Weltmeisterschaft : Sepp Blatter verwarnt

Nr.  23 –

Protest vor dem Zürcher Fifa-Hauptsitz gegen Zwangsumsiedlungen, schlechte Arbeitsbedingungen und Verbote für StrassenhändlerInnen in Südafrika.


Sepp Blatter ist mal wieder ausser Haus. Als am Dienstagvormittag rund ein Dutzend Menschen einen riesigen Fussball mit 4,5 Meter Durchmesser vor den Fifa-Hauptsitz auf dem Zürichberg heranrollt, weilt der Präsident des Weltfussballverbands bereits in Südafrika, im Hotel Michelangelo Towers in Johannesburg. Auch sonst ist niemand hier, um die Delegation zu empfangen. Aber der Ball, so hat die Fifa schriftlich mitgeteilt, dürfe beim Empfang abgegeben werden.

Den überdimensionalen Ball hat das Schweizerische Arbeiterhilfswerk (SAH) mitgebracht. Er steht symbolisch für rund 14 000 Unterschriften, die das SAH in den vergangenen sechs Wochen gesammelt hat, eine Petition «gegen die Ausbeutung» an der Fussball-WM. Zeigen Sie Sepp Blatter die gelbe Karte, heisst die Kampagne. Es ist eine Verwarnung an die Adresse der Fifa, eine gelbe Karte, auf dass sich der Weltfussballverband künftig verantwortungsbewusster zeige.

Wenn am Wochenende die Fussballweltmeisterschaft in Johannesburg beginnt, dann werden über 90 000 Fussballfans im Soccer City Stadion Platz finden. Es ist nur eines der zehn Stadien, die für die WM um- beziehungsweise neu gebaut werden mussten. Die Bauarbeiten lösten einen Wirtschaftsaufschwung aus, die grossen Baufirmen konnten ihre Gewinne im Vorfeld der WM verfünffachen. Doch gerade die Um- und Neubauten der Stadien sorgten in Südafrika für viel Unzufriedenheit: Tiefe Löhne, schlechte Arbeitsbedingungen waren die Regel. Zusammen mit internationalen Gewerkschaften und Hilfsorganisationen lancierte das SAH deshalb im Jahr 2007 die Kampagne «Fair Games – Fair Play» für bessere Arbeitsbedingungen in den WM-Städten.

Schweizer Gewerkschaften vor Ort

Vor zwei Monaten reiste eine Delegation von GewerkschafterInnen nach Südafrika, um sich vor Ort vom Ergebnis dieser Kampagne zu überzeugen – und um die Kampagne an Brasilien weiterzugeben, wo 2014 die nächste Weltmeisterschaft stattfindet. Mit dabei waren auch SAH-Präsident und SP-Nationalrat Hans-Jürg Fehr und SAH-Kampagnenkoordinator Joachim Merz. Rückblickend sind beide zufrieden mit der Kampagne. «Anfangs sah es sogar sehr gut aus», sagt Hans-Jürg Fehr. «Im Frühling 2008 empfing Sepp Blatter in Zürich eine Delegation aus Südafrika und Schweizer Vertreter der Gewerkschaft Unia und des SAH. Die Fifa erklärte, dass sie sich für bessere Arbeitsbedingungen einsetzen werde.» Aber es sei bei Lippenbekenntnissen geblieben.

«Blatter versprach, er werde unsere Anliegen an das Organisationskomitee in Südafrika weiterleiten», sagt Joachim Merz vom SAH. Er habe auch versprochen, dass die Tür für den Dialog weiterhin offen bleibe. «Aber dann krebste die Fifa zurück.» Als eine Delegation von GewerkschafterInnen nach Südafrika reiste, um die Stadien zu inspizieren, durften sie zwar das Soccer City Stadium in Johannesburg betreten.

Zutritt erst nach Streik

Daniel Jordaan, der Chef des WM-Organisationskomitees, habe den GewerkschafterInnen aber gleich erklärt, dass es ihnen nicht erlaubt sei, Fragen zu stellen. Die Inspektion eines zweiten Stadions sei der Delegation dann gar nicht mehr erlaubt worden, erzählt Joachim Merz. Erst als die Arbeiter in einem dritten Stadion streikten, erhielt die Delegation noch einmal Zutritt.

Die Kampagne in Südafrika ist abgeschlossen – mit einigem Erfolg: Die Löhne der ArbeiterInnen in den Stadien konnten um dreissig Prozent erhöht werden (auch wenn sie mit 3000 Rand, rund 450 Franken, noch immer unter der gewerkschaftlichen Forderung von 4000 Rand liegen), die BauarbeiterInnen erhielten Transportentschädigungen, und die Gewerkschaften konnten knapp 10 000 Neumitglieder gewinnen. Doch während die Fifa und die grossen Sponsoren der WM viel Geld verdienen, bleiben zahlreiche Probleme bestehen: Strassenhändler beispielsweise, die sich von der WM Zusatzeinnahmen erhofften, dürfen in einem Umkreis von 800 Metern rund ums Stadion keine Waren verkaufen (vgl. «Zu viel Kritik?»). Die Zone ist den Sponsoren vorbehalten. Die Menschen, die in Armenvierteln um die Stadien lebten, wurden in Blechhütten an die Stadtränder verfrachtet. «Die Fifa hat diese Leute nicht eigenhändig umgesiedelt», sagt Ruth Daellenbach, die Geschäftsleiterin des SAH. «Aber sie kann ihren Einfluss geltend machen, um dies künftig zu verhindern.» Auch Joachim Merz erwartet von der Fifa im Hinblick auf die WM 2014 mehr Engagement. Die Fifa müsse beispielsweise faire Löhne bereits im Ausschreibeverfahren für Bauaufträge als Bedingung festhalten.

Dann rollen Daellenbach und Merz mit einem Dutzend SympathisantInnen den überdimensionalen Fussball vor den Fifa-Palast. «Der Ball liegt nun bei Blatter.»