Nr. 17/2010 vom 29.04.2010

«Wir alle sind Tito»

Auch dreissig Jahre nach seinem Tod sind die Meinungen über die Politik des jugoslawischen Staatschefs geteilt: Wer ihn nicht verklärt, verteufelt ihn.

Von Thomas Bürgisser

Tito wollte nicht wie jedermann begraben werden. Man solle seinem Leichnam die rechte Hand an den Hals, die linke ans Gemächt legen – «was er damit sagen wollte? Ich steck zwar bis hierhin in Schulden, doch jetzt könnt ihr mich alle mal.» Vojislav Brankovic (Name geändert) lacht. Es ist nicht der einzige Tito-Witz, den der Autolackierer aus Zürich zu bieten hat.

Brankovics Eltern waren in den siebziger Jahren als Gastarbeiter aus der Nähe von Belgrad in die Schweiz gekommen. Dass der Mittvierziger das Gespräch mit einem Scherz beginnt, soll keineswegs von mangelndem Respekt gegenüber dem ehemaligen Staatschef der Sozialistischen Föderativen Republik Jugoslawien zeugen. Tito habe sehr viel für das Land getan, sagt Brankovic. Er habe Jugoslawien zwar «mit harter Hand regiert», doch das sei auch nötig gewesen: «Wir sind ein temperamentvolles Volk, wir brauchten einen Diktator», sagt er. Noch bedeutender sei jedoch Titos Aussenpolitik gewesen: «Der hat die ganze Welt um den Finger gewickelt.»

Schluchzende Fussballer

An Titos Todestag könne er sich erinnern, als wäre es gestern gewesen, sagt Vojislav Brankovic. Über Monate hinweg hatte die jugoslawische Bevölkerung am Sterben des 87-jährigen Staatschefs teilgenommen. Ab Januar 1980 wurde täglich aus dem Militärspital in Ljubljana berichtet, in dem der todkranke Tito lag.

Es geschah schliesslich an einem Sonntagnachmittag im Mai, wenige Minuten nach drei Uhr. «Wir Kinder spielten im Park vor unserem Mehrfamilienhaus», erinnert sich Tatjana Simeunovic, die damals acht Jahre alt war und in Bitola wohnte, einer Stadt im Süden der damaligen jugoslawischen Teilrepublik Mazedonien. «Von allen Seiten riefen plötzlich Mütter ihre Kinder, sie sollen nach Hause kommen.» In der Wohnung dann: Stille, eine bedrückende Stimmung und die besorgten Gesichter der Eltern. Bei den Nachbarn versammelte man sich vor dem Fernseher, wo vom Hinschied des «allergrössten Sohns unserer Völker und Volksgruppen» berichtet wurde. Alle weinten. Die Erwachsenen, und auch die kleine Tatjana.

Heute ist Tatjana Simeunovic Dozentin am Slavischen Seminar der Universität Basel. Sie schreibt eine Dissertation zum Tito-Kult im Spielfilm. Die sich widersprechenden Meinungen über Josip Broz Tito spalten die Gesellschaften der jugoslawischen Nachfolgestaaten bis heute. Wer ihn nicht verklärt, verteufelt ihn. In den letzten Jahren sehe man jedoch eine Tendenz, sich auch wissenschaftlich mit dem Phänomen Tito auseinanderzusetzen und seine Rolle kritisch zu würdigen, sagt Simeunovic.

Tatjana Simeunovic und Vojislav Brankovic sind nicht die Einzigen, die sich haargenau an diesen 4. Mai 1980 erinnern können. Die Erinnerung an diesen Tag ist auch in der Gegenwartsliteratur der jugoslawischen Nachfolgestaaten ein immer wiederkehrendes Motiv. Unvergessen die Bilder vom Fussballspiel Hajduk Split gegen Roter Stern Belgrad, das unterbrochen wurde, als die Todesnachricht eintraf: Die Spieler lagen sich schluchzend in den Armen, unter Tränen sangen 50 000 Kehlen die Hymne «Genosse Tito, wir schwören dir, von deinem Weg nicht abzuweichen».

Es war wohl das grösste Staatsbegräbnis aller Zeiten. Delegationen aus über hundert Ländern, Staats- und Regierungschefs, Ministerinnen, Könige und Prinzen, Parteikader und Gewerkschaftsführer aller Kontinente erwiesen Tito im Mai 1980 im Belgrader «Haus der Blumen» die letzte Ehre. Die Gesetze des Kalten Krieges schienen für einen kurzen Moment ausser Kraft getreten zu sein. Wo sonst trafen sich zu dieser Zeit schon der sowjetische Parteichef Leonid Breschnew, die britische Premierministerin Margaret Thatcher, der deutsche Bundeskanzler Helmut Schmidt, Iraks Staatschef Saddam Hussein und die indische Premierministerin Indira Gandhi an einem Ort? «Dass sozusagen die ganze Welt dem Präsidenten eines relativ armen und schwachen Staates in dieser Weise Reverenz erwies, machte offensichtlich auf alle Jugoslawen grossen Eindruck und wird ebenfalls dazu beitragen, Titos Einfluss weit über seinen Tod hinaus zu erhalten», schrieb dazu der damalige Schweizer Botschafter in Belgrad, Hansjörg Hess, in einem Brief nach Bern.

Doch würde die Erinnerung an Tito ausreichen, um die von ihm proklamierte «Brüderlichkeit und Einheit» der jugoslawischen Völkerschaften zu erhalten? Die internationale Diplomatie schaute damals mit «gedämpfter Zuversicht» auf die Zukunft Jugoslawiens, wie aus Dokumenten des Eidgenössischen Departements für auswärtige Angelegenheiten (EDA) hervorgeht, die der WOZ vom Schweizerischen Bundesarchiv zur Einsicht freigegeben wurden. Es herrsche «Ungewissheit darüber, ob dieser Balkanstaat als Konglomerat verschiedener Völkergruppen, die sich teilweise noch vor wenigen Jahrzehnten mörderisch bekämpften, in der Lage ist, auch nach dem Ableben seines autoritären ersten Präsidenten die offenen und verborgenen zentrifugalen Kräfte in Schach zu halten», beurteilte Jean Cuendet, ein hochrangiger Beamter des EDA, die Situation.

Die SkeptikerInnen sollten recht behalten. Gut zehn Jahre nach seinem Tod zerstörte sich Tito-Jugoslawien in einem grausamen Bürgerkrieg selbst. Die Tragik der Geschichte mag dazu beigetragen haben, dass sich auch heute noch, dreissig Jahre später, viele Menschen genau an den Tod des Marschalls erinnern.

Titos Gulag

Wie wurde Tito zum Übervater Jugoslawiens? Seine grosse Errungenschaft war es, als Führer der jugoslawischen PartisanInnen das Land im «Volksbefreiungskrieg» während des Zweiten Weltkriegs vor dem Einmarsch der Roten Armee zu befreien. Damit hatte sich Jugoslawien, anders als andere sogenannt sozialistische Staaten im Osteuropa der Nachkriegszeit, eine starke Stellung gegenüber der Sowjetunion erkämpft. Das ermöglichte es Tito 1948, mit Stalin zu brechen.

Die daraus folgende aussenpolitische Neuorientierung führte 1956 zur Unterzeichnung der Deklaration von Brioni: Darin tat sich Tito mit dem indischen Ministerpräsidenten Jawaharlal Nehru und Ägyptens Präsident Gamal Abd en-Nasser zusammen, um den Grundstein für die Bewegung der Blockfreien zu legen, die sich dann fünf Jahre später in Belgrad konstituierte.

Jugoslawien beschritt einen eigenen sozialistischen Weg. Die zwischenzeitlich ziemlich weitgehende Selbstverwaltung der Betriebe war eines seiner zentralen Elemente. Zudem wurde die zwangsweise Kollektivierung der Landwirtschaft, die anderswo die bäuerlichen Traditionen brutal zerstörte, nach anfänglichen Versuchen wieder rückgängig gemacht. Durch die forcierte Industrialisierung lebte die Bevölkerung in einem – verglichen mit anderen osteuropäischen Ländern – mehr als bescheidenen Wohlstand. In der Gesellschaft herrschte ein vergleichsweise liberales Klima; so brauchten die BürgerInnen Jugoslawiens keine staatliche Bewilligung, um ins westliche Ausland zu reisen.

Allerdings war Jugoslawien alles andere als ein demokratischer Rechtsstaat. Mit den GegnerInnen des kommunistischen Regimes während des Zweiten Weltkriegs, den «Volksfeinden», kannte man kein Pardon. Andere Meinungen wurden in Jugoslawien nicht toleriert. Mit dem Straflager auf der Insel Goli Otok hatte sich Tito seinen eigenen Gulag geschaffen, in den er unliebsame politische Gegner verbannte.

Der Strahlemann

Genialer Kriegsherr, rebellischer Kommunist und weltmännischer Staatsmann: Bereits zu seinen Lebzeiten wurde Tito in unzähligen Legenden und Anekdoten verklärt. Der Kult um Tito sollte die Macht der jugoslawischen Nomenklatura in zweierlei Weise stabilisieren: Er sollte sowohl den Erhalt des Vielvölkerstaats sichern als auch das sozialistische System stützen. Titos Glanz überstrahlte die zunehmenden Gegensätze zwischen den Teilrepubliken, die gigantische Staatsverschuldung und den wirtschaftlichen Niedergang. Höhepunkt des Tito-Kults war der jährliche «Tag der Jugend» am 25. Mai. Während Wochen beteiligten sich Jugendliche an einem Stafettenlauf, der durch sämtliche jugoslawischen Republiken und Provinzen führte. Am Festtag wurde der Stab im Belgrader Armeestadion dem Staatsoberhaupt übergeben: «Tito sah in seiner blütenweissen Uniform mit seinen rötlichen Haaren gut aus, liess sich vom Volk umjubeln und antwortete frei der Studentin, welche, die landesweite Stafette beendend, ihm die Wünsche der jugoslawischen Jugend überbrachte», berichtete der Schweizer Botschafter Hess noch 1979 aus Belgrad. Dazu ging ein gigantisches Turn- und Tanzprogramm über die Bühne, Massenchoreografien mit Tausenden von Jugendlichen.

Erfolgreich inszenierte sich Tito als souveräner Staatsmann, mondäner Dandy, Lebemann und Kumpel zugleich, sagt Simeunovic. Im Buckingham Palace wurde er von der Queen empfangen; und neben dem kubanischen Staatschef Fidel Castro machte er sogar im weissen Leinenanzug und mit Panamahut eine gute Figur als Revolutionär; als leidenschaftlicher Jäger lud er Staatsgäste regelmässig zur Bärenhatz in Bosnien. Er präsentierte sich der Presse auch mal als gelernter Maschinenschlosser an der Werkbank oder in Badehose auf der Luftmatratze; und er scheute sich nicht, nach einem offiziellen Diner spätabends im Morgenrock über dem Seidenpyjama seinen Gästen jovial noch ein zusätzliches Glas feinsten Whisky als Schlummertrunk zu servieren und eine dicke kubanische Zigarre zu schmauchen.

«Niemand, der Gelegenheit hatte, Tito zu begegnen, konnte sich seinem Charme entziehen», schrieb Hans Keller 1980 in seinem Nachruf in der «Schweizer Illustrierten». Der Schweizer alt Botschafter in Jugoslawien wurde anlässlich seiner Pensionierung 1974 von Tito auf seinem Landsitz in Karadjordjevo persönlich verabschiedet. «Tito strahlte immer und überall Lebensfreude, Würde und Selbstsicherheit in einem heute selten gewordenen Ausmass aus.» Solch unverhohlenes Lob aus dem Mund eines altgedienten Diplomaten irritierte selbst eine Gruppe jugoslawischer GastarbeiterInnen in Aarau, die als Reaktion auf den Artikel Keller einen Protestbrief schickten. Die Schilderungen des alt Botschafters seien «mangelhaft», die «Misereseite» werde mit keinem Wort erwähnt: «Es hat uns beleidigt», schrieben sie, «dass Sie die groben Verletzungen der Menschenrechte in Jugoslawien verschweigen, aber einen Diktator als ‹Landesvater› darstellen möchten.»

«‹Tito – Das sind wir alle› oder ‹Wir sind Titos – Tito ist unser›: Das sind die Parolen, die wirklich das sozialistische Jugoslawien geprägt haben», sagt die Slawistin Simeunovic. Titos Meisterleistung sei es gewesen, den Menschen zu vermitteln, dass er «einer von uns» sei. Das Paradoxe an seiner Person zeigt sich in dem Witz über seinen Tod: Einerseits passt der Witz ausgezeichnet zu Titos jovialer Art. Doch andererseits weiss auch Vojislav Brankovic, was zu Titos Zeit allen klar war: «Wenn einer sagte, Tito sei ein Schafseckel, dann war er am nächsten Tag weg.»

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