Nr. 41/2010 vom 14.10.2010

«Keine dunklen Ecken, niemals»

Dekorativ und unschuldig kommen sie daher: die Bilder, mit denen ArchitektInnen ihre Projekte anpreisen. Der Zürcher Kulturwissenschaftler Tobias Scheidegger schaut hinter die Fassade.

Von Bettina Dyttrich

Sie sind überall. Auf Websites von Gemeinden, in Abstimmungsprospekten, auf Werbebildschirmen: die Bilder von zukünftigen Gebäuden. In der Fachsprache heissen sie Architekturvisualisierungen oder Renderings. In strahlendem Licht präsentieren sie geplante Einkaufszentren, Bürotürme und Parks so, als wären sie bereits fertig. Auch bevölkert sind sie schon – je nach Projekt mit schlanken, eiligen Büroangestellten, eleganten Shopperinnen oder spielenden Kindern.

Wenn die Häuser dann stehen, fehlt ihnen oft das Erhabene, das sie auf den Bildern ausstrahlten. Trotzdem passiert beim Durchwandern der neuen Quartiere in Zürich Nord oder Oberwinterthur etwas Unheimliches: Plötzlich entsteht das Gefühl, selbst in einem Bild zu stecken. Als gäben sich die Frauen mit den Kinderwagen Mühe, exakt so auszusehen wie auf der Visualisierung. Als wäre das elegante Restaurant mit der Designerfassade nicht aus Stahl und Beton, sondern aus Pixeln. Jeder Quadratmeter ist durchgeplant, und nirgends ist es dunkel.

So allgegenwärtig Architekturvisualisierungen sind – es gibt kaum Literatur über sie. Eine Untersuchung des Zürcher Kulturwissenschaftlers Tobias Scheidegger könnte jetzt den Anstoss geben für eine vertiefte Beschäftigung mit dieser seltsamen Bildgattung. Sie heisst «Flanieren in ArCAADia». CAAD steht für «Computer Aided Architectural Design»: Die Programme, mit denen sich Planskizzen dreidimensional sichtbar machen lassen, haben nicht nur die Arbeit der ArchitektInnen, sondern auch die technischen Möglichkeiten des Bauens entscheidend verändert.

Reden über Urbanität

Scheidegger beginnt mit der Analyse des Wortes «Urbanität». Am Beispiel der Planung von Zürich Nord zeigt er, wie dieses Wort «als Vehikel unterschiedlichster und teilweise gegensätzlicher Interessen» dient: Die einen wollen damit gewachsene Quartiere erhalten, andere gigantische Neubauprojekte anpreisen. Der Autor kritisiert, dass Widerstand gegen eine solche «erzwungene Urbanität» abgestempelt werde «als konservative Zukunftsangst, die man durch Aufklärungsarbeit zu eliminieren können meint».

Nach einem sehr akademischen Teil über Bildtheorien wird das Buch richtig spannend. Scheidegger hat Ingenieure und Architektinnen befragt, die selbst Visualisierungen herstellen. Die Vorgaben sind klar: «Keine dunklen Ecken, niemals, in keiner Wohnung, nie gräulich-bläulich, immer warme Töne.» Ausserdem seien die Möbel auf den Bildern immer etwa zwanzig Prozent teurer, als es sich die BewohnerInnen voraussichtlich leisten können. Die Befragten wissen, dass ihre Arbeit oft an Manipulation grenzt: «... mitzuhelfen, Kaninchenställe zu vermieten an potenzielle Mieter, da kann man bildpsychologisch relativ geschickt vorgehen, ohne dass man bescheissen muss.» Beim Lesen der Untersuchung kommt die Frage auf, wer hier eigentlich wen benutzt: Es scheint, dass nicht mehr die Menschen die Bilder verwenden, sondern dass die Bilder längst die Stadt mitplanen. Oder wie es ein anderer Visualisierer ausdrückt: «Man möchte diesen Bildern glauben.»

Natürlich ist das Wegweisen von «Randständigen» keine direkte Folge der Visualisierungen, in denen sie nicht vorkommen. Trotzdem, so zeigt Scheidegger, beeinflussen die Vorstellungen und Bilder, die in den Visualisierungen zum Ausdruck kommen, die reale Stadt. Sein Buch handelt auch vom Paradox der Aufwertung: Wenn alles vollkommen sauber und sicher ist, wirkt es nur noch tot, was auch wieder Unwohlsein auslöst: «In den Diskussionen um die Grossüberbauung Zentrum Zürich Nord war die mangelnde Belebung ein Hauptpunkt öffentlicher Kritik», schreibt der Autor.

Die Sprache schlägt zurück

Neben den Bildern gibt es auch eine Sprache, die die Aufwertung plant. Eine Mischung aus ehemals linker Rhetorik und neoliberalem Verwertungsvokabular. Sie klingt entweder weich oder technisch. Sie sagt «Begegnungszone», wenn sie Konsumzone meint. Sie kann ihre eigenen BenutzerInnen wahnsinnig machen, wie es die Theatergruppe KMU Produktionen kürzlich in einem leeren Bürohaus in Zürich Seebach vorgeführt hat. «Ich muss einen Weg finden, wie ich zu den Ruinen zurückkehren kann», stammelt eine verwirrte Stadtplanerin gegen Ende des Stücks.

Wenn Sprache und Bilder nur noch der Verwertung dienen, wird es schwierig, sich zu verständigen, und noch schwieriger, sich zu wehren. Tobias Scheidegger glaubt dennoch, dass es Handlungsmöglichkeiten gibt. «Es ist wichtig, sich für Räume einzusetzen, die nicht durchdefiniert sind», sagt er im Gespräch mit der WOZ. «Freiflächen. Das Wort sollte ernst genommen werden. Nicht alles überästhetisieren. Nicht jeder vergessene Fleck muss mit einem Wettbewerb gestaltet werden.» Es gehe oft um unspektakuläre Dinge wie die Verteidigung des gemeinnützigen Wohnungsbaus. «Oder die Petition für die Erhaltung des Frauendecks im Oberen Letten gegen noch mehr Gastronomie, noch mehr Event.»

Vielleicht ist dies ein wichtiges Wort: unspektakulär. Denn das Spektakel, auch im Dienst des Widerstands, läuft immer Gefahr, selbst zum Event zu werden.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Unterstützen Sie die WOZ als Ganzes mit einer Flattr-Spende.

Spenden mit Flattr

Drücken Sie ihr Interesse am Text «Keine dunklen Ecken, niemals» aus und tätigen Sie eine spezifische Flattr-Spende.

Spenden mit Flattr