Nr. 07/2010 vom 18.02.2010

Flimmerndes Hirn

Von Bettina Dyttrich

«Wir hatten unsere Jugend geopfert, furchtbar viel Tod und Zerstörung erlebt. Und dann wurde man auch noch als Krimineller hingestellt!» Auf den ersten Seiten seines autobiografischen Buches «Warum es ums Ganze geht» erzählt der deutsche Physiker Hans-Peter Dürr (geboren 1929), wie er als Jugendlicher das Ende des Zweiten Weltkriegs erlebte. Das tönt einen Moment lang verdächtig nach deutschem Selbstmitleid. Doch der Unmut vergeht bald. Denn Dürr zog die Konsequenzen aus seinen Erfahrungen und wurde später zu einem überzeugten Friedensaktivisten.

Vorerst wollte er aber mit Politik nichts mehr zu tun haben, vertiefte sich in die Physik – und erreichte damit das Gegenteil: «Anstatt mich ganz abseits vom grossen Machtgerangel einer philosophisch orientierten Naturwissenschaft zu widmen, war ich nun genau dort angekommen, wo sich Naturwissenschaft und Machtpolitik am engsten berührten: bei der Kernphysik.» Dürr war als Doktorand beim begeisterten Atombombenbauer Edmund Teller im kalifornischen Berkeley gelandet.

Zurück in Deutschland wandte er sich der Quantenphysik zu, die sich nicht so leicht für zerstörerische Zwecke verwenden lässt. Doch der Streit um die Atomenergie brachte ihn schliesslich doch zur Politik. Er protestierte gegen AKWs, versuchte eine Annäherung der Kalten Krieger zu erreichen und wehrte sich gegen die von US-Präsident Ronald Reagan geplante Militarisierung des Weltraums. 1987 bekam er den Alternativen Nobelpreis.

Hans-Peter Dürrs Plädoyer für einen behutsameren Umgang mit der Welt ist an manchen Stellen etwas langfädig geraten. Spannend ist das Buch jedoch dort, wo Dürr versucht, die Quantenphysik zu erklären: «Wenn wir die Materie immer weiter auseinandernehmen, in der Hoffnung, die kleinste, gestaltlose, reine Materie zu finden, bleibt am Ende nichts mehr übrig, was uns an Materie erinnert. Am Schluss ist kein Stoff mehr, nur noch Form, Gestalt, Symmetrie, Beziehung.» Von verschiedenen Seiten beleuchtet der Physiker diese faszinierende Welt, in der die Logik des Alltags ausser Kraft gesetzt ist. Beim Lesen dieser Passagen flimmert das Hirn, und trotzdem klingen sie auf eine eigenartige Weise vertraut.

Hans-Peter Dürrs Fazit: «Die Mitwelt kann von keinem mehr absolut verlässlich manipuliert werden.» Diese Erkenntnis, die manche seiner Wissenschaftskollegen in Panik versetzte, ist für Hans-Peter Dürr ein Grund zur Hoffnung.

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