Nr. 19/2010 vom 13.05.2010

«Unsere Texte bleiben lang»

Seit fünfzehn Jahren erscheint das Monatsblatt als Beilage der WOZ – die internationalen Ausgaben sind ein Erfolgsprojekt. Sorgen bereitet hingegen der Zustand der Presse in Frankreich.

Von Jan Jirát, Paris

In einem Backsteingebäude an einer ruhigen Strassenecke im 13. Arrondissement von Paris gewinnt die Welt plötzlich an Tiefe und Schärfe. Es ist die Heimat von «Le Monde diplomatique» (LMd) – jener linksintellektuellen Zeitung, die einmal monatlich ausführliche Analysen und Reportagen aus der ganzen Welt veröffentlicht. «Eine Bleiwüste», rümpfen die einen die Nase. «Eine der letzten Bastionen des Qualitätsjournalismus», halten die anderen entgegen. Und beide Seiten haben recht.

Als die Zeitung vor 56 Jahren von Hubert Beuve-Méry, dem Gründer der linksliberalen französischen Tageszeitung «Le Monde», lanciert wurde, war sie weit davon entfernt, ein links-intellektuelles Referenzblatt zu sein. Der LMd erschien damals als dünne Beilage des Mutterblattes «Le Monde» und berichtete – ihrem Namen entsprechend – über die diplomatische Sphäre von Paris: Staatsbesuche, Empfänge und hohe Gäste waren die bestimmenden Themen. Das änderte sich in den siebziger Jahren. Die Zeitung wandte sich von der Diplomatie ab und rückte die Welt ins Zentrum ihrer Berichterstattung, allen voran die Dritte Welt, der die Medien damals kaum Beachtung schenkten. Die Haltung der LMd-Redaktion war klar antikolonialistisch und antiimperialistisch. Ab den achtziger Jahren verlegte sich der Fokus zunehmend auf die Themen Globalisierung und Neoliberalismus, die bis heute kritisch beobachtet und beschrieben werden.

«Uns leitet die Menschenwürde»

«Es ist unser Ziel, die Veränderungen auf unserer Welt – soziale, politische, wirtschaftliche und kulturelle – zu erfassen und zu analysieren», erläutert Martine Bulard die Ansprüche des «Diplo», wie viele LeserInnen die Zeitung nennen. Die frischgebackene Chefredaktorin mit einer Vorliebe für bunte Kleider empfängt mich in ihrem hohen Bürozimmer mit schönem Holzboden und unzähligen Büchern über China, Indonesien oder die Philippinen in den Regalen – Asien ist ihr Spezialgebiet. Ununterbrochen klingelt das Telefon. Bulard, die in den achtziger Jahren dem Zentralkomitee der Kommunistischen Partei Frankreichs angehörte, ignoriert es. Lieber spricht sie vom «Esprit» ihrer Zeitung: «Wir verfolgen keine politische Linie. Was uns leitet, ist die Menschenwürde.» Auch für ihren Redaktionskollegen Alain Gresh, einen der international renommiertesten Beobachter des Nahostkonflikts, sind die «Werte des Humanismus» der Leitfaden des Blatts «und die Gleichheit – die soziale wie auch jene zwischen den Völkern».

Fussnoten und Karten

Fast mehr noch als die inhaltliche Ausrichtung sind es die formalen Besonderheiten, die dem LMd seine Andersartigkeit verleihen. «Wir bestehen darauf, dass unser Inhalt immer überprüfbar und geprüft ist», sagt Bulard und verweist auf die Fussnoten am Ende jedes Textes, die Zitate und Zahlenangaben verorten. Eine Textgattung, die in anderen Zeitungen prominent vorkommt, fehlt dagegen im «Diplo»: das Interview, das intern als «Ausdruck journalistischer Faulheit» gilt. Zu einem Markenzeichen sind auch die detaillierten, vielschichtigen Karten geworden, die viele Texte ergänzen. Der Kartograf Philippe Rekacewicz leitet ein eigenes Ressort dafür. Laut Bulard überlegt sich die aus fünfzehn Leuten bestehende Redaktion, diesem visuellen Element in Zukunft jeden zweiten Monat einen prominenten Platz einzuräumen.

Im Mittelpunkt des LMd steht aber weiterhin das Lesen. «Unsere Texte bleiben lang», stellt Bulard klar. «Wenn man einem Thema gerecht werden will, es also in einen historischen Kontext einbettet und auch Widersprüche aufdeckt, geht das nicht mit hundert Zeilen. Als Monatszeitschrift können wir es uns glücklicherweise erlauben, innezuhalten und so eine Distanz zum unmittelbaren Weltgeschehen zu schaffen.»

Die weite Welt ist beim LMd allgegenwärtig; im Namen, im Blatt, in der Sichtweise und nicht zuletzt in seiner Ausrichtung. Die Zeitung erscheint heute in 26 Sprachen (inklusive Esperanto) und 47 Ländern. «In jedem Land ist die Situation wieder anders», sagt Bulard, die bis vor kurzem für die Leitung der internationalen Ausgaben zuständig war. «In der Regel erscheint der Diplo als monatliche Beilage einer einheimischen Zeitung, wie das bei der WOZ der Fall ist, in manchen Ländern aber auch in rein elektronischer Form.» Die Auflage reiche von 2000 in Armenien oder 5000 in Venezuela bis hin zu 200 000 in Griechenland, und auch der Umfang der Zeitung variiere stark. Die internationalen Ausgaben werden von eigenständigen Redaktionen betreut, die digital Zugriff auf die komplette französische Ausgabe haben und daraus Texte auswählen und übersetzen. «Im Normalfall deckt unsere Ausgabe in Paris rund sechzig Prozent der Inhalte ab, den Rest akquirieren die jeweiligen Redaktionen selbst», sagt Bulard.

Als vor fünfzehn Jahren die erste deutschsprachige LMd-Ausgabe als Beilage der WOZ sowie der deutschen Tageszeitung «taz» erschien, sah das noch ganz anders aus. Die einzige fremdsprachige Ausgabe war damals jene der italienischen Tageszeitung «il manifesto». Diese frühe und erfolgreiche Kooperation überzeugte die Redaktion, die internationale Ausrichtung konsequent weiterzuverfolgen; im Moment wird über ein Projekt in China nachgedacht. «Die internationalen Ausgaben sind eine Erfolgsgeschichte», sagt Bulard.

Doch es gibt eine grosse Ausnahme: Im angelsächsischen Raum hat sich LMd bisher nicht etablieren können. «Der englische Sprachraum ist riesig. Wir dachten, es wäre einfach, einen geeigneten Partner zu finden», sagt Philippe Rivière, der gross gewachsene und im Vergleich zu Bulard fast schüchtern wirkende Leiter der Internetredaktion. «Wir verfolgen dieses Projekt seit fast zwei Jahrzehnten», doch bisher habe sich einfach nichts konkretisieren lassen, auch nicht die Zusammenarbeit mit dem linksgerichteten US-Wochenblatt «The Nation». «Es ist sehr schwierig, in den angelsächsischen Markt hineinzukommen. Es gibt dort eine ganze Reihe von gut recherchierenden und qualitativ hochstehenden Medien, die sich mit der internationalen Politik befassen. Im Gegensatz zu anderen Ländern scheint niemand auf den ‹Diplo› zu warten.» Immerhin gibt es eine britische Ausgabe, die allerdings nur im Abonnement oder elektronisch erhältlich ist.

«Wir versuchen eine Symbiose»

Der LMd mag eine Ausnahmeerscheinung in der Presselandschaft sein, eine geschützte Werkstatt ist er nicht. Die Krise der Printmedien ist auch am «Diplo» nicht spurlos vorbeigegangen. Und wie in anderen Redaktionen steht die Frage im Raum: «Wie weiter?»

«Nein, wo denken Sie hin», reagiert Martine Bulard auf die Frage, ob es Überlegungen gebe, sich künftig ganz auf den Internetbereich zu fokussieren, der in den letzten Jahren stark aufgerüstet worden ist. «Mit dem Internet verdienen wir bisher kein Geld, und es ist nicht absehbar, ob uns das mittelfristig gelingen wird.» Für sie sei das Internet vielmehr ein Mittel, um die LeserInnen noch enger ans Blatt zu binden. Auch für Philippe Rivière geht es nicht darum, zwei Modelle – Print und Internet – gegeneinander auszuspielen. «Im Gegenteil: Wir versuchen eine Symbiose.» So finden die klassischen ZeitungsleserInnen auf der Website vielfältige Zusatzinformationen – Bulard (Planète Asie) oder Alain Gresh (Nouvelles d’Orient) betreiben einen Blog, und unter der Rubrik «La valise diplomatique» werden aktuelle Themen ergänzt oder Aufsätze veröffentlicht, die es nicht in die Printausgabe geschafft haben. «Machen Sie sich keine Sorgen», meint Bulard, «wir stellen weiterhin die Information in den Mittelpunkt unserer Zeitung.» Der «Diplo» bleibt in seiner jetzigen Form also erhalten.

«Wir befinden uns momentan in einer Phase der Stabilisierung», sagt die Chefredaktorin über die wirtschaftliche Lage. Die Stabilisierung ist auch nötig. Das erste Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts glich einer Achterbahnfahrt: Im Dezember 1997 veröffentlichte Ignacio Ramonet, langjähriger Direktor des LMd, einen denkwürdigen Leitartikel mit dem Titel «Die Märkte entwaffnen», in dem er eine internationale Finanztransaktionssteuer forderte und zur Gründung einer Bewegung aufrief. Es war die Geburtsstunde von Attac; der «Diplo» war zum Sprachrohr der globalisierungskritischen Bewegung geworden. Die Auflage stieg um ein Viertel an und erreichte 2003 ihren Höhepunkt. Fast ebenso massiv wie der Aufschwung war jedoch der LeserInnenschwund in den Folgejahren; vor allem die Kioskverkäufe brachen ein. Inzwischen hat sich die Auflage bei 170000 stabilisiert.

Interessierte Medienkonzerne

Die grösste Sorge bereitet der Redaktion momentan ohnehin nicht das schwierige Marktumfeld, sondern das Mutterblatt «Le Monde», das 51 Prozent der Aktiengesellschaft Le Monde diplomatique SA besitzt – die restlichen 49 Prozent teilen sich hälftig Journalistinnen und Leser. «Le Monde» hat laut einem Bericht der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» seit 2002 ein Defizit von 200 Millionen Euro erwirtschaftet. Bisher besass die Redaktion die Aktienmehrheit bei «Le Monde», unter den jetzigen Umständen sei sie aber bereit, diese aufzugeben. Mehrere Medienkonzerne zeigen Interesse, allen voran die spanische Prisa-Gruppe («El País») und der italienische Industrielle Carlo de Benedetti («Repubblica»).

Was eine allfällige «Le Monde»-Übernahme für den «Diplo» bedeuten würde, ist unklar. «Die französische Presse befindet sich in einem fürchterlichen Zustand», sagt Bulard, «grosse Konzerne halten die Mehrheiten an den Verlagen, die journalistische Unabhängigkeit ist in Gefahr.»

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