Nr. 23/2013 vom 06.06.2013

«Es bleiben die Bienen und die Hoffnung»

Der Filmemacher Mano Khalil hat schon SchrebergärtnerInnen in Bümpliz bei Bern mit der Kamera begleitet. Auch in «Der Imker» geht es um Migration, Integration und die eigenen Träume.

Von Lena Tichy (Text) und Ursula Häne (Foto)

Eine fast Zen-artige Haltung, im Leben und im Werk: Der syrisch-kurdische Filmemacher Mano Khalil.

Kein Zweifel, Mano Khalil liebt das Filmemachen. Aber, so sagt er, wenn es ihm aus irgendeinem Grund einmal nicht mehr möglich sein sollte, sich auf diese Weise auszudrücken, dann würde er einen anderen Weg suchen, um seine Gedanken und Gefühle mit seinen Mitmenschen zu teilen. «Ich könnte ja morgen einen Autounfall haben und im Rollstuhl landen, was würde mir dann bleiben?»

Die Antwort auf diese Frage gibt Khalil in verschiedenen Formen im Lauf des Gesprächs, und man findet sie auch in seinem neuen Film «Der Imker». Der Dokumentarfilm erzählt die Geschichte von Ibrahim Gezer, einem einst erfolgreichen Bienenzüchter und türkisch-kurdischen Flüchtling, der sich in der Schweiz ein neues Leben aufbaut – trotz aller Widerstände. Khalil begleitet Gezer mit der Kamera durch den Alltag, schaut und hört ihm zu und zeigt, wie Gezer hier neue Freunde findet und wieder beginnt, Bienen zu züchten. «Ich mag an Ibrahim, dass er nicht aufgibt», so Khalil. «Er verliert ja in seinem Leben fast alles, ihm bleiben zum Schluss nur noch die Bienen und die Hoffnung. Und diese beiden Dinge behält er, egal was passiert. Ich bin ihm da wohl ähnlich: Für mich ist der Sinn des Lebens, dass das Leben weitergeht; dass ich bin.»

Fast vier Jahre für den «Imker»

Eine fast Zen-artige Haltung ist das, eine, die sich auf Khalils Schaffen überträgt. Sowohl in seinem letzten Film, «Unser Garten Eden» (2010), wie auch jetzt in «Der Imker» gelingt es Khalil, existenzielle Fragen so einfach und klar aufzuwerfen, dass sowohl Herz als auch Kopf gleichermassen angesprochen werden. Während «Unser Garten Eden» leichtfüssig von einer Gruppe von SchrebergartenbesitzerInnen in Bümpliz bei Bern erzählt und dabei subtil das Thema «Migration» aufgreift, herrscht in «Der Imker» ein traurigerer Ton vor.

Für Mano Khalil, den 1964 geborenen syrischen Kurden, der nach einer Filmausbildung in Bratislava seit 1996 in Bern lebt, kommt die Freundschaft immer vor dem Film: «Wenn man seine Protagonisten nicht liebt, wird der Film nicht gut. Ich glaube, man darf die Leute nicht verarschen, weder vor noch hinter der Kamera. Das heisst, bevor ich die Geschichte von jemandem erzähle, muss ich diese Person kennen und lieben lernen.» Von Ibrahim Gezers unglaublicher Lebensgeschichte erfährt Khalil durch einen Freund, und schon bald ist für ihn klar, dass dies sein nächster Film werden könnte. «Ich freundete mich mit Ibrahim an, und er dachte wohl am Anfang, dass ich einen Film über Bienen machen möchte und nicht über ihn. Aber für mich war eben Ibrahim die Biene, es ging mir um sein Leben, um seine Person.» Als Gezer das realisierte, brach er für fast ein halbes Jahr den Kontakt zu Khalil ab, denn: «Ibrahim ist ein sehr bescheidener Mensch. Ich musste ihn davon überzeugen, dass sein eigenes turbulentes Leben erzählenswert ist.»

Fast vier Jahre hat es gedauert, bis «Der Imker» fertig war. Zwar hatte Khalil eine Vorstellung der Themen, die im Film vorkommen sollten, doch der Plan änderte sich jäh: Inmitten der Dreharbeiten stirbt überraschend Gezers Sohn Ali. Der junge Mann war jahrelang als Guerillakämpfer für die PKK, die Arbeiterpartei Kurdistans, im Einsatz. Oft wusste sein Vater nicht, ob er noch am Leben war oder nicht. Von Alis Tod erfährt Ibrahim Gezer schliesslich aus der Zeitung, eines Morgens in seiner kleinen Küche in der Schweiz. Zu diesem Zeitpunkt hat Gezer bereits eines seiner insgesamt elf Kinder verloren, und auch seine Frau lebt nicht mehr: Sie nahm sich ob all des Kummers einige Jahre zuvor das Leben. «Es gibt für mich keine Trennung zwischen Mano als Regisseur und Mano als Freund», sagt Khalil. «Es war ein sehr schwieriger Moment. Wir haben danach einige Monate nicht gedreht, ich wollte warten, bis Ibrahim von sich aus wieder bereit war, in die Kamera zu schauen.»

Leben mit einer verbotenen Sprache

Khalils Filme sind politisch, ohne ideologisch zu sein. Vielleicht auch, weil der Regisseur sich zu gut mit Diktaturen auskennt. 1986 entschliesst er sich, vom syrischen Kurdistan in die damalige Tschechoslowakei zu gehen, um das Regiehandwerk zu lernen. Er landet in Prag, lernt Tschechisch und Slowakisch, macht die Matura, dann lässt er sich in Bratislava nieder und besteht als einziger Ausländer die Aufnahmeprüfung zur dortigen Filmschule. Dort trifft er auch seine spätere Frau, eine Griechin, mit der er heute einen neunzehnmonatigen Sohn hat. Bereits im dritten Jahr seines Studiums beginnt Khalil, für das staatliche Fernsehen Filme zu drehen. Schliesslich erlebt er das Ende des kommunistischen Regimes, die Öffnung des Landes. Bis 1995 lebt er in Bratislava, dann zieht es ihn zurück in seine Heimat. Wo diese genau ist, lässt sich bis heute schwer definieren. «Ich darf als Kurde in meinem Land kein Gedicht in meiner Sprache schreiben, kein Lied singen, das alles ist verboten.» Noch immer ist Kurdistan kein anerkannter Staat, und im zurzeit wütenden syrischen Bürgerkrieg hat die ethnische Minderheit der KurdInnen keine Stimme.

Über Berg und Tal

Einen Film hat Khalil bisher in Syrien gedreht. Es war die Abschlussarbeit für seine Ausbildung in Bratislava. Sein Kurzfilm mit dem Titel «Wo Gott schläft» (1993) erhielt einige Preise. Doch als frei denkender Kurde ist es für Khalil unmöglich, in Syrien seinen Beruf auszuüben, und so entschliesst er sich 1996 zu emigrieren. «In den ersten sechs oder sieben Jahren in der Schweiz habe ich jeden erdenklichen Job gemacht. Gleichzeitig habe ich jede Gelegenheit genutzt, um in der Filmbranche Fuss zu fassen. Es war mir völlig egal, wie mühsam die Arbeit war.» Langsam, aber sicher kommen die Anerkennung, der Erfolg und eine neue künstlerische Freiheit, die Khalil heute nutzt, um «die Absurdität der Handlungen der jeweiligen Mächtigen zu zeigen». Sei dies nun Baschar al-Assad oder ein anderer Diktator.

Khalils Verhältnis zur Schweiz ist liebevoll und kritisch zugleich. Mit der Revision des Asylgesetzes, über die am 9. Juni abgestimmt wird, ist er nicht in allen Punkten einverstanden. Als Beispiel nennt er wiederum Ibrahim Gezer: «Wenn wir beschliessen, dass Asylgesuche nicht mehr auf einer Schweizer Botschaft im Ausland eingereicht werden können, dann wird es eine Geschichte wie die von Ibrahim nicht mehr geben. Der einzige Grund, warum Ibrahim und seine Kinder es überhaupt in die Schweiz geschafft haben, ist der, dass ihm die Botschaft in der Türkei Asyl gewährte.»

Für Khalil ist Gezers Geschichte ein Beispiel für gelungene Integration. «Ich liebe die Vorstellung, dass Ibrahims Bienen, die er jetzt in der Schweiz hat, über Berg und Tal fliegen und Pflanzen bestäuben. Ich glaube, auf diese Art gelangt ein Stück von Ibrahims kurdischer Seele in jede Ecke dieses Landes.» Und am Schluss gibt es erst noch Honig.

«Der Imker». Schweiz 2013. Regie: Mano Khalil. Ab 6. Juni 2013 in den Kinos.

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