Nr. 12/2010 vom 25.03.2010

«Wir holen Sie wieder ab!»

Wer sich an Flughäfen in die Hände der Behindertenbetreuung gibt, wird mit seltsamen Fahrzeugen an seltsame Orte gebracht. Auch in Zürich.

Von Knud Kohr

Keine Ahnung, warum mich der freundliche Mann direkt gegen die Wand schieben will. Wenn ich nach links schaue, sehe ich vor der Fensterfront das Flugfeld des Flughafens Zürich Unique. Gerade eben bin ich mit einer Maschine der Swiss aus Chicago gelandet, und bis zu meiner Weiterreise nach Berlin habe ich dreieinhalb Stunden Zeit.

Wenige Zentimeter vor der Wand hält der Mann, den ich seit drei Minuten kenne und dessen Vorname laut Namensschild Christoph ist, ruckartig an. Aus dieser kurzen Entfernung ist eine rechteckige Fuge zu erkennen. Der Mann führt eine Chipkarte gegen ein Magnetfeld. Die Fuge entpuppt sich als elektrische Schiebetür mit einem Fahrstuhl dahinter. Eine schwer bepackte Gruppe von US-AmerikanerInnen aus meinem Flugzeug bleibt stehen und schaut interessiert. Mein Helfer schüttelt den Zeigefinger. «For special use only, sorry.» Dann schiebt er mich und den Faltrollstuhl, in dem ich sitze, in den Lift.

Christoph hat mich eben von der Maschine abgeholt. Er ist Mitarbeiter der Firma Careport, die sich im Zürcher Flughafen um die täglich mehr als dreihundert zu betreuenden Behinderten kümmert. «PRM» heissen die im Fachjargon, «passengers with reduced mobility». Einer von ihnen bin heute ich.

«Lassen Sie mal»

Vor sieben Jahren wurde bei mir Multiple Sklerose diagnostiziert, seit drei Jahren gehe ich deswegen am Stock. Bis zum Sommer 2008 humpelte ich auf meinen Reisen damit den anderen Passagieren hinterher, so gut es ging. Dann brach ich zu einer Reisereportage nach Südostasien auf. Beim Umsteigen in Frankfurt merkte ich, wie schlecht ich an dem Tag in Form war. Immer wieder ruderte ich mit den Armen nach Gleichgewicht, bis der mitreisende Fotograf vorschlug: «Lass dir doch helfen.»

Gute Idee. Vielleicht konnte ich ja mein Handgepäck tragen lassen.

«Special Service?», fragte die Angestellte am Schalter. Dann ging alles sehr schnell. Drei Minuten später sass ich in einem Faltrollstuhl, mit meinem Handgepäck auf dem Schoss. Ich fühlte mich furchtbar. So behindert war ich doch gar nicht! Doch wenn ich versuchte, aufzustehen, drückte mich der Mann hinter mir sanft zurück.

«Lassen Sie mal. Ich mach das schon.» Ein bisschen behindert geht nicht am Flughafen. Entweder man schafft die Wege allein, oder man bekommt das volle Programm.

Er machte es wirklich. Schob mich an die Spitze jeder Warteschlange. Niemand protestierte. Der Fotograf fand schnell Gefallen an der unerwarteten Beschleunigung. Warf mir seine Tasche auch noch auf den Schoss. Zehn Minuten vor den anderen Mitreisenden fanden wir uns am Einstieg wieder. Zehn Stunden später, beim Zwischenstopp in Bangkok, rollte zusätzlich zum Bus für die übrigen Passagiere ein Van auf das nächtliche Rollfeld. Trotz meiner Proteste wurde ich vom Fahrer und einem Kollegen gestützt. Da gab ich es auf, mich zu wehren. Und versuchte stattdessen, so auszusehen, als hätte ich mir auf einer heiklen Mission ein Knie verdreht.

Ein vertikaler Catwalk

Im Terminal schob mich jemand bis an einen Lift, vor dem schon drei andere Rollstühle warteten. Der Lift war voll verglast, und er führte direkt hinunter in die Mitte des glitzernden Inlandterminals. In nächster Nähe zur Einkaufspassage. Das hier als Präsentierteller zu bezeichnen, wäre untertrieben. Es war ein vertikaler Catwalk für den Special Service. Glücklicherweise hatte mich der lange Flug so ermüdet, dass mir alles egal war.

In den nächsten Tagen irritierte mich vor allem, dass an jedem Flughafen – auch bei einer mittlerweile ganz anderen Fluglinie auf Inlandsflügen in Laos und Kambodscha – stets ein freundlich lächelnder Mensch mit Rollstuhl am Check-in bereit stand, den ich geflissentlich übersah. Dass jeweils der erste Sitzplatz am Eingang von den Flight Attendants für mich reserviert wurde. Entweder, ich machte wirklich einen beklagenswerten Gesamteindruck – oder die Kunde über meinen Zustand flog mir um die halbe Welt voraus.

Binnen Tagen begann ich zu verweichlichen. Als mir in China ein stämmiger Angestellter mein Handgepäck entriss und bei der Gelegenheit gleich mit einem mobilen Gerät die Pupille scannte, war mir das fast schon nicht mehr zärtlich genug.

Seit dieser Reise habe ich auf grossen Flughäfen und bei knappen Zeitplänen immer den Special Service genutzt. Unangenehm ist es nach wie vor, auf Brusthöhe der anderen durch die Menschenmenge geschoben zu werden. Aber bequem ist es auch. Und man wird Gast in einer seltsamen Welt, die kaum ein anderer Reisender zu sehen bekommt. Die ausschliesslich aus Um-, Seiten- und Geheimgängen der Flughäfen besteht, auf denen man aber stets schneller als die anderen vorankommt.

In Minneapolis übernahm mich eine Angestellte, die mich zunächst in einen Keller rollte, wo ich an einer Schleuse untersucht wurde, an der die Angestellten den Flughafen betraten. Man tastete mich direkt neben einem Pausenraum ab. Der Verantwortliche legte extra seine Wurstschnitte beiseite.

In Chicago durfte ich mich Stunden vor dem Abflug an Buffet und Internetzugang in der Business-Lounge laben. Hinein kam ich aber erst, nachdem ich für eine freundliche Angestellte einen Fragebogen ausgefüllt hatte, in dem ich Auskunft über meine Zufriedenheit mit dem Service gab.

Bei der Einreise in Taipeh wurden die Kontrollen akribisch ausgeführt. Was zur Folge hatte, dass sie meine Mitreisenden eine halbe Stunde kosteten. Und mich ein Lächeln, als extra für mich ein Schalter geöffnet wurde.

Das Gefühl, ein Betrüger zu sein, beschleicht mich. Besonders, wenn ich am Terminal zwischen den anderen Fluggästen aufstehe und langsam zu meinem Platz gehe.

In steigender Hysterie

«So, nun kommen Sie in unsere Betreuten-Lounge», sagt Christoph, als er mich auf die Midfield-Lounge zurollt. Die Räumlichkeit ähnelt stark dem Partykeller eines autonomen Jugendzentrums anno 1992. Jedenfalls sind die gelblichen Sitzelemente auf dem Plastikfussboden seit damals garantiert nicht mehr ausgetauscht worden.

«Wir holen Sie wieder ab», sagt Christoph und klopft mir auf die Schulter. Dann ist er weg.

Die Fensterfront weist auf einen toten Winkel des Flugfelds. Schräg gegenüber sitzt eine junge Asiatin, die scheinbar ihren Flug verpasst hat. Oder keinen gültigen Pass besitzt. Oder beides. Jedenfalls wird sie in den kommenden Stunden alle paar Minuten in steigender Hysterie den Schalter am Eingang der Lounge aufsuchen. Ausserdem ist noch ein vielleicht elf Jahre alter Junge im Raum, der einen Plastikanhänger mit dem Ziel seiner Reise – Zagreb – um den Hals trägt. Bis er abgeholt wird, spielt er sich an einem verschrammten Arcade-Videoautomaten durch ein paar Abenteuer mit höllisch lauten Toneffekten.

Bis vor wenigen Jahren oblag die Behindertenbetreuung den einzelnen Airlines. Die übergaben Dienste wie Rollstuhlfahrten zum und vom Flugzeug, die Bereitstellung von Blindenhunden und andere notwendige Dienste an selbstständige Provider. Im Jahr 2002 kam es zu einem Vorfall, der dieses Verfahren in ganz Europa verändern und vereinheitlichen sollte. Der auf den Rollstuhl angewiesene Brite Bob Ross wollte mit dem irischen Billigflieger Ryanair von London Stansted nach Perpignan in Südfrankreich reisen und hatte dafür ein Ticket für zehn britische Pfund gekauft. Als er sich durch das grosse Flughafengebäude zu der Maschine bringen liess, wollte Ryanair dafür zusätzlich achtzehn Pfund Gebühr. Ross klagte wegen Diskriminierung, und Ryanair musste 1336 Pfund Schadenersatz zahlen.

Damit war die ungeregelte Behandlung der PRMs ins Bewusstsein der Öffentlichkeit geraten. In den kommenden Jahren erarbeitete das Europäische Parlament die Flugverordnung 1107/2006, die am 5. Juli 2006 in Kraft gesetzt wurde, um die Rechte behinderter Flugreisender zu stärken. Bei ihrer Ausarbeitung wirkten einschlägige Dachverbände aus über einem Dutzend Ländern mit, unter anderen auch die Schweizer Behinderten-Selbsthilfe Agile aus Bern. Seither wird die Betreuung der PRMs nicht mehr von den Airlines, sondern von den Flughafenbetreibergesellschaften organisiert. Verwaltungstechnisch änderte sich dadurch für die Airlines nichts. «Die übernehmen immer noch die Buchungsarbeit und die Betreuung in der Luft», erklärt Daniele Trevison, Sprecherin der Flughafengesellschaft Swissport. Einzig dass die PRMs jetzt an einen einheitlichen Provider übergeben werden, ist neu. Auch die Reisenden selbst merken keine Veränderung. Ausser dass niemand sie mehr um Nachzahlungen angeht.

Vonseiten der Behindertenverbände wird die Flugverordnung als gut und umfassend bewertet.

Im Jahr 2009 wurde sie im Rahmen bilateraler Verträge auch in der Schweiz wirksam. Mit einer Besonderheit: Um die zusätzlichen Kosten für Behinderte solidarisch zu verteilen, wird seitdem auf jedes Flugticket, das über Zürich Unique führt, ein Franken extra erhoben.

Seit November 2009 liegt die Betreuung der PRMs in den Händen von Careport, für die auch Christoph arbeitet, der Mann, der mich in die Midfield-Lounge gebracht hat. Sein Boss heisst Joerg Regard. Heute sind ihm 170 Angestellte unterstellt. «Die meisten davon waren vorher bei anderen Providern», erklärt er am Telefon. Deswegen hatte er auch keine Schwierigkeiten, ausreichend geschultes Personal zu finden. «Es gab keine Probleme, die Vorgaben der EU einzuhalten», sagt Regard mit bedächtigem Stolz. «Unsere Regeln in der Schweiz waren doch sowieso viel strenger als die in Europa.» Und fährt weiter: «Politisch sind wir in Zürich natürlich nicht in der Europäischen Union. Aber von den Abläufen am Flughafen her schon seit Jahren. Es ist doch gut, wenn überall dieselben Regeln gelten. Hier in Mitteleuropa haben wir alle keine Probleme damit. Aber in den osteuropäischen Staaten sieht das manchmal schon ein bisschen anders aus.»

Nur wenn man ihn auf die Inneneinrichtung der Flugfeld-Lounge anspricht, wird der Careport-Chef schmallippig. «Mit dem Inventar haben wir nichts zu tun. Wir kümmern uns nur um die Logistik.»

Lieber auf den eigenen Beinen

Midfield-Lounge, Zürich. «In einer Stunde startet Ihre Maschine. Darf ich Sie zum Gate bringen?» Nach zweieinhalb Stunden in der Lounge steht eine Frau hinter mir, die die gleiche Uniform trägt wie der Mann, der mich hierher gebracht hat. Der Junge mit Ziel Zagreb ist mittlerweile abgeholt worden. Die Asiatin hat ihre Besuche am Eingangsschalter eingestellt und weint seit einiger Zeit still vor sich hin.

Die Frau von Careport sieht mich fragend an. «Kommen Sie die Treppe zur Maschine alleine hoch? Oder soll ich unseren Elektrolift anfordern, damit der Sie zur hinteren Tür hebt?»

Nein danke. Dieses Spektakel möchte ich mir ersparen. Die Treppe werde ich allein bewältigen. Und nachher möchte ich in Berlin-Tegel aus der Maschine steigen und mir ein Taxi rufen. Am Stock. Aber auf meinen eigenen Beinen.

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