Nr. 39/2017 vom 28.09.2017

Lost in Alaska

Die Erderwärmung zerstört die Küste im äussersten Nordwesten der USA. Weil die Siedlung Newtok in Alaska untergehen wird, haben die Menschen dort schon vor Jahren beschlossen umzuziehen. Doch die Klimaflüchtlinge sitzen fest.

Von Martin Theis (Text) und Sascha Montag (Fotos), Newtok und Mertavik

Durch das Küchenfenster kann Maria Fairbanks den Fluss sehen, der ihr Dorf verschlingen wird. Noch ist der Ninglik ein ruhiger, kilometerbreiter Strom, auf dem die Männer in Motorbooten nach Silberlachsen fischen und Robben jagen. Doch bei Sturmflut tritt er über die Ufer und rüttelt an den Pfählen, auf denen die Menschen ihre Hütten errichtet haben. «Das Wasser steigt uns dann schon bis zur Türschwelle», sagt die 72-jährige Maria, eine kleine, geschäftige Frau mit grauem Kurzhaarschnitt. Mit einem Messer zerteilt sie einen Brocken Elchfleisch. «Es wird immer beängstigender hier», sagt sie.

Newtok, im Yukon-Kuskokwim-Delta an Alaskas Westküste: Rund 400 Indigene vom Volk der Yupik leben in der Tundra, einer weiten Landschaft aus Sümpfen, Flüssen und blaugrünen Tümpeln. Während US-Präsident Donald Trump die Existenz des Klimawandels bestreitet, wird Newtok von dessen Folgen zerstört: Steigende Temperaturen verwandeln den Dauerfrostboden in Morast. Der Ninglik schwillt an, unterspült die Küste und reisst die Erde mit sich. An Alaskas Küsten sind 180 Dörfer vom Untergang bedroht. Buchstäblich.

Maria Fairbanks wirft sich eine Regenjacke über ihren roten Blümchenkittel und tritt mit uns vor die Hütte. «Früher war der Fluss dort hinten am Horizont gerade so zu erkennen. Jetzt hat er unser Dorf erreicht.» Sie schiebt sich einen Batzen Kautabak unter die Oberlippe. «Wenn nichts geschieht, stürzen in diesem Jahr die ersten Häuser ins Wasser.» Wir machen uns mit ihr auf den Weg zu einem der beiden Dorfläden, die einmal im Monat mit einem Propellerflugzeug beliefert werden.

Globaler Klimawandel? Nie gehört

Lange Holzstege verbinden die Häuschen, in denen Grossfamilien auf engstem Raum leben. Wer abseits der Stege läuft, versinkt mit dem Fuss im aufgeweichten Boden. Auf Räucherschuppen liegen Elchköpfe und Felle von Moschusochsen zum Trocknen. Im Sumpfgras rosten Schneemobilwracks. Maria balanciert in Gummistiefeln über verwitterte Planken, die schon halb unter Wasser stehen und bald wieder erneuert werden müssen.

Vom globalen Klimawandel hat sie noch nie gehört. Doch über Jahrzehnte hinweg hat sie beobachtet, wie sich das Land veränderte. «Im Winter waren die Hütten oft so hoch eingeschneit, dass nur noch die Schornsteine herausragten. Das gibt es heute nicht mehr.» Verschiedene Fischarten sind verschwunden, das Sumpfgras wächst immer höher. Und das Packeis, das die Küste bei Sturm vor Erosion schützte, hält vor Newtok nur noch wenige Winterwochen.

Lage von Newtok in Alaska. Karte: WOZ

Newtok und Mertavik am Ninglick River. Karte: WOZ

Die BewohnerInnen von Newtok erkannten schon vor zwanzig Jahren, dass ihr Dorf nicht zu retten sein würde. Um nicht eines Tages in Notlagern der Grossstadt Anchorage zu landen, stimmten sie ab: Auf dem hoch gelegenen, soliden Vulkangestein der Insel Nelson, zehn Kilometer flussaufwärts am anderen Ufer, wollten sie eine neue Siedlung gründen. Sie gaben ihr den Namen Mertavik – «Ort, an dem die Quelle entspringt». Medien verbreiteten weltweit die Meldung von den ersten Klimaflüchtlingen.

Doch dann lief nichts so, wie es sollte. Newtoks Dilemma: Einerseits will der Staat nicht in eine Gemeinde investieren, die sich selbst aufgegeben hat und umsiedeln möchte. Aber andererseits ist keine Behörde autorisiert, den Umzug zu begleiten und zu finanzieren. Einen solchen Fall gab es nie zuvor in der Geschichte der USA. Anders als bei Tornados oder Flutwellen ist Katastrophenhilfe für die Folgen des Klimawandels nicht vorgesehen. Dass vor einigen Jahren auch noch ein politischer Machtkampf im Dorf ausbrach, macht die Sache nicht leichter. Bürgermeister und Dorfrat wurden 2012 aus dem Amt gejagt, die Gemeinde ist gespalten. Die Menschen in Newtok kämpfen nicht nur gegen den Untergang, sondern auch gegeneinander.

Die Fäkalien landen im Fluss

Der amtierende Bürgermeister Tom John eilt einen der Stege entlang zu dem Blechhaus, in dem seine Verwaltung arbeitet. Die regennasse Baseballkappe hat der Sechzigjährige tief ins Gesicht gezogen. Er trägt eine Schaufel, aus der Tasche seiner Jacke ragt eine Rohrzange. Gerade hat er den Wassertank der Dorfklinik repariert und aufgebockt. Die Klinik versackt allmählich, wie alle Gebäude Newtoks. Jetzt wartet in seinem Büro schon der Mechaniker. Er ist eingeflogen, um den schwächelnden Generator zu flicken, der das fragile Dorf mit Strom versorgt. Das Benzin dafür lagert in durchgerosteten Tanks. Im Dorf gibt es kein fliessend Wasser, die Entsorgung der Fäkalien ist nicht geregelt. Ihre sogenannten «honey buckets» – Honigeimer – kippen die BewohnerInnen in den Fluss oder in die Tümpel.

Der Druck auf den Bürgermeister steigt. «Baumaterial auf Schiffen nach Mertavik zu schaffen, ist sehr aufwendig», sagt Tom John. «Die neue Siedlung wird deshalb etwa 140 Millionen Dollar kosten.» Mit den ersten mühsam eingeworbenen Millionen konnten gerade fünf Häuser gebaut werden. «Jetzt brauchen wir mehr Strassen. Wir schaffen Steinbrecher dorthin, die dafür Kies produzieren.» Er rollt einen Bauplan auf seinem Schreibtisch aus.

Darauf eingezeichnet ist der Sehnsuchtsort Mertavik: moderne Ökohäuser, Wasserleitungen, eine Klärgrube, ein Gemeindezentrum und ein Schwimmbecken, das im Winter als Schlittschuhbahn dienen könnte. «Die Aussicht von dort oben ist im Sommer wunderschön», sagt Tom John. «Ich konnte mir nicht vorstellen, jemals umzuziehen. Jetzt kann ich es kaum erwarten.»

Durch die Maschen des Systems

Das Haus, das zuletzt fertig wurde, soll Maria Fairbanks gehören. Sie könnte jederzeit einziehen. «Aber was soll ich dort, ohne meine Lieben?», sagt Maria. Sie spuckt ihren Kautabak in einen Pappkarton. Risse im Boden ihres Wohnzimmers hat sie mit Panzertape überklebt, die Wände sind dicht mit Familienfotos getäfelt. Ihr Mann lebt nicht mehr, mit ihm hatte sie sechs Kinder. Fünf weitere adoptierten sie, was bei den Yupik nicht unüblich ist. Heute hat sie schon vierzehn Enkel.

Solange es in Mertavik keine Schule gibt, können die Kinder nicht dorthin ziehen. An einem Ort wiederum, an dem nicht mindestens zehn Kinder wohnen, baut die US-Regierung keine Schule. Immer wieder fallen die BewohnerInnen Newtoks durch die Maschen eines Systems, das ihre Misere erst verursacht hat. «Die Yupik leben auf diesem Land seit 3000 Jahren», sagt Maria Fairbanks. Sie kramt aus einem Schrank Relikte ihres vergangenen Lebens hervor: Stiefel aus fermentiertem Robbenleder, einen selbstgenähten Mantel mit Fellkapuze. «Wir waren Nomaden. Umziehen war für uns nie ein Problem.»

Bis in die fünfziger Jahre lebte Maria mit ihren Eltern gemäss den Traditionen. Die Yupik schliefen in Iglus aus Lehm, überwinterten in kleinen Gemeinschaften, und im Sommer zog jede Familie in eigene Jagdgründe. «Als die Weissen kamen, änderte sich alles», sagt Maria. Die US-Regierung führte auch für Alaskas UreinwohnerInnen die Schulpflicht ein. Sie mussten ihr bisheriges Leben hinter sich lassen und an einen Ort ziehen, den die Regierung bebauen und mit ihren Schiffen erreichen konnte. Um die neue Schule herum entstand Newtok.

Marias Funkgerät knarzt, eine Frauenstimme meldet sich in der Sprache der Yupik. «Maria, bist du da?» Es ist ihre beste Freundin, die ebenfalls Maria heisst. Sie gehört zu der Handvoll Leuten, die im Sommer in Mertavik wohnen: drei alte Ehepaare, die ohne Strom und Heizung auskommen müssen und deshalb in Newtok überwintern. «Kommst du uns heute besuchen?», tönt es aus dem Lautsprecher. Maria schaut aus dem Küchenfenster und hält inne. «Die Wellen sind heute zu hoch», sagt sie, «ich hoffe, es klappt morgen.»

Plötzlich erwacht das Misstrauen

Auch wir wollen Mertavik sehen. Zehn Tage lang suchen wir vergeblich jemanden, der uns in seinem Motorboot über den Ninglik auf die Insel Nelson bringt. Die Yupik sind misstrauisch gegenüber Fremden. Viele wollen erst gar nicht mit uns sprechen. Andere wiederum sagen uns die Überfahrt freundlich zu und sind am nächsten Tag wie ausgewechselt. «Keine Zeit», heisst es dann, oder der Wind sei zu stark. Wir können die Vulkanberge am Horizont sehen, die Fahrt dauert nur eine halbe Stunde. Doch die neue Siedlung scheint unerreichbar für uns.

Wir haben unser Lager – hundert Dollar pro Nacht – in der Schulbibliothek aufgeschlagen. Von unseren Feldbetten aus beobachten wir den Wellengang, als plötzlich Rektor Grant Kashatok den Raum betritt. Der kräftige, grauhaarige Yupikmann mit dem rundlichen Gesicht ist ein stiller Beobachter des Dorfgeschehens. Er selbst, mit seinem Masterabschluss aus der Grossstadt, wirkt wie ein Aussenseiter. «Ich weiss, warum sich die Leute vor euch in Acht nehmen», sagt Grant mit gerunzelter Stirn. «Sie haben Angst, dass ihr die falschen Fragen stellt. Zu dem Streit, der das Dorf spaltet.»

Vor einigen Jahren verschwanden in Newtoks kleiner Verwaltung 300 000 Dollar staatliche Hilfsgelder – und der Dorfrat weigerte sich, die Finanzen offenzulegen. «Der ehemalige Bürgermeister hat den zweiten der beiden Dorfläden eröffnet», sagt Grant und lächelt wie eine Buddhastatue. «Woher er das Startkapital hatte, könnt ihr euch selber denken.»

Obwohl die alte Clique praktisch nichts mehr zu melden hat, tagt sie wöchentlich weiter und verfasst Resolutionen, mit denen sie die Wände ihrer Versammlungshütte tapeziert. Dass die Behörden Alaskas lange nicht klären konnten, wer in Newtok eigentlich regiert, hat den Umzug um Jahre verzögert. Ein Ausschuss des Innenministeriums gab schliesslich dem neuen Dorfrat recht. «Es gibt Leute, die noch immer zum alten Bürgermeister halten», sagt Grant. «Sie wollen wieder an die Macht.» Dann weist er uns den Weg zu dem Mann, der uns nach Mertavik bringen wird.

Der Dorfpolizist Kevin ist ein drahtiger Kerl mit zerzausten Haaren, der nachts streunende Kinder und Jugendliche zurück in ihre Hütten treibt und den in Newtok verbotenen Alkohol beschlagnahmt. Er lebt in einem windschiefen Schuppen, nur einen Meter vom bröckelnden Ufer entfernt. Die Wellen des Ninglik überschlagen sich, Gischt spritzt an die Fensterscheibe, vor der eine Marihuanapflanze verkümmert. «Die Fahrt wird euch durchschütteln», sagt Kevin. Er hat vor zwei Tagen einen Silberlachs gefangen, doch das Öl für den rostigen Herd ist ihm ausgegangen. Er braucht dringend etwas Geld, also wirft er uns Fischerhosen zu und führt uns zu seinem Boot.

Wir fahren die zerfetzte Küste entlang, die etwa zwei Meter hoch aus den Wellen ragt. In der Mitte der dunkelbraunen Erde schmilzt eine weisse Eisschicht zu Rinnsalen: der Permafrost, der einst das ganze Jahr über gefroren blieb. Grosse Schollen Land drohen jeden Moment aus dem Ufer zu brechen. Überall rieselt Erde ins Wasser. «Bei Ebbe suchen wir hier nach Mammutstosszähnen», ruft Kevin gegen den tosenden Fluss an. «Wir verkaufen sie für viel Geld an weisse Händler.»

Mit geballten Fäusten

Nelson Island. Wir landen an einem Strand aus Gesteinsbrocken, ein Kiesweg führt eine Anhöhe hinauf. Dort stehen die Häuser. Am Wegrand liegen umgekippte Stapel grosser Plastikplatten für den Strassenbau, daneben steht schräg ein Bulldozer mit geplatztem Reifen. Kevin war länger nicht hier. «Dieser Ort ist grossartig!», ruft er. «Nirgends liegt Müll. Und schaut euch das Haus dort drüben an!»

Silbern glänzende Blechwände und ein rotes Dach: das Haus von Maria Fairbanks. Kevin rennt ringsherum. Er streicht über die Metallstäbe, auf denen es errichtet wurde: «Drüben in Newtok sind die aus Holz. Die hier sind besser, an denen können die Käfer nicht hochlaufen.» Mit Dreistufenschritten springt er die Treppe hoch zur Haustür und erklimmt die Brüstung. Durch ein Fenster schaut er nach innen. «Es hat Teppichboden und eine richtige Küche mit Gefriertruhe. Genau so ein Haus möchte ich auch haben.» Dann klettert er ins Führerhäuschen des Bulldozers und kramt die Bedienungsanleitung aus dem Fussraum, als wolle er gleich weiterbauen.

Plötzlich erstarrt er: Ein alter Mann kommt den Hügel herunter, kräftige Statur, Holzfällerhemd, Baseballkappe. «Das ist nicht gut», sagt Kevin. Der Mann bleibt mit geballten Fäusten dicht vor uns stehen. Unseren Gruss erwidert er nicht. «Ihr habt hier nichts zu suchen. Verschwindet!» Kevin redet in der Sprache der Yupik leise an ihn heran. Der Mann beachtet ihn nicht. «Wer hierherkommen will, braucht meine Erlaubnis!» Dann dreht er sich um und geht.

Kevin will sofort die Insel verlassen. «Ich hätte euch nicht hierherbringen dürfen.» Der Mann, Moses Carl, sei ein Freund seines verstorbenen Grossvaters gewesen. Nicht umsonst habe er vom korrupten Exbürgermeister eines der ersten Häuser auf Mertavik bekommen. Er gehöre dem alten Dorfrat an und begreife sich als Präsident der neuen Siedlung. Kevin steigt ins Boot und startet den Motor. «Ich habe Angst, dass er seine Leute ruft.»

Die Zeit heilt alle Wunden – vielleicht

Maria Fairbanks empfängt Kinder und Enkelkinder zum Abendessen. Sobald sie da sind, kann sie nicht still sitzen. Sie kocht Instantkaffee, backt Brötchen, serviert getrockneten Silberlachs. «Wie war es in Mertavik?», fragt sie. «Habt ihr mein schönes Haus gesehen?» Maria lauscht unserer Geschichte und runzelt die Stirn. «Wenn viel Wasser den Ninglik hinuntergeflossen ist, wird dieser Streit vergessen sein.» Sie streicht ihrem dreijährigen Enkel Derrill über den Kopf. «Das Wichtigste ist, dass unsere Kinder bis dahin festen Boden unter den Füssen haben.» Vor dem Essen schlägt Maria ein Kreuz vor ihrer Brust. Sie schliesst die Augen und betet in einer Sprache, die wir nicht verstehen.

Einige Wochen nach dem Besuch der Reporter verschwand Tom John. Der Bürgermeister von Newtok war mit dem Kajak zur Robbenjagd hinausgefahren und ist bis heute nicht zurückgekehrt.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Unterstützen Sie die WOZ als Ganzes mit einer Flattr-Spende.

Spenden mit Flattr

Drücken Sie ihr Interesse am Text Lost in Alaska aus und tätigen Sie eine spezifische Flattr-Spende.

Spenden mit Flattr