Nr. 43/2010 vom 28.10.2010

Typical Girl und produktive Nervensäge

Im Alter von 48 Jahren ist Ari Up, Mutter aller Riot Girls und Mitbegründerin der punk-feministischen Londoner Band The Slits, an Krebs gestorben.

Von Klaus Walter

«Mein Name Ariane, ich glaub’ an keine Fahne, I am a Reggae Gypsy, can make you feel so tipsy.» Das reicht fast für einen Nachruf, was Ari Up da singt auf dem späten Comeback-Album der Slits vom vergangenen Jahr. Die Schlitze. Schicker Name für eine Band von drei jungen Frauen im Jahr 1978. Ihr Name war Ariane, denn sie kam in einer Münchner Verlegerfamilie zur Welt. Ihre Teenagerjahre verbrachte sie in London. Aris Mutter, Nora Forster, war schon mit Jimi Hendrix befreundet, heute ist sie mit John Lydon verheiratet.

Mit Ari Up ist also die Stieftochter der obersten Sexpistole gestorben. Zeit vergeht. An keine Fahne glauben, das versteht sich von selbst im London der Punky Reggae Party von 1977. Die junge Ari mittendrin, Punk und Reggae, die Begegnung ihres Lebens. In England verbünden sich Punk und Reggae, Rebel Music quasi by nature: gegen die RassistInnen von der National Front, aber auch gegen das Rockestablishment der arrivierten Hippies.

Die Soundsystemkultur karibischer Einwandererkinder prägt die musikalische Sozialisation weisser Punkteenager, zur Politisierung tragen Gruppen wie Rock Against Racism bei. In Resteuropa läuft das anders: Da nehmen jene arrivierten 68er-Hippies, viele von ihnen künftige Grüne und SozialdemokratInnen, den exotischen Reggae in Beschlag und stellen Punk unter Naziverdacht. Glückliches Britannien: Punk und Reggae verfallen der Liebe und zeugen viele kräftige, glückliche Kinder und Kindeskinder. Sie heissen Postpunk, Ragga, Jungle, Rave, Drum & Bass und Dubstep.

Punk und Dreadlocks

Ari Up ist ein frühes Kind dieser Liebe. Mit fünfzehn steigt sie auf Dreadlocks um, noch 2005 nennt sie ihr Soloalbum «More Dread Than Dead». Das mit dem Reggae ist mehr als eine Frage der Frisur. Wie Stiefvater Lydon geht sie nach Jamaika, bleibt länger als dieser und inhaliert das System Dub and Reggae. Sie freundet sich mit Lee Scratch Perry an, als weisse Warrior Queen ist sie in Kingston gern gesehen.

Aber zurück zu den Anfängen im Punky Reggae London, als Ari vierzehn Jahre alt ist. Mit Palmolive gründet sie die Slits. Palmolive zieht bald weiter zu den Raincoats, der anderen bedeutenden Postpunk-Mädchenband dieser Zeit. Mit Viv Albertine und Tessa Pollitt bildet sich die Stammbesetzung der Slits heraus. Das Bandkonzept bleibt offen, immer wieder suchen sie die Zusammenarbeit mit anderen. The Slits – der Name steht nicht nur für die feministische Selbstermächtigung, die Schlitze stehen auch für eine von Reissverschlüssen und Sicherheitsnadeln notdürftig zusammengehaltene Patchworkkultur, deren Aussenhaut aus Ritzen und Schlitzen besteht, durchlässig für Einflüsse aller Art. Ein angemessenes Modell für eine postkoloniale Megastadt wie London in den späten siebziger Jahren. Wo die weisse Monokultur des Rock ihr Regime verwaltet, entsteht unter der Hand eine schnelle, schwer fassbare, multipolare Bewegung – eine Art Schmelztiegel in heftiger Rotation: Punk, Reggae, Hass auf die Alten, Exotismus, Konsum, Antikonsum, Antirock, alles auf engstem Raum, Widersprüche inklusive.

Londoner Warrior Queens

Als Reggae Gypsy kann Ari Up einen tipsy machen, mit ihrem Germaican English, dem Kieksen, Kreischen und Krakeelen. Das Konzept Auf-die-Nerven-Gehen funktioniert bei den Slits so bilderbuchmässig, dass sie bis heute der Prototyp der produktiven Nervensägen-Girl-Bands sind.

Ari ist 17, als 1979 «Cut» erscheint, das erste Album der Slits. Es ist die Phase der Entmischung, das Wörtchen Post vor dem Punk signalisiert stilistische, kulturelle und ideologische Öffnungen, durch die Ritze und Schlitze dringen neue Einflüsse. Als Produzent besorgt der Karibikeinwanderer Dennis Bovell – später eine Schlüsselfigur des britischen Reggae und Teilzeitmitglied bei Orange Juice! – die tiefe Dub-Grundierung von «Cut». Auf diesem Fundament klappern, klöppeln, kratzen und rühren die drei jungen Frauen ihr musikalisches Tohuwabohu zusammen (und auseinander), angetrieben vom Spiel-ohne-Grenzen-Geist des Do-it-yourself.

Die Kunst der Slits kommt nicht von Können, sie entspringt einem londontypischen Urban Warriortum, das für die letzten Monate der siebziger Jahre die löchrige Hülle abgibt für allerlei Gedankenkonstruktionen, Identitätskrücken und Popextensionen. Urbane Warrior und erst recht Warrior Queens wie die Slits bringen problemlos Dinge unter einen Safarihut, die sich bis vor fünf Minuten noch gar nicht miteinander vertragen haben: Dreadlocks und Irokese, Dub-Schamanismus und Düsseldorfer Elektronik, Kiffen und Speed, derber Sex und derber Antisexismus, Antiimperialismus und Antisozialdemokratismus – all das schiesst zusammen zu einem hochtourig drehenden, vitalistischen, tribalistischen Linksradikalismus neuer Prägung, dem die quasi-natürliche Überlegenheit schwarzer Musik als Basis für einen situationistisch angehauchten Antirock dient.

Wie immer bei derart beschleunigten Bewegungen weiss man das alles erst hinterher. Dafür sieht man es dann umso klarer. Das gilt insbesondere für – zunächst – kurzlebige, schnell implodierende Bands wie The Slits oder die geistes- und temperamentverwandte Pop Group aus Bristol. Gemeinsam werfen Pop Group und Slits 1980 ein Split-Single in die Welt, die apodiktischen Titel lauten: «In the Beginning There Was Rhythm» und «Where There’s a Will».

«Typical Girls» ist der Visitenkartenhit der Slits. Zu nervösem Postpunk-Geratter zählen sie typische Verhaltensweisen von Typical Girls auf: Sie regen sich schnell auf, können sich nicht kontrollieren, nicht klar denken, sind unberechenbar, sorgen sich um Pickel, Fett und Gerüche. Typical Girls können nerven, aber so sind sie. Was klingt wie ein affirmatives Runterzählen von Mädchenkrankheiten, kippt plötzlich in die Frage: «Oder ist das nur ein Marketingtrick?» Das ist der Trick.

The Slits mit Lendenschurz

Die Slits weisen Mädchenstereotypen nicht einfach von sich, wie es die aufgeklärten, introvertierten Songwriterinnen der siebziger Jahre vor ihnen getan haben, Modell Joni Mitchell. Die Slits reflektieren den Warencharakter der Typical Girls mit, die Schwäche für den Warenfetisch inklusive. Ja, wir sind Girls, die sich nicht entscheiden können, welche Klamotten wir tragen. Nein, wir sind Girls, die sich entscheiden können, welches Leben sie führen wollen. Auf dem Cover von «Cut» tragen die Slits Lendenschurz und braunen Schlamm auf nackter Haut: die Geburt des Punky Reggae Girlism, der popistisch-nervenden Tochter des pop-ästhetisch erschöpften Feminismus der Müttergeneration. Mehr als zehn Jahre später sollten Typical Girls in den USA dem Girlism der Slits das Wort Riot voranstellen.

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