Nr. 09/2010 vom 04.03.2010

Die dunkle Seite des Mondes

Von Silvia SüessMail an AutorIn

Zugegeben, momentan kann einem seine mediale Omnipräsenz etwas auf die Nerven gehen: Martin Suter kam in den letzten Wochen in praktisch jeder Schweizer Zeitung zu Wort. Soeben ist «Der Koch» erschienen, im Kino läuft die Verfilmung seines Romans «Lila, Lila», und zum Film «Giulias Verschwinden», der zurzeit in den Schweizer Kinos zu sehen ist, hat er das Drehbuch verfasst.

Suter ist ein schneller und produktiver Schaffer, und er ist ein grossartiger Beobachter und Erzähler. Eines seiner besten Bücher ist «Die dunkle Seite des Mondes». Wie so häufig in seinen Romanen geht es auch hier um zwei aufeinanderprallende Welten: Da ist der Starwirtschaftsanwalt Urs Blank, der mit seinen 45 Jahren reich und erfolgreich ist und mit aus London massgeschneiderten Anzügen und einem schwarzen Jaguar durch die Welt fährt. Und da ist Lucille, ein 25-jähriges Hippiemädchen, das an ihrem Flohmarktstand Raucherstäbchen und Schals aus Indien verkauft. Fasziniert von Lucilles Welt beginnt Blank ein Verhältnis mit der jungen Frau.

Nach einem «meditativen Wochenende», an dem er mit Lucille halluzinogene Pilze zu sich nimmt, kommt er nicht mehr von seinem Trip herunter. Seine Persönlichkeit verändert sich, Blank wird aggressiv und gewalttätig. Er zieht sich in den Wald zurück, wo er verzweifelt nach dem Pilz sucht, der ihn von seinem Trip erlösen soll. Stinkend, mit weissen Haaren und langem Bart, treibt er monatelang durch den Wald und lernt hier zu überleben: «Blank hatte in den letzten Monaten viele Stunden wartend vor so manchem Kaninchenbau zugebracht. Er hatte gelernt, sich still zu verhalten, die Zeit verstreichen zu lassen und sich nicht überraschen zu lassen, wenn das Kaninchen plötzlich herauskam.»

«Die dunkle Seite des Mondes» ist ein süffig geschriebenes Buch, das man, einmal angefangen, nicht mehr aus den Händen legt. Suter verzichtet auf eine moralische Komponente und beschreibt auf witzige Art die Veränderung seines unsympathischen Helden.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch