Nr. 46/2008 vom 13.11.2008

Nützliche Dissidenten

Nach der Vertreibung der tamilischen Befreiungstiger ist Sri Lankas Ostprovinz zur Normalität zurückgekehrt. Das sagt jedenfalls die Regierung. Die dort lebenden Flüchtlinge sagen etwas anderes.

Von Ralf Leonhard, Kiliveddy

Yogarani hat ihre vierjährigen Zwillingstöchter für den Feiertag herausgeputzt: Sie hat die beiden frisch gebadet, ihnen saubere T-Shirts angezogen, Ohrgehänge an ihre kleinen Ohrläppchen befestigt und ihnen je eine Kunststoffblume ins Haar gesteckt. Ende Oktober feiern die HinduistInnen das Fest der Lichter. Sie ziehen ihre schönsten Kleider an, gehen in den Tempel und kochen etwas Besonderes. Doch bei Yogarani, die mit 22 Jahren schon vierfache Mutter ist, gibt es keine Spezialitäten zu essen. Ihr Vater, der siebzigjährige Mututukumar, ist bereits froh, wenn im Flüchtlingslager von Kiliveddy überhaupt etwas auf den Tisch kommt. «Ich hatte zwei Hektar Land», erzählt er, «die halbe Fläche war ein Reisfeld, und rund um das Haus bauten wir Gemüse an.» Auch war da noch Platz für ein paar Ziegen und Rinder. Die Familie lebte nicht schlecht in einem Dorf unweit der Stadt Muthur, an Sri Lankas Ostküste. Bis 2006 wurde das Gebiet der drei Bezirke Trincomalee, Batticaloa und Ampara, die zusammen die Ostprovinz bilden, in weiten Teilen von der tamilischen Befreiungsorganisation Liberation Tigers of Tamil Eelam (LTTE) kontrolliert.

Im April 2006 begann die sri-lankische Armee, diese dünn besiedelte Gegend zurückzuerobern. Der 2002 geschlossene Waffenstillstand, der der Bevölkerung vier Jahre lang ein relativ ruhiges Dasein ermöglicht hatte, wurde zur Makulatur. Wochenlang hagelte es Bomben und Artilleriegeschosse. Die Bevölkerung musste flüchten. Die meisten landeten zunächst in Lagern der Stadt Batticaloa, rund hundert Kilometer südlich von Muthur. Im März 2007 wurde dann das Lager von Kiliveddy, nur wenige Kilometer westlich von Muthur, eingerichtet. Ausgestattet wurde es vom Uno-Flüchtlingshochkommissariat UNHCR und bewacht von der Armee.

Unter dem Regime der Befreiungstiger gab es nicht nur mehr zu essen, man hatte auch mehr Bewegungsfreiheit als im Lager, versichert Yogarani. Der bewaffnete ethnische Konflikt zwischen separatistischen TamilInnen und der singhalesisch dominierten Regierung tobt seit 25 Jahren (vgl. unten: «Sri Lanka»), viele TamilInnen kennen nichts anders als den Krieg. Für Yogarani war es selbstverständlich, dass die ganze Bevölkerung regelmässig an «Verteidigungsübungen» der Tigers teilnehmen musste. Ihnen anschliessen wollte sie sich aber nicht. Um nicht rekrutiert zu werden, flüchtete die junge Frau in eine frühe Ehe.

Inzwischen sind die Bastionen der LTTE in der Ostprovinz alle gefallen. Regierungskräfte kontrollieren die Strassen. Vor einigen Monaten hat die Regierung damit begonnen, die rund 100 000 Vertriebenen wieder anzusiedeln. Allerdings will Mututukumar vorerst im Lager bleiben, obwohl das Leben in den Wellblechbaracken, die sich tagsüber wie Backöfen aufheizen, fast unerträglich ist. Sein Land ist militärisch besetzt, und mehr als eine winzige Parzelle als Ersatz bietet ihm die Regierung nicht an. Davon kann niemand leben. Viele haben das Lager trotzdem verlassen. Von den ursprünglich 1200 Familien sind nur mehr 415 da.

Mittlerweile hat auch die Rücksiedlung in die Ortschaft Chennayoor, rund zehn Kilometer von Muthur, begonnen. Aber die tamilischen BäuerInnen sind darüber nicht glücklich. Sie wurden von den Behörden ohne Vorwarnung in Busse verfrachtet und vor der Schule ihres Dorfes abgesetzt. Als sie zu den Ruinen ihrer Häuser wollten, um mit dem Wiederaufbau zu beginnen, wurden sie aber von Soldaten gestoppt. «Ein Marinekommandant erklärte uns, unser Dorf sei jetzt eine Hochsicherheitszone, wir könnten da nicht hin», sagt Sivandanam, der mit seiner Frau und seinen vier Kindern in Chennayoor abgesetzt wurde. Auch die Felder liegen hinter dem Stacheldrahtzaun, den die Soldaten errichtet haben.

Während überall sonst im Lande die Bauern ihre Reisfelder bestellen, sitzen die Männer in Chennayoor auf dem Boden und spielen Karten. Sie sind zur Untätigkeit verurteilt. Die DorfbewohnerInnen sind provisorisch in den Klassenzimmern untergebracht, die vom Artilleriebeschuss grösstenteils verschont blieben. Wann der Schulunterricht wieder beginnen kann, ist unklar.

Sri Lankas Regierung ist bemüht, an der Ostküste den Anschein der Normalität zu wahren. Die Rücksiedlungen sind Teil dieser Taktik. Wie die Leute leben und welche Perspektiven sie haben, ist aus den Statistiken über die sinkenden Zahlen der Kriegsvertriebenen nicht herauszulesen. In der Ostprovinz leben der grösste Teil der tamilischen und muslimischen Minderheiten von Sri Lanka und ein wachsender Prozentsatz buddhistischer SinghalesInnen, die in den letzten vierzig Jahren von der Regierung angesiedelt wurden. Die Nordbezirke - Jaffna, Kilinochchi, Mannar - sind fast ausschliesslich tamilisch. Die Halbinsel Jaffna ist von der Regierung besetzt, nur südlich des Elefantenpasses verteidigt die LTTE ihre Stellungen gegen eine seit Monaten andauernde Offensive der Armee.

Noch eine Spaltung

Bei der Vertreibung der LTTE aus der Ostprovinz erhielt die sri-lankische Armee Schützenhilfe von einer LTTE-Dissendentengruppe, die sich 2004 unter Vinayagamoorthy Muralitharan alias Oberst Karuna abgespalten hatte. Sie wütete danach als paramilitärische Truppe unter dem Schutz der Militärs. Heute ist diese Gruppe als politische Partei unter dem Kürzel TMVP organisiert und konnte als einzige tamilische Kraft bei den Regionalwahlen im Mai in manchen Bezirken die Mehrheit erringen. Sie stellt den Provinzgouverneur Sivanesathurai Chandrakanthan alias Pillayan und die Bürgermeisterin der Stadt Batticaloa. Ihre AktivistInnen sind weiterhin bewaffnet.

«Die Angehörigen der TMVP bedrohen die Menschen, kidnappen für Lösegeld, rekrutieren Jugendliche und besorgen sich mit Waffengewalt Lebensmittel. Sie verjagen Leute mit Waffengewalt aus ihren Häusern und reklamieren diese für sich.» Pater Paul Satkunanayagam, der in Batticaloa ein Waisenhaus und als ausgebildeter Psychiater zudem ein Zentrum für TraumapatientInnen eingerichtet hat, kennt diese zur politischen Partei geadelte Splittergruppe nur zu gut. Schliesslich suchen auch immer wieder DeserteurInnen seinen Schutz. «Sie haben keine Disziplin», stellt der Jesuitenpater fest, «ganz anders als die LTTE-Leute aus dem Norden.» Die Polizei, so Pater Paul, sei nicht in der Lage, diese Umtriebe zu stoppen. Und die Armee halte still, weil sie die TMVP-Leute als InformantInnen braucht. Sie kennen die LTTE-Kader, die in der Bevölkerung untergetaucht sind und jetzt nach und nach «von Unbekannten» erschossen werden.

Auch die TMVP hat sich inzwischen gespalten. Eine Gruppe wird von Gouverneur Pillayan angeführt, die andere von Karuna, der im Parlament in Colombo sitzt. Die singhalesische Regierung hatte ihn für eine Nachwahl in einem frei gewordenen Wahlbezirk an der Ostküste nominiert. Neben persönlichen Differenzen haben Pillayan und Karuna auch unterschiedliche Vorstellungen über die Zukunft der Regionalverwaltung. Diese werden unter ihren AnhängerInnen zuweilen mit Waffengewalt ausgetragen. Statt die TMVP zu entwaffnen, will die Regierung sie nun in die Polizei eingliedern, um sie so besser kontrollieren zu können.

Wer will schon Aufklärung?

Eine positive Folge hat die Wiedereroberung der Ostprovinz durch die Regierung: Die Küstenstrasse zwischen den Städten Trincomalee und Batticaloa ist wieder frei. Allerdings besteht sie aus einem an beiden Seiten ausgefransten und von unzähligen Schlaglöchern durchsetzten Asphaltstreifen, auf dem man noch langsamer vorankommt als auf ungepflasterten Strassen. Abseits der Hauptstrasse warnen rote Schilder und Sperrbänder vor Tretminen. Alle drei Kilometer kontrollieren Armee, Polizei, Militärpolizei oder uniformierte Bürgerwehren die Reisenden.

Der Wiederaufbau an der Ostküste konzentriert sich ganz auf die Gemeinde Vakarai im Bezirk Batticaloa, wo die sri-lankische Luftwaffe 2006 bei einem einzigen Angriff 23 Menschen - grösstenteils Schulkinder - tötete. Diese Zahl hat das Internationale Rote Kreuz bestätigt. Offenbar will die Regierung gerade hier zeigen, wie sehr ihr die tamilische Bevölkerung am Herzen liegt.

Doch auch andere Wunden sind nicht verheilt. So in der Stadt Muthur, einer gesichtslosen Kleinstadt, deren bucklige Strassen von Moped-Rikschas und Fahrrädern beherrscht werden. Die Bevölkerung teilt sich in MuslimInnen und TamilInnen, die unterschiedliche Stadtteile bewohnen und deren Kinder verschiedene Schulen besuchen. Neben dem Krankenhaus in Muthur steht ein Gebäude, das als Kulturhaus ausgewiesen ist. Bis vor zwei Jahren war dort eine Zweigstelle der französischen Hilfsorganisation Action contre la Faim (ACF) untergebracht. Keine Plakette, kein Gedenkstein erinnert an die Opfer des Massakers vom Sommer 2006: Damals waren sechzehn tamilische MitarbeiterInnen von ACF in Muthur eingeschlossen, während die Armee die von der LTTE kontrollierte Stadt belagerte. Fünf Tage dauerte der Beschuss. LTTE-Truppen warnten die ACF-Leute zwar davor, dass nach ihrem bevorstehenden Rückzug TamilInnen nicht länger sicher sein würden. Doch weder über die Bucht nach Trincomalee noch über den Landweg gab es ein Entkommen. Am Morgen nach dem Einzug der Regierungstruppen fand man die sechzehn MitarbeiterInnen und den muslimischen Pförtner erschossen auf: Sie lagen in einer Reihe, alle waren mit einem Kopfschuss exekutiert worden. Bis heute verschleppt die Regierung die Untersuchung des Massakers. Angehörige, deren Aussagen die Truppen belasten könnten, wurden bedroht. Ausländische Regierungen haben bisher nur sanften Druck ausgeübt, das Massaker aufzuklären.

Gefechte im Norden

Auch zwei Jahre später liegt deshalb ein Klima der Angst über der Ostküste, auch wenn die Regierung versucht, Normalität vorzutäuschen. Die Nervosität der Militärs und die übertriebenen Sicherheitsvorkehrungen entlang der Strassen zeigen, wie instabil die Lage ist. Zwar finden die grossen Gefechte nurmehr im Norden statt, doch fast täglich verschwinden Menschen oder werden erschossen. «Die Armee sucht gezielt nach jungen Leuten aus den ehemaligen LTTE-Gebieten», sagt ein Militäranalytiker in Batticaloa, denn die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass sie für die Tigers gekämpft haben. Bewaffnete Zusammenstösse gibt es auch zwischen den rivalisierenden Fraktionen der TMVP. Und hin und wieder schlägt auch ein LTTE-Kommando zu. Ende Oktober gab es einen Überfall auf ein Lager der TMVP. Vier Tote wurden gemeldet, und sechs sollen verschleppt worden sein. Die Armee vermutet aber, dass es sich bei den sechs Vermissten um LTTE-Anhänger handelte, die nach der Spaltung die TMVP infiltrierten und die den Angriff von innen her unterstützten.

Doch nicht nur TamilInnen - immerhin die grösste Bevölkerungsminderheit auf Sri Lanka - gelten der Regierung allgemein als suspekt. Es reicht schon, wenn jemand nur die tamilische Sprache spricht. Zudem begann die Armee im September, alle BewohnerInnen tamilischer Haushalte in der Ostprovinz zu registrieren. Das Zusammenleben zwischen den tamilischen und singhalesischen Volksgruppen werde durch diese Politik nicht gefördert, klagt eine Mitarbeiterin der Hilfsorganisation US Aid in Trincomalee. «So wurden wir darauf hingewiesen, dass friedensschaffende Massnahmen nicht erwünscht seien. Die Regierung hält das für Geldverschwendung und will, dass alle Ressourcen in die Entwicklung der Ostküste gesteckt werden.»

Dieser Artikel wurde ermöglicht durch den Recherchierfonds des Fördervereins ProWOZ. Dieser Fonds unterstützt Recherchen und Reportagen, die die finanziellen Möglichkeiten der WOZ übersteigen. Er speist sich aus Spenden der WOZ-LeserInnen.

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