführt werden auf die Weide. Die Schweine noch mal gefüttert. Und Walter Michel, sein Tagewerk hat er am Vormittag im Grunde vollbracht, überschreitet die Grenzen seines «Amtes» und fährt mit in den Wald, wohin der Chef heute ein zweites Mal aufbricht.

Zum Abendessen um halb sechs sind sie zurück, «für Speis und Trank und täglich Brot, wir danken Dir oh Gott.» Danach neigt sich langsam der Tag. Auch für Walter Michel. Mit seiner Leuchtweste über der blauen Arbeitsjacke geht er hinüber zum Nebengebäude, wo er im ersten Stock sein Zimmer hat.

«Tanzen konnte ich nie gut»

Ein schmales Bett steht in Michels Zimmer. Ein kleiner Tisch, darauf sein Stolz: ein Radio mit CD-Player und fünf CDs. Er nimmt eine davon, «Schweizer Volksmusik- und Schlagerstars», möchte sie einlegen. Aber sie fällt ihm aus der Hand. Er versucht, sie vom Boden aufzulesen. Zweimal. Dreimal. Beim vierten Mal gelingt es ihm. Als die Musik ertönt, bewegt er sich ein bisschen dazu und hört schnell wieder auf. «Tanzen konnte ich nie so gut», sagt er. Kurz darauf fängt er an, mitzusingen, in falscher Tonlage. «Oh wie schön ischs uf em Bärg, wo im Summer alles so schön blüiet.» Er lächelt und zieht dabei seinen Kopf ein. Wie ein Junge, der etwas angestellt hat. An der Wand hängen Bilder: von seinen Eltern, von seinen zwei Schwestern, von seinen zwei Brüdern. Von deren Hochzeiten und deren Kindern. «Es ist gut hier», sagt er. «Hat man was zu tun.» Im Schrank stehen die beiden Koffer, mit denen er von Ins hierher kam und von Ringgenberg nach Ins. Den alten Bauern besucht Walter Michel, treuer Charakter, jeden dritten Sonntag im Monat. Sieht in Ins, was er 44 Jahre sah. Auch schöne «Meitli». Wie schon immer. Leider war für ihn nie eine dabei.

Vor kurzem hatte er Geburtstag. «Das war schön.» Morgens stand er auf und gab sich frei. Tags zuvor schon hatte er sich Pommes Frites mit Bratwurst gewünscht und zum Dessert Schwarzwälder Kirschtorte mit Rahm. Beim Frühstück haben sie gesungen. Fast alle. «Nur für mich.» Er freut sich schon auf seinen nächsten Geburtstag. Was es dann geben soll, weiss er schon. Käsefondue. Mit einem Schnaps dazu. Über das Dessert muss er sich noch Gedanken machen. Er lächelt.

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