Solar Valley : In China wird grün geträumt

Nr.  36 –

China wird im Westen oft als Klimasünder gebrandmarkt. Tatsächlich produziert kein Land mehr Treibhausgase. Es geht aber auch ganz anders, wie das Beispiel der Provinzstadt Dezhou zeigt.


Vor langer Zeit bestrahlten zehn Sonnen im Turnus die Erde. Während jeweils neun Sonnen schliefen, verrichtete die zehnte ihre tägliche Pflicht. Eines Tages wurden die zehn Sonnen dieser Routine überdrüssig und entschieden, ihre Arbeit gleichzeitig zu erledigen. Darauf wurde es auf der Erde brütend heiss. Die Gewässer trockneten aus, die Felder verdorrten. Menschen und Tiere starben in Massen. Schliesslich wurde die Bitte des chinesischen Kaisers nach göttlicher Hilfe erhört und Hou Yi, der Gott der Bogenschützen, auf die Erde entsandt. Mit seinem Bogen schoss Hou Yi eine Sonne nach der anderen vom Himmel, bis nur noch eine einzige übrig blieb und die unerträgliche Hitze ein Ende hatte.

So weit die Legende vom Sonnentöter Hou Yi, die in China ähnlich verbreitet ist wie hierzulande die Sage vom Meisterschützen Tell.

Gezielte Umweltpolitik

Ganz besonders lebendig ist die Legende von Hou Yi im nordostchinesischen Dezhou in der Provinz Shandong. Die Millionenstadt nimmt für sich sogar in Anspruch, der Ort zu sein, wo der legendäre Sonnentöter die Menschheit einst vor dem Hitzetod bewahrte. Die Zeit, als die DezhouerInnen die Sonne noch bekämpften, gehört allerdings längst der Vergangenheit an. Inzwischen gilt Dezhou als Stadt der «Sonnenanbeter». Die Stadtregierung betrachtet die Nutzung der Sonnenenergie als «heilige Mission zur Rettung unserer Erde». Ihr ehrgeiziges Ziel: aus Dezhou das Zentrum der globalen Solarindustrie zu machen (vgl. «4. Weltsolarkongress» am Ende dieses Textes).

Auf den ersten Blick gleicht Dezhou den vielen gesichtslosen Millionenstädten in der Provinz, die ausserhalb Chinas nahezu unbekannt sind. In China selber war die «Solarstadt» bisher höchstens Gourmets ein Begriff. Noch heute können sich die Durchreisenden auf dem Perron des Dezhouer Bahnhofs von fliegenden Händlern mit dem zarten Schmorhuhn eindecken, das schon den Gaumen von Kaiser Kangxi im 17. Jahrhundert erfreute. Die Stadt ist so stolz auf ihre Hühnchenspezialität, die es direkt aus der vakuumierten Plastiktüte gibt, dass sie ihr neben einem Lied gleich noch ein eigenes Museum gewidmet hat.

Im Unterschied zum Rezept für das Schmorhuhn, das auf einen übermüdeten Kochgesellen zurückgeht, der anno 1692 neben dem Herd eingeschlafen war, hat der Aufstieg Dezhous zur chinesischen Solarhauptstadt weniger mit Zufall zu tun als mit innovativen Unternehmern sowie der gezielten Umweltpolitik der Lokalregierung. Solartechnologie ist in Dezhou allgegenwärtig. Die meisten Strassenlaternen und Ampeln werden von Sonnenlicht gespiesen. Der zehn Kilometer lange Teil der Nationalstrasse 104 soll sogar der längste mit Solarenergie beleuchtete Strassenabschnitt der Welt sein. Über dreissig Kilometer des städtischen Strassennetzes sowie die meisten Parkanlagen sind mittlerweile mit solarbetriebenen Lampen ausgerüstet. Nicht so richtig in dieses futuristische Bild passen einzig die teilweise völlig veralteten Busse und Traktoren.

Revolution auf dem Dach

«Hundert Minuten Sonnenlicht lassen eine Strassenlampe sechs Stunden lang leuchten», sagt Herr Sun, der Manager eines kleinen Hotels an einer der vielen Strassen mit Solarlampen. Doch Dezhou ist vom kontinentalen Klima geprägt, das immer wieder für Regen sorgt. Ist es während einer Schlechtwetterperiode noch nie zu einem Verkehrschaos gekommen? «Nein», versichert der Hotelier lachend. «Im Notfall können die Strassenbeleuchtung und die Ampeln auf Strombetrieb umgeschaltet werden.» Die vielen Fahrrad- und Rollerfahrer, die nach Einbruch der Dunkelheit ohne Licht lautlos wie aus dem Nichts auftauchen, scheinen in der Tat eine grössere Gefahr darzustellen als Regenwetter.

Die eigentliche Revolution spielt sich auf den Dächern Dezhous ab. Solarwasserbereiter, welche die BewohnerInnen mit heissem Wasser zum Duschen, Kochen und Waschen versorgen, sind in China keine Seltenheit. In Dezhou gehören sie jedoch schon fast zur Regel. Auf den meisten Wohnhäusern glitzern die charakteristischen Glasröhren der Solaranlagen in der Sonne. Nach offiziellen Angaben sind bisher gegen achtzig Prozent aller städtischen Wohnhäuser damit ausgestattet. Und die Regierung hat verfügt, dass sie auf allen Neubauten installiert werden müssen. Ohne sie gibt es keine Baugenehmigung mehr.

Den BewohnerInnen in alten Gebäuden ist es bislang freigestellt, ob sie zur Warmwasseraufbereitung Solarenergie oder Strom aus der Dose verwenden. «Der Kauf eines Solarwasserbereiters wird von der Regierung mit bis zu dreissig Prozent des Kaufpreises subventioniert», sagt Frau Song von der Himin Solar Energy Group, Dezhous grösstem Hersteller von Solaranlagen. «Der günstigste Solarwasserbereiter unserer Firma kostet 3000 Yuan (446 Franken)», so Song, «die Luxusausführung 350 000 Yuan (52 000 Franken).»

Das Prinzip dieser Geräte ist relativ einfach: Doppelwandige Glasröhren, mit einer schwarzen Innenschicht versehen, sind an einen Wassertank angeschlossen. Weil sie das Sonnenlicht absorbieren, erwärmen sie das darin zirkulierende Wasser. Laut Greenpeace China amortisiert sich ein 5000 Yuan (743 Franken) teurer Solarwasserbereiter innerhalb von fünfeinhalb Jahren. Kein Wunder, setzen immer mehr StadtbewohnerInnen auf die Sonnenkraft. Aber es gibt auch kritische Stimmen. Die Solarenergie sei zwar umweltfreundlich, sagt etwa ein Taxifahrer, aber auch störungsanfällig. Reparaturen würden viel Geld kosten. «Die erste Generation unserer Solarwasserbereiter war noch fehleranfällig», bestätigt Frau Song. «Mittlerweile ist dies jedoch nicht mehr der Fall.» Himin habe seit 1997 150 Millionen Yuan (22,3 Millionen Franken) in die Forschung und Entwicklung investiert.

Am Hof des Sonnenkönigs

Die Solarindustrie von Dezhou entstand in den neunziger Jahren. Mit inzwischen über hundert Unternehmen ist sie mit Abstand die grösste Arbeitgeberin der Stadt. Ihr Flaggschiff ist die Himin-Gruppe. Eigenen Angaben zufolge verkaufte die Firma im Jahr 2008 so viele Solarwasserbereiter wie alle Länder der EU zusammen. Allein in China besitzt sie momentan einen Marktanteil von gegen zehn Prozent. Ihre Solaranlagen sorgen aber nicht nur in der Volksrepublik für warmes Wasser, sondern auf der ganzen Welt: vom Hindukusch über Frankreich bis nach Grenada im Westatlantik. Selbst auf dem Dach der chinesischen Forschungsstation am Südpol leuchtet das grüne Firmenlogo von Himin.

Die treibende Kraft hinter dem «Solarwunder» von Dezhou heisst Huang Ming. Der 52-jährige Gründer und Chef von Himin hat mit dem Verkauf von Solarwasserbereitern innerhalb von fünfzehn Jahren ein Vermögen gemacht. Laut dem US-Wirtschaftsmagazin Forbes gehört der «Sonnenkönig», wie Huang Ming in China ehrfürchtig genannt wird, inzwischen zu den 400 reichsten Chinesen. Neben seiner Tätigkeit als Geschäftsmann kämpft Huang im Nationalen Volkskongress für ein grüneres China. Sein Traum: «Solarwasserbereiter für die ganze Welt, damit auch die nächsten Generationen noch in einen blauen Himmel blicken können.»

Der Sonnenkönig gibt sich volksnah. «Ein Foto? Ja klar, kein Problem», sagt Huang Ming in einwandfreiem Englisch. Sein sportliches Outfit und sein leicht wirres Haar lassen ihn bodenständig erscheinen. Von seinen «Untertanen» hört man denn auch nur Positives. Ein «Symbol» sei er, sagt etwa ein Teenager. Andere Einheimische bezeichnen ihn schlicht als «tai lihai – einfach brillant».

Die Residenz des Sonnenkönigs von Dezhou ist zwar pompös, aber nicht annähernd so verschwenderisch wie Versailles. Während der französische Sonnenkönig Louis XIV für seinen extravaganten Lebensstil bekannt war, will der chinesische Sonnenkönig den Menschen beweisen, dass man auch sparsam komfortabel leben kann. Der Firmenhauptsitz von Himin in Form einer riesigen Sonnenuhr gilt als grösste Solararchitektur der Welt. Das Gebäude enthält neben Büros und Ausstellungs- sowie Konferenzräumen auch ein Luxushotel mit 180 Zimmern. Die riesigen Solarkollektoren auf dem Dach versorgen den Komplex mit Strom und Warmwasser. Dank modernster Umwelttechnologien kann der Firmensitz von Himin fast ausschliesslich mit erneuerbaren Energien versorgt werden.

Kohle zunehmend ersetzen

Der Firmenhauptsitz von Himin ist das Herzstück des «Solar Valley», einer über 300 Hektar grossen Anlage, welche die Dezhouer Regierung im Jahr 2004 in Auftrag gegeben hat. Gebaut wird das Solar Valley von Himin. Es soll aus mehreren Produktionsstätten für Solaranlagen bestehen sowie den dazugehörigen Forschungslabors, einem riesigen Tagungszentrum, einer Universität, Wohnsiedlungen, Parks und anderen Freizeiteinrichtungen. Die Energieversorgung der gesamten Anlage wird hauptsächlich durch das Licht der Sonne geregelt. Eine mit Solarstrom betriebene Monorail soll das ganze Areal einst umkreisen.

Das Solar Valley ist ein in Beton gegossener «Schrein der Solarindustrie», ein Vorzeigeprojekt, in dem die Vision einer kohlenstoffarmen Gesellschaft bereits wahr geworden ist. Himin plant schon den Bau weiterer «Solartäler» in anderen chinesischen Grossstädten. Noch ist die Kohle in China der mit Abstand wichtigste Energieträger. Dies soll sich nach Huang Ming dereinst ändern. Besucher, die sein Solartal gesehen haben, sollen wie er auf die Sonnenenergie setzen.

Der sagenhafte Sonnentöter Hou Yi erhielt vom chinesischen Kaiser viel Lob dafür, die Dürre beendet zu haben. Die Götter jedoch waren zornig auf ihn, hatte er die neun Sonnen doch erschossen, statt ihnen nur eine Lektion zu erteilen. Zur Strafe verlor Hou Yi seine Unsterblichkeit. Der 52-jährige Huang Ming ist auf dem besten Weg zur Unsterblichkeit. Ein Stadion in Dezhou trägt bereits seinen Namen. Sollte sich der grüne Traum des Sonnenkönigs eines Tages erfüllen, dann dürfte auch er in China eine Statue erhalten wie einst die «Rote Sonne» Mao Zedong oder aber zumindest ein Museum und ein Lied wie das Dezhouer Schmorhuhn.