Nr. 29/2014 vom 17.07.2014

ABC der Warenkunde

Wir sind von Waren umzingelt. Kaum können wir uns dem Luxus und der Moden entziehen. Doch Dinge haben ja nicht nur einen Tauschwert, sondern auch einen Gebrauchswert. Deshalb bringen wir hier 21 Vorschläge von 21 WOZ-AutorInnen für ein besseres Geniessen. Denn der Sommer wird lang.

Illustrationen: Marcel Bamert

Anzüge

Als ich mir im letzten Juni die Nase brach, brach zugleich das extreme Bedürfnis aus, mich in feines Tuch zu hüllen – keine Ahnung, wieso.
Klar ist allerdings: Dem linken Mann schadet es keineswegs, Anzüge zu tragen. Denn so gekleidet, kann man sich auch gut unbemerkt an den bürgerlichen Feind heranschleichen, der einen zuerst mal für seinesgleichen hält. Die besten Anzüge findet der gross gewachsene Abschlussredaktor von Welt übrigens im Brockenhaus, wo sie ihm erstaunlicherweise besser passen als im Kaufhaus.
Tipp: Schliessknopf des Jackets auf Nabelhöhe, und ein Zentimeter Hemdsärmel muss unter dem Jackett hervorblitzen. Der Anzug von letzter Woche ist übrigens fliederfarben und versetzt die Damenwelt ins Schwärmen.
Wohlgemerkt: Ohne gute Schu­he ist jeder Anzug nichts. Ich empfehle die herrlichen rahmengenähten Exemplare von Shoepassion.de. Die sind natürlich teurer als die Treter aus dem Schuhdiscount, aber – weil man auf den Zwischenhandel verzichtet – viel billiger als andere handgefertigte Exemplare. Zudem halten sie bei guter Pflege Jahrzehnte. Für den Strassenkampf sind sie allerdings nicht besonders geeignet. Sind die Shoepassion-Schuhe aber fair gefertigt? Im Promovideo der Shoepassion-Fertigungsstätte in Spanien sieht alles gut aus – und für eine fundierte Recherche ist dieser kleine Text leider zu kurz.
Armin Büttner

Bonbons

Die Erinnerung ist leicht sepia ­getönt, aber die Objekte meiner Begierde sehe ich noch genau vor mir: Tiki mit Erdbeer-, Zitrone- oder Colageschmack, Fünfermocken und Bazooka, den rosa Kaugummi, der die grössten Blasen machte. Dass es Münzen brauchte, um all dies im Kolonialwarenladen zu kaufen, wusste ich, und wo es solche hatte, auch: Im Büro des Restaurants gab es Blechschachteln voller sortiertem Kleingeld. Vier Handvoll Münz, meine und die von Vreni, dem Nachbarskind. Dann der Grosseinkauf, klopfende Herzen, kurzer Genuss, Entdeckung, Inquisition und Strafe – die Frau vom Lädeli hatte uns verpfiffen. Seither habe ich meist ein paar Schleckies zur Hand. Zur Erinnerung an das Kind in mir.
Ruth Wysseier

Comics

«Kreisch!» – schon wieder eins. Überall liegen sie herum: auf Küchentisch, Stuhl und Schuhgestell, vor dem Fernseher, unter dem Sofa, neben dem WC. Ich warte nur dar­auf, das erste im Kühlschrank zu entdecken. Unsere Wohnung ächzt und stöhnt unter der wundersamen Vermehrung von «Walt Disney’s Lus­tigen Taschenbüchern», vom Junior platziert – auf dass er jederzeit eins behändigen kann. Ständig steckt seine Nase zwischen den bunten Seiten. Donald ist sein Liebling – pardon, Donald alias Agent Doppelduck natürlich. Welch halsbrecherische Action! Welch emotionaler Dauerausnahmezustand! Das färbt ab: Auch der Junior mutiert immer mehr zum wandelnden Ausrufezeichen. «Seufz!»
Franziska Meister

Diebesgut

Wir werden beklaut: Am Arbeitsplatz erhalten wir weniger Geld, als unsere Arbeit wert ist, und erstehen dann Produkte damit, die für mehr Geld verkauft werden, als ihre Produktion gekostet hat. Liegt es da nicht sprichwörtlich auf der Hand, christlichen Gehorsam und moralische Bedenken abzuschütteln und sich den Mehrwert selbst zurückzuerstatten? Solange es nicht alle machen und der Tante-Emma-Laden verschont wird?
Der Fünffingerrabatt führt zu neuen Freiheiten, kann aber auch schnell in erneutem Konsumismus resultieren. Eines ist gewiss: Mit fairen Produkten lässt sich der Kapitalismus kaum wegkaufen. Wegklauen lässt er sich leider aber auch nicht.
Klaus Gschwind

Elektrosmogschutz

Es sieht aus wie ganz normaler, weisser Baumwollstoff. Nur wer genau hinschaut, entdeckt das Glitzern: In Swiss-Shield-Stoffe sind mikroskopische Silber- und Kupferfäden eingewoben. Darum hält das Gewebe elektromagnetische Strahlung ab, sogenannten Elektrosmog. Der Stoff kommt von der gleichnamigen Firma aus Flums; Kunden sind unter anderem Industrie und Militär. Jolanda Leuzinger aus Jona vertreibt Kleider, Schlafsäcke und Baldachine aus diesem Stoff. Das Zeug ist teuer – aber so ist es leider: Elektrosensible Menschen müssen heute auch für Schlaf bezahlen. Und wer nicht ­sicher ist, ob es wirklich am Elektrosmog liegt, kann bei Leuzinger unter www.a-zgesund.ch einen Baldachin zur Probe ­mieten.
Bettina Dyttrich

Füllfederhalter

Im alten Gemäuer des grosselterlichen Hauses weckten Einbauschränke aus Kastanienholz, marmorierte Kommoden und schwere Truhen meine kindliche Neugier. Heimlich ging ich auf Entdeckungsreise, räumte aus, was sich ausräumen liess. Auf einem dieser Streifzüge fielen mir die Schulhefte meines Nonnos in die Hände, darunter Aufsätze, die er als Fünfzehnjähriger verfasst hatte. Ich bewunderte diese unbeirrte, gestochen scharfe Kurrenthandschrift. Handschriften sind seismografische Aufzeichnungen. Und das Gerät, das sie am besten auf Papier übersetzt, ist eine gute Füllfeder.
Mein Vater war Dorfschullehrer, in seinen Brusttaschen steckte immer eine Batterie aus Kugelschreibern und Stiften. Zu seinem Sechzigsten kaufte ich ihm eine teure Füllfeder. Er starb einige Tage vor seinem Geburtstag. Und so befindet sich die Feder noch in meinem Besitz. Es ist nicht die einzige. Die ideale habe ich erst vor wenigen Jahren gefunden. Es ist ein nachtblaues Gerät, es liegt genau richtig in meiner Hand. Seit ich sechzehn war, fülle ich Hefte und Notizbücher. Was ich zu Papier bringe, ist nicht von Belang. Es ist der Vorgang des Notierens, nach dem ich süchtig bin, zu fühlen, wie die Feder allmählich mit meiner Hand verschmilzt, wie sie mich anschliesst an die Welt.
Die Stiftgeschichte ist nicht zu Ende erzählt: Meine jüngste Tochter treibt sich ständig in Papeterien ­herum auf der Jagd nach Stiften aller Art.
Andreas Fagetti

Geranien

Von Frühling bis Herbst zieren die bekannten und zu Unrecht oft verkannten Geranien Balkone in der hiesigen Provinz, in Städten und deren Vororten. Mit ihrer Blütenpracht prägen sie heimische Rabatten in Kreiseln, Friedhöfen und vor Gemeindehäusern. Sie stehen für Tradition und Sommer. Geranien blühen lange, sind pflegeleicht und günstig in grossen Mengen und Variationen in Gartenzentren, Grossverteilern und natürlich auf dem Markt zu ergattern. Als Pflanzengattung gehören sie zur Familie der Storchschnabelgewächse. Gut gestutzt können sie platzsparend im Keller überwintern. Bieder oder «bünzlig» sind Pflanzen übrigens nie. Das sind höchstens deren Heger und Pflegerinnen.
Corina Fistarol

Haselnussstängeli

Es gibt spektakulärere Produkte in der Konditoreiabteilung, ja, zuweilen scheint es, als ob die Haselnussstängeli sich etwas auf ihre Gewöhnlichkeit einbilden: Seht her, bei mir geht es nicht um den glasierten Schein, nur ums Sein meiner nussigen Substanz. Natürlich, die Stängeli der beiden Grossverteiler unterscheiden sich: Etwas voller schmecken die ­einen, doch beide zergehen langsam im Mund, sodass sich das, was in der Backstube zusammengefügt wurde, in eine betörende Masse auflöst, die weich den Gaumen umspielt.
Vor einiger Zeit tobte ein Kulturkampf, ob die etwas kurz geratenen Stängeli gegenüber den kräftigeren Totenbeinli bestehen könnten; aber dieser Snobismus ist längst überholt. Die besten, etwas grösseren Haselnussstängel gibt es sowieso in einer Zürcher Spezialbäckerei, die mit S beginnt, aber keine dekadenten Luxemburgerli herstellt.
Einmal mit dem ersten Stängeli begonnen, gibt es kein Halten mehr: der automatische Griff in den Guetzlisack, die schöne Repetition. Nur von Ferne meldet sich eine leichte Scham vor der Sucht und der Völlerei. Die ist schliesslich eine Todsünde, sie zehre die Zukunft auf, sagt sogar der Protestantismus, obwohl der Schatzbildner für die kapitalistische Verwertung dysfunktional ist. Umgekehrt lassen die schamlose Ungezügeltheit, der unerschöpfliche Nachschub die Utopie des Schlaraffenlands aufscheinen, jenes soziale Wunschbild, in dem wir alle immer alles essen dürfen – also gleich sind.
Stefan Howald

Innensohlen

Sommer, das ist für mich, wenn ich barfuss laufen und ohne Socken in die Schuhe schlüpfen kann. Sockenfreiheit ist grossartig. Weniger grossartig ist der Geruch, der aus meinen Ballerinas steigt, nachdem ich sie ­einen ganzen heissen Tag lang getragen habe. Mir und vor allem meinen Mitmenschen zuliebe lege ich daher Sohlen in die Schuhe, die die Füsse frisch halten und sie, ganz unsommerlich, nach Zimt oder Zedernholz duften lassen. Obwohl ich keine Freundin von Einwegprodukten bin, mache ich bei diesen mehrere Wochen tragbaren Sohlen eine Ausnahme und habe immer einen Vorrat im Schrank. Dafür muss ich weniger oft die Schuhe wechseln – und mir erfreulicherweise auch seltener neue zulegen.
Ulrike Frank

Japanischer Grüntee

Dass Tee – die getrockneten Blätter des Teestrauchs (Camellia sinensis) – nicht unbedingt schwarz und im Beutel sein muss, ist mittlerweile zwar selbst in der Schweiz kein Geheimnis mehr. Trotzdem wird in der Gastroszene oft noch immer trübes Wasser dargeboten, das sich höchstens in britisch-indischer Manier mit möglichst viel Milch und Zucker halbwegs geniessen lässt.
Die Teepuristin hält sich deshalb besser an schonend erarbeitete Teevarietäten: weisser, gelber und grüner Tee. Dafür reist man am besten nach Bern zu «Länggass-Tee» und degustiert sich an die eigenen Lieblingstees heran. Bei mir ist das, vor allem morgens und zum Arbeiten, ein mittelklassiger Sencha, also ein typischer japanischer Grüntee. Nur schon die giftig grasgrüne Farbe in der schneeweis­sen Tasse wirkt als vorzügliche Psychostimulanz (und das war auch vor Fukushima schon so).
Wenn mal mehr Zeit und Mus­se zur Verfügung stehen, darf es aber auch gern die Konkurrenz aus China, Taiwan und Korea sein: Hochpreisige grüne Oolongs – nach leicht entschlackter Technik der chinesischen Teezeremonie (Gong fu cha) zubereitet – könnte man den ganzen Tag über immer und immer wieder aufgiessen. Mit dem zweiten bis vierten Aufguss haben sie ihren Höhepunkt erreicht. Danach nehmen Stimulanz und Geschmacks­intensität langsam ab, dafür treten einige unerwartete Feinheiten ins Bewusstsein.
Markus Spörndli

Kontaktlinsen

Die Kontaktlinse zählt für mich zu den grössten Erfindungen der Neuzeit. Als ich mit vierzehn Jahren nicht mehr lesen konnte, was in der Schule an der Tafel stand, den Platz in der letzten Bank aber nicht aufgeben wollte, bekam ich eine Brille. Die riss ich runter, kaum verliess ich das Klassenzimmer. Noch galt damals das Motto «Mein letzter Wille – ne Frau mit Brille!».
Weil Bekannte meinen Eltern klagten, ich hätte nicht gegrüsst, und ich in der Disco den Attraktivitätsgrad meines Gegenübers nur auf Tastdistanz erkannte, sass ich mit neunzehn beim Optiker und wartete auf das Einsetzen dieser unbegreiflichen Haftschalen. Es war eine Offenbarung: Erstmals sah ich nicht nur die Umgebung, sondern mich selbst im Spiegel auf drei Meter Entfernung gestochen scharf – und dies ohne ­Brille! Dass es wehtat, ertrug ich ebenso wie den Preis, der damals fast tausend Mark betrug.
Unzählige Male kroch ich in Kneipen, Wohnungen, Konzerthallen, am Strand und im Wald auf Böden herum und tastete zwischen Erdnussschalen und Staubflusen nach meinen Linsen, oft mit roten Augen; in der Nacht verfolgten mich böse Linsenträume: vertrocknet, kaputt, weg. Die brillenlose Freiheit war all das wert. Und die Leiden sind mittlerweile Geschichte.
Heute trage ich Tageslinsen, hauchdünn und nicht zu spüren – und zwar so lange, wie sie halten. Mein Optiker hats mir ausdrücklich erlaubt!
Karin Hoffsten

Literatur

Konsum ist ja immer auch Vernichtung durch Gebrauch. Fast alles, was wir im materiellen Sinn konsumieren, ist danach fort: verschlungen, verbraucht, verdaut. Es ist unmöglich, dieselbe Sache immer wieder neu zu konsumieren. Das schafft nur, wer Kultur verschlingt. Ein schon gelesenes Buch nochmals lesen, einen schon gesehenen Film nochmals sehen: Das ist nicht nur problemlos möglich, es führt oft auch zu erstaunlichen (manchmal sogar erschütternden) Erfahrungen und ­Erkenntnissen.
Nehmen wir, weil das hier gerade so schön passt, den Roman «8 1/2 Millionen» von Tom McCarthy, der auf Englisch 2005 und in deutscher Übersetzung 2009 erschienen ist. «8 1/2 Millionen» ist ein existenzialistischer Thriller über einen Mann mit Wiederholungszwang: Nach einem Unfall setzt er alles daran, einen­ bestimmten Moment in ­seinem Leben bis ins letzte Detail exakt zu rekonstruieren. Ich kann dieses Buch, wie jedes andere, beliebig oft wieder­lesen; die Sätze verrutschen ja nicht plötzlich auf dem Papier. Aber der Roman wird trotzdem nicht derselbe bleiben wie damals bei der ers­ten Lektüre. Weil ich, der Leser, (so hoffe ich jedenfalls) nicht mehr genau derselbe sein werde wie damals, das Buch also immer wieder mit neuen Augen sehe.
Wer ohne Furcht ist, mache den Selbsttest – und pflücke jetzt das eine oder andere Lieblingsbuch aus der Pubertät aus dem Regal. Aber Vorsicht: Wiederholter Konsum könnte aufstossen.
Florian Keller

Mineralwasser

Nur schon das Wort «Leitungswasser» löst bei mir Ekel aus. Lieber trinke ich Wasser aus einem See als aus einer alten Leitung. Da kommt es erst noch ohne Kohlensäure rausgeplätschert. Mein Beitrag zur Umweltverschmutzung und zur Wegwerfgesellschaft basiert auf dem Vorurteil, dass Mineralwasser in Glas­flaschen (Perrier) etwas für die Geldelite ist. Das Prekariat trinkt aus giftigen PET-Flaschen (Farmer). Viele andere Modelle gibt es nicht (Soda-Stream-Apparate kommen erst ins Haus, wenn dieses in der Agglo steht). Vielleicht sogar besser, schlepp ich PET-Flaschen? Weil das auch genügend andere tun, spart die Schweiz jährlich 36 Millionen Liter Erdöl beim Transport. So gleicht sich das karmamässig vielleicht wieder aus.
Nina Laky

Open Air

«Einmal Gampel – immer Gampel.» Schon mein halbes Leben lang zieht es mich jedes Jahr im August ans Open Air Gampel. Das Festival erfreut sich auch nördlich des Lötschbergs grosser Beliebtheit, schliesslich bietet sich dort vier Tage lang die Gelegenheit, so manches Walliser Klischee in Echtzeit zu beobachten. Der Anlass hat sich inzwischen zu einem riesigen Konsumevent entwickelt, die Eintrittspreise strapazieren das Portemonnaie arg. Es gibt eine Playstation-Bühne, einen Bacardi-Dome, ein Swisscom-Zelt, und überall werden Promoartikel verteilt. Doch Sonne, reichlich Bier und gute Musik machen das Open Air trotzdem alle Jahre zu einem unvergesslichen Erlebnis.
Sibylle Dirren

Post-it

Am Anfang standen zwei Ärgernisse: Spencer Silver hatte 1968 einen Kleber entwickelt, der nicht richtig klebte. Derweil ärgerte sich sein Arbeitskollege Art Fry, dass ihm während des Singens im Kirchenchor immer die Lesezeichen aus den Notenbüchern fielen. Der eine beklagte sich beim andern, und der Post-it-Zettel war geboren.Heute bevölkern die Klebezettel in allen Farben und Formen meine Bücher und Wände, meine Agenda und meinen Schreibtisch. Mit Erinnerungen, To-do-Listen, kurzen Liebesbotschaften und Gedanken, schlauen und weniger schlauen. So rasch sie aufgeklebt sind, so rasch sind sie – die beste Eigenschaft von Silvers miesem Leim – auch wieder entfernt. Spurlos.
Noëmi Landolt

Rasierschaum

Zwei revolutionäre Erfindungen stehen am Anfang des 20. Jahrhunderts: die Psychoanalyse von Sigmund Freud – und der mechanische Rasierapparat von King Camp Gillette. Inzwischen ist die Bartrasur ein säkularisierter Bestandteil des Alltags. Noch immer entwickelt sich die Rasurindustrie weiter: In immer kürzeren Intervallen kommen raffiniertere Klingen auf den Markt. Für mich ist die Dreitagebartrasur eines der letzten Naturerlebnisse, das mich durch das Leben begleitet. Ich fühle mich dabei, in einer Art Tiefenmedita­tion, verbunden mit der männlichen Weltbevölkerung. Am meis­ten Spass aber bereitet mir der Rasierschaum. Für empfindliche Haut. Aus der Sprühdose.
Adrian Riklin

Stoff

Ich suche einen Stoff. Einen Stoff so gut wie Cannabis? Oder einen Stoff aus Seide? Ohne Stoff gehe ich unter. Schliesslich ergattere ich ein Buch, ein Buch mit tausend Seiten, voller Stoff. Kurzgeschichten. Stoff genug für einen ganzen Winter. Geistiger Stoff, als Ware. Verpackt zwischen Buchdeckeln, der Stoff dazwischen. Papiere, bedruckt. Buchstabenreihenfolgen. Und doch evoziert dieser Stoff im Hirn Welten: Die Reihenfolge machts aus. Aber wie die richtige Reihenfolge finden, wo diese kaufen? Die Reihenfolgen sind so immens, in den Buchhandlungen lassen sich jeweils nur Stichproben machen. Dann führt man sie dem Hirn zu, und die Reihenfolge vibriert.
Stephan Müller

Tee

Was gar nicht geht: Billigbeutelchen von der Stange. Diese Budget­tees sind Hochverrat an einem Kulturgut, da trinkt man besser heisses Wasser. Ein guter Tee ist immer offen, nicht in Beutelchen verpackt, man sieht die Blätter und die verschiedenen Blüten. Dieser Tee ist vielleicht ein bisschen teurer als der undefinierbare Staub in weissen Vliestütchen oder diese künstlich aromatisierten Waldbeeren-Honig-Tees, die nie einen Wald, eine Beere, geschweige denn Honig gesehen haben. Guter Tee ist schlicht und ehrlich. Deshalb ist es am einfachsten und exquisitesten, man kauft sich einen Topf mit marokkanischer Minze, stellt ihn auf den Balkon und brüht sich den Tee frisch ab Staude.
Susan Boos

Uetliberg

Konsum auf dem Uetliberg – das Thema hält Zürich seit Jahren auf Trab. Hotelier Giusep Fry muss nun auf Geheiss des Bundesgerichts definitiv Teile seiner Gebäude auf dem Uto Kulm abbrechen. Doch der Berg lässt sich auch ohne die momentan noch verglaste Sonnenterrasse genies­sen. Das ist allerdings heikel – von wegen «Gmüetliberg». Kürzlich wurden die sterblichen Überreste einer seit Monaten vermissten Frau gefunden. Und aus der Fallätsche, einem markanten Geröllhang, müssen tatsächlich immer wieder Wander­Innen von der Rega gerettet werden. Mit der nötigen Vorsicht ist es aber eine wahre Freude, an den Hängen des Uetlibergs herumzukraxeln. Unzählige Naturstrassen, Wanderwege und Pfade durchziehen die waldige Flanke des Bergs. Gut, völlig ungestört lässt sich hier nicht wandeln. Joggerinnen, Biker, Hündelerinnen, Pfadfinder, Familienausflüglerinnen kommen sich zwangsläufig in die Quere – mit seiner konkurrenzlosen Nähe zu den links der Limmat liegenden Quartieren zieht der Uetliberg die bewegungshungrigen BürolistInnen magnetisch an. Und auch wenn mal niemand zu sehen ist – das Rauschen der Autobahn dringt in fast jeden Winkel. Nur in unmittelbarer Nähe eines der vielen Bächlein lässt sich die Zivilisation völlig ausblenden. Aber Obacht, das nächste Mountainbike kommt bestimmt. Und zwar im Karacho.
Roman Schürmann

Wein mit Cola

Rotwein aus dem Tetrapak (fragen Sie einen Jugendsuchtexperten nach dem aktuell günstigsten Angebot) vermengt mit derselben Menge Cola auf reichlich Eis – und, wenn Sies extravagant mögen, mit einem Orangenschnitz garniert: Fertig ist der Kalimotxo, baskisches Nationalgetränk, Trendgetränk in der Eurokrise, bekannt auch unter den Bezeichnungen «Cuba Libre del Pobre» oder – im deutschsprachigen Raum – «Kalte Muschi». Die Kalimotxo-Neulinge werden von ihrem Glas probieren wollen, dann die Nase rümpfen und irgendetwas Kulturpessimistisches murmeln. Ein Effekt, den Sie mit der Verwendung eines 2005er Château Pétrus übrigens deutlich verstärken können.
Dinu Gautier

Zahnstocher

Zugegeben, es ist nur ein kleines Stück Holz. Kurz, dünn und auf beiden Seiten spitz. Und doch ist es manchmal unentbehrlich: Was gibt es Nervigeres als Fleischreste, die einem nach dem Essen zwischen den Zähnen hängen bleiben? Egal wie fest man sich mit der Zunge darum bemüht, sie herauszufischen – und das Gesicht zu Grimassen verzieht –, sie bleiben hängen. Mit den Fingern danach zu grübeln, ist auch keine Lösung, deshalb muss ein Zahnstocher her. Praktisch sind die Zahnstocher übrigens auch an regnerischen Wochenenden: Sie eignen sich prima, um mit gelangweilten Kindern zu basteln und sich zwischendurch den Dreck unter den Fingernägeln herauszupulen.
Silvia Süess

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