Nr. 20/2010 vom 20.05.2010

Der Höherstapler

Ein Dokumentarfilm beschreibt das unglaubliche Leben des Datendiebs, der die Steueroase Liechtenstein knackte. Seit der Premiere herrscht Schweigen im Ländle. Doch die Bevölkerung strömt in Scharen ins Kino.

Von Kaspar Surber

Eine Szene zeigt Heinrich Kieber an einer Turnunterhaltung. Er betätigt sich gerade als Laienschauspieler. Als Narr verkleidet steht der spätere Datendieb auf der Bühne und erklärt die Regeln des Mühlespiels: Was man mit den weissen Steinen machen muss und was mit den schwarzen ... Der Narr steigert das Redetempo, in Sekunden ist das Spiel erklärt. Das Publikum johlt und applaudiert.

«Viele in Liechtenstein haben Heinrich Kieber gekannt. Heini war ein Luftibus, omnipräsent. Ich habe ihn selbst ein paarmal im Ausgang getroffen. Er hat einen zugefaselt, es war anstrengend», erzählt Markus Wille. «Alle haben seinen Planungsgeist unterschätzt: Wie viel er verstanden hat und sich merken konnte.»

Wille ist Geschäftsführer des Takino in Schaan – ein offensives Programmkino, gleich hinter der Grenze bei Buchs. Auch an diesem Freitagabend ist es ausverkauft, und das nicht wegen der Regenwolken überm Rheintal. Ausverkauft ist es seit der Premiere von «Heinrich Kieber – Datendieb» am 7. Mai: Acht Vorstellungen waren geplant, fast vierzig sind mittlerweile angesetzt. «Dieser Film ist erfolgreicher als ‹Slumdog Millionaire›», sagt Kinobetreiber Wille. Hunderte von Geschichten hätte es über Kieber gegeben, nun seien sie alle wie an einer Perlenschnur aufgereiht. «Das birgt einige Überraschungen.»

Die Reisen

Am 14. Februar 2008 wurde der Chef der deutschen Post, Klaus Zumwinkel, vor laufenden Kameras wegen Steuerhinterziehung verhaftet. «Die Täter zählen zur Elite des Landes, das Opfer ist der Staat: Der Fall Zumwinkel erschüttert die Republik», hiess es damals im deutschen Nachrichtenmagazin «Der Spiegel». Und weiter: «Ein einzelner Mann hat für diese Erschütterungen gesorgt. Er hat keinen Namen, kein Gesicht, keine Adresse. Er hat jetzt Angst. Ansonsten, ist anzunehmen, geht es ihm nicht schlecht. Er hat sich fünf Millionen Euro verdient, die er nun verzehren kann.»

Der Name des Datendiebs, der dem deutschen Geheimdienst BND Angaben zu tausend SteuerhinterzieherInnen verkaufte, geisterte bald durch die Weltpresse: Heinrich Kieber. Nur ein Gesicht hat er bisher keines erhalten.

Der Film enthält zahlreiche Privataufnahmen, die Kieber zeigen: Im Kinderheim führt er zusammen mit anderen Kindern einen Elefantentanz auf. Anhänglich blickt er unter seiner Pilzfrisur hervor. Auf späteren Aufnahmen ist sein Gesicht zu einem steilen Lachen verzogen. Kieber lacht ständig: «Komm, mach noch eine Aufnahme von mir, bevor ich abreise», ruft er einer Freundin zu. «Ein Todesfoto, kannst später ein Poster machen damit.»

Es ist die unglaubliche Geschichte eines Hochstaplers, die dieser Film entrollt. Genauer: Eines Immer-Höher-Staplers. Heinrich Kieber, geboren 1965, Sohn eines Liechtensteiners und einer Spanierin, wächst im Kinderheim auf. Die Mutter ist zurück in ihre Heimat, der Vater will nichts von ihm wissen. Einzig Guntram und Gina kümmern sich um Heinrich. Guntram ist sein Onkel, dem er im Lebensmittelladen aushelfen kann. Dabei lässt er einiges mitlaufen. «Was sein ist, ist auch mein», erinnert sich der Onkel an dessen Verhalten. Gina war damals die Fürstin. Die allseits beliebte Landesmutter besucht die Heimkinder oft und soll Heinrich wie ihren eigenen Sohn behandelt haben.

Als Kieber mit der Schule fertig ist, brennt er mit dem Töffli nach Barcelona durch, um die Heimat der Mutter zu erkunden. Er trifft auf ihre Schwester, die Ordensfrau Carmen, die ihm einen Platz an der gehobenen Schweizerschule verschafft. Kieber lernt die gesellschaftlichen Codes, um sich in einem fremden Milieu durchzuschlagen: Er gibt sich als Sohn eines steinreichen Liechtensteiners aus.

Nach einem Jahr kehrt er nach Vaduz zurück, macht eine Lehre, arbeitet bei der Swissair. Und bricht bald zur eigenen Weltreise auf: Kieber mietet einen Jeep, versteckt ihn, meldet ihn als gestohlen. Und fährt schon seiner Wunschdestination Australien entgegen. Dort kommt er, inklusive verschifftem Jeep, tatsächlich an. Der Wagen bleibt sein Kapital: Kieber versichert ihn, meldet ihn erneut als gestohlen und kann sich mit dem Geld ersehnte Flugstunden finanzieren. Den gleichen Trick wendet er nochmals an, angeblich soll ein Campingkocher den Jeep in Brand gesetzt haben. Diesmal wird der Betrug bei der Polizei aktenkundig.

Von Australien fliegt Kieber nach Barcelona: Wacklige Bilder zeigen ihn als Jachtbesitzer. «No shoes on board!», ruft er in die Kamera. Die Jacht ist zwar nur geliehen. Doch kann er sich damit als Mann von Welt ausgeben – und einen engen Freund mit ungedeckten Checks um eine Stadtwohnung betrügen. Als ihm der Geschäftsmann auf die Schliche kommt, hat er die Wohnung bereits weiterverkauft. Auf Kiebers Liechtensteiner Konto haben sich 700 000 Franken angesammelt.

Der Prozess

«Zuerst dachten wir an ein Homemovie über einen frustrierten Buchhalter», erzählt der Journalist Sigvard Wohlwend, der die Dokumentation zusammen mit dem Filmemacher Sebastian Frommelt erarbeitet hat. «Doch dann haben wir bemerkt: Diese Geschichte ist der ultimative Recherchetraum.» Fast zwei Jahre lang verfolgten die beiden Kiebers Spuren in neun Ländern.

So auch in Argentinien: Um für den Wohnungsbetrug zu büssen, wird Kieber vom Geschäftsmann dorthin gelockt. Eine Woche soll er von ihm eingesperrt und gefoltert worden sein. Zurück in Liechtenstein, zeigt er den Geschäftsmann an. Dieser wiederum meldet den Betrug der spanischen Polizei, die Kieber per Interpol suchen lässt. Er kann deswegen Liechtenstein nicht mehr verlassen. Er findet eine Stelle bei der Fürstenbank LGT-Treuhand. Ausgerechnet in der Abteilung, welche Kundendaten digitalisiert. Als die Staatsanwaltschaft die Ermittlung gegen den Geschäftsmann einstellt, reagiert Kieber höchst enttäuscht. Er zieht vorsorglich eine Kopie der Kundendaten.

Der Film von Frommelt und Wohlwend ist weder reisserisch noch romantisch. Hier wird keine Robin-Hood-Geschichte, aber auch kein Kriminalfall erzählt. Man hält sich strikt an die Biografie. «Wir wollten verhindern, dass man den Film abstempeln kann. Jeder Betrachter soll sich seine eigene Meinung bilden», sagt Wohlwend.

2003 schreitet Kieber zur Erpressung – von Fürst Hans Adam II. persönlich. Er fordert für die Daten eine Begnadigung, um wieder reisen zu können. 2004 kommt es zu einem Prozess unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Zu diesem Prozess war bisher wenig bekannt. Der Film öffnet den Blick darauf: Wegen Immobilienbetrug, Datendiebstahl und Erpressung wird Heinrich Kieber zu zwölf Monaten bedingt verurteilt.

Die milde Strafe zeigt, wie stark der Fürst unter Druck ist. Beziehungsweise, wie er sich selbst vom Druck entlastet. Im Gerichtssaal ist nämlich nur der Fürst vertreten: Die RichterInnen werden seit der umstrittenen Verfassungsreform de facto vom Fürsten ernannt. Als Kläger tritt der Staatsanwalt auf, der weisungsgebunden ist gegenüber der Regierung, die wiederum auf das Vertrauen des Fürsten angewiesen ist. Die geschädigte Bank, die LGT-Treuhand, ist im Besitz des Fürstenhauses. Die LGT bezahlt dem Angeklagten Kieber auch gleich noch den Anwalt.

Wer ist Heinrich Kieber tatsächlich? Ein Heimkind, ein Weltenbummler, ein Hochstapler? Ein Mann ohne Netz und ohne Motiv, ausser diesem fixen Reiseziel Australien? Vielleicht ist Kieber tatsächlich der Narr, mit dem im Finanzsystem, das selbst auf Kaskaden baut, keiner gerechnet hat. Seine Figur erklärt das Mühlespiel. Einen wie Kieber kann es dann nur geben in einer Rechtsordnung, die beispielsweise Steuerhinterziehung zulässt – gesetzlich erlaubt, aber nicht zu rechtfertigen. So verschwindet die Figur auch in dem Moment, als der Fürst mit seiner Allmacht auftritt. Zumindest vorläufig. Mit dem Urteil ist der Weg frei nach Australien.

Das Schweigen

Kieber hat zwar vor Gericht versprochen, die kopierten Daten zu vernichten. Aber selbstverständlich hat er das nicht getan. Als er, wegen des Jeep-Betrugs keine Aufenthaltsbewilligung kriegt, setzt er die Daten als Pfand ein – er verkauft sie der australischen Regierung, und, um an Geld und eine neue Identität zu gelangen, gleich noch dem BND. Wie sagte schon Ordensschwester Carmen über Heinrich: «Er hat eine Zuneigung zum leicht verdienten Geld. Und die Beträge werden immer grösser.» Die Steueroase Liechtenstein ist definitiv geknackt.

Bevor der Film ins Kino kam, gab es im Fürstentum eine Diskussion: Ein Landtagsabgeordneter der Fortschrittlichen Bürgerpartei FBP, der einen konservativen Partei, wollte von der Regierung wissen, weshalb der Staat einen Film über einen Kriminellen mit Geld unterstütze. Auf Nachfrage will er das nicht kritisch gemeint haben – er hätte halt selbst ein PR-Büro und bloss die Höhe des Betrages wissen wollen. Ein Landtagsabgeordneter der Vaterländischen Union VU, der anderen konservativen Partei, schrieb in der Zeitung: «Ein Krimineller wird zum Star, vielleicht sogar zum Helden gemacht.» Dies sei Ausdruck davon, «dass wir unser Wertesystem langsam, aber sicher zerstören».

Seit der Premiere ist es still geworden im Ländle. Kein Leserbrief ist zum Film erschienen. Aber das Thema, das zeigen die ausverkauften Vorstellungen, bewegt. Ein Zehntel der Bevölkerung dürfte den Film am Ende gesehen haben. Am meisten gelacht wird, als der stellvertretende australische Finanzminister behauptet, man habe Kieber nichts für die Daten bezahlt. Vermutlich sind alle ganz froh, dass Kieber nicht als Held gefeiert wird. «Der Kieber ist ja ein richtiger Seckel gewesen», meint eine Zuschauerin nach der Vorstellung. Aber vielleicht beschleicht auch einige das Gefühl, dass eigentlich gar nicht Kieber das Thema ist. «Ich bin schon überrascht über die Blauäugigkeit des Fürsten», sagt ein Zuschauer. Dann ist das Foyer leer, und draussen fahren die Autos mit den schwarz-weissen Kennzeichen davon. Man möchte jetzt als Schweizer milde lächeln. Dabei wurde bei uns das Bankgeheimnisende noch gar nicht aufgearbeitet.

Wo lebt Heinrich Kieber heute? «Wir sind bei der Recherche auf wenige Kilometer an ihn herangekommen», sagt Wohlwend. «Ich würde ihn gerne einmal treffen und seine Version der Geschichte hören.» Dann und wann schreibt Kieber seinen FreundInnen eine Karte. An Weihnachten kamen Grüsse aus Washington: «Bis zum nächsten Mal, Henry.»

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