Nr. 04/2010 vom 28.01.2010

Im Irrgarten Emo

Niemand will es sein – und doch sind sie überall: Emos. Ein Sammelband liefert nun ein facettenreiches Porträt einer nicht wirklich definierbaren Jugendszene.

Von Michael Saager

Wer sich als Soziologe, Ethnologin oder Kulturwissenschaftler mit kniffligen empirischen Phänomenen herumschlägt, kennt das Problem: Je genauer man den zu untersuchenden Gegenstand anguckt, desto stärker verschwimmen seine Ränder; irgendwann ist er nicht mehr das, was er anfangs zu sein schien, oder er ist gar nicht mehr da, zersplittert in hundert Teile. Das macht schon Kopfschmerzen.

Ist man an das Ende des Sammelbands «Emo. Porträt einer Szene» gelangt, möchte man die AutorInnen der 22 Essays und Interviews durchaus ein wenig bedauern, handelt es sich bei Emo doch um einen zwar spannenden, gleichwohl reichlich undankbaren Untersuchungsgegenstand: um eine internationale Jugendkultur mit Epizentrum in den Foren des Web 2.0, deren sehr junge ProtagonistInnen eine altersgemäss diffuse Weltanschauung haben und mit ihrem «Emo-Sein» gerade keine konkrete politische Haltung nach aussen tragen, so wie das andere Jugendkulturen vor ihnen taten. Was ihnen prompt vorgeworfen wird, etwa von AnhängerInnen der Hardcoreszene. Erschwerend hinzu kommt, dass sich der Untersuchungsgegenstand zumindest begrifflich versteckt, denn wen man auch fragt, niemand will Emo zugerechnet werden.

Falsche Projektionen

Für die verschwommenen Grenzen und die daraus resultierenden Schwierigkeiten bei einer präzisen Definition von Emo können die AutorInnen also nichts. Und das Phänomen, von dem etwa in den deutschsprachigen Medien, wie der Autor und Mitherausgeber Jonas Engelmann in seinem Beitrag nachweist, nur die allertrivialsten und despektierlichsten Klischees kursieren, existiert ja trotzdem, ist also keineswegs eine mediale oder wissenschaftliche Erfindung.

Mit dunklem Lidschatten bemalt, in engen Jeans zu Hause, die Haare schwarz gefärbt und auffallend gestylt, Mädchen leicht als Mädchen erkennbar, die Jungs hingegen gern mit androgynem Touch versehen, ist Emo eine quicklebendige Jugendkultur mit starker Modeorientierung und mehr als nur einem bevorzugten Musikstil. Und nein, nur ein Bruchteil der Emos leidet, anders als es einem Boulevardmedien und aufgebrachte SittenwächterInnen aus Politik und Familie weismachen möchten, den lieben langen Tag depressiv an der Welt oder verbringt die Zeit damit, sich die Arme blutig zu ritzen. Ohnehin sollte man sich hüten, Krankheitsbilder wie Depression und Borderlinestörung einer Szene anzulasten.

Verbale Anfeindungen

Der Ventil-Verlag, bei dem das Buch erscheint, ist ein linker Verlag. Und so konzentrieren sich die AutorInnen zwar auch auf ethnografisch-soziologische Auskundschaftungen konkreter Felder, zeichnen die Entwicklungslinien der Szene(n) nach oder die Genese der von Emos bevorzugten Musik aus der US-amerikanischen Emo-Core-Ecke der achtziger Jahre. Sie untersuchen die internationalen Emo-Szenen und die Rolle der Mode bei der Identitätssuche. Den Anstoss für das Buch gaben aber wohl eher die zahlreichen verbalen Anfeindungen und brutalen körperlichen Angriffe, denen Emos – in Internetforen mehr als einmal «weinerliche Schwuchteln» genannt – in Mexiko-Stadt, Moskau, Santiago de Chile, aber auch in Deutschland und der Schweiz immer wieder ausgesetzt sind.

Insbesondere die von Emo-Jungs zur Schau gestellte Androgynität mit ihren durchlässigen Geschlechtergrenzen sowie ihre unbefangene Zärtlichkeit im Umgang mit anderen Jungs erzeugt in typisch männlich geprägten Jugendkulturen – so WOZ-Autor Martin Büsser, Mitherausgeber des Bandes – einen enormen Hass auf die «Emo-Schwuchteln». Indessen sind auf Mackertum und Homophobie gründende Gewaltaktionen nichts, was man leichtfertig entschuldigen könnte. Man sollte allerdings versuchen, die Gründe solcher Anfeindungen zu verstehen. Der gut zu lesende, facettenreiche Sammelband trägt dazu einiges bei.

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