Nr. 08/2010 vom 25.02.2010

In Blut getränkt?

War das Aztekenreich einzigartig barbarisch oder ein herkömmlich autoritärer Staat? Die Behauptung, die Azteken hätten Menschen geopfert, befeuert einen weiteren Kampf der Zivilisationen.

Von Stefan Howald

Es entbehrt nicht einer gewissen grauenerregenden Faszination: 500 spanische Abenteurer unter einem tollkühnen Anführer fallen in einen fremden Kontinent ein, besiegen eine gefürchtete Armee und zerstören ein mächtiges Reich, das unermessliche Reichtümer aufgehäuft hatte.

Natürlich, die Eroberung des Aztekenreichs durch Hernando Cortez 1520/21 begründete den europäischen Kolonialismus in Zentralamerika und damit eine Unterdrückung, die Jahrhunderte währte. Auf der andern Seite lässt sich der Aztekenkönig Moctezuma mit seinen Menschenopfern auch nicht gerade zur heroischen Figur des antiimperialistischen Widerstands stilisieren.

Der moderne mexikanische Nationalstaat hat gelegentlich an die aztekische Tradition anzuknüpfen versucht. Das Staatswappen mit Adler, Schlange und Kaktus repräsentiert den Mythos, laut dem die aztekische Hauptstadt Tenochtitlán um 1325 gegründet wurde. Die Azteken ihrerseits griffen auf ältere Traditionen zurück. Etwa auf Teotihuacán, fünfzig Kilometer nordöstlich des heutigen Mexico City gelegen. Dort existierte, 500 Jahre lang, bis etwa 650 nach unserer Zeitrechnung, das erste zentralamerikanische Grossreich: Eine Stadt mit bis zu 150 000 EinwohnerInnen, schachbrettartig angelegt um die Achse von Sonnen- und Mondpyramide. Während die architektonische Rekonstruktion dieses Unesco-Weltkulturerbes überwältigend ist, gibt es kaum Dokumente über die Menschen, die darin wohnten. Man spricht von einer rigide strukturierten Gesellschaft, womöglich mit Menschenopfern – aber eigentlich ist diese präkolumbianische Gesellschaftsform ein leeres Gefäss, in das Interpretationen gegossen werden.

Schlangen, Messer, Masken

Für die Azteken war Teotihuacán der Ort, wo die Götter entstanden. Ihr eigenes Reich sah sich denselben nachträglichen Interpretationen ausgesetzt. Dabei ist die archäologische Quellenlage noch dürftiger als im Falle von Teotihuacán. Als stabiles Reich bestand der aztekische Dreistädtebund nur knapp zwei Jahrhunderte. Die Hauptstadt Tenochtitlán wurde zerstört und seither vom Moloch Mexico City überwuchert. Schriftliche Dokumente sind beschränkt vorhanden, stammen zudem zumeist aus spanischer Hand.

Bekannt sind einige spektakuläre Objekte: die mächtige gefiederte Doppelschlange, Obsidianmesser und mit Lapislazuli belegte Gesichtsmasken. Kalt, unberührbar wirken diese Steindokumente. Fremd und starr blicken die Götter: Quetzalcoatl, Tezcatlipoca, Huitzilopochtli, Tlaloc, Xipe Totec. Das tönt alles nach Tod und Grausamkeit. Die Opfergefässe, so wird versichert, waren mit Blut getränkt. Da das bevorzugte Material der Stein war, befinden wir uns im Wortsinn in der Steinzeit. Menschen sind durch Masken repräsentiert.

Bauten im heutigen Mexico City haben die präkolumbianischen Tempelformen aufgenommen. Doch soziale Verheissungen waren den Azteken kaum abzugewinnen. Der Maler Diego Rivera hat eindringliche Bilder über, oder gegen, die Conquista gemalt; aber seine aztekische Gesellschaft sprüht auch nicht gerade vor Lebensfreude. In dem 1975 geschriebenen Lied «Cortez the Killer» von Neil Young heisst es:

He came dancing across the water
With his galleons and guns
Looking for the new world
In that palace in the sun.

Das Lied endet ebenso lakonisch wie eisig mit einer Strophe, der die vierte Zeile fehlt:

He came dancing across the water
Cortez, Cortez,
what a killer.

Wenn aber zwischendurch alle aztekischen Frauen als wunderschön und alle Männer als stark beschrieben werden, sie niemals Krieg gekannt hätten und Hass nur ein fernes Gerücht gewesen sei, so ist das reine Fantasie. Denn das Aztekenreich war zweifellos ein militärischer, autokratischer Staat.

An der Spitze stand der vergöttlichte Herrscher, zum Schluss Moctezuma II. Kontrovers ist dessen Tod: Nachdem er die Spanier zuerst als Gäste empfangen hat, wird er von diesen im eigenen Palast als Geisel gefangen gesetzt. Als sich Unruhen in der Stadt ausbreiten, soll er das Volk bei einem öffentlichen Auftritt beschwichtigen, wird jedoch von Steinen aus der Menge getroffen und erliegt später den Verletzungen. Welch ein publizistisches Geschenk für die Spanier. Von den eigenen Leuten gesteinigt! Wenn es nicht wahr wäre, hätte man es erfinden müssen. Vielleicht ist es ja auch erfunden worden. Denn andere Quellen suggerieren, Moctezuma II. sei von den Spaniern erdrosselt worden.

Gruselige Details

Der sagenhaft anmutende Sieg der Spanier hat mehrere, unbestrittene Ursachen: Ausgerüstet mit Kanonen, Gewehren und Pferden waren sie den aztekischen Fusssoldaten, die nur mit Lanzen und Schwertern kämpften, weit überlegen. Auch rekrutierten sie Nachbarvölker, die mit den Azteken verfeindet oder von diesen unterworfen worden waren. Düstere Prophezeiungen liessen Moctezuma II. zögerlich agieren. Bei einem Fest schlachteten die Spanier den aztekischen Adel ruchlos ab. Den Rest erledigten die eingeschleusten Pocken, denen die indianische Bevölkerung wehrlos erlag.

Nun hat die Conquista von Beginn an bis heute ein zivilisatorisches Argument für sich ins Feld geführt: die barbarischen Menschenopfer der Azteken. Der Opferkult galt lange Zeit als unumstössliche Tatsache. Die Azteken sollen spezielle Feldzüge, die sogenannten Blumenkriege, unternommen haben, um Kriegsgefangene zu machen, die dann geopfert wurden, um mit ihren Herzen die Sonne zu nähren. Massenschlächtereien, auch von Frauen und Kindern, das Herz bei lebendigem Leib herausgeschnitten, die Haut abgezogen – die spanischen Quellen lassen keine Grausamkeit aus.

Allerdings hat der Schweizer Ethnologe Peter Hassler schon vor beinahe zwanzig Jahren eine quellen- und ideologiekritische Untersuchung vorgelegt und vertritt bis heute die These, dass Menschenopfer bei den Azteken nicht zu belegen seien. Tatsächlich ist die Quellenlage fragwürdig. Elf Bilderhandschriften aus vorkolumbianischer Zeit, kaum entzifferbar, sind überliefert, der Rest ist spanisch überformt. Im Kampf um die Deutungshoheit finden sich interessierte Kriegspublizistik, Inquisitionsberichte, Anschauungen aus dritter Hand. Der Hofberichterstatter von Cortez, Bernal Díaz del Castillo, will als Augenzeuge aus einer Distanz von sechs Kilometern alle gruseligen Details beobachtet haben. Selbst kritischere Darstellungen der Conquista, etwa von Bartolomé de Las Casas, bleiben im westlich-christlichen Horizont eingebunden.

Ebenso ambivalent sind die nichtschriftlichen, archäologischen Belege. Fresken, die reale Menschenopfer zu zeigen scheinen, können immer auch symbolisch verstanden werden. Hassler diskutiert die Frage bis hin zu Opfertechniken: Konnte mit einem Obsidianmesser das Herz herausgeschnitten werden ...? Wie bei allen solchen Diskussionen gerät man zuweilen in makabere Gefilde.

Ab und zu kommen neue Funde zum Vorschein, die publizistisch als Belege für die barbarischen Praktiken herhalten müssen, etwa 1990 in Zultepec, wo die Azteken einen spanischen Tross überrannt und angeblich geopfert haben sollen. Doch solche Funde werden zumeist aufgrund der vorhandenen Schriftquellen interpretiert, trotz möglicher Zirkelschlüsse. Selbst seriöse Untersuchungen sind davon nicht ausgenommen. Eine kürzlich veröffentlichte Studie zu 107 identifizierten Skeletten beim Templo Mayor von Tenochtitlán vermutet an einem einzigen eine Herzextraktion – was dann am ausführlichsten diskutiert wird. Auch Blutspuren können in die Irre führen. Vermutlich praktizierten die aztekischen Adligen Selbstkasteiungen, die mittelalterlichen Geisselungen in Westeuropa entsprochen haben dürften.

Zwiespältige Projektionen

Mittlerweile vertritt kaum noch jemand die These der Massenopferungen, doch hält eine Mehrzahl der ForscherInnen institutionalisierte Menschenopfer im kleineren Rahmen weiterhin für wahrscheinlich. Dahinter droht freilich ein anderer Topos. Der Historiker Brian M. Fagan braucht die Azteken und ihre Menschenopfer in seinen populären Büchern als Musterbeispiel für einen «Clash of Cultures». Vornehmer heisst die Frage dann: War das Aztekenreich überhaupt eine Hochkultur?

Die aztekische Hauptstadt Tenochtitlán beherbergte mindestens 200 000 EinwohnerInnen – zu einer Zeit, als die kastilianisch-spanische Hauptstadt Toledo 30 000 zählte. Technologisch waren die Azteken etwa im Bauwesen relativ weit avanciert, dafür in anderen Bereichen wie der Metallverarbeitung erstaunlich zurückgeblieben. Unzweifelhaft ist die Klassenstruktur: zehn Prozent Adlige, neunzig Prozent Bauern und Handwerker. Der Despotismus war rigide, doch institutionell wenig ausgebildet, eine lockere Föderation nach aussen, ohne grossen sozialen Zusammenhalt nach innen. Im Kern blieb das Aztekenreich ein militärisch schnell ausgeweitetes Imperium, das den angrenzenden Völkern Tribute auferlegte. Diese Zwangsbeziehungen ohne soziale Hegemonie konnten leicht auseinanderbrechen und liessen die Hauptstadt ohne eigene Ressourcen. Cortez nützte solche Schwächen taktisch aus. Beim zweiten Feldzug gegen Tenochtitlán 1520/21 sollen mindestens 100 000 indianische Hilfstruppen aufseiten der rund tausend Spanier gekämpft haben.

«Es ist niemals ein Dokument der Kultur, ohne zugleich ein solches der Barbarei zu sein», sagt Walter Benjamin in seinen geschichtsphilosophischen Thesen, und das gilt im Kampf Azteken gegen Spanier für beide Seiten. Zwei Massaker der Spanier, in Cholula und in Tenochtitlán, sind selbst in den spanischen Quellen verbürgt. Vom nachträglichen Kolonialismus ganz zu schweigen.

Zu Neil Youngs Lied wird im Internet behauptet, Young meine mit der friedvollen Gesellschaft an den atlantischen Gestaden keineswegs die realen aztekischen Zustände, sondern das, was Cortez zu finden hoffte. Das passt nicht schlecht. Der westliche Kolonialist zerstört nicht das fremde Paradies, das es auch nicht gab, sondern die eigene Hoffnung auf eine menschenwürdigere Gesellschaft.

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