Nr. 41/2010 vom 14.10.2010

«Wir leben im permanenten Ausnahmezustand.»

Hat er sich plötzlich verändert? Der ehemalige SVP-Präsident vertritt ohne zu murren die Reduktion der Armee. Bedrohungen für die Schweiz wittert er weiterhin überall.

Von Daniel Ryser

Ein Freitag im September 2010: Verteidigungsminister Ueli Maurer auf Truppenbesuch bei einem Logistikbataillon auf dem Schiessplatz Spittelberg bei Olten. Als Erstes freut sich Maurer, dass die Ausrüstung komplett ist. Denn die Logistik bereitet der Armee Probleme. Und deshalb sei eine komplette Ausrüstung heute nicht mehr selbstverständlich, sagt Maurer, selbst Radfahrer, dem das Militär wichtig ist, «schon allein deshalb, weil man hier kameradschaftliche Bünde für das Leben schliesst».

Er fragt einen, der seine letzten Tage Dienst leistet, ob er die Armee nicht vermissen werde. Der Mann verneint, Maurer kann es gar nicht recht glauben, die Soldaten lachen, und dann zeigen sie, wie sie mit einem Pneukran ein umgestürztes Auto wieder aufrichten und am Fuss des Hauensteins an einem mobilen Checkpoint ein Fahrzeug kontrollieren. Die Soldaten sagen, dass sie ja auch Zeitung lesen und dass man dort lese, worüber man sich im Land offenbar einig sei, dass es nämlich mit der Armee abwärtsgehe: erhebliche Logistikprobleme, Orientierungslosigkeit, ein erbitterter Streit um Ausrichtung, Grösse, Bedrohungslage.

Neben der Linken ist es die SVP, die am heftigsten die Zustände in der Armee kritisiert, obwohl das Eidgenössische Departement für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport VBS seit 1996 von der SVP geführt wird. Und jetzt ist es Maurer, der immer die Zürcher Linie der SVP vertreten hat, der ParteifreundInnen und MilitaristInnen vor den Kopf stösst. Anfang Oktober hat er im Medienzentrum des Bundeshauses den Armeebericht 2010 präsentiert, der einem europäischen Trend folgt, massive Einsparungen bei der Armee vorsieht und unter anderem eines besagt: Die Schweizer Armee lebt angesichts der heutigen Bedrohungslage massiv über ihre Verhältnisse.

Beim Truppenbesuch im September sitzt Maurer auf der Rückbank eines Militärtransporters – er trägt lockere Freizeitkleidung – und freut sich, dass die Soldaten nach wie vor so engagiert seien. «Manchmal, in meiner Freizeit, mache ich mit meinem Velo einen Überraschungsbesuch bei einer Truppe. Es ist erstaunlich, wie motiviert die Leute selbst dann sind, wenn sie nicht den Besuch des Chefs erwarten», sagt Maurer. Zum Besuch auf den Spittelberg kam er im Dienst-Mercedes mit Chauffeur, begleitet von Divisionär Jean-Jacques Chevalley und einem Sprecher. Und auch wenn er es selbst bestreitet und es eher als Bürde beschreibt, scheint ihm das neue Amt gut zu gefallen. Trotz massiver Kritik auch an seiner Person wirkt Maurer bei den Treffen mit der WOZ entspannt, als wäre der ehemalige rechte Angriffsminister der SVP, der mitunter berüchtigte Kampagnen gegen Sozialstaat und AusländerInnen mitorganisierte, zum konzilianten Bundesrat geworden, der grosse Freude an Amt und Kollegialität hat.

So verteidigt er im Gespräch mit der WOZ auch den Armeebericht, der von seiner eigenen Partei und anderen rechten Kreisen heftig kritisiert wird. Und an einem Abend im Oktober reist der ehemalige Uno-Gegner Maurer nach Freiburg, um dort ohne Spitzen und schön schweizerisch-brav und staatsmännisch im Namen des Gesamtbundesrats die Laudatio zu halten auf Joseph Deiss als neuen Uno-Präsidenten. Im Interview mit der WOZ zeigt sich aber auch, unter welchem Druck der VBS-Chef gerade in der Frage der Neuausrichtung der Armee steht: Einerseits stellt er sich hinter den Armeebericht, kritisiert ihn aber durch die Blume, ohne sich festlegen zu wollen, als ob er es allen recht machen wolle oder es am Schluss eben doch gewusst haben will, falls die Sache schiefgeht. Maurer spricht mit der WOZ über die Last des Kalten Kriegs, die Welt in einem permanenten Terroralarm-Ausnahmezustand und Cyber-War-Attacken gegen die Schweiz im 21. Jahrhundert.

WOZ: Herr Maurer, Sie vertreten als SVP-Bundesrat und VBS-Chef den Armeebericht 2010. Er sieht bei der Armee Sparmassnahmen von bis zu 25 Prozent vor. Über eine Milliarde Franken soll eingespart werden. Es ist vor allem die Rechte, die in den letzten Jahren eines propagierte: Mehr Geld für die Armee. Trauen Ihnen Ihre politischen Gefährten noch?

Ueli Maurer: Dem Bericht liegt hervorragende Arbeit zugrunde. Es fiel mir deshalb nicht schwer, ihn zu präsentieren.

Ihre Partei goutiert ihn aber nicht.

Es geht doch um die Frage: Wie viel Sicherheit wollen wir? Und wie viel sind wir bereit, dafür auszugeben? Eine Momentaufnahme ist dabei eigentlich immer falsch, und geschichtlich betrachtet ist es mit der Rüstung ein permanentes Auf und Ab: Je nach Bedrohungslage hat man für Sicherheit mehr Geld ausgegeben oder weniger. Wir befinden uns in einer längeren Phase des relativen Friedens, also ist es klar, dass wir uns am unteren Ende der Talsohle befinden.

Die Vorschläge im Armeebericht sparen die Armee auf das untere Ende der Talsohle?

Für die Kräfte, welche die Armee abschaffen wollen, ist der Bestand nach wie vor zu hoch, für Leute mit höherem Sicherheitsbedürfnis ist er zu tief.

Die SVP und andere rechte Gruppen fordern für die Armee 120 000 bis 200 000 Mann. Aber Sie sagen: Die Sicherheit im Land ist mit 80 000 Mann gewährleistet.

Die Grösse der Armee ist bloss ein Eckwert. Die Frage ist vielmehr: Was sind das für Leute in der Armee? Wie sind sie ausgebildet? Wie sind sie ausgerüstet? Gut ausgebildete, ausgerüstete und motivierte Soldaten – da sind 80 000 womöglich gleichzusetzen mit 200 000, die schlecht ausgerüstet und schlecht ausgebildet sind. Es ist also auch eine Frage, was die Armeeverantwortlichen aus ihren Leuten machen.

Die Sicherheit ist also gewährleistet?

So gesehen: Ja. Es sind aber immer Szenarien denkbar, bei denen mehr Leute benötigt werden. Was etwa ist bei einer flächendeckenden Bedrohung? Wenn im Rahmen einer Terrorserie alles bewacht werden muss, was öffentliches Leben garantiert: Jeder grössere Bahnhof, Flughäfen, Tunnel, auch Kunstbauten, die A2, um die Verbindungen offen zu halten ... Es braucht ja mehr als 5000 Leute, um die wichtigen Anlagen des Flughafens in Kloten während dreier Wochen zu bewachen. Wenn Sie noch die Basler Rheinhäfen hinzunehmen, die Elektrizitätsverteilung in Laufenburg, die Kraftwerke – da kommen Sie rasch auf 80 000 Mann. Im Moment aber ist der Bundesrat der Meinung, dass diese Zahl genügt, um die Sicherheitsbedürfnisse der Schweiz zu decken. Es ist kein realistisches Bedrohungsszenario, dass jemand in der Lage ist, im ganzen Land gleichzeitig Anschläge zu verüben, dass alles derart bewacht werden muss. Tatsache ist aber auch, dass man von Anschlägen im Vorfeld nicht weiss – und das macht es schwierig, Szenarien auszuschliessen. Wer hätte gedacht, dass auf die Zwillingstürme in New York solche Anschläge verübt werden?

Aber 80 000 Soldaten sind genug?

Ja. Aber gleichzeitig genügt in Biel ein 67-jähriger Rentner, um während Tagen 900 Polizisten zu beschäftigen. Die Frage nach der Mannstärke ist vergleichbar mit einer Versicherung: Wie viel Geld sind Sie bereit auszugeben? Machen Sie eine Vollkasko? Eine Teilkasko? Gar keine? Jeder beurteilt das individuell. 200 000 Mann wären natürlich eine Vollkaskolösung.

Und was sind 80 000?

Eine Art Haftpflichtversicherung. Wir gehen mit den 80 000 Mann an die unterste Grenze von dem, was verantwortbar ist. Mit dem zur Verfügung stehenden Geld können womöglich nicht alle Soldaten ausgerüstet werden. Folglich stehen nicht alle 80 000, sondern womöglich nur 50 000 ausgerüstete Armeeangehörige bereit, um aufgeboten zu werden.

Sie sagen also: Eigentlich wird im Armeebericht zu knapp gerechnet.

Knapp, aber nicht zu knapp. Das hat vor allem damit zu tun, dass wir in einem Reformprozess stecken. Die Armee, die wir jetzt haben, kostet uns jährlich 5,5 Milliarden Franken. Die neue Armee wird uns nur noch 4,4 Milliarden Franken kosten. Damit müssen wir aber auch noch die heutigen Schulden abbezahlen, sodass für die Armee eigentlich nur noch 4 Milliarden zur Verfügung stehen. Mit diesem Betrag können Sie sich von den Rüstungssystemen her nicht mehr alles leisten, Sie können auch nicht mehr alle Soldaten ausrüsten. Das führt zu einer Armee, die zum Teil nur auf dem Papier besteht, weil faktisch nicht alle Soldaten genügend ausgerüstet sind.

Das klingt noch immer nach: Zu knapp gerechnet.

Wir schleppen sehr teure Infrastrukturen und Fixkosten aus der Vergangenheit mit. Die heutige Situation sieht so aus: Wir möchten schnell rennen können, stattdessen tragen wir einen schweren Rucksack von vier Armeen mit. Wir sind der grösste Landbesitzer im Land. Die Armee besitzt Land von der Fläche des Kantons Zug. Uns gehören 26 000 Liegenschaften. Wir sitzen auf Tausenden von Tonnen Munition, die wir nicht mehr brauchen ...

Es scheint: Da wurde einiges vermasselt. In armeekritischen Kreisen wird gescherzt: Die GSoA braucht es nicht mehr. Die Armee schafft sich selbst ab. Wer ist schuld daran?

Es macht keinen Sinn, über Schuld zu sprechen. Wir müssen vorwärtsblicken.

Sie haben, bevor Sie selbst Bundesrat wurden, Ihren Vorgänger Samuel Schmid heftig attackiert. Machen Sie nun alles anders?

Das ist in einem solch grossen Laden wie dem VBS gar nicht möglich. Aber man wird auch mich an meinen Taten messen können. Ich behaupte, das Problem erkannt zu haben. Wir kranken nach wie vor daran, dass nach dem Ende des Kalten Kriegs der Mut fehlte, Grundsätzliches in Frage zu stellen. Man fuhr zwar die Bestände massiv runter, vernachlässigte den Unterhalt, liess das System aber genau gleich weiterlaufen. Stattdessen hätte man sich überlegen müssen, was der Wandel für die Armee bedeutet, wie sie in Zukunft aussehen könnte, welche Bedrohungsszenarien nun möglich sind und wie künftig die Sicherheit garantiert wird. Diese Frage wurde damals nicht beantwortet. Man dachte, nun herrsche für immer Frieden, deshalb sei es vernünftig, die Bestände herunterzufahren. Man entzog der Armee massiv Mittel und liess sie so auf tieferem Niveau einfach verlottern.

Fast hätte das Stimmvolk die Armee damals abgeschafft.

Das wäre fatal gewesen. Sie können in einer Zeit des relativen Friedens eine Armee nicht einfach abschaffen und sie dann, wenn irgendwann plötzlich der Teufel los ist, wieder ins Leben rufen. Das macht bei der Feuerwehr ja auch niemand. Aber es ist eine Tatsache: Könnten wir die Armee neu planen, würden wir sie ohne den Ballast der Vergangenheit aufbauen, ohne Ländereien, Festungen und Festungswerke, ohne geschützte Anlagen, ohne feste Einrichtungen und feste Geschütze.

Wir brauchen heute eine flexible Armee, und diese Flexibilität fehlt uns. Was glauben Sie, was das Ausräumen und Zubetonieren einer Festung kostet? Unglaublich viel! Wandel ist in der Armee eine Konstante, und wir haben den Wandel verschlafen. Das müssen wir nun nachholen. Im Zweiten Weltkrieg wurden alle Kanonen von Rössern gezogen, dann hat man die Kavallerie abgeschafft, dann die Radfahrer, und als Nächstes schafft man womöglich die Panzer ab.

Die Panzer abschaffen?

Womöglich. Die Armee muss sich mit ihren Mitteln immer an möglichen Bedrohungen orientieren.

Die Russen kommen also nicht mehr?

Nein, kurzfristig sicher nicht. Aber alles ist unklar geworden.

Was heisst das?

Wir hatten bis 1989 die Situation des Kalten Kriegs, stark beeinflusst durch den Zweiten Weltkrieg. Eine bipolare Welt, die USA und die UdSSR als Grossmächte mit atomarer Abschreckung. Dann kam 1989. Der vermeintlich grosse Frieden. Dann zerstörten neue Ereignisse die Idylle. Die Terroranschläge vom 11. September 2001 waren ein solches Ereignis. Man merkte: Der Krieg geht weiter. Und die Kriege der Gegenwart werden vor allem asymmetrisch geführt. Es sind keine Staaten mehr, die sich gegenseitig den Krieg erklären. Die Bedrohung ist anders. Und so wurde deutlich: Die Armeen der westeuropäischen Länder brauchen ein neues Leitbild.

Dann hat die Schweizer Armee an der Realität vorbei und über ihre Verhältnisse gelebt.

Tatsächlich wird in der Schweiz etwas mehr abgebaut als in anderen Ländern, und dies durchaus deshalb, weil wir hier besonders viel Armee hatten. Der Abbau liegt aber in Europa im Trend. Wenn Sie einen Blick auf die Geschichte werfen, ist das eine Wellenbewegung: Man rüstet auf, ab, auf, ab. Europa befindet sich in einer Abrüstungswelle, auch weil die Staaten ihr Geld für andere Aufgaben brauchen. Asien hingegen, allen voran China, rüstet massiv auf. Saudi-Arabien fürchtet sich vor Iran und rüstet auf. Wo eine militärische Macht wächst, wird rundherum aufgerüstet. In Europa ist dies derzeit nicht der Fall, nachdem Russland offenbar geschwächt ist.

Das heisst: Ein konventioneller Konflikt ist derzeit nicht realistisch. Was bleibt, sind die allgegenwärtigen Terrorwarnungen, von denen aber niemand genau weiss, was eigentlich dran ist.

Wir machen uns im VBS trotzdem entsprechende Überlegungen. Bei Mittelstreckenraketen gehen wir aber derzeit davon aus, dass sie kaum in den Händen von Leuten sind, die sie gegen die Schweiz richten könnten. Wer eine Mittelstreckenrakete über 3000 Kilometer abfeuern will, braucht Kenntnisse und Struktur, die nur ein Staat zur Verfügung hat. Die lassen sich nicht aus dem Gebüsch abfeuern. Ein solcher Angriff ist derzeit tatsächlich nicht wahrscheinlich.

Wo liegen – abgesehen vom Terror – die Bedrohungen?

Zum Beispiel im Cyber War. Die Armee hat grundsätzlich eine neue Aufgabe: Im Terrorfall muss sie bewachen können, schützen, sie muss notfalls innerhalb von Sekundenbruchteilen in der Lage sein zu schiessen. Die Armee muss daher besser ausgebildet und sehr gut ausgerüstet sein. Die Bedrohung ist latent, aber der Gegner kommt nicht im Panzer angerollt. Haben Sie Militärdienst geleistet?

Nein.

Früher haben wir gelernt: Das ist der T-84, der russische Panzer. Das ist die Mig-21, der russische Flieger. Das waren die Feindbilder.

Eine Sinnkrise also, seit der Russe weg ist.

Sinnkrise ist das falsche Wort, denn dass die Armee Sinn ergibt, dass es ein Mittel braucht, um Sicherheit zu garantieren, ist deutlich mehrheitsfähig. Eines ist klar: Sicherheit wird generell an Bedeutung zunehmen. Die Ungleichgewichte in der Welt haben immer zu Konflikten und Auseinandersetzungen geführt. Wirtschaftliche Macht, Armut, Reichtum, Energien, Wasser – die Leute streiten immer um Land, Territorien, Verbindungswege, um die Art und Weise, wie wir leben. Welches ist der richtige Gott, die richtige Gesellschaftsform, Kapitalismus, Kommunismus? Wenn der Migrationsdruck aufgrund von Knappheiten deutlich anwächst, werden die Leute schützen, was sie haben. Nur wenige werden sagen: Seid willkommen. Ich glaube nicht daran, dass die Leute klüger werden. Die Geschichte zeigt das Gegenteil. Und ein Staat ohne Machtmittel bildet einen Leerraum, der aufgefüllt wird.

Dieses «Machtmittel» ist die Armee?

Ja. Die Schweiz ist ein Finanzplatz, Wirtschaftsplatz, Wissenschaftsplatz, Ressourcenplatz. Die Abschaffung der Armee ist eine völlig abwegige Idee. Dafür muss man angesichts der heutigen Sicherheitslage das Brett ziemlich nahe vor dem Kopf haben. Die Sicherheit gibt man nicht freiwillig auf, sonst verliert man früher oder später die Eigenständigkeit.

Jemand anderer würde das «Vakuum» füllen?

Womöglich. Wir stehen heute aber vor allem vor folgendem Problem: Es passiert nie das, was man erwartet. Die USA warnen ihre Bürger vor Reisen nach Europa. Frankreich, Deutschland, Spanien, Dänemark leben immer wieder in erhöhter Alarmbereitschaft, in einer Art permanentem Ausnahmezustand. Was ist zu tun? Soll man nichts tun? Soll man überreagieren? Und wenn wir nichts tun: Was sagen wir dann, wenn sie plötzlich gekommen ist, die kleine Zelle mit ihren Kofferbomben? Es gibt immer Leute, die das System zu stören versuchen. In ganz Europa hat man vermehrt Hinweise, dass wir mit Anschlägen zu rechnen haben.

Und in der Schweiz? Was sagt der Geheimdienst?

Das sage ich Ihnen sicher nicht. Das darf ich Ihnen nicht sagen. Aber wüsste der Nachrichtendienst immer genau, was läuft, bräuchten wir uns nicht zu fürchten. Wüsste man es genau, könnte man ja dagegen vorgehen.

Aber so läuft es nicht. Man erhält wohl Warnungen, aber was ist da dran? Der Nachrichtendienst weiss nicht, wer mit einer Zwei-Kilo-Bombe zu welchem Flughafen unterwegs ist. Er wertet permanent Hinweise aus und versucht so ein möglichst genaues Bild der Bedrohungslage zu kriegen: Was könnte passieren? Wann? Durch wen?

Der Nachrichtendienst hat also keine genauen Informationen?

Wie stellen Sie sich das vor?

Auf Ihrem Pult landen keine Berichte, in denen steht: Ein Anschlag in der Schweiz könnte kurz bevorstehen.

Nein, so was steht in den Berichten nicht.

Das ist doch gut!

Was soll daran gut sein?

Wenn nichts von einer akuten Bedrohung steht, könnte das bedeuten, dass die Bedrohung nicht existiert.

Die Bedrohung existiert. Man kann sie bloss nicht genau benennen. Heute und auch am 24. Dezember dieses Jahres laufen wir höchstwahrscheinlich sicher durch Zürich und Bern. Und das nächste Jahr vielleicht auch noch. Und in fünf Jahren vielleicht auch noch. Aber in sechs Jahren vielleicht schon nicht mehr. Und dann braucht es zusätzliche Massnahmen, und die schütteln wir nicht zum Ärmel heraus.

Woher diese Gewissheit?

Weil wir es eben nicht wissen.

Sie erwähnten den Cyber War. Wie wird Verteidigungsminister Ueli Maurer vor ausländischen Hackern geschützt?

Ich habe keine geheimen Informationen in meinen E-Mails, solche Informationen gelangen nicht zu mir. Aber wir haben einen sehr guten Schutz, eine gute Firewall. Auch in diesem Bereich ist die Entwicklung enorm. Früher drangen ein paar Hacker in ein System ein, und man staunte. Unterdessen sind das Organisationen mit teilweise Tausenden von Angestellten, die sich auf diese Art und Weise Wissen verschaffen wollen. Dabei geht es ja nicht bloss um militärische Geheimnisse. Da investiert eine Firma Milliarden in die Entwicklung eines Produkts, und eine andere Firma versucht es ihr durch Hacker zu stehlen. Der Markt ist riesig. Wir gehören aber zu jenen Staaten, die auf diesem Gebiet mitunter am weitesten sind. Wir kennen viele Abwehrmöglichkeiten. Wir sind im militärischen Bereich für solche Angriffe relativ gut gerüstet. Wir investieren seit Jahren enorme Summen in den Schutz dieser Infrastruktur.

Der Krieg im Cyberspace ist also ein permanenter Spionagekrieg.

Das ist eindeutig so. Das ist heute bekannt. Man kennt nicht in jedem Fall das Angriffsziel oder die Motivation hinter dem Angriff, aber in der Wirtschaft, in der Wissenschaft, in der Armee und in der Verwaltung weiss man, dass solche Attacken ständig stattfinden. Es ist ein Kampf, der nicht mit Gewehren, sondern mit Firewalls geführt wird. In der Armee heisst das: Man muss aufklären können, abwehren können und selber angreifen können.

Sie greifen an?

Nein. Uns fehlen die gesetzlichen Grundlagen, jemanden mit einem Hackerangriff zu attackieren.

Wen würden Sie denn angreifen wollen?

Das ist hypothetisch. Gesetzlich ist der Fall klar: Wir können niemandem einen Trojaner ins System jagen. Ich erwähne den Angriff deshalb, weil wir ja sehen, was im Spionagebereich geschieht. Man kann davon ausgehen, dass diverse Länder andere Staaten oder Gruppen mit Hackern angreifen – gesetzliche Grundlage hin oder her.

Auch unser Staat war von einem solchen Angriff schon empfindlich betroffen. Die Spionageaffäre vom Oktober 2009 etwa, als ausländische Hacker einen Trojaner in die Informatikinfrastruktur unseres Aussenministeriums schleusten, hatte eine viel grössere Dimension als zuerst angenommen.

Was heisst das, eine grössere Dimension als zuerst angenommen?

Die Schweiz war nicht der einzige Staat in Europa, der damals angegriffen wurde. Mehr kann ich dazu nicht sagen. Aber wenn ein Staat angegriffen wird, dann war das voraussichtlich nicht der Herr Ryser von der WOZ, denn dazu sind erhebliche Mittel nötig. Und ein solcher Angriff kann durchaus effektiv sein. Wer ein System, eine Gesellschaft vorübergehend stören will, sitzt auf eine Leitung. Oder wer einen Satelliten verschieben oder vorübergehend funktionsunfähig machen kann, stört eine Gesellschaft erheblich, denn viele Daten des täglichen Lebens fliessen über Satelliten. Der neue Krieg findet auch im Weltall statt.

Bei all den Umwälzungen, Veränderungen: Wenn Sie jetzt einfach befehlen könnten, ohne Kollegialität, ohne finanzielle Rücksicht – wie würde Ihre Vorzeigearmee aussehen?

Sie würde nicht viel anders aussehen, als wir sie jetzt mit dem Armeebericht planen.

Sie hatten mit einem Departementswechsel gedroht, sollten Sie nicht mehr Mittel für die Armee erhalten. Die haben Sie jetzt nicht bekommen.

Das war nicht korrekt wiedergegeben. Ich wurde gefragt: Können Sie die Pläne verantworten? Ich antwortete: Wenn ich es nicht mehr verantworten könnte, müsste ich das Departement wechseln.

Und?

Ich bleibe. Ich kann diesen Bericht verantworten. Es ist nicht so, dass ich mir kein anderes Departement vorstellen könnte. Aber die Sicherheit ist fast das Wichtigste im Land.

Als SVP-Parteipräsident waren Sie eine Art Angriffsminister. Jetzt sind Sie eine Art doppelter Verteidigungsminister: Sie verteidigen, was es von der Verteidigung noch zu verteidigen gibt. Gefällt Ihnen Ihre Rolle?

Ja, ich kann zumindest mit dieser Rolle umgehen. Es ist mir völlig klar, dass ich nicht mehr Parteipräsident bin. Hier bin ich einer von sieben. Der Entscheid, mich zur Wahl zu stellen, ist mir schwergefallen. Aber als ich mich entschieden hatte, war für mich die Sache klar. Es ist eine mentale Frage: Kann ich mich mit der neuen Rolle abfinden? Ich kann das. Ich vertrete als Bundesrat dieselben Werte wie als Parteipräsident, auch wenn ich inzwischen aus Teilen der eigenen Partei ein gewisses Misstrauen spüre.

Misstrauen aus der eigenen Partei?

Von Leuten, die mich nicht so gut kennen. Das hat unweigerlich mit meiner neuen Rolle zu tun. Ich habe kein Problem damit, einen Entscheid mitzutragen, wenn ihn der Bundesrat gefällt hat. Das war in der Partei nicht anders.

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