Nr. 07/2010 vom 18.02.2010

Die schrumpfende Insel

Von Daniel Stern

Das Dorf liegt am Ende einer lang gezogenen Insel im Nordosten Alaskas. 420 Menschen leben in Kivalina, davon 187 Kinder. Es handelt sich vorwiegend um UreinwohnerInnen vom Volk der Inupiat. Im Dorf gibt es weder ein Restaurant noch ein Kino. Dafür habe man einen Bingosaal, heisst es auf der dorfeigenen Website.

Ein bisschen wie beim Bingospiel (hierzulande auch als Lotto bekannt) wartet das Dorf derzeit auch auf den weiteren Verlauf einer Gerichtsklage, die vor zwei Jahren in San Francisco eingereicht wurde: Die BewohnerInnen von Kivalina verlangen von den grossen Energiekonzernen eine Entschädigungszahlung für den Klimawandel.

Ständige Angst in der Sturmzeit

Kivalina ist akut bedroht. Wegen der Erderwärmung gefriert das Meereswasser um die Insel herum immer später. Wo früher bereits im Oktober Eis war, fehle es dieses Jahr noch im Januar, wie die Gemeindeschreiberin Janet Mitchell der «New York Times» sagt. Das hat schwerwiegende Folgen: Die Insel ist den Winterstürmen schutzlos ausgesetzt, die Wellen schwemmen das Land fort. Die Insel wird kleiner und kleiner, dem Dorf drohen Überschwemmungen. «Wir leben während der Sturmzeit in ständiger Angst», so Mitchell.

Die GemeindebewohnerInnen haben schon vor längerer Zeit per Abstimmung beschlossen, dass sie die Insel verlassen und auf dem Festland das Dorf neu aufbauen wollen. Von den Firmen, die sie verklagt haben – darunter die Ölmultis ExxonMobile und Shell sowie Peabody, der weltgrösste Kohlekonzern – fordern sie, das diese für die Umzugskosten in der Höhe von 400 Millionen US-Dollar aufkommen.

Besonders brisant an der Klage ist der Vorwurf der Konspiration: Die Energiekonzerne hätten mit pseudowissenschaftlichen Studien, vorgeschobenen Lobbygruppen und unechten Basisgruppen die Diskussion über den Klimawandel manipuliert. Damit sei ein schnelles Handeln gegen den menschengemachten Klimawandel verhindert worden.

Tabakkonzerne lassen grüssen

Ob dieser Vorwürfe erinnert man sich in den USA an die teilweise erfolgreichen Sammelklagen gegen die Tabakindustrie. Dieser wurde in den letzten Jahrzehnten immer wieder vorgeworfen, sie hätten die Gesundheitsgefährdung durch das Rauchen mit gezielter Desinformation verharmlost. Die unternehmensfreundliche Lobbygruppe American Justice Partnership nennt denn auch die jetzige Klage die «gefährlichste Amerikas». Die Freiheit, seine Meinung zu äussern, stehe unter Beschuss.

Im Oktober 2009 wurde die Klage der EinwohnerInnen von Kivalina zwar erstinstanzlich abgewiesen, sie haben gegen diesen Entscheid jedoch Rekurs eingereicht. Ihre Chancen sind intakt: Eine Studie der Rückversicherungsgesellschaft Swiss Re vom letzten Jahr hält fest, dass Gerichtsverfahren im Zusammenhang mit dem Klimawandel «in den nächsten Jahren grosse Bedeutung» bekommen könnten. In den fünfziger Jahren hätte man auch zuerst die Gerichtsklagen gegen viele Asbestfirmen abgeschmettert. Einige Jahre später jedoch mussten viele Firmen wegen des von ihnen produzierten tödlichen Asbests hohe Entschädigungssummen zahlen.

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