Nr. 24/2010 vom 17.06.2010

Mami, Mama, Papi, Papa

Immer mehr Lesben und Schwule gründen Familien – und fordern gleiche Rechte wie heterosexuelle Mütter und Väter. Ein Besuch bei Jan und seinen vier Eltern.

Von Eveline Nay

Stolz zeigt Jan (Name geändert) den Spielkameraden seinen neuen Bagger. Er ist ein Geschenk seiner Mama. Seine Mami habe ihm erlaubt, den Bagger mitzunehmen. Mama? Mami? Jans Gefährten interessieren sich für das funktionsreiche Spielzeug, nicht aber für Jans Unterscheidung von Mami und Mama. Es sind eher die anderen Mütter – und die paar wenigen Väter –, die erstaunt nachfragen.

Jan hat zwei Mütter, die sich ihren Kinderwunsch per Samenspende erfüllt haben. Die Beziehung zu Astrid weckte bei Laura den Wunsch nach einer Zukunft mit Kind. Astrid liess sich überzeugen. Auf der Suche nach Spermien wurden sie bei einem befreundeten schwulen Paar fündig. Michael und Robert hatten nie in Erwägung gezogen, eine Familie zu gründen: «Astrid und Laura fragten uns bei einem Nachtessen: Könnt ihr euch vorstellen, Väter zu werden?» Die beiden Männer waren überrascht: «Wir kannten keine Schwulen mit Kindern, darum gabs das in unseren Köpfen irgendwie gar nicht», erzählt Robert. «Aber Michael war sofort total begeistert. Ich hab nur gesagt: Ups, Hilfe! Nach gründlichem Nachdenken war ich aber auch dabei.» Nun lebt Jan mit Mama und Mami mitten in einer Grossstadt und verbringt jeden Mittwoch und jedes zweite Wochenende bei Papa und Papi in einem ländlichen Vorort.

Eine schrecklich bunte Familie

Sie werden immer häufiger, die Jans mit Mamis und Mamas, Papis und Papas. Obschon es in der Schweiz keine Statistik gibt, wird aufgrund von Zahlen aus den USA und Deutschland geschätzt, dass hierzulande 6000 Kinder lesbische oder schwule Eltern haben – Tendenz steigend. Schweizer Elternaustauschgruppen wie Family Project oder Regenbogenfamilien haben grossen Zulauf. Kinder von lesbischen Müttern und schwulen Vätern stammen längst nicht mehr nur – wie das bis vor kurzem der Fall war – aus einer früheren heterosexuellen Beziehung: Spermien und Eizellen werden heute ohne den Sexualakt zwischen Frau und Mann zusammengeführt. Elternschaft wird nicht mehr nach den biologisch geforderten Prinzipien gelebt, sondern sozial gestaltet.

Zwar war Michael sofort Feuer und Flamme für die Familienidee, doch eine Untersuchung zeigte, dass seine Spermien nicht fruchtbar waren. «Aber wir hatten ja einen Ersatzgoalie!», erzählt er. «So ist Robert nun biologisch der Vater. Aber das ist für uns nicht wichtig.» Auch Astrid und Laura empfinden den emotionalen Bezug zu Jan als gleichwertig – mittlerweile gestaltet der Junge selber die Beziehungen mit. Ihm fällt das Einschlafen derzeit am leichtesten, wenn er die Gutenachtgeschichte von der nicht biologischen Mutter Astrid hört.

Astrid, Laura, Michael, Robert und der kleine Jan: vier Eltern und ein Kind – da scheinen Unstimmigkeiten bei Erziehungsfragen programmiert. Die beiden Väter beschwichtigen: «Wir ticken sehr ähnlich in unseren Grundsätzen. Unstimmigkeiten tragen wir in den einzelnen Partnerschaften aus; wenn wir zu viert über Grundsätzliches diskutieren, ist viel dicke Luft schon abgelassen, und wir reden gelassener darüber.» Dagegen räumt Astrid ein: «Jan wird von vier Personen mit Liebe überschüttet – das kann auch schwierig sein.»

Rechtlich im Regen

Offiziell ist das Elternglück in Regenbogenfamilien nicht allen Elternteilen beschieden. Nach der derzeitigen rechtlichen Regelung hat Jan eine leibliche Mutter, Laura. Astrid, die zweite Mutter, hat keine Elternrechte – obwohl sie im Alltag gleichermassen für Jan sorgt. Wenn Laura stirbt oder die beiden Frauen sich trennen, hat Astrid keinen Anspruch auf ein Besuchsrecht oder gar Sorgerecht. Jans leiblicher Vater Robert hat seine Vaterschaft rechtlich anerkennen lassen und damit Elternrechte erhalten. Michael geht hingegen wie Astrid leer aus. Nach Schweizer Recht kann ein Kind nicht zwei Mütter oder zwei Väter haben. Das im Jahr 2007 in Kraft getretene Partnerschaftsgesetz verbietet denn auch Lesben und Schwulen in eingetragener Partnerschaft, Kinder zu adoptieren – anders als in Grossbritannien, Spanien oder Schweden. Auch die in Deutschland erlaubte Stiefkindadoption – die Adoption des leiblichen Kindes der Partnerin oder des Partners –, ist in der Schweiz nicht möglich.

Die Petition «Gleiche Chancen für alle Familien» will diese Verbote in der Schweiz abschaffen. Sie wurde am 15. Juni von Lesben- und Schwulenorganisationen der Bundesversammlung in Bern überreicht. Die Petition fordert eine Regelung zur Gleichstellung homosexueller Paare mit Ehepaaren bezüglich Elternrecht und Adoption. Eingetragene gleichgeschlechtliche Paare sollen auch rechtlich Mamas und Papas werden können. Das würde noch ein weiteres Problem lösen: Wenn heute eine Mutter die Identität des Kindsvaters nicht bekannt geben will, bekommt das Kind einen Beistand – auch wenn die Mutter in einer Partnerschaft mit einer Frau lebt. Viele Frauenpaare empfinden das als entwürdigend, zumal sie für das Kind sorgen und finanziell aufkommen.

Diese gesetzliche Praxis ist Ausdruck der Auffassung, dass Kinder sowohl eine Mutter als auch einen Vater haben müssten. Die entscheidende Frage sei, ob es Jan guttue, mit zwei Müttern aufzuwachsen, und ob die schwulen Väter auch genügend männliche Identifikation bieten könnten. Wird Jan trotz dieser vielen Eltern ein «normaler» Junge? Wird er Hänseleien ausgesetzt sein, und wie wird er damit umgehen?

Jans Eltern versuchen, ihren Sohn darauf vorzubereiten, indem sie ihre Lebensform als möglichst selbstverständlich leben und offen gegenüber anderen kommunizieren. «Uns ist es wichtig, Jan das Bild zu geben: Unsere Familie ist ganz normal! Wenn er dieses Bild hat, dann kann er sich auch wehren.»

Familie neu denken

Wissenschaftliche Forschung hat die Frage nach dem Wohl von Kindern mit lesbischen und schwulen Eltern beantwortet. Eine breite Studie der Universität Bamberg fand 2009 heraus: Regenbogenkindern geht es gut. Ihre Persönlichkeitsentwicklung, ihre schulischen und beruflichen Leistungen unterscheiden sich nicht von Kindern, die mit heterosexuellen Eltern gross werden. Auch die Befürchtung von konservativer Seite, dass Regenbogenkinder öfter lesbisch und schwul würden, bestätigt sich nicht. Das Wohl der Kinder wird durch die sexuelle Lebensweise der Eltern in keiner Weise gefährdet. Die Studie hält fest, dass Regenbogenkinder sogar ein besseres Selbstwertgefühl und mehr Autonomie in der Beziehung zu ihren Eltern haben als Gleichaltrige aus heterosexuellen Familienkonstellationen. Das Gleiche zeigen auch Forschungsergebnisse aus den USA.

Trotzdem hält die Gesetzgebung am Ideal Vater-Mutter-Kind fest. Doch auch Kinder heterosexueller Eltern werden immer häufiger nicht innerhalb einer Ehe geboren oder wachsen mit geschiedenen Eltern und deren neuen PartnerInnen auf. Auch dort stellt sich die Frage nach einer Ausweitung von Elternrechten auf mehr als zwei Personen.

Es wäre angebracht, Familie grundsätzlich neu zu denken und auch rechtlich weiter zu fassen: als Zusammensetzung von mehreren Elternteilen, gleichgeschlechtlich oder nicht, bestehend aus zwei, drei oder mehr Elternteilen mit den dazugehörenden Grosseltern, Tanten, Onkeln und (Stief-)Geschwistern. Die Petition «Gleiche Chancen für alle Familien» ist ein guter Anlass dazu.

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