Nr. 04/2010 vom 28.01.2010

Freiheit und Wohlfahrt

Auch mehr als ein halbes Jahr nach dem Ende des Krieges leben immer noch weit über hunderttausend Flüchtlinge in Lagern. «Wir organisieren ihre Rückkehr», verspricht die Regierung in Colombo. Doch alles sieht nach einer gross angelegten Zwangsumsiedlung aus.

Von Christian Selbherr

Jetzt haben sie ihm schon wieder eine ganze Busladung voller Flüchtlinge geschickt. Der Herr am Schreibtisch blickt etwas missmutig auf. Rund zwanzig Frauen und ihre Kinder warten vor seiner Bürotür. Der Regierungsbeamte ruft sie energisch zur Ruhe. Er händigt ihnen blaue Registrierkarten aus, in die sie nicht nur ihre eigenen Namen eintragen sollen, sondern auch die ihrer Familienangehörigen. «Wir können euch nur aufnehmen, wenn ihr Verwandte in unserem Lager habt», sagt der Beamte. Ordnung muss sein, auch hier im Flüchtlingslager von Trincomalee, im Nordosten Sri Lankas.

Die wartenden Frauen sind aus den abgeriegelten Flüchtlingslagern von Vavuniya hierher gebracht worden. Dort hatte das Militär zeitweise bis zu 250 000 Menschen hinter Stacheldraht festgehalten – Vertriebene des Krieges, der im Mai 2009 mit der Niederlage der tamilischen LTTE-RebellInnen zu Ende ging.

Auch jetzt noch ist unklar, was mit den mehreren Hunderttausend TamilInnen geschehen wird, die während der letzten Kriegswochen ihr Zuhause verlassen mussten. Präsident Mahinda Rajapaksa hat versprochen, die Lager zu öffnen und die Flüchtlinge «zurückzuführen». Einer seiner Minister sagte jüngst, dies werde «auf geordnete und wohlorganisierte Weise» ablaufen.

Von Lager zu Lager

Nur zuschauen soll dabei möglichst niemand. Ausländische BeobachterInnen sind unerwünscht, und Flüchtlinge gehen ein hohes Risiko ein, wenn sie von ihren Erlebnissen berichten. So muss für diese Reportage verdeckt recherchiert werden, die Auskunftspersonen müssen geschützt bleiben. «Es war im Februar 2009, als in unserem Dorf die Bombenangriffe und Artilleriefeuer begannen», erinnert sich eine Frau aus dem Norden des Landes, die heute bei Verwandten in der Gegend von Trincomalee wohnt. Als ihr Dorf unter Beschuss geriet, floh sie zusammen mit ihrem Mann. «Wir konnten fast nichts mitnehmen. Ich habe nur eine kleine Handtasche dabeigehabt.»

Sie entkamen zu Fuss durch die Wälder; die Strassen waren viel zu unsicher. In einem Dorf an der Küste fanden sie Zuflucht. Aber nur für zweieinhalb Monate. «Dann rückte auch dort die Armee an», sagt die Frau. Morgens marschierte die Familie los, sie wateten durch Lagunen, Sümpfe und Reisfelder. «Manchmal stand uns das Wasser bis zur Brust.» Schliesslich wurden sie von einem Armeetrupp aufgegriffen und in einen Bus verfrachtet. Der brachte sie in ein Auffanglager in Vavuniya. «Ich schätze, dass dort 70 000 Menschen waren.» Mehrere Tage mussten sie ohne Essen ausharren, bis endlich Hilfsgüter eintrafen. «Aber die reichten nicht für alle. Manche standen stundenlang an – und am Ende bekamen sie doch nichts.»

Die Frau atmet kurz durch. «In diesen Tagen sind wir wirklich durch die Hölle gegangen.» Und der schlimmste Teil ihrer Geschichte folgt erst noch. Sie wie auch ihr Mann wurde im Lager mehrmals von den Militärs verhört. Sie wurden auch getrennt untergebracht. «Irgendwann sah ich meinen Mann nicht mehr.» Erst ein paar Monate später kam ein Brief von ihm aus einem Gefängnis. Dann riss der Kontakt wieder ab.

Wahrscheinlich haben ihn Soldaten weggebracht, weil sie in ihm einen LTTE-Kämpfer vermuteten. Das sri-lankische Militär hält bis heute Tausende in Sonderlagern fest, denen sie Mitgliedschaft bei den «Befreiungstigern» vorwirft.

Die Frau des vermeintlichen LTTE-Kämpfers durfte schliesslich das Lager verlassen und ist jetzt im Haus ihres Schwagers untergekommen. Viele andere, die offiziell «mit ihrer Familie zusammengeführt» werden, kommen jedoch letztlich doch nicht in Freiheit. Sie werden einfach vom einen Lager in ein anderes verschoben, so wie diejenigen, die vor dem Büro des Flüchtlingslagers in Trincomalee warten. «Wir sind ein Freiheitslager», erklärt der Regierungsmann an seinem Schreibtisch. Hier sollen sich die verstreuten Familien wiederfinden – um dann erneut abzuwarten. Manche, die aus Regionen stammen, in denen die Militäroffensive begann, sitzen schon seit zwei Jahren hier fest. Entsprechend schwankt die Stimmung zwischen Wut und Resignation. «Sie sollen uns endlich nach Hause gehen lassen», fordern die einen. «Wenn wir nicht wieder zurück in unser altes Dorf dürfen, dann bleiben wir einfach hier und warten», sagen die anderen. «Und wenn alles nichts hilft, dann gehen wir eben nach Australien oder Kanada.»

Ein Mann, der vor seiner Flucht einen kleinen Schneiderladen hatte, bietet im Lager seine Dienste an. Die Behörden haben ihm einen Kredit gegeben, um ein paar Geräte zu kaufen. So wartet er mit seinem Bügeleisen und seiner Nähmaschine auf Kundschaft. «Aber wer soll schon zu mir kommen?», fragt er. «Die Leute haben ja kaum Kleidung mitgebracht, die ich ausbessern könnte.» Auch er klagt darüber, dass er nicht in sein Heimatdorf kann. «In unserem Dorf gab es knapp 500 Einwohner. Alle mussten vor dem Krieg flüchten. Und jetzt lassen die Behörden nur 50 zurückkehren.» Man habe ihm gesagt, er müsse warten, bis die Stromleitungen des Dorfes neu gelegt worden sind.

Nur wenige dürfen zurück

Ramkumar Thambipillai und seine Frau Devy (Namen geändert) – beide knapp über vierzig Jahre alt – gehören zu denen, die an ihren früheren Wohnort zurückkehren durften. Die Frau hält ihren etwa zwei Jahre alten Sohn in den Armen. Mehr als zwei Jahre nach ihrer Flucht sitzen sie nun wieder unter einem Baum auf ihrem alten Grundstück. «Als wir wieder kamen, war alles zerstört», berichten sie. Das kleine Steinhaus war zerschlagen, vom Dach bis zu den Grundmauern nur noch Ruinen. Wer hat es überfallen und ausgeplündert? «Das wissen wir nicht. Aber jetzt bauen wir gerade ein neues Haus, auf den Resten des alten.» Dafür haben sie einen Kredit aufgenommen; eine Hilfsorganisation spendete Steine und Bauholz.

Mit ein paar Hühnern, einer Ziege und harter Feldarbeit wollen sie über die Runden kommen. Der Blick der beiden schweift über ihren kleinen Besitz. In Sichtweite liegt eine streng bewachte Siedlung der Armee. Niemand darf die Kaserne ohne Erlaubnis betreten. «Bis jetzt lassen uns die Soldaten in Ruhe, und wir hoffen, dass das so bleibt», sagen die RückkehrerInnen.

Wenn doch jetzt Frieden ist und die LTTE-Rebellen besiegt sind, warum gibt es immer noch so viele Stützpunkte der Armee? Warum steht an bald jeder Strassenecke ein Soldat, warum braucht es alle paar Hundert Meter einen schwer bewaffneten Beobachtungsposten?

Viele Gerüchte gehen um in Sri Lanka. Eines besagt, dass Staatspräsident Mahinda Rajapaksa der singhalesischen Bevölkerung ein für alle Mal die Vorherrschaft im Land sichern wolle. Eine Tamilin sagt: «Wir glauben, dass die Singhalesen uns kolonialisieren wollen.» Das würde bedeuten: Während TamilInnen im «Freiheitslager» oder bei Verwandten auf die Heimkehr warten, werden die früheren Tamilendörfer mit Singhalesen aus dem Süden besiedelt. Und weil man nicht alle TamilInnen auf ewig in Lager sperren kann, entstehen für sie neue Siedlungen, in denen man sie besser kontrollieren kann.

Ein Dorf im Dschungel

Tatsächlich gibt es solche neu geschaffenen Siedlungen, sie heissen «Wohlfahrtsdörfer». Es dauert eine Weile, bis man sie findet, denn sie liegen abgelegen im Dschungel und anderen schwer erreichbaren Gebieten. Von Trincomalee fährt man ungefähr drei Stunden über holprige Strassen entlang der sogenannten Hochsicherheitszone. Plötzlich taucht in diesem Niemandsland zwischen Bäumen und Sträuchern ein kleines Dorf auf. Etwa vierzig bis fünfzig neu gebaute Steinhäuser mit Blechdach stehen hier, säuberlich angeordnet auf rechteckigen Parzellen. Eingezäunt durch Stacheldraht, durchzogen von schnurgeraden Wegen. Seltsam kahl rasiert wirkt der dunkelbraune Erdboden – weil bis vor kurzem hier noch dichter Regenwald stand, der für die Siedlung abgeholzt wurde. Immerhin, auf den Feldern vor den Häusern wachsen zarte Pflänzchen. «Man hat uns für den Anfang ein paar Mango- und Kokossetzlinge gegeben», sagt ein Mann. «Aber eigentlich waren wir früher Fischer. Nur leben wir jetzt hier mindestens einen Kilometer vom Meer entfernt.» Vor einem Haus liegt tatsächlich ein kleines Boot. Es ist genauso auf Grund gelaufen wie das Leben der Menschen.

Hier gibt es keine Schule und kein Krankenhaus, keinen Marktplatz und kaum Wasser. Um den Wassertank scharen sich gerade die Frauen und zapfen etwas in ihre Plastikkanister ab. Auch Toiletten sind nirgends zu sehen, und schon gar keine Stromleitungen. Auch auf der anderen Seite der Insel in der nordwestlichen Provinz Mannar stehen solche Siedlungen. Jemand, der sie gesehen hat, berichtet: «Statt auf eine Toilette müssen die Menschen in den Wald gehen. Das ist manchmal sehr gefährlich, denn hier leben immer noch viele wilde Tiere.»

Wer eine solche Siedlung verlassen möchte, muss Kontrollposten der Armee passieren. Ein tamilischer Autofahrer beschreibt, wie diese Kontrollen ablaufen: «Man wird angehalten, eine halbe Stunde lang durchsucht, und wer Pech hat, darf erst weiterfahren, wenn er ein Bestechungsgeld bezahlt.»

Zurzeit fliesst sehr viel Geld in Strassenbauprojekte, mit denen das ehemalige Kriegsgebiet eine bessere Infrastruktur erhalten soll. Aber auf modernen Strassen lässt sich auch das Militär viel schneller von einem Ort zum anderen bewegen. «Ich bin ziemlich sicher, dass bald bei jedem dieser neuen Dörfer auch ein Armeestützpunkt etabliert sein wird», meint ein deutscher Entwicklungshelfer.

Neue Buddhastatuen

Doch nicht nur das Militär soll den Frieden sichern und die Machtverhältnisse so erhalten, wie sie sind. Auch die Religionen spielen dabei eine Rolle. Wer sich in den früheren Tamilengebieten bewegt, dem fallen die vielen neu errichteten Buddhastatuen der SinghalesInnen auf. Oft hat man sie genau dort hingesetzt, wo früher tamilische Hindutempel standen. Einige sind noch im Bau, die halbfertigen, unbemalten Buddhas sind eingerüstet, ihr Gesicht ist verhüllt. Gerade die BuddhistInnen haben sehr unter den Tamil Tigers gelitten, denn heilige Statuen waren immer wieder Ziele von Sprengstoffanschlägen und Selbstmordattentaten. Ein Mönch auf einer der Baustellen erklärt, dass ihr Vorhaben etwa fünf Millionen Rupien verschlingt. Es heisst, dass Länder wie Japan, Burma und Thailand zu den Finanziers buddhistischer Tempel gehören.

«Die Regierung in Colombo spielt ihre alten und neuen Freunde ganz geschickt gegeneinander aus», sagt der Entwicklungshelfer. Einerseits sei Colombo nach wie vor auf den Handel mit dem Westen und auf die Entwicklungshilfe aus den USA und Europa angewiesen – vor allem deshalb sind wohl viele Flüchtlinge überhaupt erst aus den Lagern freigelassen worden. Daneben fliesse aber auch sehr viel Geld aus Staaten wie Libyen, dem Iran, Russland und China nach Sri Lanka.

Viele befürchten, dass der Frieden nicht lange hält. In den Dschungeln des Landes, so ist oft zu hören, formiert sich wieder eine tamilische Befreiungsarmee. Deren Anführer, Selvaraja Pathmanathan, sagte jüngst zur britischen «Times»: «Es dauert nicht mehr lange. Dann können wir losschlagen.»

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