Nr. 35/2010 vom 02.09.2010

«Ich bin lebendig, das reicht»

Die Soullegende ist seit fünfzig Jahren im Geschäft: ein Gespräch mit dem Pianisten und Sänger über die Ölpest am Golf von Mexiko, sein neues Album «Tribal» und den Geist von New Orleans in seiner linken Hand.

Interview: Julian Weber

WOZ: Der gefeierte Filmproduzent erfolgreicher TV-Serien wie «Treme» und «The Wire», David Simon, hat Sie kürzlich als das musikalische Gedächtnis von New Orleans bezeichnet. Ehrt Sie dieses Lob?

Dr. John: Mir ist das schnuppe. Viel mehr beschäftigt mich die Ölpest. Vierzig Prozent aller in den USA verkauften Seefische werden in unserer Region gefangen! Wir hatten Austern, Garnelen und Langusten. Das Ölunglück hat diese Fischgründe zerstört. Louisiana lebt traditionell von den Schätzen des Meeres. Nur ein Bruchteil der Bevölkerung hat bisher in der Ölindustrie gearbeitet. Nun sind die Sumpfgebiete an der Mündung des Mississippi, die Vogelinseln, all das mit Öl verseucht.

Auf Ihrem neuen Album «Tribal» heisst ein Song «Only in America», eine Phrase, die stets auf den Ausnahmecharakter der USA angewandt wird. Was meinen Sie damit?

Ich spreche mit dem Song die Tatsache an, dass die USA das Land mit den meisten Gefängnissen auf der Welt sind, viele vom Rüstungskonzern Halliburton erbaut. Und in Louisiana stehen prozentual gesehen die meisten Gefängnisse der USA. Wir haben die meisten Gefängnisinsassen. Ich verabscheue diesen Umstand.

Ist die Musik in Louisiana so schön, weil der Ort so schrecklich ist?

Kann sein. Korruption gibt es auch anderswo in den USA und auf der ganzen Welt. In Louisiana hat sich die Situation über die Jahre allerdings verschlimmert. Wenn man über BP und die Ölpest spricht, wird immer vergessen, dass Halliburton die Logistik für die Tiefseeölbohrungen bereitgestellt hat. Bereits im Februar ist eines ihrer Zugangsrohre zu einer anderen Bohrinsel geborsten. Das hat damals nicht weiter für Aufsehen gesorgt. Tiefseebohrungen werfen keinen Cent Profit ab. Wie bei einem Goldrausch wurde immer weiter gebohrt, gerade weil Geld verloren ging. Verantwortlich für den Schlamassel ist Dick Cheney, der 2002 als US-Vizepräsident eine Gesetzesvorlage durchgewinkt hat, die die Förderung von Öl in der Tiefsee erleichtert.

Sie sind mit siebzig immer noch zornig. Fühlen Sie sich eigentlich gar nicht alt?

Doch, ich fühle mich alt, aber ich bin lebendig, mehr brauche ich nicht zu wissen.

Sie arbeiteten schon als Teenager im Musikbusiness und haben es fünfzig Jahre ausgehalten. Wie ging das gut?

Hören Sie, alles lief bei mir wie in einem Experiment. Ich konnte ja nicht sagen, schlechte Erfahrungen mache ich nicht, ich will nur gute. Das Musikgeschäft ist hinterhältig. Ich bin vielen Betrügern aufgesessen, die mir das Blaue vom Himmel versprochen haben. Überleben konnte ich durch die Tantiemen – den Urheberrechtsgesellschaften sei Dank. Einfach ist meine Existenz nie gewesen. Ruhm ist schön und gut, aber auch ein Dr. John kann nicht von seinen vergangenen Erfolgen leben.

Mussten Sie bei Ihren Eltern Überzeugungsarbeit leisten, damit Sie bereits als Teenager Konzerte geben konnten?

Am Anfang gab es harte Auseinandersetzungen. Aber 1953 hat mein Vater kapiert, dass er mich nicht vom Musikmachen abhalten kann. Ich flog von der Schule, kam an eine andere, bin aber sofort nach dem Unterricht in die Aufnahmestudios gerannt, um meine Songs zu verklickern. Er hat dann meinen Namen auf Schallplatten entdeckt und verstanden, dass ich damit Geld verdienen kann. In den Fünfzigern gab es einen gewerkschaftlich festgelegten Einheitslohn: 22 Dollar pro Aufnahmesession, das war viel Geld damals.

Wie schwierig war es für Sie, während der «Rassentrennung» mit Afroamerikanerinnen und -amerikanern Musik zu machen?

Für mich war es eine Selbstverständlichkeit. Ich war nicht der erste integrierte weisse Musiker und auch nicht der einzige Weisse im Studio. 1954 wurde ich von Ace Records als Produzent engagiert. Viele Soulstars wurden so durch mich am Anfang ihrer Karrieren gefördert, etwa Aaron Neville, Irma Thomas oder Lee Dorsey.

Ihre Stimme klingt fast unmelodisch, heiser. Wie kamen Sie zu dieser Stimme?

Ich habe mich nie als Popsänger verstanden. Ich war scharf darauf, Songs zu komponieren, und weil ich sie den Sängern vorsingen musste, habe ich eher nebenbei das Singen erlernt. Das hat gedauert. Und das hört man meiner Stimme auch an.

Wer war Ihr Vorbild?

Der heute vergessene Soulsänger Chuck Carbo. Ich habe ihm einen Song komponiert, den er mir auch abgekauft hat. Ich schrieb für andere, bevor ich selbst berühmt wurde, das war mein Vorteil. Mit grossen Künstleregos kam ich nicht so gut klar, besser gings mit Musikern, die singen und Instrumente spielen konnten. Nehmen wir Marvin Gaye, für den ich Piano gespielt habe. Was die Welt nicht weiss: Marvin war ein herausragender Schlagzeuger, der die Drums auf all seinen Songs selbst eingespielt hatte.

Auf Ihrem Hitalbum «Right Place, Wrong Time» von 1973 spielt der sogenannte Second Line Beat die Hauptrolle. Können Sie anhand dieses Beats die Musikgeschichte von New Orleans erzählen?

Am wichtigsten ist Musik in New Orleans bei Begräbnissen und am Faschingsdienstag im Karneval. Dann spielt diese spezifisch tänzelnde Blasmusik, die auf dem Second Line Beat basiert. Er geht bumtsch, badummtsch, badummtsch, bum, bum. Der Rhythmus wurde über Jahrzehnte weiterentwickelt, sagen wir von Earl Palmer bis Zigaboo Modeliste, dem Drummer der Meters. Jeder fügte wieder ein anderes Detail hinzu. Das macht im Übrigen die musikalische Besonderheit dieser Stadt aus, Tradition bedeutet immer auch Innovation.

Warum haben Sie auf Ihren Soloalben immer wieder Kulturtechniken aus New Orleans gepriesen?

Um auf ihre soziale Bedeutung aufmerksam zu machen, denn sie sind vom Vergessen bedroht. Als Abtreibung in den USA noch illegal war, gab es in New Orleans zum Beispiel einen von Frauenkarnevalsgesellschaften betriebenen «Temple of the Innocent Blood», der Abtreibungen vornahm. Er hat vielen Frauen das Leben gerettet. Die Karnevalsgesellschaften haben das allein aus ihrem guten Geist gemacht.

Aus ihrem guten Geist?

In New Orleans mögen wir die Toten. Ihr Geist wandert an einen besseren Ort im Geisterreich. Deswegen betrauern wir den Tod nicht, wir feiern ihn. Der Alltag ist hart genug. New Orleans ist mehrheitlich arm, daher fällt es leichter, das Spirituelle im Jenseits zu feiern.

Beginnen Sie deshalb auf Ihrem neuen Album mit dem Song «Feel Good Music» und preisen darin die Geister in Ihrer Hand?

Es ist kompliziert, der Geist kommt von hier (deutet mit seiner rechten Hand von links oben zur linken Hand) und läuft einmal durch den Körper, die Seele und rechts wieder raus. In der linken Hand spürt man ihn am stärksten.

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