Nr. 46/2010 vom 18.11.2010

Begegnung mit einer alten Liebe

Von Eva Pfister

«Paarbildung» ist ein Begriff aus der Strahlenphysik, mit der sich Andreas als Gesprächstherapeut in der Onkologie beschäftigt. Er soll damit den Krebskranken, die vor der Bestrahlung stehen, die Ängste nehmen, ihnen Zuversicht geben und ihre Selbstheilungskräfte anregen. In dieser Situation begegnet er seiner alten Liebe Meret wieder, was ihn ziemlich aus dem Gleichgewicht bringt. Er ist froh, dass bei den Gesprächen ein Vorhang die Begegnungen anonymisiert.

Mit dieser Konstellation lässt Urs Faes seinen neuen Roman beginnen, der es auf die Shortlist zum Schweizer Buchpreis schaffte. In vielen Rückblenden wird die Beziehung geschildert, die auseinanderging, weil beide nicht so richtig wollten. Ausschlaggebend war allerdings, das erfährt Andreas bei der neuerlichen Annäherung mit Bestürzung, seine unsensible Haltung beim letzten Treffen, bei dem Meret ihm erzählen wollte, dass sie schwanger war, aber durch sein selbstverliebtes Reden zum Verstummen gebracht wurde.

Dieses Ungleichgewicht spiegelt sich im Roman selbst. Faes schreibt zunächst ganz aus der Perspektive von Andreas. Erst auf Seite 85 wird man auch zu Merets Innenwelt zugelassen, erfährt ihre Erfahrungen mit der Krankheit und ihre Erinnerungen. Von da an wechselt die Perspektive, die Spannung verdichtet sich. Aber dann schweift der Autor ab, führt uns mit Andreas in die Toskana, ergeht sich in Naturerlebnissen und Begegnungen mit Einheimischen, die an dieser Stelle eher langweilen.

Der Hang zur Abschweifung zieht sich auch durch die Rückblenden, die zuweilen in Episoden auseinanderfallen, die nicht alle zur Charakterisierung der Figuren beitragen. Interessant ist die Erinnerung an eine Beerdigung von verunglückten Freunden im Bergell – mit der Dorfgemeinschaft auf der einen, den Freunden aus der Grossstadt auf der anderen Seite. Da knistert der Kulturkampf: Parallelgesellschaften in der Schweiz der achtziger Jahre!

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