Nr. 10/2010 vom 11.03.2010

Ein Brief, der nie ankam

Er war einer von 800 Freiwilligen aus der Schweiz, die gegen die drohende Diktatur von General Franco kämpften. Kurz vor seinem Tod 1937 hatte Fischer seiner Frau einen Brief geschrieben. Dieser landete direkt bei der Bundespolizei. Siebzig Jahre später entdeckt ihn die WOZ im Bundesarchiv.

Von Ralph Hug

«In dem Tal dort am Rio Jarama / Schlugen wir unsre blutigste Schlacht.  / Doch wir haben, auf Tod und Verderben, / Die Faschisten zum Stehen gebracht.»
«Jarama-Valley-Song»

«Mein Vater ist gestorben, als ich 4 Jahre alt war», erzählt Charlotte Schärer-Fischer, die heute 77 Jahre alt ist und in Basel lebt. Sie hat nur ein undeutliches Bild von ihm im Gedächtnis. Klar war nur, dass er 1937 im Spanischen Bürgerkrieg umgekommen ist. Ihre Mutter Gertrud sprach nicht über seinen Tod. Sie hatte alle Hände voll zu tun, um als Alleinerziehende die drei Kinder durchzubringen. Es war Krise, viele waren arbeitslos, und am Horizont drohte bereits der Zweite Weltkrieg. Die Familie Fischer wohnte im aargauischen Dottikon, war arm und musste von der Fürsorge unterstützt werden.

Der Tag, an dem er verschwand

Es ist Samstag, der 9. Januar 1937, vormittags. Charles sagt, er gehe nach Zürich, um ein Velo zu kaufen. An der Bahnstation Dottikon löste er ein Billett «Zürich einfach». Als er am Abend nicht heimkehrt, stellt Gertrud fest, dass er einen Koffer mit Wäsche mitgenommen hat. Am Dienstag, als Charles immer noch nicht aufgetaucht ist, spricht Gertrud verzweifelt bei der Gemeindekanzlei vor: Ihr Mann sei weg, sie wisse nicht wohin. Er habe ihr vor dem Weggang noch fünf Franken gegeben. «Jetzt habe sie aber keinen Rappen mehr und sollte doch etwas haben für die Familie»: So ist es im Rapport des Polizeibeamten Thut zu lesen, der den Vorfall untersuchen musste.

Für den Polizisten war der Fall klar: Fischer war ein Kommunist, der «nicht arbeiten, dagegen gut leben wollte, beständig über Behörden u. Vorschriften schimpfte». Er sei «verduftet, um in Spanien an den Feindseligkeiten teilnehmen zu können». In Thuts Rapport spiegelt sich das negative Bild der SpanienkämpferInnen, die im Süden gegen General Francos Militärputsch antraten, um den Vormarsch des Faschismus zu stoppen – ein Bild, das in der schweizerischen Gesellschaft Jahrzehnte überdauern sollte.

Polizei und Strafverfolgern galt die antifaschistische Solidaritätsbewegung für die spanische Republik als gefährlicher Hort von StaatsfeindInnen. Die Bundesanwaltschaft setzte alles daran, Spanienfreiwillige an der Abreise zu hindern. Dies aufgrund von bundesrätlichen Erlassen, welche die Teilnahme an der Rettung der spanischen Republik aus Neutralitätsgründen verboten. Da sich vor allem die Kommunistische Partei (KP) und linke GewerkschafterInnen für Spanien engagierten, schien die Gelegenheit günstig, in diesem Hort der Unruhe aufzuräumen. Im Herbst 1936 nahm die Polizei auf Geheiss der Bundespolizei (Bupo) in Zürich und Basel zahlreiche Verdächtige fest, es kam zu Hausdurchsuchungen. Auch bei der Familie Fischer in Dottikon, wo die Polizei am 28. November 1936 anklopfte. Sie musste jedoch ohne Resultat wieder abziehen. Man habe keine Waffen und keine Munition gefunden, hiess es später nicht ohne Enttäuschung im Rapport. Die Polizei war tatsächlich im Glauben, es mit gefährlichen UmstürzlerInnen zu tun zu haben.

Charles Fischer war ein Kommunist. Ob er auch ein Parteimitglied war, ist nicht erwiesen. Jedenfalls glaubte er daran, dass eine Welt ohne Ausbeutung der ArbeiterInnen möglich sei. An jenem Samstag, als er die Familie verliess, ging er nicht zum Velohändler, sondern zu ParteigenossInnen, die sich wie er entschieden hatten, trotz Verbot am Spanischen Bürgerkrieg teilzunehmen. Wir wissen nicht, ob er in sich eine antifaschistische Pflicht fühlte wie manche, die in jenen Tagen nach Süden reisten. Oder ob er einfach dem Rat von KollegInnen folgte, denen er vertraute. Sicherlich aber stellte sich Charles Spanien als von der Natur gesegnetes Land vor, das ihm nach einem Sieg über Franco eine Chance auf eine neue, bessere Existenz bieten würde. Und das war es schliesslich, was im Leben zählt. Er sah seine Zukunft in einem utopischen Sehnsuchtsraum, für dessen Verwirklichung er bereit war, notfalls auch sein Leben einzusetzen.

Tod am Rio Jarama

Die Reise nach Süden führte Charles Fischer nicht ins Paradies, sondern in die Hölle des Bürgerkriegs. Im Januar/Februar 1937 tobte die Schlacht um Madrid. Nachdem Franco die Eroberung der Hauptstadt im ersten Ansturm misslungen war, suchte er den militärischen Erfolg durch eine Umklammerungstaktik. Dabei konnte er auf eine massive militärische Unterstützung durch seine faschistischen Verbündeten Mussolini und Hitler zählen. Es kam zu einer Reihe von berühmten Schlachten, deren Namen mit der Erinnerung an diesen Konflikt untrennbar verbunden sind: Jarama, Guadalajara, Brunete. «¡No pasarán!» hiess die Parole – «Sie werden nicht durchkommen!» –, und sie schien sich im Wunder von Madrid, das während des ganzen Kriegs nie fiel, zu bestätigen.

Charles kam am 18. Januar 1937 in Albacete an, dem Hauptquartier der Internationalen Brigaden. Wenig später wurde er an die Front abkommandiert, möglicherweise im reorganisierten Thälmann-Bataillon oder auch im Bataillon André Marty der XI. Internationalen Brigade. Vermutlich sah Charles die Front nur wenige Tage. Am 12. Februar 1937 traf ihn die tödliche Kugel am Rio Jarama, südöstlich von Madrid. Diese drei Wochen dauernde Schlacht war eine der mörderischsten im ganzen Bürgerkrieg. Sie kostete auf beiden Seiten das Leben Tausender und endete in einem militärischen Patt. Ein Hügel in exponierter Stellung bekam von englischen BrigadistInnen den Namen «Suicide Hill», weil er nur unter grössten Verlusten hatte erobert werden können. Eines der bekanntesten Lieder des Spanischen Bürgerkriegs, der «Jarama-Valley-Song», nimmt darauf Bezug.

Charles war einer der rund sechzig Schweizer BrigadistInnen, die sich im Jarama-Tal den Francotruppen entgegenstellten. Und er war einer der rund 180 Landsleute, die nicht mehr in die Schweiz zurückkehrten und in spanischer Erde begraben wurden. Gertrud Fischer, Charles’ Ehefrau, wusste, dass ihr Mann am Jarama das Leben verloren hatte. BrigadistInnen, die Ende 1938 heimkehrten, hatten es ihr berichtet. Ein unendliches Jahr lang lebte sie in der schrecklichen Ungewissheit, was mit Charles geschehen war. Sie hatte kein Lebenszeichen und keine Nachricht von ihm erhalten. Insgeheim hatte sie seinen Tod wohl geahnt. Vermutlich hatte sie in den Nächten nach seinem Weggang kaum geschlafen, gequält von Fragen und Zweifeln, weshalb Charles die Familie verlassen hatte, einfach so, ohne etwas zu sagen.

Der Brief, den Charles aus Figueras an sie geschrieben hatte, hätte ihr Klarheit über seine Motive und sicher auch Erlösung von der quälenden Ungewissheit verschafft. Im Brief erklärt Charles seinen Entschluss, wegzugehen, sein Schweigen, seine innere Zerrissenheit und seine grosse Hoffnung auf eine neue Zukunft in einem von Ausbeutung befreiten Spanien (vgl. unten Charles Fischers Brief). Er erzählt, wie er überwältigt war vom begeisterten Empfang durch die spanische Bevölkerung, welche die Brigadisten als Befreier feierte und ihnen überall zujubelte. Viele Freiwillige aus der ArbeiterInnenschicht hatten überhaupt das erste Mal in ihrem Leben das Gefühl, gebraucht und geschätzt zu werden. Möglicherweise hätte dies Gertruds Wut, Trauer und Verzweiflung etwas gemildert. Doch dies alles war nicht möglich, weil Gertrud den Brief gar nie in Händen hielt.

Otto Gloor, der «Kommunistenfresser»

Und das kam so: Charles hatte gleichzeitig einem Freund in Dottikon, dem Maler und Sozialisten Rinaldo Campi, eine Postkarte mit dem Text «Mein letzter Gruss, Charles» geschickt. Gertrud wusste davon und erzählte es auch dem Polizeibeamten Thut. Ein Fehler, wie sich bald herausstellen sollte: Der Polizei gelang es, Fischers Brief abzufangen. Er landete nicht bei der Empfängerin, sondern in den Akten des Zürcher Untersuchungsrichters Otto Gloor, und zwar im Original, in Handschrift und mit Bleistift geschrieben.

Gloor war in Linkskreisen als fanatischer Ermittler und «Kommunistenfresser» bekannt. Er führte zahlreiche Ermittlungsverfahren gegen SpanienkämpferInnen. Damals glaubte er sich einer illegalen kommunistischen «Werbezentrale» auf der Spur, mit deren Hilfe viele Spanienfreiwillige nach Paris und Lyon geschleust würden. Er sah die einzigartige Gelegenheit gekommen, gleich die ganze KP-Spitze hinter Gitter zu bringen. Entsprechend gross waren der Aufwand und der Eifer, mit dem er die Ermittlungen im Auftrag der Bundesanwaltschaft vornahm. Gloors Anklageschrift gegen zahlreiche KP-Funktionäre, angeführt von Edgar Woog, ist über hundert Seiten lang. Nicht nur Gloor war scharf auf Post aus Spanien, sondern sämtliche Untersuchungsrichter, denn Postkarten und Briefe waren das beste Beweismittel, um SpanienkämpferInnen wegen verbotenen fremden Militärdiensts überführen zu können.

Der Brief, den Gertrud nie zu Gesicht bekam, blieb in den Untersuchungsakten und lagert seither in einer Kartonbox im Schweizerischen Bundesarchiv in Bern. Charles Fischer wurde nie von der Militärjustiz angeklagt, vermutlich weil bekannt wurde, dass er in Spanien gefallen war. Doch niemandem kam es in den Sinn, den Brief nachträglich der Familie Fischer auszuhändigen oder wenigstens eine Kopie davon herzustellen, auch den Richtern des Divisionsgerichts 6 nicht. In vielen Spanienkämpferdossiers sind beschlagnahmte Originalbriefe oder Abschriften zu finden, die nie an die EmpfängerInnen retourniert wurden. So skandalös dieser Umstand für die Betroffenen teils anmutet, so günstig wirkte er sich für die historische Forschung aus, denn diese Briefe sind wertvolle Quellen zur Rekonstruktion der Geschichte der Schweizer Spanienfreiwilligen.

Die Tochter erinnert sich

Bis vor einem Jahr lebte Charlotte Schärer-Fischer im Ungewissen über die genauen Motive ihres Vaters, am Spanischen Bürgerkrieg teilzunehmen. Im Zuge der Rehabilitierung der Schweizer SpanienkämpferInnen erfuhr sie schliesslich, dass ihr Vater der Familie noch einen Brief geschrieben hatte, und sie erkundigte sich dann bei der IG Spanienfreiwillige danach. Noch gut erinnert sie sich an das Engagement ihres Vaters für Benachteiligte, für die er sein letztes Hemd weggegeben hätte, und an die negativen Reaktionen auf seine politische Einstellung: «Die Nachbarn sagten uns, sie müssten sich ja schämen, dass unser Vater ein Kommunist war.» Zu Hause in der Stube hing ein Porträt von Lenin. Als kleines Mädchen wusste sie nicht, wer das war.

Charles Fischer wurde 1908 im französischen Nancy geboren, sein Vater war beruflich als Monteur von Webstühlen tätig und in dieser Funktion viel unterwegs. Das war wohl auch der Grund dafür, dass Charles nicht in der Schweiz zur Welt kam. Später trennten sich die Eltern, und Charles kam in die Heimatgemeinde Dottikon zu Pflegeeltern, bei denen er aufwuchs. Er absolvierte eine Schreinerlehre, doch sagte ihm dieser Beruf nicht zu. Er, der in der Schule gute Noten hatte, hätte viel lieber studieren wollen, doch das war für jemanden aus der ArbeiterInnenschicht zu jener Zeit kaum möglich. Er war eingesperrt im proletarischen Milieu, blieb Hilfsarbeiter und unzufrieden. Schliesslich hörte er in Zürich von den Versprechungen der KP für eine bessere Zukunft der ArbeiterInnen. Das zog ihn an und weckte in ihm grosse Hoffnungen. Im Kreis der KommunistInnen fand er Kolleginnen und Freunde, sass mit ihnen zusammen und sprach abends beim Bier über seine Sorgen – zu dieser Zeit wohnte er an der Zurlindenstrasse in Wiedikon, einem damals bekannten KP-Quartier. Spanien war an den Stammtischen das politische Thema Nummer eins. Schon im August 1936, einen Monat nach Ausbruch des Bürgerkriegs, waren die ersten Zürcher KP-Leute nach Paris aufgebrochen. Bupo-Spitzel fingen sie jedoch am Bahnhof in Basel ab und steckten sie in das Lohnhof-Gefängnis. Später versuchten sie es wieder und kamen dann durch.

Basler KP-Leute organisierten in den folgenden Monaten den heimlichen Transit von Hunderten von Freiwilligen aus Mittel- und Osteuropa, die von der Komintern mobilisiert worden waren, über die Grenze. Man traf sich mit Codeworten an vereinbarten Treffpunkten, und ortskundige FührerInnen schleusten sie nachts über die grüne Grenze. Manchmal wurde auch ganz einfach das Tram nach Saint-Louis benutzt, eingeweihte Kondukteure schauten weg. Charles Fischer hatte dank eines Passes keine Grenzprobleme und benutzte den Zug via Lyon nach Südfrankreich, wo ganze Waggonladungen mit BrigadistInnen in Perpignan gesammelt und dann mit Camions oder zu Fuss über die Pyrenäengrenze ins spanische Figueras gebracht wurden. Dort wurden sie in der Festung Sant Ferran gemustert und dann weiter per Bahn ins Hauptquartier nach Albacete gebracht. Aus Figueras stammte die Karte, die Charles an seinen italienischen Freund Rinaldo Campi gesandt hatte. Und auch der Brief an Gertrud, seine Frau, die er nie mehr wiedersehen sollte.

Charles Fischers Brief

Meine liebe Frau u. liebe Kinder!

Figueras, 13. 1. 37

Nun bin ich seit gestern abend in Spanien. Wir sind sehr viele neue Freiwillige aus allen Ländern. Von der Schweiz ist einer noch von Basel u. einer von Lausanne u. einer vom Tessin hier. Ich habe am Samstag in Basel die Grenze via Mühlhausen mit der Bahn passiert u. bin dann von dort nach Lyon gefahren mit dem Nachtzug. Von dort sind wir dann ein Tag später weitergefahren bis bereits an die Grenze. Von dort aus sind wir in Auto-Cars über die Grenze bis hier etwa 60 km von der Grenze geführt worden. Diese Ortschaft gehört zu Katalonien. Hier sind wir in der Festung und haben bis morgen frei, dann gehen wir weiter an die Front nach Barcelona oder Madrid. Du hättest diese Begeisterung sehen sollen, als wir unter dem Gesang der Internationale durch die Dörfer u. Städte gefahren sind. Die Kinder u. Erwachsene begrüssten uns mit erhobener Faust u. mit einem Lärm u. mit Rufen. Wenn du dies gesehen hättest, dann könntest du auch unsere Begeisterung begreifen u. dann bist auch du überzeugt von unserem Siege über die Francos. [...]

Es reut mich gar nicht, dass ich diesen Schritt getan habe. Im Gegenteil, meine Überzeugung u. mein Kampfesmut ist ins unermessliche gestiegen. Es hat noch viele verheiratete Familienväter hier, u. alle denken gleich wie ich.

Nun meine liebe Frau will ich dir schreiben, warum ich von Dir fort ging. Ich weiss, dass Du noch zu ehrlich bist u. Dir u. meinen Kindern zuliebe habe ich so gehandelt. Bestimmt hättest du der Polizei, wenn sie gefragt hätte, ob Du von meinem Plan gewusst hättest, gesagt Ja u. dann hätte man Dich bestraft. Und wenn ich Dich gesehen hätte weinen, so hätte dies mich an meinem Vorhaben geschwächt. Begreife mich also u. weine nicht nach mir. Es geht mir gut u. noch nie war ich so glücklich – Ich bleibe Dir treu u. vergesse auch nicht, dass ich verheiratet bin. Ich werde das Versprechen, das ich Dir gegeben habe, halten. Das heisst, Du kannst nach dem Siege zu mir kommen, wenn ich nicht für die Sache falle. [...]

Ich küsse Dich, küsse mir die kl. Kinder

Charli

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