Nr. 28/2014 vom 10.07.2014

Wie man bei der Fifa Karriere macht

Der ehemalige Fifa-Vizepräsident Jack Warner konnte sich beim Weltfussballverband jahrelang illegal bereichern. Erst als er sich daran machte, am Stuhl von Fifa-Präsident Sepp Blatter zu sägen, verlor er all seine Posten.

Von Lasana Liburd, Port of Spain

Am 29. April 2004 stieg der frühere südafrikanische Präsident Nelson Mandela auf dem Flughafen Piarco auf der Karibikinsel Trinidad aus einem Privatjet. Mandela war zu diesem Zeitpunkt bereits 85 Jahre alt und musste sich fest auf seinen Gehstock stützen. Die Gesundheit des Nobelpreisträgers war stark angeschlagen. Er unternahm die Reise entgegen ärztlichem Rat.

Mandela wollte mit dem Trip nach Trinidad helfen, dass Südafrika die Fussballweltmeisterschaft von 2010 zugesprochen bekam. Auf der Rollbahn wartete denn auch Jack Warner auf ihn, damals Vizepräsident des Weltfussballverbands Fifa und – noch wichtiger – Präsident der Fussballkonföderation von Nord- und Zentralamerika sowie der Karibik (Concacaf). Damit kontrollierte Warner 3 von 24 Stimmen, die entschieden, wem die WM zugesprochen wird.

Für Warner, einen Mann mit grossen politischen Ambitionen, war Mandelas Besuch ein Beweis seiner Grösse. Im Verlauf von Mandelas Besuch veranstaltete Warner ein Benefizessen mit dem hohen Gast – zugunsten des Waisenhauses Cyril Ross Nursery, das HIV-infizierte Kinder betreut. Zehn Jahre später sagt man dort, dass kein Cent vom Erlös des Benefizanlasses je eingetroffen sei.

Willkommen in der Welt der Fifa: einem parallelen Universum aus Dünkel, Gier und Korruption. Der Fifa-Generalsekretär Jérôme Valcke war früher Sportjournalist beim französischen Medienkonzern Canal+ und hat dazu Marketingerfahrung. Aber in seinem Fifa-Blazer gibt er sich wie ein Staatsoberhaupt. Vor zweieinhalb Jahren liess er die brasilianischen ParlamentarierInnen wissen, dass er von einem Verbot alkoholischer Getränke in den WM-Stadien gar nichts hält. «Alkoholische Getränke sind Teil der Fifa-WM, deshalb brauchen wir sie», sagte Valcke im Januar 2012. «Entschuldigen Sie, wenn das jetzt ein wenig arrogant klingt, aber das ist etwas, über das wir nicht verhandeln. Die Tatsache, dass wir das Recht haben, Bier zu verkaufen, muss Gesetz werden.» Vier Monate später verabschiedete der brasilianische Senat eine Vorlage, die auch «Budweisergesetz» genannt wird – in Anerkennung des bevorzugten Bierkonzerns der Fifa.

Warner hat es 2014 nicht nach Brasilien geschafft. Vor drei Jahren fiel er innerhalb der Fifa in Ungnade und wurde ausgeschlossen. Und seit zwei Jahren will die US-Bundespolizei FBI mit ihm reden – offenbar geht es um den Verkauf von Schwarzmarkttickets. Warner ist auf den rund 5000 Quadratkilometer grossen karibischen Inseln Trinidad und Tobago gefangen. Der Mann, der mit dem britischen Premierminister Gordon Brown dinierte und Barack Obama und Wladimir Putin besuchte, steht exemplarisch für die Machenschaften der Fifa.

Jack Warner war früher ein Geschichtslehrer, der sein Salär mit einer Stelle als Generalsekretär des Fussballverbands Trinidad und Tobago aufbesserte. Er profitierte enorm von der Globalisierung des Fussballs, wie sie vom damaligen Fifa-Präsidenten João Havelange gefördert wurde. Der Brasilianer schaffte es, mit seiner Strategie 24 Jahre an der Macht zu bleiben und die Fussballfunktionäre Europas in Schach zu halten.

Eine bemerkenswerte Wahl

In der Zeit von Havelange wurde die Zahl der teilnehmenden Mannschaften an den Fussballweltmeisterschaften zuerst von 16 auf 24 und dann auf 32 erhöht. Havelange gründete den Weltjugendcup, der auch von Entwicklungsländern ausgetragen werden konnte, und nahm Dutzende neue Nationen in den Schoss der Fifa auf. So bedeutete die Aufnahme verschiedener karibischer Staaten Ende der achtziger Jahre auch den Aufstieg Warners, dem es 1990 gelang, den Mexikaner Joaquín Soria Terrazas als Präsident der Concacaf zu verdrängen. Havelange setzte sich dabei persönlich für Warner ein.

Die Wahl von Warner war besonders bemerkenswert, da dieser fünf Monate zuvor für die Austragung des WM-Qualifikationsspiels von Trinidad und Tobago gegen die USA verantwortlich war, bei dem statt der erlaubten 24 000 Eintrittskarten 45 000 verkauft wurden. Das Stadion war deshalb lebensgefährlich überfüllt, die Fifa hätte das Spiel nachträglich annullieren können. Doch nichts geschah. Denn Trinidad und Tobago verlor in diesem seltsam langweiligen Spiel 0:1. Die USA – ein neuer Markt für die Fifa – schafften es dadurch seit langem wieder an eine Fussballweltmeisterschaft. Vier Jahre später würde das Land die Spiele selbst austragen.

Mit der Wahl von Warner zum Concacaf-Präsidenten öffnete sich für Warner die Fifa-Geldschleuse. So bekam der karibische Fussballverband CFU die Fifa-Fernsehrechte für die ganze Karibik zugesprochen – und diese zum symbolischen Preis von einem US-Dollar. Der CFU war zu dieser Zeit allerdings gar keine legale Körperschaft. Und Jack Warner verfügte alleine über alle Finanzangelegenheiten des Verbands. Der Deal sicherte Havelange bei seiner Wiederwahl dreissig Stimmen. Und Warner machte damit ein Vermögen. Aber er wollte mehr.

Die Fifa bezahlte zu jener Zeit jedem Funktionär, der auf Reisen war, eine Tagespauschale von 200 US-Dollar. Havelanges Nachfolger Sepp Blatter erhöhte die Summe auf 500 Dollar pro Tag und kreierte dazu noch eine Extraentschädigung von 200 Dollar pro Tag für eine Begleitperson. Warner sass in mehr als einem Dutzend Fifa-Komitees und kassierte somit für seine vielen Reisen kräftig ab. Fifa-Offizielle scherzten im Privaten, dass Warner womöglich noch mit ausgestreckter Hand einschlafe. Als sich England um die Austragung der WM 2018 bewarb, mokierte sich Warner darüber, dass der englische Verband keine Geschenke an die Fifa-Funktionäre verteilte. Zu Hause in Trinidad gab er sich dagegen als Robin-Hood-Typ, der die reichen Verbände um ihr Geld erleichterte, um es an diejenigen zu spenden, die es brauchen. Doch das war ein reiner Mythos.

Als sich Trinidad und Tobago 2006 erstmals für die WM (in Deutschland) qualifizierte, verlagerte Warner den ganzen Ticketverkauf in die familieneigene Firma Simpaul Travel und verlangte von den Fans weit über 4500 Franken pro Pauschalarrangement – sein Profit pro Fan betrug rund 2500 Franken. Nachdem der Autor dieser Zeilen im «Trinidad Express» über diese Machenschaften berichtet hatte, wurde Warner als erstes Fifa-Exekutivmitglied für schuldig befunden, die verbandsinternen ethischen Richtlinien verletzt zu haben. Allerdings hat er die Strafe nie voll bezahlt.

Warners Gier kam zu neuen Höhenflügen, als am 12. Januar 2010 Haiti von einem Erdbeben getroffen wurde und rund 160 000 Menschen ihr Leben verloren. Er forderte vom südkoreanischen Verband, der sich um die WM 2022 bewarb, erfolgreich eine halbe Million US-Dollar als Nothilfe für die hart getroffene Bevölkerung Haitis ein. Der haitianische Fussballpräsident Yves Jean-Bart sagte der «Sunday Times» später, dass Warner letztlich nur 60 000 US-Dollar der Hilfsgelder nach Haiti weitergegeben habe.

Warner schlug zudem dem Präsidenten des englischen Fussballverbands Lord Triesman vor, er solle dafür zahlen, dass in Haiti riesige TV-Bildschirme aufgestellt würden, damit die leidende Bevölkerung die WM 2010 mitverfolgen könne. Allerdings habe der Inhaber der Übertragungsrechte schon vor dem Erdbeben bereits 1,6 Millionen US-Dollar in Rechnung gestellt. «Ich habe inzwischen mit dem Inhaber der Rechte gesprochen und konnte die Summe wesentlich reduzieren», heisst es in einem E-Mail von Warner an Triesman, das der BBC zugespielt wurde. «Wenn sie glauben, sie können dem haitianischen Verband helfen, in dem sie einen Teil oder die ganze Summe für diese Rechte übernehmen, wären sicher alle Haitianer ewig dankbar.» Warner versäumte es zu erwähnen, dass er selbst ja die Rechte besass und dafür jährlich gerade einmal einen US-Dollar an die Fifa zu zahlen hatte.

Doch was es auch war: Keine dieser Affären führte zu schwerwiegenden Sanktionen der Fifa gegen Warner. Letztlich wurde Warner zum Verhängnis, dass er zusammen mit dem katarischen Fussballfunktionär Bin Hammam versuchte, Josef Blatters Wiederwahl zum Fifa-Präsidenten zu verhindern. Auf einem von Warner organisierten Treffen des karibischen Fussballverbands vom 10. Mai 2011 trat Hammam als Präsidentschaftskandidat auf, während an die Delegierten Geldgeschenke verteilt wurden. Warner sagte zu den Delegierten, sie seien hier nicht in der Kirche. Dem Vizepräsidenten des Verbands der Bahamas wurde an diesem Tag etwa ein brauner Umschlag mit 40 000 US-Dollar übergeben. Dieser liess sich jedoch nicht bestechen, fotografierte den Umschlag und machte die Sache öffentlich. Nach diesem Vorfall war Warner in der Fifa nicht mehr geduldet.

Mit Diplomatenpass nach Zürich

Warners politisches Kapital war immer stark mit seiner Position in der Fifa verknüpft gewesen. Es garantierte ihm in Trinidad und Tobago faktische Immunität. Er bekam sogar einen Diplomatenpass, damit er auf seinen lukrativen Fifa-Reisen nach Zürich und anderswo nicht behelligt wurde. Und die auf Ölvorkommen basierende Wirtschaft von Trinidad und Tobago – mit ihren schwachen Aufsichtsbehörden – bietet einem Politiker mit viel Grips und wenig Skrupel eine Menge Spielraum.

Die führende Partei des Landes, das People’s National Movement (PNM), hatte wenig Interesse an dem gerissenen Warner. Aber der United National Congress (UNC), die bevorzugte Partei der indischen Bevölkerungsminderheit, interessierte sich sehr für ihn. Attraktiv war nicht nur seine gefüllte Geldbörse, sondern auch, dass er als Fussballfunktionär bei der fussballbegeisterten afro-amerikanischen Bevölkerung punkten konnte. Es war eine Heirat im gegenseitigen Interesse. Warner übernahm 2007 das Parteipräsidium und wurde in das nationale Parlament gewählt. Bei den Wahlen von 2010 gewann der UNC zusammen mit verbündeten Parteien die Mehrheit, und Warner wurde Minister für Staatssicherheit.

Nach seiner Absetzung als Fifa-Funktionär kündigte Warner einen Tsumani von Enthüllungen gegen die Fifa an und versicherte Ministerpräsidentin Kamla Persad-Bissessar, dass er schon bald wieder auf die Beine kommen werde. Aber ein Bericht der Concacaf über Warners Verfehlungen beim Bau und Betrieb eines Kompetenzzentrums für Fussball auf Trinidad brachte schliesslich das Fass zum Überlaufen. Er musste am 21. April 2013 als Minister zurücktreten.

Als Nelson Mandela am 5. Dezember 2013 starb, flog zehn Tage später eine  Delegation aus Trinidad und Tobago zu den Begräbnisfeierlichkeiten. Aus mehr als einem Grund war Warner nicht mit an Bord. Seine Zeit, globale Leader zu piesacken und ihnen Geld abzuknöpfen, war abgelaufen. Für Valcke, Blatter und Co. läuft dagegen das Geschäft munter weiter.

Der Autor ist Journalist in Trinidad und Tobago.

Aus dem Englischen von Daniel Stern.

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