Nr. 16/2016 vom 21.04.2016

«Männer, gebt endlich die Bühne frei!»

Früher provozierte Viv Albertine das Establishment als Gitarristin der legendären Frauenpunkband The Slits. Heute feiert die 61-Jährige in ihrer Autobiografie ein Leben jenseits von Anpassung und Altersmilde.

Von David Hunziker (Interview) und Florian Bachmann (Foto)

«Meine Tochter sagt, ich sei altmodisch, weil ich immer noch so wütend bin wie damals.» Viv Albertine beim m4music in Zürich am 16. April.

WOZ: Viv Albertine, was macht Sie wütend?
Viv Albertine: Immer noch das Patriarchat. Es ist versteckt und trotzdem omnipräsent. Weisse Männer kontrollieren die Kunst, die Bühnen, die Plattenlabels. Das macht mich krank. Wenn ich an einer Party einen Mann treffe, denke ich: Der kann vielleicht meine Wand tapezieren oder mein Telefon reparieren, aber künstlerisch kann ich von dem nichts mehr lernen.

War das früher anders?
Als ich jung war, hatten die Männer alles, was ich wollte: Sie konnten Gitarre spielen, um die Welt reisen, Joints drehen. Sie hatten Plattensammlungen und studierten an der Kunsthochschule. Es gab fast keine Frauen, die mein Vorbild hätten sein können.

Was hat Sie zur Feministin gemacht?
Das war meine Mutter. Sie hat immer gesagt, ich solle Männern nicht vertrauen, mein eigenes Geld verdienen. Über Familie, Kinder oder Liebe hat sie nie gesprochen. Es waren unsere Mütter, die uns Kinder der sechziger Jahre so militant gemacht haben. Der Krieg hat für viele befreiend gewirkt, weil sie plötzlich arbeiten mussten. Nach dem Krieg wurde ihnen diese Freiheit wieder genommen, was zu viel Verbitterung führte. Sie wollten nicht, dass ihre Töchter in der gleichen Falle landen.

Sie richten ihre Biografie an junge Frauen. Was können diese von Ihnen lernen?
Als junge Frau in den siebziger Jahren Musik zu machen, brauchte viel Mut und Energie. Wir wurden nicht am Radio gespielt, wildfremde Leute haben uns auf der Strasse angespuckt oder angegriffen, weil wir nicht so aussahen, wie Frauen auszusehen hatten. Nach dieser Zeit war ich ausgebrannt und mochte nicht mehr kämpfen. Also habe ich mich für eine Ehe, Sicherheit und Geld entschieden. Nach fünfzehn Jahren habe ich plötzlich realisiert: Ich bin gefangen. Und es hat lange gedauert, dort wieder rauszukommen. Meine Geschichte kann jungen Frauen zeigen, dass der faulste, lukrativste Weg nicht immer der beste ist.

Lesen junge Frauen Ihr Buch?
Ja, und das freut mich sehr. Wenn ich einen Vortrag halte, kommen viel mehr junge Frauen, als wenn ich ein Konzert gebe. Die Atmosphäre ist intimer, und sie können auch alleine kommen.

Kennen diese jungen Frauen die Slits noch, oder lernen sie Viv Albertine erst durch Ihre Biografie kennen?
Beides. Das Buch hat dabei geholfen, den Slits einen Platz in der Geschichte zu geben. Eine wichtige Rolle hat aber auch das Internet gespielt. Meine Generation nahm die Slits nicht ernst. Die meisten unserer Zuschauerinnen und Zuschauer hatten zuvor noch nie eine Frau Schlagzeug oder Gitarre spielen gesehen. Sie waren zuerst einmal nur geschockt und haben gar nicht auf die Musik geachtet. Es sind die jungen Menschen, die unsere Musik dank des Internets in den letzten acht Jahren wieder entdeckt haben, und dafür bin ich sehr dankbar. Wenn sie sich zum Beispiel über Kyla La Grange oder PJ Harvey informieren und immer weiter zurückgehen, landen sie irgendwann bei den Slits.

Bis heute gibt es auf der Bühne erschreckend wenige Frauen. Überrascht Sie das?
Wenn Sie mich 1981, nachdem sich die Slits aufgelöst hatten, zum Jahr 2016 befragt hätten, hätte ich gesagt: Die Frauen werden die Welt und die Musik regieren. Stattdessen passierte zwanzig Jahre lang gar nichts. Obwohl es heute noch immer zu wenige sind, ist eine Frau in einer Band für mich nichts Aufregendes mehr. Frauen, die Wissenschaftlerinnen oder Aktivistinnen werden, finde ich interessanter.

Aber tragen Frauen nicht etwas ganz Eigenes zur Musik bei, das den Männern abgeht?
Doch, auf jeden Fall. Eine Band, in der keine Frau spielt, würde ich mir nicht einmal anhören. Heute denke ich: Männer, gebt endlich die Bühne frei, eure Zeit ist um!. Ich lese nur noch Bücher von Frauen, und interessiere mich fast nur noch für Kunst und Musik von Frauen. Aber in der Musik sehe ich heute eh nichts mehr, was die Welt weiterbringt.

Die Slits suchten eine spezifisch weibliche Form des Ausdrucks. Wie muss ich mir das vorstellen?
Für die Aufnahme unsers Albums «Cut» haben wir uns in eine Hütte auf dem Land zurückgezogen. Dort haben wir stundenlang diskutiert, jeden Aspekt unserer Kunst seziert. Alles an den Slits war politisch: unsere Haare, Blicke, Kleider, Bewegungen, der Akzent, die Stimmlage. Auch musikalisch war jede unserer Entscheidungen politisch: Wir wollten die klischierten Akkordabfolgen und Rhythmen des weissen Patriarchats hinter uns lassen. Weil wir so streng mit uns waren, hat unsere Musik vierzig Jahre lang überlebt. Wenn man etwas Neues beginnt, müssen die Regeln klar sein, sonst wird es sofort verwässert.

Aber es zeichnete die Slits doch auch aus, dass sie neue Einflüsse wie Reggae oder Jazz zuliessen?
Ja, aber wir haben alles durch unseren Filter fliessen lassen. Das mussten wir sowieso, weil wir die Instrumente nicht richtig beherrschten. Musik ist heute oft nur noch Imitation. Meine Tochter ging kürzlich an ein Konzert eines tätowierten Eliteschulabgängers, der über die Arbeiterklasse sang. Ich hab ihr gesagt, so einer könne kein Rebell sein, der tue nur so. Sid Vicious von den Sex Pistols etwa, der konnte nicht anders: Er war arm, ein Junkie und hat sich am Schluss selber zerstört. Ein Musiker wie Pete Doherty, der aus der Mittelschicht kommt, würde nie so enden.

Sie sagen, in der Musik gebe es heute keine Rebellinnen und Rebellen mehr. Wo müssen wir sie suchen?
Es geht heute nicht mehr um eine weisse Rebellion. Eher sollten wir vom Westen aus als Aktivistinnen, Anwälte, Wissenschaftlerinnen in Ländern wie Syrien, Afghanistan oder Nigeria Dinge ermöglichen. An diesen Orten sollten die Menschen heute ihre Stimme erheben.

In Ihrem Buch beginnen Sie zahlreiche Szenen mit Beschreibungen Ihrer Kleider. Kann man heute immer noch auf diese Art schockieren?
Der einzige Ort, wo Kleider und Make-up heute noch politisch sind, ist die LGBT-Bewegung. Dieses Verschwimmen von Geschlechtern und Sexualitäten ist etwas vom Aufregendsten, was im Moment geschieht.

Ihr Buch ist auch die Dekonstruktion einer Legende, weil Sie die Londoner Punkszene auf sehr alltägliche Art beschreiben. Haben Sie damit Leute vor den Kopf gestossen?
Ganz im Gegenteil. Der Sänger der Sex Pistols zum Beispiel, Johnny Rotten, findet mein Buch toll. So war Punk: Wir wollten nicht grösser erscheinen als alle anderen.

Ein Punkbuch über Punk.
Absolut. Ich habe gemerkt, dass man auch beim Schreiben ein Punk sein kann: die kurzen Kapitel, die scharfe Sprache, die Ehrlichkeit. Meine Tochter sagt, ich sei altmodisch, weil ich immer noch so wütend bin wie damals (lacht).

Gerade werden in London vierzig Jahre Punk gefeiert …
… es ist so lächerlich. Für diejenigen, die dabei waren, ist Punk vorbei. Die Leute vom Museum of London haben mich sogar angefragt, mit ihnen einen Film über Punk zu drehen. Ich mag das Museum, aber ich wäre als einzige Person nicht bezahlt worden – ich, die ich dieses Leben gelebt und damit meine Gesundheit zerstört habe. Verpisst euch!

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