Nr. 03/2010 vom 21.01.2010

Ein Film, eine Meinung

Immer weniger KritikerInnen schreiben über immer mehr Filme. Und immer mehr Redaktionen mit immer weniger MitarbeiterInnen erhalten immer dickere Pressedossiers. Wie schlimm steht es um den Filmjournalismus?

Von Silvia Süess

Im Juli letzten Jahres schlug der Schweizerische Verband der Filmjournalistinnen und Filmjournalisten (SVFJ) Alarm: «Filmjournalismus vor dem Aus» war der Titel der Pressemitteilung, die der Verband verschickte. Darin war zu lesen: «Entlassungen, Stellenkürzungen, Frühpensionierungen und Filmstellenreduktionen 2009 betreffen bereits ein Viertel aller Filmjournalisten.» An den 45. Solothurner Filmtagen, die diesen Donnerstag starten, organisiert der SVFJ nun ein Podiumsgespräch mit dem Titel: «Sternchen statt Analysen – keine Zukunft mehr für Filmjournalismus?»

Allein im letzten Jahr mussten in der Deutschschweiz elf FilmkritikerInnen ihren Job aufgeben. «Die Zeitungen entlassen die fest angestellten Filmjournalisten und beschäftigen sie dann eventuell auf Abruf und zu viel tieferen Honoraren als freie Mitarbeiter weiter», kritisiert Nina Scheu, freischaffende Journalistin und SVFJ-Vorstandsmitglied. Als Folge dieser Sparmassnahmen müssten immer weniger fest angestellte FilmjournalistInnen den Überblick über ein stets steigendes Angebot von Filmen behalten: «Da die Zeit der Schreibenden immer knapper wird, werden immer häufiger auch Pressetexte übernommen. Das hat zur Folge, dass eine kritische Auseinandersetzung mit dem Film fehlt, dass stattdessen vorwiegend Werbetexte erscheinen und letztlich, dass vor allem jene Filme Platz in den Zeitungen bekommen, deren Verleiher genug Geld haben, das entsprechende Text- und Bildmaterial zu liefern. Kleine Filme von kleinen Verleihern laufen Gefahr, unterzugehen.»

Ein paar Sätze, ein paar Sternchen

Die Texte in den Zeitungen werden kürzer – Filmtipps bestehen oft nur noch aus ein paar Sätzen und Sternchen. Gleichzeitig werden die Presseunterlagen immer dicker: Nicht selten umfasst ein von den Filmverleihern verfasstes Pressedossier fünfzehn Seiten oder mehr, Produktionsnotizen des Produzenten oder Interviews mit der Regisseurin oder mit der Hauptdarstellerin sind darin abgedruckt. Neben den Dossiers bieten die Verleiher oft auch ein Gespräch mit einem Regisseur an, der eigens dafür eingeflogen wird. Ein Interview oder ein Porträt ersetzt als Folge in den Zeitungen häufig eine klassische Filmkritik.

Die Balance zwischen PR und Journalismus verschiebe sich, sagte Stephan Russ-Mohl, Medienprofessor an der Universität Lugano, in der Medien-WOZ vom 26. November 2009: «PR wird aufgestockt, Journalisten werden abgebaut. Die Redaktionen müssen sparen, also ist es angenehm, wenn die Journalisten die Information schon aufbereitet erhalten.»

Sie hätten in den letzten Jahren massiv aufgerüstet mit MitarbeiterInnen, die Pressearbeit machen, bestätigt denn auch Bea Cuttat, Geschäftsleiterin und Gründerin des Filmverleihs Look Now!, der pro Jahr acht bis zwölf Filme ins Kino bringt: «Wir wenden heute etwa das Vierfache an Geld und Energie auf wie vor zehn Jahren, um zumindest noch dieselbe Anzahl Zuschauer zu erreichen.»

Anna-Katharina Straumann, Verantwortliche für die Pressearbeit beim Xenix-Filmverleih, der pro Jahr etwa zwölf Filme ins Kino bringt, sagt: «Die Pressearbeit war schon seit je wichtig, ihr Schwerpunkt hat sich aber insofern verlagert, als man heute stark um die Aufmerksamkeit des Publikums und auch der Presse ringen muss. Das hat mit der Veränderung der Medienlandschaft zu tun, aber auch damit, dass es immer mehr Filme gibt, die wöchentlich in den Kinos gestartet werden.» Für Filme, die nur in wenigen Schweizer Städten gleichzeitig anlaufen und in denen keine grossen Stars spielen, sei es deshalb schwierig geworden, überhaupt in den Zeitungen erwähnt zu werden.

Für Cuttat, die seit 30 Jahren im Filmgeschäft tätig ist und seit 22 Jahren ihren eigenen Filmverleih hat, ist das Ganze eine komplexe Angelegenheit: «Es gibt immer mehr Verleiher, auf dem Markt herrscht ein Überangebot an Filmen, die Kinos spielen die Filme viel kürzer als früher und nehmen sie sofort aus dem Programm, wenn sie nicht laufen. Was man den Kinos nicht verübeln kann, sie müssen ja auch rentieren.» Wenn jedoch bei der Kinoprogrammation die Zuschauerzahlen immer mehr im Vordergrund stünden, dann würden die Starts der kleinen, nichtkommerziellen Filme immer häufiger nach hinten verschoben. «Dies ist auch mühsam für die Journalisten, weil man ihnen immer wieder einen neuen Starttermin durchgeben muss und sie sich nicht darauf verlassen können, dass der Film dann wirklich anläuft – und irgendwann haben sie dann genug und besprechen den Film gar nicht.»

Wenn diese Filme jedoch nicht im Feuilleton besprochen würden, bekäme die Öffentlichkeit von ihnen gar nichts mehr mit, denn um Inserate zu schalten, reicht das Budget der kleinen Verleiher meistens nicht aus. «Es sind die ohnehin unsichtbaren Filme, die untergehen.»

Florian Keller, Filmredaktor beim «Tages-Anzeiger», kennt die Klage der kleinen Verleiher und widerspricht: «Bei der Gewichtung der Themen spielt für mich keine Rolle, bei welchem Verleiher ein Film im Programm ist – also auch nicht, ob es nun ein kleiner oder grosser Verleiher ist. Ausschlaggebend ist immer der Film.» Beim «Tages-Anzeiger» komme es immer wieder vor, dass ein grosser Film mit Starbesetzung nur klein oder gar nicht besprochen würde.

Vielfalt geht verloren

Tatsache ist aber auch, dass 2009 die Inserateeinnahmen der Zeitungen um 22 Prozent zurückgegangen sind. Die Angst vor einem ökonomischen Niedergang der Zeitungen ist allgegenwärtig. Die grossen Filmverleihfirmen gehören zu den finanzkräftigsten Inserenten. «Der Druck auf die Filmredaktoren hat durch die Angst der Verleger, Inserenten zu verlieren, zugenommen und wird noch grösser werden», ist Nina Scheu überzeugt.

Immer mehr Filme und immer mehr Filmverleiher stehen immer weniger JournalistInnen und einer immer kleiner werdenden Medienvielfalt gegenüber. Denn eine weitere nicht zu unterschätzende Folge der Stellenkürzungen, Frühpensionierungen und Entlassungen ist, dass immer weniger JournalistInnen immer mehr Zeitungen mit denselben Texten beliefern: Die «Aargauer Zeitung», die «Basellandschaftliche Zeitung», die «Solothurner Zeitung» und das «Oltener Tagblatt», die eine gemeinsame Redaktion für überregionale Themen unterhalten, haben seit letztem Herbst keinen Filmredaktor mehr. Die Filmkritiken werden von der «Basler Zeitung» übernommen, die Koordination der Filmseite hat eine zu sechzig Prozent angestellte Redaktorin übernommen, ohne dass ihre Stelle aufgestockt worden wäre. Seit Dezember hat der sich «Mittelland Zeitung» nennende Zeitungsverbund auch ein Abkommen mit der Kulturredaktion der «Berner Zeitung», von der Texte übernommen werden können. Seit «Der Bund» zu Tamedia gehört, übernimmt er die überregionalen Texte zu neunzig Prozent vom «Tages-Anzeiger», darunter auch die meisten Filmkritiken.

Die Vielfalt an Stimmen geht so verloren. Das schadet sowohl der Film- als auch der Medienlandschaft. Denn für den Filmjournalismus gilt dasselbe wie für den Journalismus allgemein: Es braucht unterschiedliche unabhängige und kritische Stimmen, die hinterfragen, reflektieren, kritisieren – und nicht einfach wiederkäuen, was ihnen ein Pressedossier vorgibt. Doch das zu tun, braucht Zeit. Und die ist gerade in der Medienwelt ein immer rarer werdendes Gut.

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