Nr. 41/2010 vom 14.10.2010

Wo Bären und Schlangen hausten

Von Edith Krebs

Auf einer Schifffahrt von Schaffhausen nach Konstanz wundert man sich: Alle paar Kilometer taucht an den Ufern des Rheins ein Kloster auf. Zuerst das ehemalige Klarissenkloster Altparadies, dann kurz vor Diessenhofen das einst von Dominikanerinnen bewohnte Kloster St. Katharinental. In Stein am Rhein folgt die Benediktinerabtei St. Georgen, eine der am besten erhaltenen Klosteranlagen der Schweiz, gleich darauf die noch heute von Franziskanermönchen bewohnte Insel Werd, auf der einst der heilige Othmar, der erste Abt des Klosters St. Gallen, in der Verbannung lebte.

In diesem Takt geht es am Untersee weiter: Öhningen, Radolfzell, Steckborn, Feldbach, Ermatingen – alle diese Seedörfer weisen klösterliche Spuren auf. Einen Höhepunkt der Klosterfahrt, die rund um den Bodensee ihre Fortsetzung findet, bildet die Insel Reichenau, die sich zwischen 800 und 1100 zum Reichskloster entwickelte und im Jahr 2000 in die Unesco-Welterbeliste aufgenommen wurde.

Warum findet sich in dieser Gegend eine solche Dichte an Klöstern? Was hat die Mönche angezogen? Und wie haben sie den Bodenseeraum geprägt?

Antworten gibt das 1978 erstmals erschienene und lange Zeit vergriffene Buch «Mönche am Bodensee» von Arno Borst (1925–2007), das kürzlich neu aufgelegt wurde. Auf fast 700 Seiten geht der deutsche Historiker, der viele Jahre als Professor für mittelalterliche Geschichte an der Universität Konstanz wirkte, der Siedlungsgeschichte der Mönche nach, die von Irland, Italien und aus dem Balkan kamen. Bevor sich die ersten Einsiedler im siebten Jahrhundert in der Gegend niederliessen, herrschte hier eine urwaldähnliche Wildnis, in der Bären und Schlangen hausten. Im Gefolge der Einsiedler siedelten sich alemannische Bauern an und bildeten zusammen mit den Mönchen eine produktive Lebensgemeinschaft, die die Landschaft zur geistigen und kulturellen Blüte brachte.

Nicht nur dem Aufstieg des Mönchtums widmet Borst sein Augenmerk. Ebenso detailliert und kenntnisreich erzählt er von dessen Niedergang im 16. Jahrhundert, als die «Spannung zwischen Weltabkehr und Weltzuwendung» ihre stimulierende Wirkung zu verlieren begann.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch