Nr. 36/2006 vom 07.09.2006

Las Vegas am Lake George

Ein Jahr nach dem Hurrikan Katrina wird die Stadt zum Themenpark umgebaut - und die Musik spielt dazu.

Von Klaus Walter

«Walking on Sunshine» läuft wieder im Radio. Nach dem Hurrikan waren Katrina & The Waves aus den Playlisten verschwunden. Kein guter Bandname. Aber Zeit heilt Wunden. Bei «Lost in France» denkt auch niemand mehr an Diana im Pariser Tunnel. Ein Jahr nach dem Untergang von New Orleans werden den verheerenden Zuständen wieder die alten Melodien vorgespielt. Die Musik, das grosse Gleitmittel des Sozialen, ist wieder da. Der Mardi gras, der Touristenmagnet von New Orleans, diese kreolische Mixtur aus Rosenmontagszug, Oktoberfest, Basler Fasnacht und Street Parade, gerät zur Demonstration des Überlebenswillens und der unverwüstlichen Lebensfreude der tapfertollen Menschen von New Orleans. Jedenfalls wenn man den kolportierten Bildern und Geschichten glauben möchte, die von willigen HelferInnen des American-Way-of-Survival-Mythos in die Welt geschickt werden.

Neue Ghettos verhindern

Die nicht so tapfertollen Menschen von New Orleans kommen in diesen Geschichten nicht vor. Sie mussten die Stadt verlassen. Jetzt sind sie von der Stadt verlassen. Die Flut hat ihre Häuser verschluckt. Der Ninth Ward und andere sogenannte Problembezirke wurden von der grossen Rächerin Natur ausradiert. Für die meist dunkelhäutigen BewohnerInnen dieser Gebiete ist das eine Katastrophe. Andere sehen die Katastrophe als Chance! Für viele meist hellhäutige Stadtplaner, Immobilienunternehmerinnen und InvestorInnen wird mit der Flut ein feuchter Traum wahr. Was Politik und Kapital in hundert Jahren nicht schaffen, das besorgt die Natur binnen Stunden. Tabula rasa! Unliebsame Quartiere dem Erdboden gleichmachen, Platz schaffen für neue Projekte, a new New Orleans order. Dem Umbau des städtischen Raums zum Themenpark stehen keine heruntergekommenen Ghettos mit heruntergekommenen BewohnerInnen mehr im Weg. Okay, so ganz ohne Menschenhand ging der Coup nicht über die Bühne. «Eine der am wenigsten natürlichen Naturkatastrophen, die es je gab», sah der weisse Stadtforscher Mike Davis und fragte: «Wer hat wo und wann welche Dämme geöffnet? In welchem Zustand waren die Dämme? Warum kam die Hilfe der Politik so spät? Warum war plötzlich Dritte Welt mitten in den USA?» Die Antwort gab der Rapper Kanye West: «George Bush interessiert sich nicht für Schwarze. Die Regierung versucht den Schwarzen so langsam wie möglich zu helfen, je ärmer sie sind, desto langsamer.» Die Bilder gingen um die Welt, und viele träumten schon von einer neuen Bürgerrechtsbewegung mit Kanye West als Martin Luther King. Doch West hat sich inzwischen auf sein musikalisches Kerngeschäft zurückgezogen, die einzige Bewegung ist heute die Armutsmigration.

Mit einer Glücksspiellizenz soll die dank Katrina sauber geschrumpfte Stadt wieder auferstehen als Dixieland-Las-Vegas. Alte Geschäftsviertel im Zentrum werden dem Hyatt Jazz District weichen. Hier entsteht ein geräumiges Jazzcenter nebst Hotel, Nachwuchsakademie und Themenpark. Das bringt Arbeitsplätze und TouristInnen. Schliesslich gilt Lake George als die Wiege des Jazz. Lake George? So tauften die BewohnerInnen ihre Stadt nach der unterbliebenen Hilfeleistung durch die Regierung George Bush. Der Flughafen von Lake George trägt Louis Armstrongs Namen. Nirgendwo, ausser vielleicht in Jamaika, definiert sich das Image einer Region so stark über die Musik. Nirgendwo spielt die Musik im Alltag eine so bedeutende Rolle. Nicht nur der ob seines Zickzackkurses nach Katrina umstrittene schwarze Bürgermeister Ray Nagin setzt auf den Sound of New Orleans als Standortfaktor. Dass im Zuge einer gross angelegten Aufhübschung der Stadt im Namen der Musik Tausende von MusikerInnen vertrieben, zahllose Musikbeizen von der Landkarte gespült wurden - das folgt der Logik der kulturalistisch aufgeladenen Gentrifizierung, hier allerdings beschleunigt durch Katrina.

Wie immer fällt das Totschlagwort von der Disneyfizierung. Wie immer greift es zu kurz. Disneyfiziert werden kann nur, was sich dafür anbietet. Und ist der Themenpark im Sound of New Orleans nicht bereits angelegt? Wird der Mythos vom Melting Pot nicht schon länger strapaziert, um TouristInnen anzulocken? Mardi gras und Voodoo, Marching Bands und Beerdigungstänze, Tipitina und Bourbon Street, Cajun und Zydeco, Wild Magnolias und Tchoupitoulas, Dr. John und Professor Longhair and all that Jazz? Die verführerische Lüge vom multilingualen Big Easy mitsamt ihrer pittoresken Folklore schreit nach kulturin-dustrieller Verwertung. Alles so schön authentisch! Ist die Begeisterung weisser Musikgourmets für den bunten Patchworksound von «N’awlins» nicht eine besonders abgeschmeck-te und abgeschmackte Sorte Multikultikitsch? Sind nicht genau diese Gourmets - ich, du, wir? - die nützlichen IdiotInnen für das, was Politik und Wirtschaft hier anvisieren: eine Sezession der Wohlhabenden, Flut sei Dank?

Trauermärsche und Benefizkonzerte

In New Orleans halten sie sich an der Musik fest. Der Sound of New Orleans begleitet den Umbau der Stadt und lindert den Schmerz - symbolisch und real. Gleich nach der Flut springt die Benefizmaschinerie an, über Konzerte und Plattenverkäufe wird Geld gesammelt, das den Notleidenden zugute kommt - oder auch nicht. Derweil versickern staatliche Gelder im Nirwana oder bleiben ganz aus. Im materiellen Elend wird die grosse Musiktradition der Stadt beschworen, und viele ProtagonistInnen dieser Tradition beteiligen sich wohl oder übel an solchen Goodwillprogrammen. Dabei nehmen sie ihre Selbstfolklorisierung in Kauf. Noch einmal werden alle Trademarks des Sound of New Orleans durch das zerstörte Dorf gejagt. Für Benefizplatten wie «Higher Ground» treten die alten Helden zusammen und künden von versunkenen Welten. «Go to the Mardi Gras» fordern zwangsoptimistisch die Neville Brothers, Wynton Marsalis bläst ein bisschen Dixieland, und Norah Jones haucht Randy Newmans todtrauriges «I Think It’s Gonna Rain Today». Hier klingt New Orleans wie ein Museum seiner selbst, Trost bringt nur der Blick zurück. Beste Voraussetzungen für die Verwandlung einer Stadt zum Themenpark. Wie aber umgehen mit der Gegenwart? Nehmen wir exemplarisch für die Aporien einer übermächtigen Tradition und des um sich greifenden, selbstredend supergut gemeinten «N’awlinsismus» das neue Album von Elvis Costello und Allen Toussaint (so und nicht umgekehrt steht es auf dem Cover). Es heisst «The River in Reverse» und wird von den Lordsiegelbewahrern des Rock als Meisterwerk gefeiert - von «Mojo» bis «Rolling Stone». Wichtiger als die Platte selbst ist einmal mehr das Making-of. Keine vier Monate nach Katrina gehen der weisse Costello und der schwarze Toussaint gemeinsam ins Studio in New Orleans. Nebenan fliesst der Mississippi. Toussaints Haus im nahe gelegenen Gentilly wurde überflutet, sein Archiv zerstört. Dem grossen Rockpublikum ist der Name Costello vertrauter, dabei hat der fast siebzigjährige Allen Toussaint dem Soul und Funk aus New Orleans in den vergangenen fünfzig Jahren so viel gegeben. Auch wer seinen Namen nicht kennt, kann seine Songs mitpfeifen: Lee Dorsey machte «Working in a Coalmine» zum Hit, mit «We Can Can» waren die Pointer Sisters erfolgreich, und Toussaints hinreissendes «Hercules» wurde in der Version der Neville Brothers zu einem der meistgesampelten Songs im Hip-Hop.

Für «River in Reverse» nahm Toussaint mit Costello einige seiner Klassiker auf, dazu neue Songs. Bis ins Detail rekonstruieren sie den historischen Sound of New Orleans, unter der Wucht der Geschichte verschwindet die Gegenwart - Entlastung durch Regression, kein Einzelfall, wie die hysterische Rezeption der jüngsten Alben von Johnny Cash und Bob Dylan durch Midlifecrisis-getriebene Männer belegt. Garant für den abgehangenen Sound ist der weisse Produzent Joe Henry, der sich offenbar auf geschmackvoll neoklassizistische Comebacks von SoulveteranInnen spezialisiert hat - auch Ann Peebles und Solomon Burke zählen zu seiner Kundschaft. Hier aber muss erallerlei Divergenzen unter einen Hut bringen: unterschiedliche Typen, Stimmen, Hautfarben, Zielgruppen. Und die Stimme Costellos ist nun mal eine markante. Elf der zwölf Songs hat Toussaint komponiert oder wenigstens mitkomponiert, ein einziger stammt von Costello. Aber der gibt dem Album den Titel. So wird «River in Reverse» am Ende doch eine Costelloplatte. Toussaint übernimmt die Nebenrolle, der bekanntere Costello ist der Star. Das entspricht den Gesetzen des Marktes und spiegelt die rassistische Struktur von Katrina. Und es zeugt von den Fallen, die lauern, wenn berühmte weisse Musiker mit weniger bekannten schwarzen zusammenspielen. Der wohlmeinende Weisse ringt mit seinem Helfersyndrom und dem Vorwurf der Blaxploitation.

New Orleans rekonstruiert

Dass diese Konstellation im Sumpf von New Orleans nicht einfacher wird, das haben sie auch beim «Mojo»-Magazin begriffen. Neben der Rezensionshymne steht der relativierende Cartoon: Costello im knatschbunten Touristen-outfit mit Bermudas und «Big Easy»-Strohhut, in der Hand eine Strassenkarte des French Quarter. Toussaint gibt den Fremdenführer im blauen Anzug, legt die Hand auf Elvis’ Schulter und trägt ein Fähnchen mit der Aufschrift «New Orleans Fonk Tour». So waten sie durch eine braune Brühe, leere Flaschen hier, ein Trompetenhals da. «Ferien in anderer Leute Elend» hiess das vor dreissig Jahren bei den Sex Pistols.

Aber: Wer das Drama von Katrina nur an der Colour Line festmacht, vernachlässigt die Ökonomie. Auch der afroamerikanische Mittelstand will Land gewinnen und Elendsviertel hinter sich lassen. Einer der wichtigsten Repräsentanten dieser aufwärtsorientierten Klassen ist der Trompeter Wynton Marsalis. Das «Time Magazine» zählt den Pulitzer-Preisträger, Uno-Botschafter und Leiter des mit viel Prestige und Macht ausgestatteten Lincoln Jazz Center in New York zu den 25 einflussreichsten Amerikanern. Als solcher verkörpert Marsalis, 1961 in New Orleans geboren, das Dilemma des afroamerikanischen Leaders: hin- und hergerissen zwischen Country und Community, Blackness und Patriotismus verkündet er staats- und kirchentragende Durchhalteparolen: «Es geht ja längst nicht nur um den Wiederaufbau meiner Heimatstadt, sondern um die Seele Amerikas», salbadert Marsalis in Christian Broeckings Interviewband «Black Codes». «Das ist eine Bewährungsprobe für das gute Amerika, wir brauchen Gebete und Geldbeutel der Menschen und vor allem ihren Willen, der Welt zu zeigen, wozu der moderne Amerikaner in der Lage ist, und dann werden wir New Orleans wieder aufbauen, und es wird sogar schöner sein als zuvor - ohne die Ignoranz des Rassismus, die beklagenswerten Bedingungen der Armut und den Mangel an Bildung und Ausbildung, jener Fäulnis eben, die sich seit der Sklaverei in vielen amerikanischen Grossstädten ausgebreitet hat.» Dekorativ gesprochen. Mit der Abwesenheit von Rassismus könnte es sogar klappen, wenn wie geplant die überwiegend schwarzen Träger der Fäulnis draussen bleiben. Wenn die Mauern des neuen New Orleans stabiler sind als die Dämme des alten.

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