Nr. 15/2010 vom 15.04.2010

Scharfe Zähne

Von Florian Vetsch

Es braucht ein gerüttelt Mass an Selbstüberwindung, wenn man ein Buch empfehlen will, das auf fast jeder Seite ein bis zwei Druckfehler der übelsten Sorte aufweist: Verwechslungen von «dass» und «das», «indem» und «in dem», kleingeschriebene Höflichkeitsformen et cetera et cetera. Aber dieses Buch, dessen Zweitauflage wir wenigstens einen einzigen gründlichen Korrekturdurchgang wünschen würden, verdient trotz allem einen Hinweis. Nicht nur der schönen Aufmachung wegen: gebunden, mit Lesebändchen und prächtigen Illustrationen von Jörg Vogeltanz. Nicht nur wegen des Vorworts, das – fehlerfrei – Carl Weissner beigesteuert hat (es allein rechtfertigt für Beat-Aficionados den Kauf des Bandes). Nein: Vor allem die fantasievolle Behandlung des Werwolfthemas in einem Versepos, dessen Sprache sich aus der Rap-Culture und dem US-amerikanischen Underground nährt, fordert diesen Hinweis ein.

Der als Werbetexter in Detroit arbeitende Toby Barlow hat mit seinem Debütroman «Scharfe Zähne» den Werwolfstoff ins zeitgenössische Los Angeles transponiert. Lange galt: Vampire können unsere Empathie wecken, weil sie lieben und begehren wie wir. Dank Barlow können das nun auch Werwölfe. Er schildert weitschweifende Rudel wölfischer MutantInnen; sie bekämpfen sich in den leeren Fabrikarealen der Grossstadt oder in der angrenzenden Wüste, lösen sich auf, formieren sich neu. Sie tun das, meist unbemerkt, unter Menschen. So ist da Cop Peabody, der versucht, eine Serie rätselhafter Morde aufzuklären. Er kommt den Werwölfen nicht auf die Schliche, kann dann aber doch aus einem Helikopter den finalen Showdown zweier befeindeter Rudel verfolgen. Dann ist da der Hundefänger Anthony, bei dem, ohne dass er es weiss, eine davongelaufene Werwölfin Unterschlupf findet. Die beiden verlieben sich: «Romeo and Juliet – werewolf style», kommentierte das «Wall Street Journal». Ein Buch mit Kultpotenzial! Wir wünschen ihm, um mit Carl Weissner zu schliessen: «viele Opfer»!

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