Nr. 15/2010 vom 15.04.2010

Hol den Boden bei den Armen

Staaten und Konzerne investieren weltweit immer mehr in Ackerland. Der deutsche Journalist Thomas Fritz beschreibt diese «globale Jagd nach Land» und zeigt, wie Armut wirksam bekämpft werden könnte.

Von Bettina Dyttrich

Auch wenn es gerne vergessen geht: KleinbäuerInnen machen die halbe Menschheit aus. Die meisten von ihnen arbeiten heute noch ohne Maschinen. Mit der zunehmenden Liberalisierung des Agrarhandels müssen sie direkt mit der industrialisierten Riesentraktoren-Landwirtschaft konkurrieren – und haben keine Chance. Optimistische ZeitgenossInnen denken, das sei kein Problem: Die ehemaligen BäuerInnen könnten ja in der Industrie und im Dienstleistungssektor Arbeit finden. In Europa hat das schliesslich auch funktioniert.

Wohltätige Renditen

Doch dass diese Entwicklung global möglich wäre, ist eine Illusion. Der ägyptische Ökonom Samir Amin hat es ausgerechnet: Selbst bei einem anhaltenden Turbowirtschaftswachstum von jährlich sieben Prozent gäbe es nur für ein Drittel der heutigen armen KleinbäuerInnen Jobs in anderen Sektoren. Das Reden über Armutsbekämpfung sei ein Wohltätigkeitsdiskurs im Stil des 19. Jahrhunderts, der nicht einmal versuche, die ökonomischen und sozialen Mechanismen zu verstehen, die Armut schafften, schrieb Amin 2003.

Leider stimmt das immer noch. Und ein Teil der «Wohltäter» versucht auf immer dreistere Art, Geschäftsinteressen als Armutsbekämpfung zu verkaufen: etwa das britische Unternehmen Cru Investment Management, das in Malawi Gemüse anbauen lässt, sich als Entwicklungshelfer aufspielt und gleichzeitig InvestorInnen dreissig bis vierzig Prozent Rendite verspricht. Oder der philanthropische US-amerikanische Investmentbanker George Soros, der im grossen Stil in den südamerikanischen Agrotreibstoffmulti Adecoagro investiert.

Investitionen in Boden und Landwirtschaft boomen. Der deutsche Journalist Thomas Fritz dokumentiert, wie sich in den letzten Jahren die «globale Jagd nach Land» intensiviert hat. Dass Konzerne aus dem Norden in Ländern des Südens Geschäfte machen, ist nichts Neues. Doch während sie früher meist mit lokalen Landbesitzern zusammenarbeiteten, wird der Zugriff heute direkter: Das wohl bekannteste Beispiel ist die südkoreanische Daewoo Logistics, die in Madagaskar 1,3 Millionen Hektaren Land pachten wollte. Nur eine Revolte der Bevölkerung und der Sturz des madagassischen Präsidenten Marc Ravalomanana konnten die Pläne (vorerst?) stoppen.

Die meisten Landnahmen erregen nicht so viel Aufsehen. Neben Firmen kaufen oder pachten immer mehr Staaten ausländisches Ackerland – einerseits Schwellenländer, die ihre wachsende Bevölkerung nicht mehr ernähren können, anderseits die reichen Golfstaaten. Diese haben bisher mit staatlichen Geldern und Unmengen von Wasser versucht, die Wüste fruchtbar zu machen. Da das immer schwieriger wird und ausserdem den Freihandelsregeln der WTO widerspricht, machen sie sich nun auf die Suche nach Möglichkeiten in anderen, oft ebenfalls islamischen Ländern wie Pakistan oder dem Sudan – wo das Land bereits heute knapp und ungerecht verteilt ist.

Ohne Landreformen gehts nicht

Thomas Fritz stützt sich bei seinen Recherchen auf internationale Medienberichte und das Internet. Eigene Interviews mit Betroffenen fehlen leider; sie hätten wohl das Budget des Berliner Forschungs- und Dokumentationszentrums Chile-Lateinamerika (FDCL) gesprengt. Eine gute Einführung ins Thema ist das Buch aber auch so.

Der Autor ist überzeugt, dass Armutsbekämpfung ohne radikale Landreformen illusorisch ist. Doch auch den meisten Entwicklungshilfeorganisationen gilt heute eine «funktionierende Marktwirtschaft» mit garantierten Eigentumsrechten als oberstes Ziel. Sie versuchten, so Fritz, «das die Bodenkonzentration schützende Privateigentum von einer Quelle des Konflikts zu einem Instrument der Befriedung umzudeuten». Sein Fazit: «Wollte man Äcker und Weiden ernsthaft schützen und zugleich gerecht nutzen, müsste man sie in Gemeingüter verwandeln. Das wiederum würde eine gesellschaftliche Aneignung des Bodens und eine demokratisch kontrollierte Bodenordnung erfordern.»

Das Buch ist erhältlich auf www,fdcl.org.

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