Nr. 20/2010 vom 20.05.2010

«Eine Religion ohne Kultur»

Die Debatte wird mit vielen Emotionen und wenigen Fakten geführt – und sie ignoriert das eigentliche Problem. Denn der Schleier ist nicht zwingend Ausdruck eines politischen Radikalismus.

Von Judith Huber*

Es scheint beschlossene Sache zu sein: Frankreich will ein allgemeines Burkaverbot einführen – juristischen Bedenken und mahnenden Stimmen zum Trotz. Das belgische Parlament hat bereits ein Gesetz verabschiedet, das Frauen verbietet, in der Öffentlichkeit einen Ganzkörperschleier zu tragen. Andere europäische Länder dürften nachziehen. Auch in der Schweiz sorgt die Burka für heisse Köpfe und emotionale Statements.

Doch: Worum geht es eigentlich? Sicher nicht um die Burka, denn diese wird in Europa äusserst selten getragen. Dieser zeltartige, plissierte Ganzkörperschleier, der die Trägerin vollständig verhüllt und sogar die Augen mit einem Stoffgitter verdeckt, ist verwurzelt in der Tradition Afghanistans, zum Teil auch Pakistans und Indiens. Die Burka wird zwar von den dortigen Fundamentalisten propagiert und gefordert, hat aber wenig Verbreitung in anderen Ländern gefunden. Was in Europa tatsächlich getragen wird, ist der Gesichtsschleier oder Nikab, in Kombination mit einem langen Gewand und einem Kopftuch. Er lässt in der Regel die Augen der Trägerin frei. Der Nikab ist arabischen Ursprungs, signalisiert heute aber eine globalisierte, radikale und zugleich moderne Variante des Islams. Beim fälschlicherweise verwendeten Begriff Burka hingegen schwingt etwas anderes mit: ein archaischer, rückständiger Brauch, eine «mittelalterliche Tradition».

Rückzug aus der Öffentlichkeit

Diese falsche Begrifflichkeit steht symptomatisch für eine Debatte voller Ungereimtheiten, Vorurteile und falscher Annahmen. Nur wenige, die über die Burka debattieren, das Kleidungsstück mit der Unterdrückung der Frau gleichsetzen und es als Zeichen fehlender Integration deuten, nehmen sich die Mühe, zu verstehen, um was es hier eigentlich geht. Dazu kommt, dass die sehr geringe Zahl der Nikabträgerinnen in europäischen Ländern in einem Missverhältnis zur Bedeutung steht, die die Politik dem Thema zurzeit beimisst. In ganz Frankreich dürften lediglich etwa 2000 Frauen den Nikab tragen. In der Schweiz sind es höchstens ein paar Dutzend. Dazu kommen arabische Botschaftsangehörige und Touristinnen – die meisten von ihnen in Genf.

Falsch ist die pauschale Annahme, Musliminnen, die sich bis auf die Augen verhüllten, würden dazu gezwungen. Viele der Frauen, die den Nikab tragen, bestehen darauf, dies freiwillig zu tun. Das zeigt die Forschung. Und das sagt auch Nilüfer Göle, eine Soziologin türkisch-französischer Herkunft, die in Paris an der École des hautes études en sciences sociales zum Thema Islam, Frauen und Europa lehrt und forscht. Man dürfe nicht vergessen, so Göle, dass ein grosser Teil der Frauen, die sich extrem verschleiern, Konvertitinnen seien – also zum Islam übergetretene Einheimische. Und in Europa seien wir in einer anderen Situation als etwa in Saudi-Arabien, wo den Frauen der Vollschleier aufgezwungen werde. «Es geht also nicht einfach nur um fremde Sitten, die aus dem Ausland kommen und sich hier einbürgern», sagt Göle. Hier gehe es um einen Entscheid, der oft aus dem Wunsch heraus entstehe, sich aus der Öffentlichkeit zurückzuziehen und sich unsichtbar zu machen.

Diese Frauen verkörpern in den Augen der Soziologin eine Art Gegenmoderne, eine Gegengesellschaft, ein alternatives Leben – und nicht zwingend einen politischen Radikalismus. «Es ist eine Art, sich als Frau neu zu erfinden, die weder dem Modell des traditionellen Islams folgt noch dem feministischen europäischen Modell.» Dies vielleicht als Reaktion darauf, dass wir modernen Menschen gezwungen seien, dauernd im öffentlichen Leben zu stehen und uns dort zu beweisen. Durch das Tragen des Nikab, so die Soziologin, werde das Intime und das Heilige aufgewertet – und zwar auf eine Art, die uns störe. Denn sie folge nicht der gängigen Idee der Emanzipation. «Diese Frauen, die sich unsichtbar machen wollen, indem sie sich verhüllen: Sie zeigen ein Verhalten, das das moderne Leben kritisiert. Sie könnten uns zum Nachdenken bringen», sagt Göle. Sie problematisierten unser Verständnis davon, was privat sei und was öffentlich gezeigt werden dürfe.

Immer lächeln

Genau das tut Nora Illi, die «prominenteste» Nikabträgerin der Schweiz. Die 26-jährige Konvertitin und «Frauenbeauftragte» des umstrittenen jungen Islamischen Zentralrats hat sich in den letzten Tagen wiederholt in den Medien zu Wort gemeldet. Ihre Argumentation passt gut zur Analyse der Pariser Soziologin. «Ich trage den Nikab, weil ich es einfacher finde. Ich fühle mich freier mit dem Nikab als ohne», sagt Illi auf Anfrage. «Ich möchte nicht, dass die Männer mich anschauen und wissen wollen: Wie lächelt sie, wie sieht ihre Nase aus, wie sind ihre Augen, ist sie schön, ist sie nicht schön? Ich möchte nicht, dass die Männer sich so ein Urteil von mir bilden», erläutert sie. «In der Schweiz lernt man ja schon als kleines Mädchen: Lach die Leute immer an. Das ist bei mir so verinnerlicht, dass ich das oft mache und damit beim Gegenüber auch Reaktionen auslöse, die ich gar nicht auslösen möchte. Und somit fühle ich mich mit dem Nikab freier als ohne. Ich kann mich selbst sein, ich muss mich nicht verstellen.»

Die Konvertitin Nora Illi hat sich für eine sehr radikale, puristische Version des Islams entschieden. Offenbar hat diese ihren Reiz – sie gibt Halt und Sicherheit. Der Koran aber schreibt die völlige Verschleierung in keiner Weise vor. Es handelt sich dabei nicht einfach um eine alte Tradition, sondern vor allem um eine moderne Erscheinung. So fühlen sich neben den Konvertitinnen denn auch zugewanderte junge Musliminnen, die ihre Herkunftsländer und -kulturen nur aus zweiter Hand kennen, von dieser radikalen Art, ihre Religion zu leben, angezogen. Ein solch puristisches Verhalten passe zu denen, die Religion nicht über die Tradition überliefert erhielten, sagt auch die Soziologin Göle. Es gehe um eine Neuentdeckung, um eine Neuerfindung ausserhalb der kulturellen Kontinuität. Göle spricht sogar von einer «Religion ohne Kultur».

Moderne Uniform

Ähnlich formuliert es die iranischstämmige Soziologin und Feministin Valentine Moghadam. Der Nikab sei zu einer modernen Art von Uniform geworden, globalisiert und losgelöst von der Tradition. Das Kopftuch hingegen signalisiere in vielen Fällen lediglich eine traditionelle kulturelle und religiöse Zugehörigkeit. Moghadam forscht und lehrt im US-amerikanischen West Lafayette, hat aber zuvor in Westeuropa gelebt und engagiert sich seit langem für die Rechte muslimischer Frauen. Sie betont im Gespräch, anders als Göle, die Rolle des politischen Islams bei der Verbreitung des Nikab. Einige Experten hätten fälschlicherweise angenommen, der politische Islam habe in den neunziger Jahren seinen Höhepunkt erreicht, sagt Moghadam. Es sei anders gekommen: Islamistische Bewegungen breiten sich in der islamischen Welt noch immer aus. Mit den ImmigrantInnen sei auch der politische Islam nach Europa gekommen.

Auch Moghadam sieht im Tragen des Nikab durchaus einen Akt der Absetzung von der Gesellschaft. Sie spricht sogar von Rebellion, von Jugendrebellion, einer Art, sich auszudrücken, die vergleichbar sei mit dem Tragen von Heavy-Metal-Kleidern und Ähnlichem. Nur: Im Falle des Nikab werde das Kleidungsstück ausschliesslich von Frauen getragen. Hier liege das Problem: «Als Feministin habe ich immer dagegen gekämpft, dass der weibliche Körper zum Objekt gemacht wird: durch Hollywood, durch die Modeindustrie», sagt Moghadam. «Und genauso finde ich es problematisch, wie in der muslimischen Gemeinschaft der Körper der Frau zum Objekt gemacht wird.»

Moghadam betont, das Kopftuch sei absolut kein Problem. Es gebe eine ganze Reihe starker und aktiver Frauenrechtlerinnen, die das Kopftuch trügen. Beim Nikab aber sieht sie durchaus heikle Aspekte: «Das Problem ist diese extrem demonstrative Art von Religiosität, dieses Sichabsondern.» Es sei ja auch nicht möglich, nackt zum Unterricht oder zur Arbeit zu erscheinen. «Völlige Verschleierung ist in gewisser Hinsicht das spiegelverkehrte Bild einer Frau, die ihren nackten Körper zur Schau stellt.» Im einen Fall signalisiere die Frau, dass der weibliche Körper ein Problem sei und deshalb verhüllt werden müsse. «Im andern: Ich bin der Körper und will das zur Schau stellen. In beiden Fällen wird die Frau auf ihren Körper reduziert.» Die Verfechterinnen des Nikab würden das nicht begreifen. «Sie verstehen nicht, dass sie das Signal aussenden: Die Frau ist tatsächlich NUR Körper – und muss ihn deshalb verhüllen.»

Mein Körper, meine Wahl

Moghadam hält den Nikab für eine übertriebene, unnötige und theologisch nicht begründete Art der Verschleierung. Aber auch sie betont, dass in Europa und den USA viele seiner Trägerinnen geltend machten, sie hätten den Nikab freiwillig gewählt. Sie benützten die Sprache der Menschenrechte und der freien Wahl in einer freien Gesellschaft. «Sie sagen: Das ist mein Körper, meine Wahl, ich will mich verschleiern, und niemand kann mir das verwehren.» Das sei ein starkes Argument in einer freien, kapitalistischen Gesellschaft. «Wenn es den Mädchen und Frauen erlaubt ist, halbnackt in der Schule und bei der Arbeit zu erscheinen, dann ist es schwierig, die völlige Verhüllung zu verbieten», sagt Moghadam.

In einer Umgebung mit gewissen Standards oder Kleidervorschriften – einer Schuluniform zum Beispiel – wäre es viel einfacher, den Nikab zu verbieten. Moghadam plädiert denn auch für ein Teilverbot des Nikab: in öffentlichen Einrichtungen wie Schulen etwa. Es sei unmöglich, zu unterrichten, ohne das Gesicht der Schülerin zu sehen, sagt Moghadam. Die Soziologin sagt aber auch: «Wenn man argumentiert, dass die völlige Verschleierung problematisch ist, dann muss man auch über den weiblichen Körper und seine Darstellung generell sprechen.» Darüber etwa, ob die aufdringliche Präsenz nackter Körper in der Öffentlichkeit nötig sei.

Doch trotz dieser Gegenargumente dreht sich die Debatte ausschliesslich um den Schleier und um die vermeintliche, seit Jahrhunderten vom Westen instrumentalisierte Unterdrückung der islamischen Frau (vgl. den Kasten weiter unten). Vor diesem Hintergrund warnt die Soziologin Göle davor, die Diskussion so zu führen, dass sie alle MuslimInnen verteufelt und nur den – sehr wohl existierenden – Radikalismus im Blick hat. Und sie warnt auch davor, die MuslimInnen durch die Debatte zu entfremden. Wenn man damit beginne, die Identität eines Landes über die Abgrenzung gegenüber einer Minderheit zu definieren, dann seien Demokratie, Toleranz und Pluralismus in Gefahr. «Wenn man in der Öffentlichkeit diesen populistischen, vereinfachenden Diskurs hat, der die Angst anspricht anstelle des Intellekts, der Neugier und des Nachdenkens, dann frage ich mich, wo die Überlegenheit des Westens ist.»

Der Reichtum der europäischen Kultur bestehe ja gerade in der Fähigkeit, auch die Kritik an der Moderne zu verstehen und diese zu absorbieren, sagt Göle. Genau darum gehe es jetzt – jetzt, wo die Anwesenheit des Islams in Europa durch Phänomene wie den Nikab und die Minarette sichtbar werde. Europa stehe vor einer doppelten Bewährungsprobe: Wie können sich die MuslimInnen an das europäische Leben anpassen? Und wie akzeptieren die EuropäerInnen, dass die MuslimInnen ihre islamische und ihre europäische Identität miteinander verbinden?

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