Nr. 04/2010 vom 28.01.2010

Betriebswirte unter sich

An der grössten Schweizer Filmwerkschau gab es Diskussionen, bei denen man sich im falschen Film wähnte. Aber auch sehenswerte Dokumentarfilme, die sich mit Menschen und Lebenswirklichkeit beschäftigen.

Von Silvia SüessMail an AutorIn, Solothurn

Was da alles geredet wurde! Es fielen Wörter wie: Arbeitsorganisation, Set-up, Follow-up, Handlungsfeld, Best Practice, Thinktank, Filterprozess, Lenkungsausschuss ... Ganz schwindlig wurde es einem ob all dieser so wichtig klingenden Wörter. Und man verstand nicht so ganz, was die hier zu suchen hatten. Denn es wurde nicht über die Gründung einer Firma gesprochen. Thema der Gespräche war der Schweizer Film.

Viele Diskussionen drehten sich um wichtige Fragen, einige waren geradezu absurd. So zum Beispiel jene am Freitag vergangener Woche, an der ein Kommunikationsexperte und vier Männer aus der Branche auf der Bühne des Stadttheaters versammelt waren, um über einen Strategieworkshop zu informieren, der letzten Sommer auf dem Monte Verità stattgefunden hatte. Thema des Workshops: «Wie machen wir den Schweizer Film auf die Dauer erfolgreich?»

44 VertreterInnen aus der Filmbranche wurden zu diesem Workshop eingeladen, der auf Initiative der SRG SSR idée suisse zustande gekommen war. Etwas vom Ersten, das man festgestellt habe, erklärte der grau geschalte Kommunikationsexperte in Solothurn, das Mikrofon ums Ohr montiert und den Laptop mit der Powerpoint-Präsentation auf dem Tisch, sei die Heterogenität: «Es fehlt innerhalb der Filmbranche an einer einheitlichen Strategie, wie dies ein Unternehmen hat.» Aha. Und deswegen, so der Experte weiter, sollen nun unterschiedliche Arbeitsgruppen mit Brainstormings, Set-ups und Thinktanks die Schwächen des Schweizer Films herausfinden und neue Strategien für einen erfolgreichen Film entwickeln.

Fussball für Frauen

Dass Produzenten, Regisseurinnen, Filmschulen, Filmverleiher und weitere Akteurinnen der Branche sich vernetzen und besseren Kontakt miteinander pflegen – dagegen ist nichts einzuwenden. Das kommt schliesslich dem Schweizer Film zugute. Doch ansonsten wähnte man sich an dieser Veranstaltung im Abendkurs einer Businessschool, Lektion eins zum Thema «Crashkurs in Bilanzierung» – oder so ähnlich. Am liebsten wäre man auf die Bühne gestürmt und hätte gerufen: «Halt, hört auf, den Schweizer Film totzuanalysieren.»

Denn noch lebt er, wie das dichte und vielfältige Programm der 45. Solothurner Filmtage bewies. Und dass es auch in diesem Land nicht an Geschichten fehlt, zeigten mehrere Dokumentarfilme, die sich mit Menschen beschäftigen, die man an der Ecke treffen könnte. So etwa «Pizza Bethlehem» von Bruno Moll und «Unser Garten Eden» von Mano Khalil, die sich auf unterschiedliche Weise mit Lebenswelten im Stadtteil Bern Bümpliz auseinandersetzen. Moll porträtiert in seinem unterhaltsamen Dokumentarfilm ein Frauenfussballteam in Bethlehem, einem im Westen von Bern gelegenen Quartier, in dem viele MigrantInnen leben. So besteht auch das Fussballteam aus Teenagern unterschiedlichster Herkunft, die alle hier geboren und aufgewachsen sind und die Schweiz als ihr Zuhause sehen. Liebevoll und mit grossem Respekt begleitet Moll die jungen Frauen, die unverkrampft über ihre Beziehung zur Schweiz reden, über die Schwierigkeit, eine Stelle zu finden, über ihren Traummann – und natürlich über den Fussball. Dazwischen zeigt er sie auf dem Fussballfeld, wie sie rennen, kämpfen, fluchen, gewinnen und verlieren.

Schrebergärten für alle

Mano Khalil zeigt in «Unser Garten Eden» einen Mikrokosmos, in dem sich die schweizerische Gesellschaft spiegelt: Das Schrebergartenareal Bottigenmoos in Bern Bümpliz. Menschen aus vielen verschiedenen Ländern haben hier eine Parzelle gemietet und pflegen ihren Gemüsegarten oder ihre Blumen, grillieren, trinken und feiern. Doch die Regeln im Bottigenmoos sind streng, und der autoritäre Präsident Giuseppe Assante sorgt dafür, dass die Regeln eingehalten werden. Trotzdem – oder manchmal gerade deswegen – kommt es immer wieder zu Konflikten. Die Menschen, denen Khalil begegnet, könnten die Eltern der Fussballerinnen aus «Pizza Bethlehem» sein. Im Gegensatz zu ihren Kindern sieht diese Generation die Schweiz nicht als ihre Heimat an. Zurück wollen oder können sie jedoch auch nicht mehr, zu lange schon sind sie hier.

Wie auch Molls Film ist «Unser Garten Eden» ein sehr konventionell gemachter Dokumentarfilm, der von seinen ProtagonistInnen und der situativen Komik lebt. Leider hat Khalil zu viele SchrebergartenbesitzerInnen porträtiert. Zu viele Geschichten werden angedeutet – und dadurch nicht wirklich erzählt. So gehen die Dynamik und die vitale Kraft, die den Film in der ersten Stunde auszeichnen, mit der Zeit verloren.

Klänge für Kinder

Um einen ganz anderen Garten geht es im wunderschönen Dokumentarfilm «Nel Giardino dei Suoni» von Nicola Bellucci: um den Garten der Klänge. Bellucci porträtiert den Schweizer Musiker, Klangforscher und Musiktherapeuten Wolfgang Fasser, der als Jugendlicher erblindete. Seit Jahren arbeitet Fasser in der Toscana mit schwerbehinderten Kindern, denen er mit Klängen, Tönen und Geräuschen eine Klangwelt eröffnet. Unaufdringlich begleitet die Kamera (Pio Corradi, Pierre Mennel und Nicolas Bellucci) den Therapeuten bei seiner Arbeit, zeigt die Fortschritte der Kinder, aber auch die Grenzen, an die Fasser stösst. Seine Ideen und seine Energie scheinen ihm jedoch kaum auszugehen. Fasziniert von den Klängen der Umgebung, nimmt er immer wieder Geräusche auf. So geht er im Morgengrauen auf ein Feld, um das Singen der Vögel festzuhalten, das er den Kindern später vorspielt. «Nel Giardino dei Suoni» war ein Höhepunkt von Solothurn, ein wunderbarer Film, der einem die Ohren öffnet.

«Weisst du, Schatz, an den Solothurner Filmtagen geht es darum, sich mit gesellschaftlichen und politischen Themen auseinanderzusetzen», belehrte ein Mann beim Kaffee im Restaurant Kreuz seine Freundin, «und nicht einfach darum, zu geniessen!»

Schön, dass es auch dieses Jahr Filme gab, die beides ermöglichen.

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